Sonne, Wind und Wasserstoff: Immer mehr Unternehmen in Heilbronn-Franken setzen auf erneuerbare Energien

Eine Studie des Freiburger Öko-Instituts zeigt: Heilbronn-Franken kann Vorreiter auf dem Weg zur Klimaneutralität bis 2040 werden. Regionale Unternehmen begreifen die Erneuerbaren längst als strategischen Wettbewerbsvorteil – und begründen, warum.

Erneuerbare Energien als Wettbewerbsvorteil
Autark und zukunftsfähig aufgestellt: Deshalb plant die Würth-Gruppe zwei eigene Windkraftanlagen – wie hier bei Westernach. Foto: GP Joule

Krieg im Nahen Osten, politische Diskussionen um hohe Energiepreise und fossile Brennstoffe:  Wer nicht ins Fettnäpfchen treten will, vermeidet zurzeit die Metapher „Gas geben“, wenn es um höheres Tempo geht. Insbesondere beim Thema sichere Energieversorgung.

Doch in Heilbronn-Franken passiert gerade genau das: Die Planungen für zuverlässige Strom- und Wärmeversorgung von Privathaushalten und Unternehmen gewinnen immer mehr Dynamik. „Die Welt, wie wir sie vor zehn Jahren kannten, existiert nicht mehr. Volatilität ist in aller Munde – und ist am Energiemarkt stärker denn je ausgeprägt“, konstatiert Martin Zeller, Geschäftsführer der Bass GmbH.

Solarenergie als „Investition in die Zukunft“

Der Gewindewerkzeug-Hersteller mit Sitz in Niederstetten reagierte im vergangenen Jahr auf die instabile Weltlage und investierte in 960 Photovoltaik (PV)-Module auf dem Firmendach. Die Anlage liefert jedes Jahr etwa 420.000 Kilowattstunden Strom – etwa fünf Prozent des Verbrauchs.

„Auch wenn wir nur einen kleinen Teil unseres Bedarfs über die PV-Anlage decken, sehen wir sie als eine Investition in die Zukunft, um uns gegen hohe Energiepreise abzusichern.“ Mit dieser Einschätzung ist Zeller nicht allein: Zahlreiche Unternehmen in der Region setzen auf Erneuerbare Energien, statt weiter „Gas zu geben“.

Sie beweisen im Kleinen, was das Freiburger Öko-Institut schon vor vier Jahren in einer Studie für das große Heilbronn-Franken gezeigt hatte: Die Region könnte in Baden-Württemberg zum Motor auf dem Weg zur Klimaneutralität bis 2040 werden.

Schon damals rangierte Heilbronn-Franken beim möglichen Flächenanteil für Windkraftausbau unter den Top Drei im Land, bei den Freiflächen für Photovoltaik war sie in einem möglichen Szenario der Studie sogar Spitzenreiter. Die Entscheider zwischen Neckar und Tauber reagierten auf diese Verantwortung mit einer Planungsoffensive: Der Regionalverband Heilbronn-Franken verabschiedete im April vergangenen Jahres die Teilfortschreibung des Regionalplans für den Ausbau von Wind- und Solarenergie – bei Photovoltaik war er Medienberichten zufolge damit sogar der erste im Land.

„Für uns gehen Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit stets Hand in Hand“

Die Chance, Wettbewerber mit der Kraft von Wind und Sonne zu überholen statt mit fossilen Brennstoffen, haben inzwischen viele Unternehmen ergriffen. Bei Solarenergie „nutzen unserer Einschätzung nach heute rund 35 bis 40 Prozent der Unternehmen mit eigenen Gewerbeimmobilien in Heilbronn-Franken Photovoltaik zur Eigenstromerzeugung“, sagt Christian Stier, Projektleiter, Vertrieb für Aufdachphotovoltaikanlagen und Mitglied der Geschäftsführung von ingenia projects GmbH & Co. KG.

Das Unternehmen mit Sitz in Kirchberg an der Jagst  übernimmt Planung, Projektierung und Umsetzung von Photovoltaikanlagen und Speichertechnik in der Region und darüber hinaus. Ingenia war auch für die Anlage auf dem Dach von Bass verantwortlich. Bass-Geschäftsführer Zeller hätte das Vorhaben gern schon vor den aktuellen geopolitischen Erschütterungen der vergangenen Jahre umgesetzt. Doch unter anderem Statikvorschriften hätten die Pläne damals durchkreuzt, erinnert er sich. Dank neuer Solarmodule und geänderter Regelungen habe die Anlage 2025 nun endlich montiert werden können.

Bass öffnete sich schon früh für die ökologische Transformation. „Für uns gehen Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit stets Hand in Hand. Wir setzen bereits seit 2019 auf Strom aus 100 Prozent Erneuerbaren Energien“ sagt Zeller. Damals habe man den eigenen CO2-Fußabdruck bei Strom im Vergleich zu durchschnittlichen deutschen Energieträgermix nahezu halbieren können.

Solarstrom unterstützt die Wettbewerbsfähigkeit

Schon zwölf Jahre zuvor hatte der Innengewinde-Spezialist 2007 den dritten Platz beim Architekturpreis des Bundes Deutscher Architekten errungen – für die beste deutschlandweite ökologische Konzeption eines Industriegebäudes.

Dass die Kalkulation für Bass und andere Unternehmen trotzdem aufgeht, davon sind Zeller und Stier gleichermaßen überzeugt: „Der entscheidende Punkt aus Sicht vieler Unternehmer: Eine PV-Anlage erzeugt günstigen Strom. Ein Batteriespeicher sorgt dafür, dass es ihn genau dann nutzen kann, wenn es ihn braucht“, argumentiert Stier.

„PV ist betriebswirtschaftlich ein lohnender Baustein. Denn selbst bei konservativen Annahmen liegen die Renditen im zweistelligen Bereich.“ Moderne Anlagen lieferten oft 20 Jahre und länger stabile Erträge. Gerade Industrieunternehmen mit hohem Eigenverbrauch profitieren aus seiner Sicht doppelt – wer günstigen Solarstrom nutzt, kann unter Umständen seine Stückkosten für Produkte senken. „Das stärkt die Wettbewerbsfähigkeit“, bekräftigt Stier.

Die Würth-Gruppe plant den Bau zweier Windkraftanlagen

Wettbewerbsfähig und bei Energie so autark wie möglich sein – das will auch die Würth-Gruppe. Nicht allein mit Sonnen-, sondern sogar mit selbst erzeugter Windenergie. „Die Adolf Würth GmbH & Co.KG (AW KG) und die SWG Schraubenwerk Gaisbach GmbH, die ebenfalls zur Unternehmensgruppe gehört, planen bis 2028 den Bau von zwei Windkraftanlagen im Landkreis Schwäbisch Hall“, bestätigt Norbert Heckmann, Mitglied der Konzernführung.

Aktuell laufe das Genehmigungsverfahren für die beiden Windkraftanlagen direkt an der A6 zwischen Untermünkheim-Übrigshausen und Kupferzell-Westernach. Mit Blick auf die geopolitischen Entwicklungen sollen nach seinen Worten die Abhängigkeit von externen Energiequellen reduziert, und zugleich die Versorgungssicherheit und die eigene Wettbewerbsfähigkeit am Standort Deutschland erhöht werden.

Schließlich sei die Würth-Gruppe ein auf stetiges Wachstum ausgelegtes Unternehmen, „der konsequente Ausbau erneuerbarer Energiequellen ist Teil unserer langfristigen Zukunftsstrategie“, sagt Heckmann. „Ergänzend entsteht am Campus Gaisbach eine neue Energiezentrale. Dort wird der der selbst erzeugte Strom aus Windkraft und Freiflächen-Photovoltaik gebündelt und die Energieversorgung des Campus deutlich effizienter gesteuert.“ Bislang decken 10.500 Quadratmeter Photovoltaikmodule mit zwei Megawatt Leistung zehn Prozent des Energieverbrauchs am Campus.

„Wind- und Solarenergie ergänzen sich technologisch ideal“

Die Investition in eine neue Energieversorgung inklusive Anbindung an die Standorte der AW KG und SWG –  Medienberichten zufolge in zweistelliger Millionenhöhe – ist für Heckmann ein „klares Bekenntnis zum Standort Deutschland und damit auch zur Region Hohenlohe“. Schließlich erwirtschafte man knapp 40 Prozent des Umsatzes hierzulande.

Für ihn ist es deshalb betriebswirtschaftlich nur folgerichtig, auf Windkraft- und Photovoltaikanlagen für die Eigenstromerzeugung zu setzen: „Wind- und Solarenergie ergänzen sich technologisch ideal, weil sich ihre Erzeugung saisonal und wetterbedingt häufig ausgleicht.“ Die AW KG nutzt nach eigenen Angaben ohnehin schon seit 2021 zu 100 Prozent Grünstrom.

Auch das SWG Schraubenwerk als zweiter Betreiber des geplanten Gemeinschafts-Windparks setzt schon heute auf Erneuerbare. Am Standort Waldenburg leistet Photovoltaik aktuell 2,3 Megawatt Peak (MWp) für SWG, Ende des Jahres soll sich sich der Wert auf 7,7 MWp mehr als verdreifacht haben, berichtet Geschäftsführer Roland Janner.

„Nach dem vollständigen Ausbau der geplanten PV- und Windkraftkapazitäten – vorgesehen ab dem vierten Quartal 2028 – wird SWG jährlich rund 22,4 Millionen Kilowattstunden grünen Strom selbst erzeugen – und etwa 90 Prozent davon direkt vor Ort nutzen“, kalkuliert er.

Umfassende Transformation der Energieversorgung

Der Ausbau ist Janner zufolge Teil einer umfassenden Energietransformation, bei der Fertigungsprozesse elektrifiziert werden sollen, die bislang mit Gas liefen. Außerdem solle Prozessabwärme genutzt und ein Puffer- und Speicherkonzept aufgebaut werden. Am Ende werden AW KG und SWG  zusammengenommen etwa 70 Prozent ihres Bedarfs aus eigenen „grünen Quellen“ decken können.

Noch eine dritte CO2-neutrale Alternative könnte künftig Fahrt aufnehmen: Wasserstoff. Bei dem hohen Potenzial, das das Öko-Institut und der Regionalverband für Solar- und Windenergie attestieren, könnte H2 mittels Elektrolyse aus der überschüssigen Ausbeute von Sonne und Wind gewonnen werden.

Innerhalb der Würth-Gruppe ist man jedenfalls schon auf das grüne Gas vorbereitet. Die Arnold Umformtechnik GmbH & Co. KG mit Firmensitz in Forchtenberg, die ebenfalls zur Unternehmensgruppe gehört, investierte im vergangenen Jahr in Dörzbach in neue Härteöfen, die sich innerhalb von drei Monaten auf Wasserstoff statt Erdgas umgestellt werden können, berichtet COO Bernd Weidner: „Wir sind vollständig H2-ready“.

Auch beim Wasserstoff will Heilbronn-Franken Vorreiter werden

Was Strom angeht, nutzt Arnold nach eigenen Angaben bereits ausschließlich regenerativ erzeugte Energie – zehn Prozent stammen aus PV-Anlagen auf den eigenen Dächern und Fassaden-PV am Standort Dörzbach. Bei H2 ist der Anbieter für Befestigungstechnik und -systeme geradezu in einer Vorbildrolle, denn Wasserstoff sei für viele Unternehmen interessant – insbesondere in Branchen mit energieintensiven Prozessen, „oder dort, wo H2 als Ersatz für Erdgas oder Kohle eingesetzt werden sollen.“

Noch läuft der Betrieb in Dörzbach allerdings herkömmlich: „Die technischen Voraussetzungen sind geschaffen – die Umsetzung scheitert derzeit jedoch an einer fehlenden, bezahlbaren und stabilen H2-Infrastruktur“, bedauert Weidner. Doch die Chancen stehen gut für alle, die auf den Hochlauf warten: Die Region will auch bei dieser Technologie Vorreiter werden.

Akteure wie die Initiative H2Impuls, das Projekt „Hydrogenium“, Technologietransfer-Vorhaben wie H2Orizon und das H2-Innovationslabor Heilbronn-Franken zeigen: Bei grünem Gas tritt die Region nicht auf die Bremse, sondern „gibt Stoff“ – besser gesagt, Wasserstoff.      

Natalie Kotowski

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