Verpackungsmaschinenbau in der Transformation: Diese 3 Themen treiben die Branche besonders um

Eine gemeinsame Studie von Packaging Valley Germany und der Unternehmensberatung ensign advisory zeigt: Auch der Verpackungsmaschinenbau in Heilbronn-Franken benötigt eine neue Architektur, um im Wettbewerb zu bestehen. Welche drei Themen besonders drängen und warum ein „Weiter so“ gefährlich ist.

Verpackungsmaschinenbau Transformation
Unter Transformationsdruck: Manchem Zuhörer bei der Packaging Machinery Conference stand die Konzentration auf Zukunftsthemen ins Gesicht geschrieben. Dort wurde die gemeinsame Studie von Packaging Valley und ensign advisory initial vorgestellt. Foto: Packaging Valley Germany e.V.

Manchmal kann ein Umbau länger dauern als geplant. Dafür gibt es genug prominente Beispiele – vom denkmalgeschützten Stuttgarter Bahnhofshauptgebäude, dem Bonatzbau, bis zur Elbphilharmonie in der Hamburger Hafencity. Zehn Jahre dauerte die Verwandlung des alten Kaispeichers in ein Konzerthaus.

So viel Zeit dürfen sich die Unternehmen der Verpackungsbranche nicht lassen beim Umbau ihrer Geschäftsmodelle, wenn sie wettbewerbsfähig bleiben wollen – ungefähr das ist die Botschaft einer Marktstudie, die Packaging Valley Germany gemeinsam mit der Unternehmensberatung ensign advisory publiziert hat. Zu den Herausforderungen, vor denen die Branche steht, befragte ensign advisory Unternehmen des 125 Mitglieder starken Branchenclusters mit Geschäftsstellen in Waiblingen und Schwäbisch Hall.

Veränderungsdruck in drei strategischen Handlungsfeldern

Denn obwohl der VDMA (Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau e. V.)  zuletzt leichte Anzeichen von Aufschwung für den deutschen Verpackungsmaschinenbau meldete: „Aus unserer Sicht befindet sich die Branche in der Transformation“, hat Martin Buchwitz festgestellt, Geschäftsführer des Packaging Valley Germany. 

Druck zum Umbau von Geschäftsmodellen und Prozessen besteht laut der Studie in gleich drei strategischen Handlungsfeldern: Erstens steigen die Anforderungen an Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft aufgrund von Regulierung und Nachweispflichten. Zweitens erhöhen Digitalisierung, Automation und KI das Tempo, mit dem Effizienz im Vergleich zu Wettbewerbern steigen muss. Und drittens wachsen Marktanforderungen, Preis- und Technologiedruck im internationalen Wettbewerb.

Für die Verpackungsmaschinenbauer heißt das: das Fundament – die eigene Ingenieursexzellenz – sichern und gleichzeitig neue Fähigkeiten darauf aufbauen, um weiterhin vorn mitzuspielen. Ganz so, wie bei der Elbphilharmonie auf den jahrhundertealten Backstein die futuristische Glaswelle gesetzt wurde, damit ein neues Wahrzeichen entsteht.

Transformation braucht mehr als Pilotprojekte

Dass der Transformationsdruck steigt, darüber machten sich die für die Studie befragten Mitglieder im Packaging-Valley-Netzwerk keine Illusionen. Darüber, wie sie mit diesem Druck umgehen, gibt es indes große Unterschiede: „Die größte Überraschung war nicht die Bedeutung der Themen, sondern die Größe der Umsetzungslücke“, fasst es André Philipp zusammen, Associate Partner bei ensign advisory und Studienautor.

Besonders stark zeigt sich das bei Digitalisierung, Automatisierung und KI: 92 Prozent der befragten Packaging-Valley-Mitglieder sehen laut der Studie bei dem Thema einen hohen bis sehr hohen Handlungsdruck. Die Unternehmen – von KMU mit unter 50 Mitarbeitern bis zu großen Global Playern – hätten KI und Digitalisierung zwar mit 43 von 100 Punkten die mit Abstand größte Priorität eingeräumt, „trotzdem bleiben viele bei einzelnen Pilotprojekten stehen“, bemerkt Studienautor Philipp. Offensichtlich mangele es den Unternehmen nicht an Ideen, sondern an klaren Prioritäten, belastbaren Business Cases und der Fähigkeit, erfolgreiche Ansätze zu skalieren.

Ausgerechnet dort liegt aber aus Philipps Sicht der größte und schnellste Hebel für eine gelungene Transformation und damit Wettbewerbsfähigkeit, wenn die Unternehmen es klug anpacken: „Entscheidend sind keine breiten Technologieprogramme, sondern wenige Anwendungen mit klarem Business Case“, etwa KI und Digitalisierung für die Wiederverwendung von Engineering-Wissen, bei der Prüfung von Lastenheften, Angebotserstellung oder bei Analysen im Service einzusetzen. Das zeige sich im besten Fall an kürzeren Bearbeitungszeiten, weniger Fehlern, höherer Produktivität oder mehr Umsatz.

Nicht ganz so hoch stuften die Packaging-Valley-Mitglieder in der Marktstudie die Relevanz von Nachhaltigkeit für wettbewerbsfähige Geschäftsmodelle ein. Viele Teilnehmer adressieren Nachhaltigkeit bereits – etwa bei der Umsetzung der „Packaging and Packaging Waste Regulation“, kurz  PPWR, oder bei der Einführung des Digitalen Produktpasses. Die Umsetzung bleibt jedoch häufig auf Einzelinitiativen begrenzt. Studienautor Philipp sieht auch dort noch kurzfristigen Optimierungsspielraum, „etwa bei Energie- und Ressourceneffizienz, Retrofit, Materialflexibilität und Nachweisen“.

Rund drei Viertel erwarten mehr Wettbewerbsdruck

Ein vergleichsweise dickes Brett, das die Branche beim Umbau zu bohren hat, ist der Umgang mit internationalem Wettbewerb. In der Architektur künftiger Geschäftsmodelle ist es aber eine zentrale Stütze:  Die Mitglieder im Packaging Valley bringen es nach Angaben von Buchwitz insgesamt auf eine Exportquote von etwa 80 Prozent, rund drei Viertel der Studienteilnehmer erwarten zunehmenden Wettbewerbsdruck.

„Ein einheitliches Exportmodell aus Deutschland reicht nicht mehr“, diagnostiziert Philipp: China greife über Preis, Skalierung und technologische Weiterentwicklung an. Dort brauche es technologische Differenzierung und Anpassungen bei Kosten, Portfolio und Entwicklungstempo. Nordamerika erfordere lokale Präsenz und Servicefähigkeit – nicht nur Ersatzteil-, sondern systematisches Life-cycle-Geschäft auf Basis etwa von Remote-Diagnosen, Performance-Überwachung und updatefähigen Maschinen.

Indien und Südamerika benötigten nicht nur eine Niederlassung vor Ort als vielmehr angepasste Markt- und Partnerlogiken. Solche strategischen Entscheidungen „brauchen länger, dürfen aber nicht vertagt werden“, ist der ensign advisory-Stratege überzeugt. „Neue Wettbewerbsfähigkeit entsteht dort, wo technologische Stärke mit Datenfähigkeit, Service, Kosteneffizienz und regionaler Marktnähe verbunden wird“, heißt es zusammenfassend in der Studie.

Die Statik der Branche wird neu berechnet

Doch ist diese Erkenntnis wirklich neu? Oder waren diese Faktoren nicht schon in den 1990er Jahren und länger erfolgsentscheidend für Unternehmen – nicht nur in der Verpackungsbranche? „Doch“, sagt Philipp. „Verändert haben sich aber die Geschwindigkeit, die Wechselwirkungen und das Wettbewerbsniveau.“ Anders als heute hätten aber damals überlegene Mechanik, Qualität und ein starkes Exportmodell einen Vorsprung über viele Jahre abgesichert.

Doch offenbar wird die Statik der Branche gerade neu berechnet. Und sie ist komplex, weil alle drei in der Studie benannten Handlungsfelder ineinandergreifen. „Das darf aber nicht zur Ausrede werden“, mahnt Philipp. „Ein erheblicher Teil der Komplexität ist selbstgemacht. Zu viele parallele Initiativen, fragmentierte Systeme und unklare Verantwortlichkeiten binden Ressourcen, ohne das Ergebnis zu verbessern.“

Die richtige Reihenfolge sei: Ziel und Ergebnisbeitrag festlegen, Grundlagen wie Datenfähigkeit und Standardisierung schaffen, anschließend skalieren. Zunehmende Komplexität lasse sich nicht mit weiteren Projekten, sondern durch klare Entscheidungen beherrschen.

Die größte Gefahr heißt „weiter so“

Dass die Mitgliedsunternehmen im Packaging Valley aus einer starken Position heraus in die Zukunft gehen, darüber sind sich Geschäftsführer Martin Buchwitz und Philipp einig. „Heilbronn-Franken verfügt über technologische Stärke, tiefes Kundenwissen und ein leistungsfähiges Netzwerk“, sagt der Unternehmensberater. Und Buchwitz ergänzt: „Sowohl der Verpackungsmaschinenbau als auch die Automatisierungstechnik waren über Jahrzehnte weltweit führend.“

Genau darin liegt für ihn aber die Gefahr: „Dass man davon ausgeht, dass es mit den bislang bekannten Strategien, Prozessen und Vorgehensweisen so weiter geht.“ Philipps Einschätzung geht in die gleiche Richtung: „Besonders gefährlich ist, dass sich viele Unternehmen in einer Innovationsnische einrichten. Sie unterstellen, technologische Differenzierung werde ihre Premiumposition dauerhaft schützen, und unterschätzen den internationalen Wettbewerb.“ Innovation schaffe zwar Vorsprung, Profitabilität garantiere sie aber nicht.

Ein „Weiter so“ darf es nach Buchwitz‘ Ansicht jedenfalls nicht geben. Das zeigten die Automotive-Industrie oder der Werkzeugmaschinenbau eindrücklich. „Auch wenn es andere Branchen sind – wir als Verpackungsmaschinenbauer können viel davon lernen und sollten es auch tun“, mahnt er. Für ihn kommt die Studie nach eigenen Worten genau zur richtigen Zeit – sie gebe den Unternehmen klare Handlungsempfehlungen, passend für unterschiedliche Unternehmensgrößen.

Gute Voraussetzungen dafür, dass die Verpackungsbranche der Region schneller ist als seinerzeit die Verantwortlichen der Elbphilharmonie – sechs Jahre dauerte es vom ersten Entwurf bis zum Beschluss. Philipps Appell trifft es: „Nicht weiter über den perfekten Bauplan diskutieren. Fundament legen und bauen.“

Natalie Kotowski


Zu den Personen

Martin Buchwitz ist Geschäftsführer des Packaging Valley Germany e.V. André Philipp, Associate Partner bei ensign advisory, ist Mitautor der Marktstudie.


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