„Eine neue Epoche entsteht“: Kulturphilosoph Prof. Dr. Rees über Künstliche Intelligenz als Chance für Europa

KI verwischt die Grenzen zwischen Mensch und Maschine – ein Gegensatz, der das Denken der Europäer seit der Industrialisierung geprägt hat. Der US-amerikanische Kulturphilosoph Prof. Dr. Tobias Rees, der kürzlich als Speaker beim KI-Festival der IPAI-Foundation zu Gast war, sieht in diesem Bruch große Chancen für Europa.

KI und Europa
Mensch versus Maschine: Für Tobias Rees überwindet KI diesen Gegensatz. Foto: Adobe Stock/murrstock

Herr Prof. Dr. Rees, kürzlich wurde bekannt, dass der Tech-Gigant Anthropic davor warnt, dass der Mensch die Kontrolle über Künstliche Intelligenz verlieren könne und dazu aufforderte, die Weiterentwicklung vorerst zu stoppen, damit Gesellschaft und Forschung sich den neuen Strukturen anpassen können. Was halten Sie davon?

Prof. Dr. Tobias Rees: Ehrlich gesagt, nicht viel. Es ist für AI Labs ja nicht ungewöhnlich, vor der KI zu warnen, die sie bauen. Im Wesentlichen ist das ein Versuch, die Wichtigkeit der eigenen Schöpfung kundzutun. Im Falle von Anthropic steht ein zweiter strategischer Gedanke hinter solchen Ansagen: Anthropic bietet derzeit das beste KI-Modell. Wenn es jetzt zu einem Stopp der Weiterentwicklung kommen würde, wäre das für Anthropic hervorragend.

Würden Sie selbst KI eher aufhalten oder fördern?

Prof. Dr. Tobias Rees: Grundsätzlich bin ich für mehr KI, nicht für weniger. Kontrollverlust in dem Sinne, dass die KI schlauer ist als wir, und wir gegen die KI verlieren – darum mache ich mir wenig Sorgen. KI ist ein statistisches Programm, kein Lebewesen mit einem intrinsischen Willen zur Macht. Was mich eher interessiert: Im Abstrakten verstehen wir sehr gut, wie KI funktioniert. Auf konkreter Ebene aber sind die Systeme in gewisser Weise zu komplex für den menschlichen Geist. Wir verstehen die einzelnen Operationen einfach nicht richtig.

Wenn aber nun immer mehr kritische Infrastruktur – wirtschaftlich, militärisch, administrativ – von KI abhängig ist, dann kann das irgendwann zu Problem führen. Etwa derart, dass es irgendwo einen Fehler gibt, man aber nicht genau weiß, wo man überhaupt ansetzen müsste, um den Fehler zu beheben. Wenn aber nun große Teile der Wirtschaft und – vermutlich – des Militärs von der KI abhängig sind, kann man die KI auch nicht einfach so abschalten.

„Ein Erdbeben der Stärke elf von zehn“

Was kann man in so einem Fall tun?

Prof. Dr. Tobias Rees: Die Lösung ist nicht, dass man die Weiterentwicklung stoppt, ganz im Gegenteil. Die Lösung ist mehr Forschung – und auch ein genauerer Begriff davon, wofür KI gut ist und wofür nicht. Das setzt voraus, dass man KI nicht als autonomes, selbstständiges, in sich geschlossenes System baut oder missversteht. KI ist keine Maschine im klassischen Sinn, die verlässlich das immer Gleiche tut. KI lernt, baut Repräsentationen und tut Dinge in Begriffen von Wahrscheinlichkeit.

Vergleichen Sie deshalb die Auswirkungen von KI auf Europa und die Welt mit einem „Erdbeben der Stärke elf von zehn“? Muss uns diese Prognose sprichwörtlich erschüttern?

Prof. Dr. Tobias Rees: Ja, das muss sie. Und sie tut es auch. Es gibt ja kaum jemanden in der europäischen Wirtschaft und Politik oder den europäischen Bildungsinstitutionen der nicht längst erschüttert ist.

Weshalb ist gerade in Europa diese Erschütterung so spürbar?

Prof. Dr. Tobias Rees: Ganz generell gesprochen ist KI für die wirtschaftliche und auch für die philosophische Infrastruktur Europas ein Bruch: Sie untergräbt sowohl die Logik der industriellen Fertigung, auf der Europa seit der industriellen Revolution aufgebaut ist, als auch viele der Grundideen der Aufklärung, auf denen das moderne Europa mit seinen gesellschaftlichen, staatlichen und Bildungsinstitutionen beruht. Ich finde das, ehrlich gesagt, faszinierend: Für Europa ist KI eben nicht nur ein wirtschaftlich-technisches, sondern auch ein philosophisches und künstlerisches Ereignis.

KI stellt den modernen Menschenbegriff infrage

Das begründen Sie kulturhistorisch mit der Tatsache, dass Menschen seit Jahrhunderten in Gegensätzen denken wie belebt – unbelebt, seit der Industrialisierung auch: Mensch – Maschine.

Prof. Dr. Tobias Rees: Es ist sehr wichtig zu verstehen, dass es den Gegensatz von Mensch und Maschine nicht immer gab. Er entstand in Europa grob im Zeitraum zwischen 1590 und 1630. Also gerade dann, wenn Galilei als erster die Idee entwickelte, dass die Wirklichkeit am besten durch die Prozesse erklärt werden, die auch Maschinen zugrunde liegen.

Galileis Entdeckung des Mechanismus war ein tiefer Einschnitt im europäischen Wirklichkeitsverständnis. Davor gab es wohl Maschinen. Aber niemand nahm an, dass Maschinen der Schlüssel zum Verstehen der Wirklichkeit sind. Mit Galilei änderte sich das. Wahrheit wurde zunehmend weniger in metaphysischen als in physischen Begriffen gedacht und die Welt wurde immer mehr als Materie verstanden – und erfahren –, die in Begriffen des Mechanismus organisiert ist.

Was folgte daraus?

Prof. Dr. Tobias Rees: Die ganze Welt und alle Dinge in ihr wurden zur Maschine. Mit einer Ausnahme: dem Menschen, insofern er Geist und damit Vernunft und Sprache hat. Der moderne Menschenbegriff wurde sprichwörtlich der Maschine beziehungsweise dem Mechanismus abgerungen: hier Menschen – dort Maschinen.

Hier zur Natur gehörende Lebewesen, die geboren werden, die wachsen, die alle unterschiedlich sind – dort technische, leblose Dinge, die konstruiert und gebaut werden und zur ewigen Wiederholung des Gleichen verdammt sind. Was KI philosophisch so interessant macht, ist, dass sie diesen modernen Menschenbegriff unhaltbar macht. Einfach deshalb, weil KI keine Maschine im klassischen modernen Sinn mehr ist.

Zwischen Technik und menschlichen Fähigkeiten

Sondern?

Prof. Dr. Tobias Rees: Einerseits ist KI sicher ein gebautes, technisches, lebloses System – und damit gehört KI in die Kategorie der Maschine. Andererseits aber hat dieses technische System ganz offenbar Fähigkeiten, von denen wir dachten, nur Lebewesen namens Menschen könnten sie haben, aber auf keinen Fall Maschinen – ausgeschlossen.

Was sind das für Fähigkeiten?

Prof. Dr. Tobias Rees: Fähigkeiten wie lernen, verstehen, denken, sprechen und auch tun, also eine Art selbstständiges Handlungsvermögen.

Ist KI demnach eine Art Zwitter?

Prof. Dr. Tobias Rees: Für so manchen KI Ingenieur – aber sicher nicht für alle – ist etwas typisch, das man als magisches Denken beschreiben könnte: Sie glauben, dass die KI auf magische Weise aus der Kategorie ‚Maschine‘ heraus und in die Kategorie ‚Lebewesen‘ respektive ‚Mensch‘ hineingesprungen ist. Ein Annahme, die einen dann berechtigt, Begriffe wie Geist und Ähnliches auf KI anzuwenden.

KI als Bruch in der Denkgeschichte Europas

Besteht die Gefahr, dass die Schöpfer der KI sich zunehmend als Götter verstehen?

Prof. Dr. Tobias Rees: Für die meisten Ingenieure führt das keineswegs dazu, dass sie sich als Götter verstehen. Für diejenigen, die KI als Lebewesen verstehen, ist KI eher so eine Art mystischer, im Sinne von physisch unerklärlicher, Erfahrung. Ein beinahe metaphysisches Ereignis, dem sie demütig und bewundernd, wenngleich auch stolz gegenüberstehen.

Ist es denn aus Ihrer Sicht ein metaphysisches Ereignis?

Prof. Dr. Tobias Rees: Ich halte das für leicht absurd. Genauer: ich denke, es handelt sich um einen Denkfehler, der darin besteht, das Neue – also KI–, in den Begriffen des Alten zu denken – entweder Mensch oder Maschine. Das muss man nicht. Wenn man weiß, dass der Gegensatz zwischen Menschen und Maschinen kein ontologisches, unumstößliches Faktum ist, sondern ein historisch entstandener Versuch, die Wirklichkeit begrifflich zu ordnen, dann kann man KI als Ereignis verstehen, das diesen Versuch unzulänglich macht.

Ganz offensichtlich gibt es jetzt leblose ‚Dinge‘, die Fähigkeiten haben, die wir bislang nur Wesen namens Mensch zugestanden hatten. KI zeigt uns also, dass der Gegensatz von Lebewesen und Ding die Welt gar nicht, wie bislang angenommen, erschöpft. Poetischer gesagt: KI führt uns in eine Zwischenwelt. Eine Welt zwischen Wesen und Ding, eine Welt, in der die Begriffe, die unser Wirklichkeitsverständnis geordnet haben, nicht mehr ausreichen. Das macht KI zu einem philosophischen Ereignis: Einem Bruch in der Denkgeschichte Europas.

Künstliche Intelligenz als Chance für Europa

Was bedeutet die KI als „neue Entität“  für unser meist nicht weiter hinterfragtes, gängiges Denkmodell?

Prof. Dr. Tobias Rees: Eine Epoche, die 400 Jahre angedauert hat, kommt an ihr Ende. Und darüber darf man auch nostalgisch und traurig sein. Gleichzeitig muss man sich aber auch einfach riesig freuen: What a time to be alive! Eine neue Epoche ist im Entstehen – und das passiert ja nun wirklich nur alle paar hundert Jahre, wenn überhaupt. Eine Epoche, deren Philosophien, deren Kunst, deren Technik und deren Regierungsformen erst noch erfunden, artikuliert und gebaut werden müssen. Für mich ist das berauschend. Jeder Lebensbereich, von der Wirtschaft bis zur Bildung, muss neu gedacht und erfunden werden: Ist das nicht gewaltig? Vor allem für Europa?

Worin liegt die Chance für Europa, KI als etwas Neues zu begreifen, als ein „Weder-Noch“?

Prof. Dr. Tobias Rees: Ich denke es ist eine echte Chance für Europa. Das sage ich nicht nur so daher: Ich glaube das so sehr, dass ich im Begriff bin nach Europa zurückzuziehen. KI ist ganz sicher eine riesige Herausforderung für Europa. Aber es kann eben auch eine Chance sein, aus seinem Schlummer zu erwachen und sich auf sich selbst zu besinnen.

Während meiner zehn Jahre in Silicon Valley wurde mir irgendwann klar, dass dort KI immer nur als ein weiteres Kapitel in der Geschichte der technischen Effizienz gebaut wird. Als ein Versuch das Automatisierungsparadigma in Bereiche zu treiben, von denen wir dachten, dort können nur Menschen einen Beitrag leisten. KI ist aber eben nicht nur ein technisches, sondern auch ein philosophisches und künstlerisches Ereignis. Anders gesagt: KI ist nicht mehr auf den Technikbegriff reduzierbar, mit dem Silicon Valley vorwiegend operiert.

„Eine ganz neue geistige und wirtschaftliche Infrastruktur schaffen“

Hat Europa also kulturhistorisch die besseren Voraussetzungen gegenüber den USA?

Prof. Dr. Tobias Rees: Ganz sicher. Um das zu sehen, muss man aufhören Europa vor allem als einen geographischen Raum zu begreifen und anfangen, Europa wieder als ein 3.000 Jahre altes, nach vorne hin offenes zivilisatorisches Projekt zu verstehen. Man muss sich daran erinnern, dass Begriffe wie Denken, Sein, Bewusstsein, Kunst, Kreativität und auch Technik ja nicht immer existiert haben und mitnichten in allen Sprachen zu finden sind.

Der Denk- und auch der Seinsbegriff, tauchen zum Beispiel in ihrer expliziten Form erstmals bei Parmenides auf. Beide Begriffe werden dann über Platon und Aristoteles und bis hin zu Heidegger zu Zentralbegriffen der europäischen Geistesgeschichte. Daran ist nichts selbstverständlich. Diese Begriffe sind europäische Projekte und ihre Geschichte ist voll von Brüchen, von logischen Diskontinuitäten. Wenn man sich KI aus dieser Perspektive annähert, kann man sie viel besser verstehen, als wenn man sie einfach nur technisch denkt: als ein Bruch in einer Geschichte voller Brüche.

Ist Europa anderen Nationen im Verständnis für solche Brüche überlegen?

Prof. Dr. Tobias Rees:  Wenn Europa eines kann – denken Sie an Florenz oder an das Bauhaus in Weimar – dann ist es, Philosophie, Kunst und Technik zusammenzubringen. Das ist sozusagen Europe at its best! Und noch viel wichtiger: man kann Dinge beziehungsweise Produkte bauen, die man eben nur bauen kann, wenn man die von KI provozierten Brüche sieht und als Möglichkeit versteht. Ich nenne das philosophische Forschung & Entwicklung. Nichts davon wird ein Selbstläufer für Europa. Wir müssen eine ganz neue geistige und wirtschaftliche Infrastruktur schaffen.

Die Alternative zum Silicon-Valley-Modell

Die wirtschaftliche Infrastruktur ist allerdings ausbaufähig. Google, Amazon, Meta und Microsoft werden zusammen mehrere Milliarden Dollar für Data Center allein in diesem Jahr ausgeben. Europa plant „nur“ Data Center für 500 Millionen Euro.

Prof. Dr. Tobias Rees: Ganz offensichtlich liegen alle Frontier-Labs der westlichen Welt in den USA. Es ist sicherlich so, dass Europa hier etwas verschlafen hat. Und, auch wenn das etwas harsch ist, in vielerlei Hinsicht immer noch schläft.

Was muss passieren, damit Deutschland als Nation der Dichter und Denker und generell Europa eine reelle Chance beim Thema KI hat?

Prof. Dr. Tobias Rees: Das muss man differenziert sehen. In Europa im Allgemeinen und Deutschland im besonderen hat die Wirtschaft eine ganz andere Struktur. In den USA gibt es einige wenige, große Unternehmen mit unfassbar großen Budgets. Bei uns gibt es gibt es mittelständische Unternehmen, die dem Zerfall des Landes in Zentren und Leerräume – wie wir es in den USA leider sehen – vorbeugen.

Die Kehrseite ist, dass kein Unternehmen einfach man so ein paar hundert Milliarden in KI und Datenzentren investieren kann. Das heißt aber mitnichten, dass Deutschland kein Frontier-Lab haben könnte. Der Weg muss darin bestehen, dass viele Unternehmen gemeinsam einen Fond von 50 oder mehr Milliarden Euro anlegen und die EU strategischen Datenzentren dort in Europa baut, wo die elektrische Infrastruktur gut, die Zahl der Nutzer aber klein ist. Das muss ein wirtschaftliches-technisches, kein politisches Unterfangen sein.

Heilbronn als Hoffnungsträger der europäischen KI-Strategie

Wie realistisch ist das?

Prof. Dr. Tobias Rees: All das ist möglich. Ich arbeite selber intensiv an dem Versuch ein derartiges Frontier-Lab in Europa zu verwirklichen. Aber ich will nicht naiv klingen. Das Ausmaß in dem Europa hinter den USA und China aber auch Israel hinterherhinkt ist riesig. Speziell was Grafikprozessoren und günstige Elektrizität angeht. Grundsätzlich würde ich sagen, die Politik muss lernen, Geld in die Zukunft zu investieren – nicht in den Erhalt der alten Infrastruktur.

Wie bewerten Sie vor diesem Hintergrund die Aktivitäten in Heilbronn mit dem IPAI und in der Region für die KI-Souveränität von Deutschland und Europa?

Prof. Dr. Tobias Rees: Ich finde es faszinierend, dass das Land der Tüftler sich derart hervortut. Immer wieder höre ich, dass Politiker sagen, sie wollen eine Region in ein Silicon Valley verwandeln. Davon halte ich wenig. Ich denke es ist sinnlos Silicon Valley zu kopieren.

Silicon Valley gibt es schon. Wir müssen unsere eigene Herangehensweise finden. Und ich bin Baden-Württemberg und vor allem der Dieter Schwarz Stiftung dankbar, wie toll genau das angegangen wird. Heilbronn ist einer der Hoffnungsschimmer in und für Europa. Ich freue mich riesig darauf, diese Entwicklung zu verfolgen und bin sehr gespannt, was für Firmen und Ideen entstehen werden.

Interview von Natalie Kotowski


Zur Person

Der Kulturphilosoph Tobias Rees war Professor an renommierten Forschungsuniversitäten in der Schweiz, Kanada und den USA, wo er aktuell lebt. Er gründete Limn, ein KI-Studio, das philosophische Forschung, Kunst und Technologie verbindet.


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