Mit Smart Metering zur Klimaneutralität: Weshalb Daten der Motor der Energiewende sein können

Techem ist längst mehr als ein Heizungskostenableser. CEO Matthias Hartmann digitalisierte das Unternehmen und machte es zum weltweiten Produkt- und Lösungsanbieter. Über diese Transformation hat er beim Weltmarktführergipfel gesprochen – und darüber, warum Daten der Schlüssel zur erfolgreichen Energiewende sind.

Smart Metering
Smart Metering kann nach Ansicht von Techem-CEO Matthias Hartmann die regionale Energiewende vorantreiben. Foto: Techem GmbH

Herr Hartmann, Sie betonen immer wieder, dass „Dekarbonisierung Daten braucht“. Warum hängen Energiewende und Digitalisierung so eng zusammen?

Matthias Hartmann: Die Energiewende lässt sich ohne digitale Lösungen nicht umsetzen. Wir sprechen heute nicht mehr von wenigen großen Kraftwerken, sondern von Millionen dezentraler Erzeuger, wie etwa Photovoltaikanlagen oder Windparks. Und auf Verbraucherseite von Millionen von Wärmepumpen, Batteriespeichern und E-Fahrzeugen, die sinnvollerweise an die fluktuierende Erzeugung der erneuerbaren Energien angepasst werden müssen.

Diese Vielfalt macht das System komplexer und erfordert eine intelligente Steuerung. Dafür sind Daten unverzichtbar: Sie ermöglichen Transparenz, sie helfen, Verbrauch und Erzeugung in Echtzeit aneinander anzugleichen und auszubalancieren und sie schaffen die Grundlage für Effizienz. Wer jetzt in digitale Infrastruktur investiert, legt den Grundstein für eine klimaneutrale Zukunft und senkt gleichzeitig die Betriebskosten. Das ist nicht nur eine ökologische, sondern vor allem auch eine wirtschaftliche Chance.

Das Potenzial von Datenplattformen und Smart Services

Der neue Techem Atlas 2025 zeigt, dass moderne Technik wie Wärmepumpen und digitale Messtechnik enorme Effizienzpotenziale bieten. Wie können Datenplattformen und Smart Services die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Immobilienwirtschaft sichern?

Hartmann: Der Techem Atlas 2025 beweist, wie groß die Hebel sind: Wärmepumpen und digitale Betriebsführung können den Energieverbrauch erheblich senken. Bereits die Hälfte der zentral beheizten Mehrfamilienhäuser in Deutschland sind ohne Heizkörpertausch für Niedertemperatursysteme wie Wärmepumpen geeignet. Mit Tausch steigt der Anteil sogar auf 90 Prozent. Aber diese Technologien entfalten ihre Wirkung erst, wenn sie intelligent vernetzt sind. Datenplattformen und Smart Services schaffen genau diese Verbindung. Sie geben Eigentümern und Verwaltern die Möglichkeit, Verbrauchsdaten in Echtzeit zu analysieren und Anlagen optimal zu steuern.

Wieviel Ersparnis bringt das?

Hartmann: Schon heute sehen wir, dass sich mit einer digitalen Monitoring-Lösung für bestehende Heizsysteme bis zu 15 Prozent Energie einsparen lassen – ganz ohne bauliche Maßnahmen. In Zeiten hoher Energiekosten ist das ein entscheidender Vorteil. Wer diese Potenziale nutzt, steigert nicht nur die Wirtschaftlichkeit, sondern auch den Wert seiner Immobilie.

Den Rollout von Smart Metern und digitalen Lösungen beschleunigen

Dennoch hat der Gebäudesektor seine Klimaziele in den vergangenen Jahren wiederholt verfehlt. Halten Sie regulatorische Impulse für nötig, damit Deutschland bei den Energiekosten nicht dauerhaft hinterherhinkt?

Hartmann: Ja. Wir brauchen klare Rahmenbedingungen, damit Deutschland bei den Energiekosten nicht dauerhaft zurückfällt. Aber bitte marktorientiert und technologieoffen. Die CO₂-Abgabe ist ein gutes Beispiel für einen wirksamen Anreiz. Was wir nicht brauchen, sind zusätzliche Preisobergrenzen im Smart-Meter-Geschäft, die Innovation bremsen oder gar Einschränkungen des Wettbewerbs. Und wir müssen Bürokratie abbauen, damit der Rollout von Smart Metern und digitalen Lösungen endlich Tempo bekommt. Wenn wir hier nicht schneller werden, riskieren wir, dass andere Länder uns bei der Energiewende überholen. Geschwindigkeit und eine gute Zusammenarbeit zwischen Politik und Wirtschaft sind jetzt entscheidend.

Wie viel Hoffnung weckt der Bau-Turbo der Bundesregierung bei Ihnen?

Hartmann: Der Bau-Turbo ist ein wichtiges Signal, aber Neubau allein löst das Problem nicht. Der Bestand ist entscheidend – und hier müssen digitale Lösungen integriert werden. Wir können nicht warten, bis alle Gebäude neu gebaut sind. Mit intelligenter Steuerung und Smart Services lassen sich heute schon große Effizienzpotenziale heben. Das ist der schnellste Weg, um die Klimaziele im Gebäudesektor zu erreichen. Digitalisierung ist dabei der Schlüssel.

Intelligente Steuerung für autarke Energiesysteme als Chance für den Mittelstand

Welche Chancen sehen Sie speziell für mittelständische Unternehmen im ländlichen Raum, wenn es um autarke Energiegewinnung und die intelligente Steuerung von Verbrauchsdaten geht?

Hartmann: Die Chancen sind enorm. Autarke Systeme wie Photovoltaik und Wärmepumpen brauchen intelligente Steuerung, um wirtschaftlich betrieben zu werden. Smart Metering ist die Grundlage dafür. Nicht nur mittelständische Unternehmen können so Energiekosten senken, neue Geschäftsmodelle entwickeln und sich unabhängiger vom Energiemarkt machen. Unternehmen, die jetzt investieren, sichern sich Wettbewerbsvorteile und tragen aktiv zur regionalen Energiewende bei. Das ist nicht nur eine technische, sondern auch eine strategische Entscheidung.

Wie kann Techem dabei Orientierung für Kommunen und Unternehmen bieten – ob in Heilbronn-Franken oder bundesweit?

Hartmann: Wir bieten Orientierung durch Daten und Analysen. Mit dem Techem Atlas geben wir beispielsweise jährlich einen Überblick über die Effizienzpotenziale im Gebäudesektor und liefern wichtige Hinweise für die kommunale Wärmeplanung. Und mit digitalen Plattformen wie unserem ESG-Dashboard helfen wir Kommunen und Unternehmen, Entscheidungen auf Basis belastbarer Daten zu treffen – von der Sanierung bis zur Finanzierung. So schaffen wir Transparenz und machen die Energiewende planbar und wirtschaftlich tragfähig.

Die Vorteile von Smart Metering

Viele Vermieter und Eigentümer stehen Smart Metering allerdings noch kritisch gegenüber, vor allem wegen der Kosten. Wie überzeugen Sie Skeptiker, dass Investitionen in digitale Messsysteme nicht nur ökologisch, sondern auch ökonomisch sinnvoll sind?

Hartmann: Meiner Ansicht nach sollten sich Vermieter und Eigentümer von der Faktenlage überzeugen lassen – die ist nämlich recht eindeutig: Strom wird im Zuge der Energie- und Wärmewende zur zentralen Energiequelle. Ohne digitale Messsysteme lässt sich diese Transformation nicht steuern. Wenn viel Wind- und Sonnenstrom im Netz ist, ist das Angebot hoch und die Preise niedrig. Das sind die Stunden, in denen wir unsere Wärmepumpen betreiben und die E-Autos laden sollten. Dann profitieren alle von den Kostenvorteilen.

Smart Metering ist also kein Selbstzweck, sondern eine Grundvoraussetzung für die Energiewende und die Basis für dynamische Stromtarife und Mieterstrommodelle. Darüber hinaus zeigen Studien seit Jahrzehnten: Wer seinen Verbrauch kennt, handelt effizienter. Denn Transparenz schafft Bewusstsein – Bewusstsein verändert Verhalten und das ist wiederrum sowohl ökologisch als auch ökonomisch sinnvoll. Wer also heute investiert, senkt langfristig Kosten und reduziert CO₂-Abgaben.

„Die ideale Zukunft ist vernetzt, digital und klimaneutral“

Wie treibt Techem die Digitalisierung im Gebäudesektor so voran, dass die Energiewende nicht nur technisch möglich, sondern auch wirtschaftlich tragfähig wird?

Hartmann: Wir investieren massiv in die digitale Infrastruktur. Mit der Mehrheitsbeteiligung an Inexogy wollen wir den Smart-Meter-Rollout beschleunigen und in den nächsten fünf Jahren rund 320 Millionen Euro investieren. Gleichzeitig bauen wir unsere Datenplattform aus und entwickeln digitale Lösungen, die unseren Kunden helfen, ihre Energiedaten effizient zu nutzen, etwa für die Finanzierung oder das Asset-Management. Unser Ziel ist klar: Wir wollen der führende Dekarbonisierungspartner im Gebäude sein.

Wie sieht für Sie die energietechnisch ideale Zukunft aus?

Hartmann: Die ideale Zukunft ist vernetzt, digital und klimaneutral. Gebäude sind mit Wärmepumpen, Photovoltaik und Smart Metering ausgestattet. Alle Verbrauchsarten werden digital erfasst und intelligent gesteuert. So schaffen wir Netzstabilität, senken Kosten und erreichen die Klimaziele. Energiespeicher spielen dabei eine Schlüsselrolle: Sie ermöglichen, überschüssigen Strom aus erneuerbaren Quellen flexibel zu nutzen und machen das System resilient gegenüber Schwankungen. Das ist keine Vision mehr – die Technologien sind da. Jetzt müssen wir sie konsequent umsetzen.

Interview von Natalie Kotowski


Zur Person

Matthias Hartmann ist seit 2020 Chief Executive Officer (CEO) der Techem GmbH. Unter seiner Regie wurde aus dem Eschborner Unternehmen, für das mehr als 4.200 Mitarbeitende in 18 Ländern tätig sind, ein führender digitaler Energie-Effizienzdienstleister für die Immobilienwirtschaft.


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