In Heilbronn-Franken startet ein neues Netzwerk, das Wissen schützt, Innovation beschleunigt und den Transfer zwischen Forschung und Wirtschaft stärkt. Prof. Dr. Johann Valentowitsch vom Joint Innovation Hub erklärt die Chancen für die Region.

In Heilbronn‑Franken entsteht derzeit ein neues IP‑Netzwerk. Was war der ausschlaggebende Anlass für diese Initiative?
Johann Valentowitsch: In der Region haben sich in kurzer Zeit außergewöhnliche Forschungseinrichtungen angesiedelt – Max Planck Gesellschaft, TUM, ETH Zürich, Fraunhofer. Gleichzeitig verfügt die Region über einen innovativen Mittelstand und zahlreiche Hidden Champions. Diese Verbindung aus Spitzenforschung, praxisnaher Entwicklung und unternehmerischer Stärke schafft ideale Voraussetzungen für erfolgreichen Wissenstransfer. Bisher wurde das Thema jedoch nur vereinzelt und ohne einen gemeinsamen Rahmen behandelt. Der Joint Innovation Hub in Heilbronn hat das Netzwerk ins Leben gerufen, um gemeinsam Wege zu entwickeln, wie Herausforderungen im Umgang mit geistigem Eigentum gelöst werden können.
Warum rückt geistiges Eigentum gerade jetzt so stark in den Fokus?
Valentowitsch: Weil Intellectual Property (IP) – also der rechtliche Schutz für Ideen, Technologien und Entwicklungen – zu den wichtigsten Ressourcen unserer Zeit gehört. IP schützt Wissen, sichert Investitionen und schafft die Grundlage, um Innovationen langfristig wirtschaftlich nutzen zu können. Das ist entscheidend, denn Deutschland kämpft seit Jahren mit einem strukturellen Transferproblem: Wir haben exzellente Forschung, aber der Weg von neuen Erkenntnissen hin zu marktfähigen Innovationen ist oft zu lang. Für eine exportorientierte Region wie Heilbronn-Franken mit vielen globalen Marktführern ist genau das hochrelevant.
Unternehmen sollten ihr geistiges Eigentum strategischer absichern
Sie sprechen von einem strukturellen Transferproblem in Deutschland. Warum ist diese Lücke so kritisch – gerade für eine Innovationsregion wie Heilbronn‑Franken?
Valentowitsch: Ohne leistungsfähige Transfermechanismen wird es immer schwerer, Wettbewerbsvorteile zu halten oder auszubauen. Andere Länder entwickeln sich sehr schnell weiter und verzahnen Forschung, Finanzierung und wirtschaftliche Anwendung deutlich enger miteinander. Deutschland hat enorme Stärken. Aber diese Stärken müssen konsequenter aktiviert werden, damit sie in der Praxis wirklich Wirkung entfalten.
Ein zusätzlicher Treiber ist Künstliche Intelligenz. Wie verändert KI den Umgang mit geistigem Eigentum?
Valentowitsch: Radikal. Künstliche Intelligenz beschleunigt Innovationsprozesse enorm, verkürzt Entwicklungszeiten und kann große Mengen geschützter Inhalte analysieren oder weiterverarbeiten. Damit steigt das Risiko des Wissensabflusses. Gleichzeitig werden klassische Fragen wie Urheberschaft oder Schutzfähigkeit komplizierter, weil KI-Systeme Inhalte erzeugen, die sich kaum eindeutig zuordnen lassen. Unternehmen müssen ihr geistiges Eigentum deshalb früher und strategischer absichern.
Ein neues IP-Netzwerk für die regionalen Herausforderungen
Viele Unternehmen fragen sich, wie sie reagieren sollen. Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Schritte, die jetzt nötig sind?
Valentowitsch: Erstens: IP systematisch managen – klare Regeln, strukturierte Prozesse und ein sauberer Umgang mit KI-gestützten Ergebnissen. Zweitens: Kooperationen ausbauen, um Zugang zu aktuellem Wissen und neuen Technologien zu erhalten. Und drittens: für gemeinsame Projekte transparente Spielregeln schaffen. Klare IP-Strukturen schaffen Vertrauen und ermöglichen echte Co-Creation.
Warum braucht es dafür ein regionales Netzwerk?
Valentowitsch: Weil wir die IP-Herausforderungen der Region und ihrer Unternehmen gezielt angehen wollen. Es geht nicht darum, den Technologietransfer auf Landes- oder EU-Ebene neu zu ordnen, sondern die konkreten Fragestellungen unseres regionalen Ökosystems aufzugreifen. Wir wollen Lösungen für die Bedürfnisse vor Ort entwickeln und so den Umgang mit geistigem Eigentum in der Region nachhaltig verbessern.
„In vielerlei Hinsicht betreten wir Neuland“
Was macht das IP‑Netzwerk im Vergleich zu anderen Regionen besonders? „
Valentowitsch: Die Vielfalt an Akteuren und Perspektiven auf so engem Raum ist in Deutschland tatsächlich außergewöhnlich. Diese besondere Mischung macht die Region Heilbronn-Franken zu einem Ort, an dem Themen wie geistiges Eigentum unter völlig anderen Bedingungen verhandelt werden müssen als anderswo. Entsprechend unterscheiden sich die IP‑Fragestellungen hier deutlich von bekannten Mustern, denn es gibt kaum vergleichbare Präzedenzfälle. In vielerlei Hinsicht betreten wir Neuland.
Gibt es ähnliche Initiativen – oder setzt Heilbronn Franken neue Maßstäbe?
Valentowitsch: Es gibt in Deutschland natürlich Cluster und Innovationsinitiativen. Aber die Ausgangslage in Heilbronn Franken ist aufgrund der besonderen Heterogenität wirklich einzigartig. Wenn es gelingt, diese Vielfalt zu bündeln, kann hier etwas entstehen, das es so in Deutschland kein zweites Mal gibt.
Und wie können Unternehmen Teil des Netzwerks werden?
Valentowitsch: Das Netzwerk ist bewusst offen gestaltet. Wir haben es aus Überzeugung aufgebaut, weil wir glauben, gemeinsam mehr erreichen zu können. Unternehmen profitieren davon, dass Erfahrungen geteilt werden, erfolgreiche Ansätze sichtbar werden und erkennbar ist, wer welche Expertise besitzt. Wer Rat sucht, sich austauschen möchte oder konkrete Fragen hat, kann jederzeit auf uns zukommen.
Interview von Teresa Zwirner

Zur Person
Prof. Dr. Johann Valentowitsch studierte internationale Volkswirtschaftslehre an der Universität Regensburg und promovierte am Institut für Betriebswirtschaftslehre der Universität Stuttgart. Heute arbeitet er am Joint Innovation Hub in Heilbronn und konzentriert sich dort auf die digitale Transformation, den Aufbau und die Gestaltung von Innovationsökosystemen sowie auf Fragen der strategischen Vorausschau.


