Kampagne, die Mut macht

Sorgte im Oktober vergangenen Jahres ordentlich für Schlagzeilen: der Hashtag MeToo – auf Deutsch „ich auch“. Foto: Shutterstock/Filip Jedraszak

Es war der große Skandal 2017 in Hollywood. Dem Filmmogul Harvey Weinstein wurde von Prominenten wie Rose McGowan sexuelle Belästigung, Nötigung und Vergewaltigung vorgeworfen. Daraus entwickelte sich die Online-Kampagne #MeToo. In manchen Ländern hat sie viel bewegt, in Deutschland bisher eher wenig.

Die Schlagworte „#MeToo“, zu Deutsch „ich auch“, werden erstmals bereits 2006 von der Aktivistin Tarana Burke in dem sozialen Netzwerk MySpace verwendet. Sie nutzt diese für ihre Kampagne „Bestärkung durch Empathie“ unter afroamerikanischen Frauen, die sexuellen Missbrauch erfahren haben. Richtig bekannt wird der Hashtag in den USA und weltweit aber erst, als die Schauspielerin Alyssa Milano am 15. Oktober 2017 auf dem Kurznachrichtendienst Twitter dazu aufruft, unter diesen Schlagworten öffentlich zu machen, wenn man schon mal sexuelle Belästigung erfahren hat. Das Echo ist gigantisch. Innerhalb von 24 Stunden posten allein 4,7 Millionen Nutzer auf Facebook zwölf Millionen Beiträge, darunter zahlreiche Prominente wie Lady Gaga, Björk oder Sheryl Crow. Auch Männer. Die Aktion entfacht Diskussionen um das Thema sexuelle Belästigung und Missbrauch auch in anderen Branchen wie Politik, Wissenschaften und der Musikindustrie.

#MeToo dehnt sich auf mindestens 85 Nationen, etwa Indien, Pakistan und das Vereinigte Königreich, aus. Es gibt nichtenglische Varianten in Frankreich, Israel und China. Die Liste prominenter Männer, die beschuldigt werden, wird immer länger. So mancher muss seinen Hut nehmen, sei es der Schauspieler Kevin Spacey oder der englische Verteidigungsminister Michael Fallon. Das Time Magazin wählt #MeToo zur Person des Jahres 2017, in der deutschsprachigen Schweiz wird es zum Wort des Jahres gekürt.

International tut sich politisch einiges. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron erklärt Gleichberechtigung zu einem Schwerpunkt seiner Amtszeit. Das schwedische Parlament verabschiedet ein Gesetz, das besagt, dass für sexuellen Kontakt ein eindeutiges Einverständnis vorliegen muss. Es tritt im Juli in Kraft. Auch die deutsche Familienministerin Katarina Barley von der SPD fordert härtere Gesetze. Es sei „frustrierend, weil zwar geredet wird, aber sich nichts ändert“, erklärt sie in einem Interview. Sexismus sei Alltag. In Berlin tut sich jedoch nicht allzu viel.

Andrea Specht, Geschäftsführerin von Pro Familia und der Notruf-Beratungsstelle bei häuslicher und sexueller Gewalt in Heilbronn, glaubt aus der Erfahrung heraus auch nicht, dass sich an den Gesetzen etwas ändern wird. „Wir hatten 2016 ja erst eine große Reform des Sexualstrafrechts“, erinnert sie. Diese Änderung ist unter der Devise „Nein heißt nein“ bekannt. Ein großer Schritt. „Früher musste das Opfer nachweisen, dass es sich gewehrt hat, jetzt reicht es, nein gesagt zu haben.“ Trotzdem begrüßt Specht die #MeToo-Kampagne ausdrücklich. Sie sieht sie als Mutmacher – sowohl für die Opfer als auch für andere. „Wenn bekannte Persönlichkeiten sich äußern, macht das schon Eindruck: Wenn die das können, kann ich mir auch Hilfe holen.“ Wobei es bei dem Thema ja mehr um sexualisierte Gewalt von außen, weniger im sozialen Nahraum oder in Beziehungen gehe – dort, wo es am häufigsten passiert. Wichtig seien vor allem die Diskussion und die Sensibilisierung, die damit einhergeht. „Wir brauchen ja immer die Brückenbauer, seien es Bekannte oder Schulsozialarbeiter, die etwas wissen und sich vielleicht bei uns melden“, erklärt Specht.

Betroffene selbst schämen sich immer noch viel zu sehr. Gut findet sie auch #HowIWillChange, unter dem die Täter ihr Verhalten überdenken. „Wir brauchen ja die Männer, ohne die geht es nicht.“ Alltagssexismus sei weit verbreitet, das fange schon beim schmutzigen Witz oder bei einer ungewollten Hand auf dem Rücken an. „Wenn ich etwas nicht will, dann ist es ein Übergriff und es wäre toll, wenn ich da auch was dagegen sagen könnte oder sich jemand anderes einmischt. Aber das trauen sich die wenigsten“, stellt Specht fest.

Stefanie Pfäffle

Beratung
Der bundesweite Verein Pro Familia, den es auch in Heilbronn gibt, unterstützt bei Fragen rund um Schwangerschaft, Sexualität, Gesundheit, Prävention, Familie, aber auch sexuelle Gewalt. Daher wurde eine Notruf-Beratungsstelle eingerichtet, die Opfern häuslicher oder sexueller Gewalt helfen soll. Auf der Internetseite www.notruf-beratungsstelle-heilbronn.de sind weiterführende Informationen erhältlich.