Das „KI-Betriebssystem“: AI-Experte Tristan Post erklärt, wie Unternehmen es strategisch nutzen

Alle sprechen über Künstliche Intelligenz – doch viele Unternehmen ringen noch um echten Nutzen im Arbeitsalltag. Warum es für einen Produktivitätsschub mehr braucht als nur Tools, erklärt AI-Experte Tristan Post.

Tristan Post
Auf den Tech Days spricht AI-Experte Tristan Post über die richtige Integration von Künstlicher Intelligenz. Foto: privat

Auf dem Zukunftswiesen Summit 2026 sprechen Sie über den Wandel, den künstliche Intelligenz gerade in Unternehmen auslöst. Worum geht es in Ihrem Vortrag konkret?

Tristan Post: In meinem Vortrag wird es darum gehen, dass wir gerade einen tiefgreifenden Umbruch erleben, der Unternehmen vor ähnliche Herausforderungen stellt wie damals der Wechsel vom Mainframe zum persönlichen Computer.

Inwiefern?

Post: Aus einem technischen Problem ist in den 1980er Jahren ein Business-Problem geworden. Es ging nicht mehr darum, wie ich meinen eigenen Computer zusammenbaue, sondern was der richtige Computer für mein Unternehmen ist. Entscheidend war die Frage: Was müssen meine Mitarbeitenden lernen, um echten Mehrwert zu schaffen? Genau an diesem Punkt stehen wir heute erneut – nur diesmal mit KI.

Drei Formen der Zusammenarbeit mit Künstlicher Intelligenz

Wie kann das gelingen?

Post: Auch damals musste man zuerst eine zentrale Entscheidung treffen: Welches Betriebssystem nutze ich im Unternehmen? Apple hatte das bessere System, Windows aber die besseren Business-Anwendungen – und diese Entscheidung hat jahrzehntelang die digitale Arbeitswelt geprägt. Heute stehen wir vor der gleichen Frage: Was ist das richtige Betriebssystem für KI in meinem Unternehmen?

Was meinen Sie damit konkret?

Post: Gemeint ist eine einheitliche, sichere Plattform, über die Mitarbeitende mit KI sinnvoll arbeiten können ohne zusätzlicher Hardware oder Programmierkenntnisse. Privat nutzen beispielsweise viele ChatGPT. Doch ChatGPT ist damit nicht automatisch die richtige Lösung für Unternehmen, denn hier spielen Datenschutz, Sicherheit, Identitäts- und Rechteverwaltung sowie nahtlose Integration eine große Rolle. Wichtig ist zu verstehen: Genau wie damals müssen wir unsere Mitarbeitenden befähigen, mit den neuen Werkzeugen produktiv zu arbeiten. Dafür brauchen sie die richtige Plattform und die richtigen Skills.

Wie schaut denn eine gute Zusammenarbeit mit KI im Unternehmen aus?

Post: Gute Zusammenarbeit mit KI im Unternehmen lässt sich im Wesentlichen in drei Formen unterteilen: Erstens kann KI Aufgaben vollständig automatisieren und damit Prozesse beschleunigen. Zweitens kann sie uns augmentieren, also unsere Fähigkeiten erweitern und uns beim Denken, Entscheiden oder Erstellen von Inhalten unterstützen. Und drittens gibt es KI-Agenten, die zunehmend an Bedeutung gewinnen: Dabei konfigurieren wir eine KI, geben ihr Ziele oder Aufgaben, und sie handelt anschließend selbstständig in unserem Namen – ähnlich wie ein Chatbot, allerdings deutlich leistungsfähiger und vielseitiger. Entscheidend ist jedoch nicht nur, was technologisch möglich ist, sondern wie die Nutzung von KI in der Praxis umgesetzt wird. Gute Zusammenarbeit mit KI muss effizient, effektiv, sicher und ethisch sein.

Die vier erforderlichen Kernfähigkeiten im Umgang mit KI

Welche Fähigkeiten braucht man dafür als Mitarbeitender?

Post: Vier Kernfähigkeiten sind entscheidend. Erstens: zu erkennen, welche Aufgaben man selbst macht und welche man an KI delegiert. Zweitens: exakt zu beschreiben, was man bekommen möchte – und zwar nicht nur was, sondern auch wie. Drittens: die Fähigkeit, KI‑Output kritisch zu überprüfen. Und viertens: ein verantwortungsbewusster Umgang, der Datenschutz, Transparenz und Ethik berücksichtigt. Diese vier Fähigkeiten sind die Grundlage für jede sinnvolle KI‑Nutzung, unabhängig von der Rolle.

Wo stehen die meisten Unternehmen in Bezug auf diese Fähigkeiten?

Post: Viele Mitarbeitende haben großes Interesse, aber es fehlt an Anleitung. Manche haben Angst, „etwas kaputt zu machen“. Andere testen etwas, bekommen kein gutes Ergebnis und schließen daraus, dass KI „nicht gut genug“ ist. Das liegt selten am Modell, sondern fast immer an mangelndem Verständnis. Wenn Unternehmen Enablement ernst nehmen, sehen wir regelmäßig, dass 60 bis 80 Prozent der Mitarbeitenden nach einem Jahr aktiv und wöchentlich KI nutzen. Dann entstehen plötzlich echte Produktivitätssprünge.

Hürden bei der KI-Implementierung in Unternehmen

Was hindert Unternehmen aktuell am meisten daran, KI wirklich breit nutzbar zu machen?

Post: Wir sehen vor allem zwei große Hürden. Erstens fehlt oft eine klare Entscheidung für eine Plattform – also das eigentliche Betriebssystem, über das Mitarbeitende sicher auf Sprachmodelle zugreifen sollen. Es gibt viele Optionen, etwa Copilot, ChatGPT Enterprise, Langdock oder Blockbrain. Häufig wurde aber noch nicht entschieden: „Das ist unser Tool – und damit dürft ihr auch sensible Daten verarbeiten.“ Wenn das fehlt, entsteht Verunsicherung und oft auch Frust: Mitarbeitende vergleichen die Qualität mit privaten Tools und fragen sich, warum sie im Unternehmen mit einem „Trabi“ arbeiten sollen, wenn sie privat den „Ferrari“ nutzen können. Das führt schnell zu Schatten‑KI und wird dann zum IT‑Nightmare.

Und die zweite Hürde?

Post: Der zweite Punkt betrifft den Rollout. Viele nutzen Künstliche Intelligenz wie die Suchmaschine Google und sind enttäuscht, wenn sie nicht sofort perfekte Ergebnisse bekommen. Dann heißt es: Das taugt nichts. Dabei liegt es meist daran, dass die Grundlagen fehlen. Spannend ist: In vielen Unternehmen wurde KI nicht top down eingeführt. Genauso wie in Schulen nicht die Lehrer, sondern die Schüler begonnen haben, KI zu nutzen. Wenn man diese Energie richtig führt, erleben wir, dass 60 bis 80 Prozent der Mitarbeitenden innerhalb eines Jahres zu aktiven, wöchentlichen Nutzern werden. Erst dann kann man wirklich strategische Fragen angehen und größere Use Cases identifizieren.

Und wenn diese Hürde überwunden wurde. Was ist dann der nächste Schritt?

Post: Wenn diese Basis geschaffen ist, beginnt der eigentliche Wandel – und der wurde schon vor Jahrzehnten vorausgedacht. Ein spannender Gedanke stammt von Steve Jobs aus dem Jahr 1981. Damals wurde er gefragt, was nötig sei, damit Computer ihren Weg in die Gesellschaft finden. Er sagte: Die Aufgabe sei nicht, Menschen an die Technologie anzupassen, sondern den Computer an den Menschen. Genau das sehen wir heute auch wieder. 

„Jeder Mensch kann zum Technologist werden“

Was verändert sich dadurch im Umgang mit Computern?

Post: Früher musste man programmieren oder zumindest Low Code/No Code verstehen, um einen Computer wirklich zu steuern. Jetzt kann ich zum ersten Mal in natürlicher Sprache mit einem Computer sprechen – so, wie ich mit einer Person sprechen würde. Wir haben damit einen technologischen Bruchpunkt erreicht. Seit Ende letzten Jahres hören wir von vielen Softwareentwicklern, dass KI mittlerweile besseren Code schreibt als sie selbst, wenn man klar formuliert, was man haben möchte. Dieser „Technology Gap“ ist erstmals überbrückt, und das bedeutet: Jeder Mensch kann zum Technologist werden – nicht nur im Programmieren, sondern grundsätzlich in der Umsetzung digitaler Lösungen.

Apropos Jobs: Wie groß ist die Gefahr, dass diese künftig von der Maschine übernommen werden?

Post: Kurzfristig werden keine Jobs verschwinden, aber die Aufgaben innerhalb der Jobs verändern sich stark. KI nimmt keine ganzen Berufe weg, sondern einzelne Tätigkeiten: administrative Schritte, Recherchen, Analysen oder erste Entwürfe. Jeder Beruf besteht aus vielen Aufgaben. Künstliche Intellgenz kann einige davon übernehmen oder unterstützen. Das schafft mehr Zeit für wertvollere Tätigkeiten, ermöglicht neue Aufgaben oder führt dazu, dass bestimmte Tätigkeiten insgesamt weniger Kapazität benötigen.

Was bedeutet das für Mitarbeitende?

Post: Man muss sich der Technologie öffnen. Die Aussage „KI ersetzt keine Menschen – aber Menschen, die KI nutzen, ersetzen jene, die es nicht tun“ trifft es sehr gut. Lebenslanges Lernen wird zu einem zentralen Skill. Gleichzeitig sehen wir einen Generationenkonflikt: Ältere haben über Jahre oder Jahrzehnte ein tiefes Verständnis für ihre Arbeit aufgebaut. Dieses Wissen ist entscheidend, um Ergebnisse richtig zu bewerten. Jüngere können KI zwar oft schneller bedienen, aber ihnen fehlt häufig die Expertise, die Ergebnisse auf einen Blick einzuschätzen und Qualitätsfehler zu erkennen.

Und wie sieht das Unternehmen der Zukunft aus?

Post: Jede Person wird ihren eigenen KI-Agenten haben, der recherchiert, koordiniert und Aufgaben übernimmt. Unternehmen müssen dafür sorgen, dass diese Systeme sicher und kontrolliert betrieben werden. Traditionsunternehmen werden zwar keine AI-native Unternehmen werden, aber, wenn sie es richtig machen, werden sie zu AI-first Unternehmen. Das heißt, sie nutzen KI in all ihren Prozessen und ermöglichen dadurch neue Formen von Produktivität und Innovation.

Interview von Teresa Zwirner


Zur Person

Tristan Post ist ein Experte für KI‑Strategie und Unternehmensführung. Als ehemaliger Senior AI Strategist einer führenden deutschen KI‑Initiative sowie AI Lead eines renommierten europäischen KI‑Startup‑Inkubators verfügt er über tiefgreifende Erfahrung in der praktischen Anwendung von KI. Sein Wissen vermittelt er zudem als Dozent an der Technischen Universität München und der Munich Business School.


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