Patente als Wettbewerbsfaktor: Diese Unternehmen aus Heilbronn-Franken treiben Baden-Württembergs Patentstärke voran

Baden-Württemberg ist bei Patenten europaweit spitze. Heilbronn-Franken hat dabei großen Anteil an der Erfolgsbilanz. Das belegen viele Unternehmen, die 2025 für so viele Entwicklungen Schutzrechte beantragten wie selten zuvor. Das Beste: Der Erfindernachwuchs steht sogar schon in den Startlöchern.

Patente aus Heilbronn-Franken
Der Standort Neckarsulm ist für die technologischen Entwicklungen bei Audi von zentraler Bedeutung. Foto: Audi AG

Fruchtgummi macht Kinder froh, und Erwachsene ebenso. Zumindest, wenn man einem bekannten deutschen Hersteller glauben darf. Auf die Schwäbisch Haller Gymnasiasten Jonas Häfele und Eric Wassermann, zwölf und 13 Jahre alt, traf wohl Ersteres zu. Immerhin hatten die Schüler es mit ihrem Rezept für zuckerfreie Fruchtgummis im Februar in den Regionalentscheid von „Jugend forscht“ am Campus Künzelsau der Hochschule Heilbronn geschafft.

Derart erfinderischer Nachwuchs machte wiederum Erwachsene froh – genauer gesagt die Verantwortlichen bei Technologieführer ebm-papst. Seit 1999 organisiert der Ventilatoren- und Lüftungsexperte den Regionalentscheid. In diesem Jahr reichten 137 junge Forschende aus Hohenlohe, dem Main-Tauber-Kreis, dem Landkreis Schwäbisch Hall, dem Raum Heilbronn und sogar Stuttgart und Mailand 72 Projekte zur Regionalrunde von Deutschlands bekanntestem Nachwuchswettbewerb ein, teilt das Unternehmen mit.

Inzwischen stehen auch die Sieger fest, die sich für den Bundesentscheid qualifiziert haben: Wie das Landesministerium vermeldet, schickt Heilbronn-Franken als einzige Region des Landes mit Timea Probost und Julian Scharnowski vom Jugendforschungszentrum Heilbronn zwei Erstplatzierte ins Finale.

Patenstarke Unternehmen in Heilbronn-Franken

Die Nachricht weckt Hoffnung: Vielleicht werden aus patenten Heilbronn-Frankener Kindern später Forscher und Entwickler, die Patente anmelden. Cleverer Nachwuchs käme dem Wettbewerbs-Organisator und -Sponsor ebm-papst vermutlich gelegen. Denn das Unternehmen bezeichnet sich selbst als „Patentfirma“ – zu Recht. Allein im Jahr 2025 meldeten die Mulfinger laut Northdata, einer Suchmaschine für Unternehmenskennzahlen, 150 verschiedene Patente an.

Mit dieser Patentstärke ist ebm-papst unter Heilbronn-Frankens mittelständischen Technologieführern nicht allein, wie Northdata belegt. Ziehl-Abegg wurden beispielsweise im vergangenen Jahr zwölf Patente erteilt, sechs weitere folgten bereits in diesem Jahr. Der Ingelfinger Weltmarktführer GEMÜ ließ sich 21 Entwicklungen rund um Ventil- und Regeltechnik erfolgreich schützen und sicherte sich 29 Markenrechte.

Die Schunk SE & Co. KG in Lauffen am Neckar war mit 30 Patentanmeldungen ebenfalls unter den anmeldestarken Unternehmen der Region. Bausch & Ströbel, Verpackungsmaschinenbauer mit Sitz in Ilshofen, beantragte im vergangenen Jahr Patente für 15 Neuentwicklungen, bei Würth Elektronik eiSos in Waldenburg waren es zehn.

Die Liste beantragter Schutzrechte in Heilbronn-Franken ließe sich gut und gern vervielfachen – denn nicht nur die großen mittelständischen Weltmarkt- und Technologieführer sind eifrige Forscher und Entwickler. Auch andere Hidden Champions wie der Ilsfelder Biopolymer-Spezialist Tecnaro sind äußerst patentstark. Das beweist ein Blick auf den interaktiven „DeepTech-Finders“ für signifikante technologische Innovationen, den das Europäische Patentamt (EPA) bereitstellt. Tecnaro hat beim EPA sieben Patente angemeldet.

Schutzrechte als Vorsichtsmaßnahmen im Wettbewerb

Doch sagt die Zahl der beantragten Schutzrechte tatsächlich etwas über den Erfindergeist der Region aus? Offensichtlich schon. Das belegt eine aktuelle Studie der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) aus dem Jahr 2025. „Patente sind stark auf Unternehmen konzentriert, die hohe Innovationsanstrengungen leisten und technische Innovationen mit einem hohen Neuigkeitsgrad hervorbringen“, konstatiert Autor Dr. Volker Zimmermann in der Studie. Unternehmen, die sich auf Forschung und Entwicklung (F&E) fokussieren, hielten um fast 600 Prozent mehr Patente als innovative Unternehmen ohne F&E. Und genau diese Gruppe ist in der Region der Weltmarktführer besonders stark vertreten.

Schutzrechte sind für Unternehmen weniger Beweisstücke eigener Kreativität denn Vorsichtsmaßnahme im Wettbewerb: „Patentaktivität ist für uns in erster Linie Mittel zum Zweck. Wenn wir neue Lösungen entwickeln, sichern wir diese natürlich ab – auch, um unsere Handlungsfreiheit am Markt zu gewährleisten“, erläutert Marcus Schindler, Geschäftsführer der Schubert Additive Solutions (SAS), Tochter der Crailsheimer Gerhard Schubert GmbH. 20 Patente seien bei der EPA gemeldet, darunter allerdings auch nationale Anmeldungen in verschiedenen Ländern.

„Tatsächlich sprechen wir bei SAS aktuell von zwei zentralen Patenten, die international geschützt sind“, sagt Schindler. Beide Patente hängen mit der „Partbox“-Lösung zusammen, ein System aus 3-D-Drucker, digitaler Plattform und abgestimmten Materialien, mit denen Kunden Ersatzteile direkt vor Ort selbst anfertigen können. Kundennutzen ist dabei wichtiger als schiere Quantität. „Gerhard Schubert hat das Unternehmen mit dem Anspruch geprägt, Probleme besser zu lösen – und nicht, möglichst viele Patente zu sammeln“, sagt Schindler.

„Unsere Region hat etwas Besonderes“

Ein Anspruch, von dem offenbar viele Visionäre zwischen Neckar und Tauber geprägt sind und der die Region zu einem der reichsten Ideen-Schmelztiegel Deutschlands gemacht hat. Woher dieser Geist kommt, erklärt Unternehmer Jens Groninger so: „Unsere Region hat etwas Besonderes. Sie ist bodenständig und gleichzeitig unglaublich erfinderisch. Viele Menschen hier sind mit Technik aufgewachsen – sei es in der Landwirtschaft, im Handwerk oder in mittelständischen Unternehmen. Nicht umsonst ist Heilbronn-Franken ein Hotspot für Hidden Champions“, sagt er.

Jens Groninger führt die Groninger Gruppe gemeinsam mit seinem Bruder Volker. Das Familienunternehmen mit Hauptsitz in Crailsheim ist auf der Basis der EPA-Statistik ebenfalls sehr „patent“: An 23 Innovationen hält der Hersteller für Füll- und Verschließmaschinen für Pharma-, Consumer Healthcare- und Kosmetikindustrie Schutzrechte.

Ganz ähnlich wie bei Gerhard Schubert gilt auch in seinem Unternehmen: „Unsere Patente sind über viele Jahre hinweg entstanden – sie begleiten sozusagen unseren Weg als Technologieunternehmen“, sagt Groninger. „Viele davon gehen auf meinen Vater zurück“, – etwa die dichtungslose Rotationskolbenpumpe, die dem Unternehmen den Erfolgsweg geebnet habe, erinnert sich der Sohn.

Unternehmensgründer Horst Groninger verstarb im vergangenen Jahr. „Mein Vater war dank seines technischen Gespürs nicht nur klassischer Tüftler, sondern jemand, der sehr genau wusste, wie eine Lösung aussehen muss, damit sie im Alltag einen spürbaren Unterschied macht.“

Baden-Württemberg bei Patentanmeldungen auf Platz 1

Nutzen im Alltag: Das versprechen auch die Ideen der „Jugend forscht“-Sieger. Timea Probost forschte an optimalem veganem Schmelzkäse, Julian Scharnowski entwickelte eine Vakuum-Pinzette, um Platinen perfekt zu positionieren. Wenn sie und ihre Mitstreiter die Leidenschaft für das Entdecken weiter pflegen, könnte Baden-Württemberg seinen Spitzenplatz in Deutschland halten: Rund 36 Prozent der deutschlandweiten Patentanmeldungen kommen aus dem Südwesten – insgesamt 15.161, wie aus dem Jahresbericht des Deutschen Marken- und Patentamts (DMPA) hervorgeht.

Das sind etwa 2500 Anmeldungen mehr als das zweitplatzierte Bayern verzeichnet. Sogar EU-weit ist Baden-Württemberg die Nummer Eins in Sachen Erfindergeist: Im Innovations-Index 2024 des statistischen Landesamts toppt das „Ländle“ insgesamt die Zahlen der 27 Mitgliedstaaten und weiteren 33 ausgewählten Wirtschaftsräumen in Europa bei Forschung, Entwicklung und Patentstärke.

Dass gleich mehrere Unternehmen im Südwesten es in die Top Ten des DPMA schaffen, verwundert auch deshalb nicht, weil die Automobil- und Zulieferbranche auch 2025 bundesweit mit Abstand die meisten Patente anmeldete.

Die Audi AG als Patent-Champion

Was für Deutschland im Großen gilt, trifft für Heilbronn-Franken im Regionalen zu: Patent-Champion ist mit 1912 Anmeldungen in 2025 die Audi AG. „2025 hat Audi 80 Prozent mehr Patente eingereicht als im Vorjahr. Im Ranking des DPMA sind wir damit auf Platz Vier vorgerückt“, teilt das Unternehmen mit, das am Standort Neckarsulm nach eigener Aussage nicht nur konventionelle Verbrenner- und Hybridmotoren entwickelt, sondern auch Hochvolt-Energiesysteme für Hybride und Elektrofahrzeuge – der am stärksten wachsende Bereich innerhalb der technischen Entwicklung. Die steigende Zahl an Patentanmeldungen stehe für die anziehende Innovationskraft im gesamten Unternehmen.

Auch für Audi sind es die Voraussetzungen der Region, die den Erfindergeist beflügeln und die Wettbewerbsfähigkeit stärken: „Am Standort Neckarsulm entsteht ein Kompetenzzentrum für Digitalisierung und Künstliche Intelligenz“, berichtet Werkleiter Fred Schulze.

„Eine besondere Rolle spielt für uns dabei die Region Heilbronn mit dem digitalen Ökosystem. Durch die räumliche Nähe zum Bildungscampus und zum IPAI sind wir mittendrin im KI-Hotspot Europas.“ Auf diese Weise ergänze sich eigene Innovationskraft mit der Expertise starker Partner, sagt Schulze. „Wir bringen so KI-Lösungen ins Unternehmen und bauen Kontakte zu Start-ups auf.“

„Beachtliches Innovationspotenzial“ in Heilbronn-Franken

Dass die rasanten Entwicklungen rund um KI Heilbronn-Franken in den kommenden Jahren statistisch noch weiter nach vorn bringen, prognostiziert auch der Patentatlas Baden-Württemberg, den das Patent- und Markenzentrum in Stuttgart zuletzt 2024 veröffentlichte.

Zwischen Neckar und Tauber kamen etwa 60 Neuanmeldungen auf 100.000 Einwohner. Noch ist diese Zahl im Landesvergleich zwar eher Mittelmaß. Das liege aber laut der Autoren auch daran, dass „mehrere Großunternehmen bedeutende Entwicklungsstandorte in der Region haben, aber andernorts anmelden“. Die Verfasser attestieren der Region – auch dank KI – „beachtliches Innovationspotenzial“.

Die „Jugend forscht“-Nachwuchserfinder aus Heilbronn-Franken haben ihr Potenzial bereits bewiesen. Und auch wenn der Patentschutz oft nach 20 Jahren ausläuft, bleibt in Heilbronn-Franken lebendig, was Jens Groninger als das eigentliche Vermächtnis seines Vaters bezeichnet: „Es geht nicht darum, seine Patente fortzuführen, sondern seine Haltung: näher am Kunden zu sein als andere, technische Lösungen mit gesundem Menschenverstand zu denken und Erfolg als Teamleistung zu betrachten.“

Natalie Kotowski

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