Deutschland verliert beim Gründen an Tempo? Im Interview erklärt Google-Manager und Bestsellerautor Axel Täubert, warum Risikoscheu, fehlende Vielfalt und ein falscher Blick auf KI das Wachstum bremsen.

Sie nennen die Gründerwelt „gnadenlos und faszinierend zugleich“. Was ist 2026 die wichtigste Erkenntnis für die deutsche Start-up-Szene?
Axel Täubert: Die wichtigste Erkenntnis ist, dass wir den Erfindergeist und Gründerspirit nach Europa und insbesondere nach Deutschland re-importieren müssen. Wir haben hier eigentlich alles, was ein gedeihendes Start-up-Ökosystem braucht: gut ausgebildete Menschen, hervorragende Grundlagenforschung, eine starke industrielle Basis und Kapital. Die bittere Realität ist jedoch, dass unser Kapital deutlich risikofreundlicher agieren muss.
Woran scheitert dieser Mut zum Risiko in Deutschland aktuell am stärksten?
Täubert: Der deutsche Geldadel agiert leider oft eher als Entnehmer statt als Unternehmer. Wenn wir wollen, dass das nächste Siemens oder Daimler bei uns entsteht, müssen Start-ups endlich als das verstanden werden, was sie sind: die Lebensversicherung unserer Volkswirtschaft.
Diversität als Erfolgsfaktor und die Angst vorm Scheitern
In ihrem Buch „Founders‘ Stories: Scheitern als Geschäftsmodell“ haben Sie Diversität als Erfolgsfaktor betont. Wo steht Deutschland 2026?
Täubert: Diversität ist absolut erfolgskritisch, doch die Zahlen sind frustrierend: Der Anteil von Gründerinnen hat sich im Jahr 2024 sogar von 21 Prozent auf 19 Prozent reduziert. Wir können es uns als Gesellschaft schlichtweg nicht leisten und verpassen die Chance, dass die nächste Generation Unicorns von Frauen geführt wird. Der Mangel an weiblichen Vorbildern für junge Mädchen sorgt dafür, dass dieser Teufelskreis bestehen bleibt.
Genau deshalb freue ich mich besonders, in diesem Buch Geschichten starker Frauen wie Céline Flores Willers, Miriam Wohlfarth, Mona Ghazi und Sarah Fleischer zu erzählen, um diese dringend benötigten Role Models zu schaffen. Letztlich entsteht Innovation durch die Reibung unterschiedlicher Perspektiven; wenn alle Gründer den gleichen BWL-Hintergrund haben, kommen auch immer die gleichen Ideen dabei heraus.
Ein Punkt, der viele in Deutschland vom Gründen abhält, ist eben die Angst vorm Scheitern …
Täubert: Genau das muss sich ändern. In den USA gehört Scheitern zum guten Ton, während ihm hierzulande der Makel des Versagens anhaftet – das ist Gift für Innovation. Loslassen ist kein Scheitern.
Können Sie hier ein Beispiel nennen?
Täubert: Mona Ghazi lernte durch ihr erstes Projekt, dass man sich nicht in seine Idee, sondern in das Problem der Zielgruppe verlieben muss. Eine Idee aufzugeben, ist oft eine Entscheidung für Klarheit – und viel mutiger, als sich aus Stolz daran festzukrallen. Sarah Fleischer scheiterte zweimal und erkannte, dass der reine Wunsch, schnell reich zu werden, keine tragfähige Motivation für eine Gründung ist. Erst durch diese „Narben“ fand sie ihre wahre Mission, die Rohstoffabhängigkeit Europas zu lösen. Gesellschaft und Politik müssen verstehen: Eine Volkswirtschaft, die Fehler bestraft, wird stagnieren.
Auch in Band 2 zu „Founders‘ Stories“ kommen Gründende zu Wort
Im Juni erscheint ihr zweiter Band zu „Founders‘ Stories“. Warum brauchte es eine Fortsetzung?
Täubert: Nachdem ich für Band 1 bereits zehn prominente Gründerinnen und Gründer gewinnen konnte, wollte ich für den zweiten Band abermals eine gesunde Mischung zusammenstellen. Bislang unerzählte Storys des Scheiterns sollten genauso enthalten sein wie aus den Medien bekannte Erfolgsgeschichten.
Und was macht diesen Band besonders?
Täubert: Ich wollte sowohl die Stimmen langjähriger Serial-Founder als auch die von jungen Gründenden über deren allererstes unternehmerisches Unterfangen einfangen. Meine größte Motivation bleibt dabei ganz simpel: Wenn nur eine oder einer der Leserinnen und Leser anschließend beschließt, selbst zu gründen, hat sich der Aufwand für mich gelohnt.
Wenn Sie selbst heute wieder gründen würden – worauf würden Sie setzen?
Täubert: Die Voraussetzungen sind völlig andere als damals. Heute würde ich Vibe-Coding-Tools einsetzen wie Loveable oder AntiGravity. Damit reduzieren Start-ups heute schone ihre Time to MVP (minimal funktionsfähiges Produkt) von sechs auf zwei Monate. Außerdem würde ich mich wahrscheinlich auf Lösungen größerer Probleme fokussieren als damals. Das 10X Thinking habe ich erst bei Google und durch die Zusammenarbeit mit Unicorns gelernt. Die schaffen es dank solcher AI-Tools mittlerweile mit der Hälfte der Leute und in einem Viertel der Zeit, diesen Status zu erreichen.
Axel Täuberts Botschaft auf dem Zukunftswiesen Summit 2026
Stichwort AI: Wo überschätzen Start-ups das Potenzial neuer Technologien?
Täubert: Auch hier enthält das Buch ein paar schöne Beispiele: Céline Flores Willers erkannte nach dem Aufkommen von ChatGPT schnell, dass die Technologie zwar Texte schreiben kann, aber nicht die komplette Wertschöpfung einer Strategie abbildet. Erfolgreiche Kommunikation und Beratung benötigen weit mehr als nur Copy.
Wo offenbart sich die Kraft von KI?
Täubert: Das Start-up Enpal nutzt eine künstliche Intelligenz, um hunderttausende dezentrale Anlagen (Solar, Speicher, E-Autos) zu einem gigantischen, virtuellen Kraftwerk zu vernetzen, das an der Strombörse handelt. Und das Unicorn commercetools bereitet sich darauf vor, dass bis 2030 über 30 Prozent der Einkäufe größtenteils autonom von KI-Agenten durchgeführt werden. Hier liegt die wahre, disruptive Skalierungskraft.
Sie schreiben auch Kinderbücher über KI und Wirtschaft. Warum bringen Sie Unternehmertum in Geschichten für junge Leser?
Täubert: Es ist leider so, dass der Unternehmer schon in Kinderbüchern meistens der Böse ist. Als Kinderbuchautor versuche ich, genau mit diesem Klischee frühzeitig aufzuräumen. Unternehmen stehen nicht außerhalb der Gesellschaft, sondern sind ein Teil davon. Wir müssen Kindern vermitteln, dass es ein Mit- und kein Gegeneinander sein sollte, denn nur so schaffen wir Arbeitsplätze und sichern unseren Wohlstand
Auf dem Zukunftswiesen Summit 2026 sprechen Sie über Innovation und Transformation. Was ist Ihre Kernbotschaft – und warum gerade jetzt?
Täubert: Die zentrale Botschaft lautet: Start-ups sind kein Spielplatz für Abenteurer, sie sind die Lebensversicherung unserer Volkswirtschaft. Wir leben in einer Zeit der Polykrisen, die das bisherige „Geschäftsmodell Deutschland“ massiv herausfordern. Echte, disruptive Innovation entsteht selten in den bewahrenden Strukturen etablierter Konzerne, sondern dort, wo der Status quo nicht hingenommen wird. Wir können versuchen, den Status quo zu verwalten, oder wir können die Zukunft gestalten.
Interview von Teresa Zwirner
Zur Person
Axel Täubert ist Head of Startups, Northern & Eastern Europe bei Google. Er arbeitet zudem als Mentor, Speaker und Buchautor mit Fokus auf Innovation, KI und Gründungskultur. Mit seinen „Founders’ Stories“-Bänden und Kinderbüchern übersetzt er seine Erfahrungen aus der Tech und Startup Welt in inspirierende Geschichten für Jung und Alt.


