Die Packaging and Packaging Waste Regulation (PPWR) muss seit August umgesetzt werden. Vom ersten Tag hatte das Nachhaltigkeits-Regelwerk der EU Befürworter und Kritiker. Auch die Verpackungsindustrie in Heilbronn-Franken nimmt den Zwiespalt bei den Kunden wahr – sieht aber auch Wettbewerbschancen.

Während Menschen in Europa am 12. August 2026 die partielle Sonnenfinsternis bestaunten, ereignete sich, von großen Teilen der Öffentlichkeit unbemerkt, noch etwas anderes. Und das dürfte sich auf viele Unternehmen in Deutschland und der EU deutlich nachhaltiger auswirken als die wenigen Minuten Schattenwurf auf das Zentralgestirn: Seit diesem Datum muss die Packaging and Packaging Waste Regulation, kurz PPWR, schrittweise umgesetzt werden.
Umfassend – so könnte man die Vorschriften nennen, die auf 124 Seiten in 71 Artikeln und 13 Anhängen Nachhaltigkeit und Wiederverwertung von Verpackungen für den Binnenmarkt künftig regeln und damit die Wettbewerbsfähigkeit stärken sollen. Das Ziel: Verpackungen im gesamten EU-Raum ressourcenschonender und kreislauforientierter zu machen. In mehreren Stufen sollen die Anforderungen an Recyclingfähigkeit und Rezyklatanteile, Mehrwegquoten und Verpackungsminimierung, Kennzeichnungspflichten und die so genannte erweiterte Herstellerverantwortung steigen.
Letztere verpflichtet Produzenten, die Sammlung, Sortierung und Verwertung von Verpackungen, die sie in einem EU-Mitgliedstaat in Verkehr bringen, zu organisieren und zu zahlen. Seit die EU-Verordnung am 22. Januar vergangenen Jahres im Amtsblatt der Europäischen Union veröffentlicht worden war, hatte sie ihre Schatten vorausgeworfen: Herstellern, Händlern und der gesamten Verpackungsbranche blieben eineinhalb Jahre, sich auf die vereinheitlichten Standards einzustellen.,
Heilbronn-Franken stellt sich den neuen Verpackungsregeln
In Heilbronn-Franken haben die Unternehmen der Verpackungsbranche die Herausforderung angenommen – zum Beispiel der Crailsheimer Verpackungsmaschinenbauer Gerhard Schubert. Schon vor zwei Jahren startete das Unternehmen die Nachhaltigkeitskampagne Mission Blue. Fast zeitgleich mit dem offiziellen Inkrafttreten der PPWR-Verordnung eröffnete Anfang 2025 das Packaging Competence Center (PCC) der Schubert Group. Dort beraten Experten die Kunden unter anderem zu PPWR-konformen Materialien und Anforderungen an Maschinen.
Bei Schubert glaubt man an sonnige Aussichten für Unternehmen, die Nachhaltigkeit bereits praktizieren: „Einheitliche Anforderungen an Verpackungen und Materialien können die Kreislaufwirtschaft stärken, Handelshemmnisse abbauen und Planungssicherheit schaffen“, ist Michael Graf überzeugt, der das PCC leitet. Gleichzeitig erhöhe die Vorgabe den Druck auf alle Beteiligten, Verpackungen, Materialien und Prozesse neu zu denken. „Freiwilliges Engagement ist wichtig, reicht aber allein nicht aus. PPWR schafft einen gemeinsamen europäischen Rahmen“, sagt Graf.
Für die Kreislaufwirtschaft sei es eine wichtige Entwicklung, Verpackungen künftig stärker auf Ressourcenschonung, Recyclingfähigkeit und effiziente Rückführung der Materialien ausrichten zu müssen. Die Voraussetzung dafür benennt der PCC-Leiter klar: „Entscheidend ist, dass die Vorgaben klar, praxistauglich und wirtschaftlich umsetzbar sind.“ Doch genau daran zweifeln manche.
Wachsende Kritik an der Verpackungsverordnung
Denn kaum sollte die PPWR-Verordnung umgesetzt werden, verfinsterte sich insbesondere beim Handel die Stimmung: Wie das Fachmedium Euwid berichtet, unterstützt Lidl Deutschland die Forderung des europäischen Handelsverbands nach einer zwölfmonatigen Übergangsfrist bei der Umsetzung. Das Unternehmen der Schwarz Gruppe mit Sitz in Neckarsulm warnt demnach vor unklaren Auslegungen, Rechtsstreitigkeiten sowie fehlender Planungs- und Investitionssicherheit.
Die Berliner Zeitung berichtete gar von einem Brüsseler Beamten, der empfohlen haben soll, zentrale Vorschriften vorerst zu ignorieren – etwa bei Artikel 45. Dort heißt es, dass Händler, die verpackte Waren an andere EU-Staaten verkaufen, sich für die erweiterte Herstellerverantwortung registrieren müssen. In Ländern, in denen sie keine Niederlassung betreiben, müssen sie laut der Verordnung einen Bevollmächtigten einsetzen. Diese Pflicht könnte das Auslandsgeschäft für kleine Händler unrentabel machen, zum Beispiel für Winzer, Verlage oder Handwerksbetriebe, heißt es in der Berliner Zeitung.
Grenzüberschreitende Geschäfte werden komplexer
Doch was bedeutet das für die in Heilbronn-Franken starke Verpackungsbranche als wichtiges Glied in der Wertschöpfungskette? Wirft bei ihren Kunden der regulatorische Druck einen Schatten auf die an sich sinnvolle Verordnung? „Ja“, berichtet PPC-Leiter Graf. Kunden würden die grundsätzliche Richtung von PPWR zwar anerkennen. Aber: „In Gesprächen spüren wir Unsicherheit – insbesondere bei der konkreten Umsetzung, den Fristen und Verantwortlichkeiten“, hat er registriert.
Aus Sicht von Markus Feurer ist diese Zurückhaltung nachvollziehbar. Der geschäftsführende Gesellschafter der Feurer Group GmbH mit Sitz in Brackenheim, einem Anbieter von Mehrwegverpackungen, Thermoboxen und Co-Packing-Dienstleistungen für Industrie und Handel, erklärt: „Die PPWR ist grundsätzlich seit dem 12. August in Kraft. Gleichzeitig werden zahlreiche technische Anforderungen und konkrete Ausführungsbestimmungen erst in den kommenden Jahren definiert oder treten schrittweise bis 2030 in Kraft. Für viele Unternehmen entstehen dadurch Fragen, die heute noch nicht abschließend beantwortet werden können.“
Besonders für international tätige Unternehmen steige die Komplexität zusätzlich. „Registrierungen, Nachweispflichten und die erweiterte Herstellerverantwortung werden weiterhin in nationalen Strukturen umgesetzt. Das erhöht den Aufwand insbesondere bei grenzüberschreitenden Lieferketten.“ Zu einer grundsätzlichen Investitionszurückhaltung führt das nach seiner Einschätzung aktuell nicht, „wir stellen aber fest, dass der Bedarf an belastbaren Informationen, klarer Dokumentation und langfristig tragfähigen Lösungen deutlich zunimmt.“
Chancen für Vorreiter der Verpackungsbranche
Wie Schubert – unter anderem mit dem PCC – hat sich auch Feurer frühzeitig mit nachhaltigen Verpackungssystemen beschäftigt und unter der Systemplattform „Flexility“ Lösungen für Mehrwegverpackungen, ressourcenschonende Materialkonzepte und recyclinggerechte Verpackungssysteme entwickelt. Für Markus Feurer bestätigt die PPWR einen Weg, den das Unternehmen bereits seit vielen Jahren verfolgt: „Nachhaltigkeit ist längst kein Zusatznutzen mehr, sondern eine grundlegende Anforderung an moderne Verpackungslösungen.
Unsere Kunden erwarten Systeme, die Ressourcen schonen, mehrfach eingesetzt werden können, logistische Prozesse verbessern und am Ende ihres Lebenszyklus sinnvoll verwertet werden.“ Gerade in der Automobilindustrie seien Verpackungen häufig über viele Jahre im Umlauf. Deshalb betrachte man bei Feurer nicht nur das Material, sondern das gesamte Verpackungssystem. Die Kunden erhielten nicht nur eine Verpackung, sondern Unterstützung bei der Entwicklung einer technisch, wirtschaftlich und regulatorisch tragfähigen Gesamtlösung.
Der Geschäftsführer sieht darin auch Chancen für die Branche: „Unternehmen, die sich frühzeitig fachlich, organisatorisch und technologisch auf die neuen Anforderungen vorbereiten, können von der PPWR profitieren. Aus unserer Sicht ist sie daher weniger ein Hemmnis als vielmehr eine Chance für innovative und nachhaltige Verpackungssysteme.“
Natalie Kotowski


