Norbert Heuser, Landrat des Kreises Heilbronn, ist Sprecher des Bundes der Wasserstoffregionen (BdWR). Er sieht für Heilbronn-Franken Spitzenpotenzial bei Erzeugung und Nutzung des grünen Energieträgers.

Herr Heuser, viele Unternehmen in der Region stehen vor der Entscheidung, ob und wann sie in Wasserstofftechnologien investieren. Welche Signale benötigen sie aktuell, um Planungssicherheit zu
gewinnen?
Norbert Heuser: Die Unternehmen in Heilbronn-Franken brauchen, wie viele andere Regionen auch, mehr Sicherheit darüber, in welchen Strukturen sie sich in den kommenden Jahren bewegen werden. Ihre Frage lautet: Wann wird Wasserstoff zu welchem Preis zur Verfügung stehen? Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen müssen geklärt werden, damit Investitionen getätigt werden können. Kosten und Verfügbarkeiten sind wichtige Parameter, ohne die Unternehmen keine langfristigen Entscheidungen treffen können.
Das heißt, es passiert erstmal nichts?
Norbert Heuser: Doch! Es gibt ein abgestimmtes Verbändepapier zum Wasserstoffhochlauf. Danach braucht es kurzfristig gezielte Maßnahmen, um den Markthochlauf in Gang zu bringen. Eine bedeutende Rolle können dabei sogenannte Midstreamer übernehmen. Diese spezialisierten Marktakteure bündeln sowohl Erzeugungs- als auch Abnehmerinteressen und schaffen damit Stabilität auf beiden Seiten des Marktes. Gerade in Baden-Württemberg mit seiner stark mittelständisch geprägten Wirtschaftsstruktur benötigen viele Unternehmen flexible und skalierbare Lösungen.
Wie der Wasserstoffmarkt in Bewegung kommen soll
Wie soll das konkret aussehen?
Norbert Heuser: Solche Akteure, die Nachfrage bündeln und gleichzeitig Wasserstoffmengen aus unterschiedlichen Quellen bereitstellen, können dazu beitragen, den Markt schneller in Bewegung zu bringen. Dadurch erhalten auch kleinere Unternehmen Zugang zu Wasserstoff, während auf der Erzeugerseite Investitionen besser abgesichert werden können. Ein funktionierender Wasserstoffmarkt kann das Fundament für künftige Wertschöpfung und Versorgungssicherheit unserer Unternehmen werden.
Einige Unternehmen, wie zum Beispiel Arnold Umformtechnik in Dörzbach, sind bereits „H2-ready“.
Norbert Heuser: Es ist begrüßenswert, dass sich Unternehmen schon mit den für sie sinnvollen Alternativen zu den bisherigen Energieträgern beschäftigt haben. Mit der regionalen Initiative H2Impuls möchten wir noch mehr Unternehmen dazu ermutigen. Und eine Unterstützung anbieten, sich heute schon damit auseinanderzusetzen, welche bezahlbaren klimafreundlichen Möglichkeiten der Energieversorgung sich für sie bieten.
Für viele industrielle Betriebe in der Region ist Studien zufolge Wasserstoff perspektivisch alternativlos. Doch er gilt als vergleichsweise teuer und deshalb zu wenig nachgefragt. Wie lässt sich das Dilemma lösen?
Norbert Heuser: Regional können wir Nachfrageanreize schaffen, Informationen bereitstellen und Ansprechpartner sein. Jedoch müssen von bundespolitischer Ebene klare Signale gesendet und Bedingungen geschaffen werden, die für Unternehmen wirtschaftliche Vorteile bieten. Aus diesem Grund habe ich auch die Funktion des Sprechers des Bundes der Wasserstoffregionen (BdWR) übernommen. Der BdWR ist eine Institution, die diese Themen an politische Gremien heranträgt. Unternehmen sind herzlich eingeladen, sich hier zu engagieren und damit verstärkt auf die Bundespolitik einzuwirken.
Starke Wasserstoffkompetenz in Heilbronn-Franken
Was können Unternehmen tun, um den Kreislauf von vergleichsweise teurem Angebot und daraus resultierender geringer Nachfrage zu durchbrechen?
Norbert Heuser: Damit die politischen Organe auf einer fundierten Grundlage planen können, ist es wichtig, dass Unternehmen an den Beteiligungsprozessen aktiv teilnehmen. Es finden zum Beispiel regelmäßig Bedarfsabfragen der FNB Gas (Vereinigung der Fernleitungsnetzbetreiber Gas) statt. Als BdWR-Sprecher rate ich allen Akteuren, die auch in Zukunft auf eine Gasversorgung angewiesen sind, unbedingt an diesen Prozessen zu partizipieren. Die Rückmeldungen daraus werden für die Planungen des Infrastrukturausbaus benötigt. Nur so können die Voraussetzungen geschaffen werden, das Henne-Ei-Problem auszuhebeln.
Was den Infrastrukturausbau angeht, hat das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE) 2025 einen Atlas mit geeigneten Standorten zur Erzeugung und Nutzung von grünem Wasserstoff publiziert. Heilbronn-Franken war seinerzeit ein blinder Fleck. Was hat sich seitdem getan?
Norbert Heuser: Die genauen Analyseparameter der Studie sind mir nicht bekannt. Unsere Region bereitet sich jedoch seit Jahren intensiv auf die Energiewende vor. Unter anderem wurde das Flächenpotenzial für die Erzeugung von Wind- und Solarenergie analysiert und mit dem Projekt GreenHydro 2 wird in Wertheim eine Anlage zur Produktion von grünem Wasserstoff entstehen. Verschiedene Akteure in der Region befassen sich mit den örtlichen Voraussetzungen zur Nutzung von Wasserstoff und sind Ansprechpartner für Unternehmen und Kommunen.
An Wasserstoff-Experten mangelt es nicht.
Norbert Heuser: Vor allem auch im Bereich der Erforschung von Wasserstoffanwendungen haben wir hier eine große Expertise, zum Beispiel mit dem DLR Raumfahrtantriebe, dem H2 Innovationslabor am Bildungscampus und den Wasserstoffforschungsprojekten der Netze BW in Öhringen.
Grüner Strom für grünen Wasserstoff
Wasserstoff zu erzeugen, braucht viel Strom. Wie gut ist die Region darauf vorbereitet?
Norbert Heuser: In Heilbronn-Franken haben wir sehr gute Voraussetzungen für die Produktion von grünem Strom. Ihn direkt vor Ort, unter anderem für die industrielle Fertigung, nutzen zu können, sollte perspektivisch ein großer Vorteil für den Industriestandort sein. Zudem erhalten wir zukünftig durch den Anschluss an die Stromtrasse SüdLink weitere Energie aus den nördlichen Bundesländern. Die diverse, dezentrale Bereitstellung von Strom ist für uns ein Resilienzfaktor. Eine Möglichkeit ist, mit dem an sonnigen und windreichen Tagen entstehenden Stromüberschuss Wasserstoff zu produzieren.
Gute Voraussetzungen dafür attestiert auch die Analyse, die der Regionalverband Heilbronn-Franken bei GP Joule in Auftrag gegeben hat.
Norbert Heuser: Ja, die Ergebnisse sind ein positives Zeichen für die regionale Energieversorgung. Innerhalb von Baden-Württemberg haben wir eines der größten Potenziale für die Produktion von Solar- und Windenergie. Inwieweit diese Potenziale für die lokale Erzeugung von Wasserstoff genutzt werden, ist abhängig von vielen verschiedenen Faktoren. Aber es bleibt nicht nur beim Potenzial: 2025 belegte der Landkreis Heilbronn beim Photovoltaikzubau den landesweit ersten Platz.
Wasserstoff-Infrastruktur für den Industrie-Standort
Was bedeutet es für den Standort, wenn die Süddeutsche Erdgasleitung (SEL) auf Wasserstoff umgestellt wird?
Norbert Heuser: Die Region wird in Teilen nicht nur an die Stromtrasse SüdLink, sondern auch an die Süddeutsche Erdgasleitung (SEL) angeschlossen sein. Zudem wird das EnBW-Gaskraftwerk in Heilbronn H2-ready umgebaut. Mit der Umstellung der SEL in den 2030er Jahren wird das nördliche Baden-Württemberg an das Wasserstoff-Kernnetz angeschlossen sein. Damit werden wir ein Teil der zentralen europäischen Versorgungsader. Für die Sicherung des Industriestandorts ist dies maßgebend, ja sogar existenzsichernd.
Doch die 250 Kilometer SEL in Baden-Württemberg werden wiederum „blinde Flecken“ haben, die schlechter an das Kernnetz angebunden sind – etwa in Hohenlohe. Wie lässt sich im ländlichen Raum die Versorgung gewährleisten?
Norbert Heuser: In Bereichen, die nicht an die SEL oder andere Leitungen angeschlossen werden, ist die dezentrale Versorgung mit lokalen Elektrolyseuren eine Alternative. Außerdem ist die Belieferung mit Trailern eine Möglichkeit, Wasserstoff auch in dünn besiedelte Gebiete zu transportieren. Die Hochschule Heilbronn und das Fraunhofer IAO haben sich in Studien mit der Wasserstoffversorgung im ländlichen Raum auseinandergesetzt und Entwicklungsszenarien erörtert.
Gerade die dezentrale Wirtschaftsstruktur Baden-Württembergs mit zahlreichen kleinen und mittleren Unternehmen macht regionale Versorgungslösungen erforderlich. Deshalb müssen Infrastrukturplanung, regionale Erzeugung und alternative Logistiklösungen Hand in Hand entwickelt werden.
Welche Unterstützung Unternehmen nutzen können
Der Bau von Elektrolyseuren ist in der Region ja bereits angestoßen. Sie hatten GreenHydro 2 in Wertheim erwähnt – es gehört zu einem der acht Projekte in Baden-Württemberg, die vom Förderprogramm Ely profitieren.
Norbert Heuser: Ich freue mich persönlich sehr darüber, dass eine der Förderungen in unsere Region fließt. Es ist ein Signal an die Verbraucher, dass hier Wasserstoff zur Verfügung stehen wird. Darüber hinaus unterstreichen solche Projekte die besondere Rolle Baden-Württembergs als Innovations- und Technologiestandort. Das Land weist eine starke Forschungs- und Industrielandschaft in den Bereichen Brennstoffzellen, Elektrolyseure und Wasserstoffkomponenten auf. Diese Wertschöpfungsketten gilt es zu sichern und weiter auszubauen.
Die künftige Versorgung wird also sowohl über das Kernnetz inklusive Hubs als auch über regionale Produktion erfolgen. Welche Auswirkungen hat diese Kombination auf die Versorgungssicherheit und Preisgestaltung für Unternehmen?
Norbert Heuser: Diverse Bezugsquellen von Wasserstoff sind notwendig, um Versorgungssicherheit zu gewährleisten und auf veränderte Rahmenbedingungen wie beispielsweise außenpolitische Lage, Klimaereignisse und Logistikprozesse reagieren zu können. Auch die Verbraucher werden von dem breiteren Angebot profitieren. Wichtig ist das Zusammenspiel zwischen Top-Down – dem H2-Kernnetz – und Bottom-Up, das heißt: regionale Hubs.
Viele Unternehmen stehen noch am Anfang ihrer Wasserstoffstrategie. Was würden Sie einem Unternehmen raten, das sich erstmals mit dem Thema auseinandersetzt?
Norbert Heuser: Holen Sie sich Unterstützung und nutzen Sie kostenlose Angebote, die die Region zur Verfügung stellt. Die Energieagenturen der Landkreise, die Initiative H2Impuls und das Beratungsangebot für KMU und Kommunen des Projekts Hydrogenium können erste Anlaufstellen sein. Es ist auch sinnvoll, auf Kooperationen zu setzen.
Tauschen Sie sich mit anderen Unternehmen aus, zum Beispiel auf den Wasserstoffnetzwerktreffen der Initiative H2 Impuls. Unser gemeinsames Ziel muss es sein, Wettbewerbsfähigkeit und Standortsicherung auch durch bezahlbare Energie und ökonomische Resilienz für unsere Unternehmen sicherzustellen.
Interview von Natalie Kotowski

Zur Person
Norbert Heuser ist seit 2021 Landrat des Kreises Heilbronn. Der diplomierte Verwaltungswirt ist Sprecher des Bundes der Wasserstoffregionen (BdWR).


