Hier doch nicht!

Jedes fünfte Kind in Baden-Württemberg ist von Armut gefährdet. Einen Weg aus der Armutsfalle zu finden, ist vor allem für Alleinerziehende nicht leicht. Kinder leiden unter der Situation auf vielfältige Weise. Foto: Denise Fiedler

Kinderarmut – das gibt es nur im Ausland oder in Großstädten. Aber ganz sicher nicht bei uns im schönen und wohlhabenden Heilbronn-Franken. Oder doch?

Der Punkt, den Sandra (Name von der Redaktion geändert) anschaut, scheint ziemlich weit weg zu sein. Er ist nicht in Metern ab dem Esszimmerfenster messbar, aus dem sie in die Ferne blickt. In ihrem Kopf ist er unerreichbar für die Alleinerziehende: der Punkt hinter den Sorgen, dass die Waschmaschine kaputt gehen könnte, der Punkt hinter den Gedanken an die nächste Mietzahlung, der Punkt hinter den Grübeleien, wie sie ihren beiden Kindern Weihnachtsgeschenke besorgen soll. Endlich wieder sorgenfrei leben – so einfach, so weit weg.

„Gell, Mama, es ist blöd, dass alles Geld kostet“, hatte ihr sechsjähriger Sohn neulich gesagt. Das ist es. Denn um die dreiköpfige Familie herum schwelgen die Familien geradezu im Luxus. Sandra wohnt in einer Kleinstadt im Landkreis Heilbronn. Sie ist die einzige, die ihre Kinder zu Fuß in Kindergarten und Schule bringt, die anderen werden mit dem SUV gebracht. Sandra besitzt auch ein Auto, das möchte sie aber schonen, damit es möglichst lange hält. „Die anderen gucken schon manchmal komisch, aber ich versuche, es zu ignorieren,“ sagt sie.

„Ich versuche, meinen Kindern möglich zu machen, was ich kann, aber manches ist einfach nicht drin“, erzählt Sandra. Im Ferienlager hatte der Große einen unheimlichen Spaß am Tennisspielen. Er hätte gerne weitergemacht. „Da musste ich ihm erklären, dass das nicht geht. Das ist einfach zu teuer, die Hallenmiete und dann noch die Kosten für den Trainer …“

Sandra bezieht erst seit kurzem Hartz IV. Eigentlich ist sie gut ausgebildet, aber durch familiäre Konflikte kann sie gerade keiner Arbeit nachgehen, dafür lastet zu viel Ballast auf ihrer Seele. „Das spüren die Kinder auch, ich bin oft nicht gut drauf oder mit den Gedanken woanders.“ Sie sucht sich Hilfe im persönlichen Umfeld, aber auch hier gibt es Grenzen. Ihre Mutter arbeitet selbst noch, kann nicht immer für ihre Tochter und die Enkel da sein. Der Vater der Kinder kümmert sich nur unregelmäßig. Es gibt Streit.

„Ich will mich demnächst um Bildungs- und Teilhabegutscheine bemühen,“ erzählt die 31-Jährige. „Aber um ehrlich zu sein: Es fällt mir so schwer.“ Auch das Thema Zuschüsse zu Klassenfahrten ist schambehaftet: Sandra weiß schon jetzt, dass sie es nicht in Anspruch nehmen wird. „Ich will das nicht für meine Kinder, sie sollen nicht ausgegrenzt und stigmatisiert werden, sie sollen sich nicht anders fühlen.“

Reiches Heilbronn

Gerade im reichen Heilbronn-Franken ist die Kluft groß, die Schere zwischen Arm und Reich ist weit geöffnet. Heilbronn ist der Landkreis mit dem höchsten Durchschnittseinkommen in ganz Deutschland, mehr als 41.000 Euro. Die Hartz-IV-Sätze dagegen liegen bei 424 Euro im Monat pro Erwachsenem, rund 300 Euro pro Kind. Durch hohe Mieten und Lebenshaltungskosten steigt der Druck auf finanziell schwache Familien.

Die Caritas, der Wohlfahrtsverband der katholischen Kirche, bietet seit Jahren vielfältige Angebote für Menschen in Notsituation: Armutsgefährdete, Langzeitarbeitslose, Drogenabhängige, um nur einige Beispiele zu nennen. Dabei wurde den ehrenamtlichen Helfern deutlich: Den Kindern gebührt mehr Aufmerksamkeit. Dennoch stehen sie bisher nur bei wenigen Aktionen im Fokus. Dabei vererben sich Armut, Arbeitslosigkeit und Drogensucht oft. Das mag an der Umgebung liegen, in der ein Kind aufwächst, oder am Vorbild, das ein Kind erlebt, oder an den Chancen, die es für sein Leben sieht – oder eben nicht.

„Armut ist mehr als nur kein Geld zu haben“, sagt Kathrin Lehel, die der im November gegründeten Kinderstiftung der Caritas Heilbronn-Hohenlohe „Camian“ vorsteht. Sie erklärt die Brisanz des Themas: „Kinder, die in Armut aufwachsen, leben im Dauerstress: die Angst vor morgen, das Schamgefühl, die soziale Ausgrenzung. Der Druck auf so einen kleinen Menschen ist enorm.“ Dazu kommen noch gesundheitliche Beeinträchtigungen, die erwiesenermaßen in Zusammenhang mit Armut stehen: Schlechte Ernährung führt zu Mangelerscheinungen, Fettleibigkeit, Krankheiten. Auch hier möchte die Stiftung ansetzen und Kurse über gesunde Ernährung anbieten.

In den vergangenen Jahren sind bereits in anderen Bezirken der Diözese Rottenburg-Stuttgart ähnliche Stiftungen entstanden, von denen Camian lernen kann. Auch auf politischer Ebene hat das Thema an Gewicht gewonnen: Kinderarmut ist im kommenden Jahr ein Schwerpunktthema auf Landesebene.

Denise Fiedler

Armutsgefährdung
In Deutschland gilt als armutsgefährdet, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Nettoeinkommens zur Verfügung hat, als arm gilt, wer weniger als 50 Prozent hat. In Zahlen: Wer als Alleinstehender 781 Euro und weniger im Monat netto verdient, gilt als armutsgefährdet. Für Paare beträgt der Grenzwert 1171 Euro, für eine vierköpfige Familie liegt er bei 1926 Euro.

In Baden-Württemberg gilt jedes fünfte Kind als armutsgefährdet, das sind circa 385.000 Kinder. Kinder von Alleinerziehenden oder Arbeitslosen sowie aus kinderreichen Haushalten sind am stärksten gefährdet.Im Gremium der Kinderstiftung „Camian“ finden sich Personen des öffentlichen Lebens, die regelmäßig in Berührung mit Armut und ihren Folgen kommen.