Tacheles statt Schönreden – die Gäste beim „Davos des Deutschen Mittestands“ wirkten nach zwei Konferenztagen voll positiver Aufbruchsstimmung. Vielleicht waren es gerade die kritischen und besorgten Stimmen, die die Unternehmer beflügelten.

Draußen vor dem Bürokomplex der Bausparkasse Schwäbisch Hall ließen zwei Arbeiter bereits die Flaggen mit dem „Gipfeltreffen der Weltmarktführer“-Logo hinunter. Der offizielle Teil der Konferenz war beendet. Drinnen netzwerkten viele Gäste einfach weiter. Und mittendrin stand ein strahlender Gastgeber: Baden-Württembergs ehemaliger Wirtschaftsminister Dr. Walter Döring, der mit seiner Akademie der Weltmarktführer vor 16 Jahren den Gipfeltreffen initiiert hatte.
Er musste viele Hände schütteln – von regionalen und überregionalen Unternehmern, den Vertretern der chinesischen Delegation, den Mitgliedern des Senats der Wirtschaft, der Mannschaft der WirtschaftsWoche, die das Event seit zehn Jahren ausrichtet. Sie alle gratulierten und dankten dem geistigen Vater der Veranstaltung für die Impulse der Zuversicht, die sie mitnahmen. „Dieser Gipfel war ein Mutmacher“, lautete sein Fazit kurz und bündig.
Ein lösungsorientiertes Gipfeltreffen voller Optimismus
Damit hatte Döring die Stimmung der Konferenztage treffend zusammengefasst: Der Weltmarktführergipfel entließ die meisten Anwesenden mit Zuversicht und Gestaltungswillen. Viele, die sich an das Gipfeltreffen vor einem Jahr erinnerten, empfanden die Stimmung in diesem Jahr als „wohltuend unaufgeregt“, „lösungsorientiert“ und „optimistisch“. Einen möglichen Grund dafür hatte Döring zum Auftakt der Highlight Session im Carmen Würth Forum schon benannt – und dafür tosenden Beifall geerntet: „Mir hat einer der Teilnehmer gesagt, er habe überhaupt keine Politiker vermisst.“
Ob das ein Zeichen dafür war, dass die Unternehmer mit dem Kurs der Bundespolitik hadern, oder dafür, dass die Keynotes und Paneldiskussionen ihnen die eigenen Stärken vor Augen führten, sei dahingestellt. Doch viele schienen zu spüren, das auch für sie selbst galt, was Biathlon-Olympiasiegerin Magdalena Neuner im Gespräch mit WirtschaftsWoche Ressortchefin Varinia Bernau so ausgedrückte: „Ich habe mir immer bewusst gemacht, was ich kann – und auch, dass ich viel mehr schaffen kann, als ich manchmal denke.“
Dieses Bewusstsein für die eigene Kraft scheint in einigen Teilen des Mittelstands zu herrschen – und zumindest unter den Gipfelgästen wirkte die eigene Stärke ganz offensichtlich wie vertrauensbildend gegenüber der Bundesregierung. In einer Blitzumfrage am ersten Konferenztag hatte mittels erhobener Farbkärtchen deutlich mehr als die Hälfte mit „Ja“ gestimmt bei der Frage, ob die Gäste Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) den erhofften Wirtschaftsaufschwung noch zutrauen. „Mehr Optimismus geht nicht“, hatte Döring das Ergebnis abends kommentiert.
„Machen, nicht meckern“
Mancher Unternehmenslenker hatte sich zuvor schon in ihren Redebeiträgen klar positioniert – etwa Dr. Reinhard Zinkann, Geschäftsführender Gesellschafter von Miele, in seinem starken Auftritt beim CEO-Abend: „Ich finde es schlimm, wenn man sich als Unternehmer zu sehr auf die Politik verlässt. Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass ein Friedrich Merz innerhalb eines Jahres keine Wunder vollbringen kann“, sagte er. Das sei keine Überraschung – die Probleme lägen zu tief, um sie „über Nacht“ zu lösen.
„Es herrscht in der Gesellschaft ein gewisses Anspruchsdenken. Wenn Sie irgendwo etwas abschneiden, geht von allen Seiten das Geschrei los. Dabei haben wir im europäischen Vergleich kurze Arbeitstage, 30 Tage Urlaub und, zumindest im Süden Deutschlands, 14 Feiertage und frühen Renteneintritt.“ Solchen Herausforderungen in der Wahrnehmung müssten sich Unternehmer stellen und Mitarbeiter bei notwenigen Veränderungen mitnehmen. Sein Appell: „Machen, nicht meckern!“.
Die freiheitlich-demokratische Grundordnung wahren
Einer, der genau das getan hat, und der viele der Gäste nach deren Aussagen stark beeindruckte, war Stefan Klebert, Vorstandsvorsitzender und CEO der GEA Group. Er führte die Unternehmensgruppe aus einer Phase der Schwäche heraus zu einem der weltweit größten Systemanbieter für die Nahrungsmittel-, Getränke- und Pharmaindustrie und hinein in den DAX. An Wunder glaubt er dabei offensichtlich nicht, sondern eher daran, dass sich Klarheit und Konsequenz auszahlt: Unter Klebert baute GEA nach seiner Darstellung 800 Stellen ab und tauschte die Hälfte des Führungspersonals.
„Wir brauchten visionäre, umsetzungsstarke Leader“, sagte er in seiner Keynote. Im anschließenden Gespräch mit Wirtschaftswoche-Chefredakteur Horst von Buttlar nahm auch er Stellung zur Bundespolitik. „Ich habe bei der Umfrage zu Friedrich Merz mit Nein gestimmt. Nicht, weil Merz das nicht könnte – aber ich glaube, wir sind in Deutschland sehr weit weg von einem gesellschaftlichen Konsens.“
Eine Tendenz, die auch Robert Friedmann, Konzernsprecher der Würth-Gruppe, beim CEO-Abend angesprochen hatte. Den Deutschen gehe es im internationalen Vergleich gut: „Wir sind immer noch drittgrößte Volkswirtschaft der Welt – und eines der reichsten, freiesten und sichersten Länder der Welt.“
Man müsse deshalb alles vermeiden, was zur gesellschaftlichen Spaltung beitrage. Denn das eigentliche Thema neben den aktuellen Diskussionen um Teilzeitregelungen und Erbschaftssteuern sei, „wie wir in Deutschland und Europa unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung, unser höchstes Gut, bewahren.“
Das 16. Gipfeltreffen der Weltmarktführer als „Mutmacher“
Und auch GEA-Sanierer Klebert verhehlte eine gewisse Skepsis nicht: In Gesprächen mit Politikern würde die Wirtschaft immer wieder aufgefordert, zu sagen, dass doch alles gar nicht so schlecht sei. „Ich sage: Doch, es ist schlecht. Und es hilft auch nichts, zu behaupten, alles ist super.“ Wie Miele-Chef Zinkann fand auch er, dass es in Deutschland echte, tiefgreifende Probleme gebe: kurze Arbeitszeiten, hohe Energiekosten, riesiger Bürokratieaufwand und vor allem mangelhafte Bildungspolitik – nach seiner Ansicht ein langfristiges Problem.
Selbst wenn dieses Parameter sich heute ändern, ließe sich das Ergebnis erst in 20 Jahren erkennen. Klebert mahnte: „Ja, noch ist es schön, und wir sind innovativ. Aber ich glaube, dass wir vieles ändern müssen, damit es auch in zehn bis 20 Jahren noch so ist.“
Warum dann am Ende das 16. Gipfeltreffen der Weltmarktführer dennoch ein „Mutmacher“ war, wie Döring es formuliert hatte? Vielleicht, weil niemand auf dem Podium es bei Diagnosen beließ – sondern weil die Impulse, Keynotes, Diskussionen und Gespräche am Rande der Veranstaltung anhand etlicher Beispielen zeigten, wie es vielen Unternehmen schon jetzt gelungen ist, strategisch und konsequent das Blatt wieder zum Positiven zu wenden.
Natalie Kotowski
Impressionen vom Gipfeltreffen






