„Es gibt keinen Grund zur Resignation“: Crailsheims Oberbürgermeister Dr. Christoph Grimmer im Amt bestätigt

Crailsheim zählte in der Vergangenheit zu den Städten im Land, die am schnellsten wuchsen. Das birgt Chancen, aber auch Herausforderungen für Oberbürgermeister Dr. Christoph Grimmer, der Anfang November von mehr als 85 Prozent der Wähler im Amt bestätigt wurde.

Dr. Christoph Grimmer
Crailsheim wächst und gedeiht: Unternehmen investieren in den Standort, Quartiere werden entwickelt, die Stadt schuf in den vergangenen Jahren 1300 neue Wohnungen. Foto: Stadt Crailsheim

Herr Dr. Grimmer, ist Crailsheim eine optimistische Stadt – erst recht jetzt, wo sich die Bürger Anfang November so klar für Ihre zweite Amtszeit ausgesprochen haben?

Dr. Christoph Grimmer: Wer kann  schon permanent optimistisch sein? Aber starken Unmut bemerke ich in der Stadt nicht. Ich habe im Wahlkampf viele Gespräche mit den Bürgerinnen und Bürgern geführt und bekam überwiegend die Rückmeldung, dass die Menschen sehen, dass Crailsheim auf einem guten Weg ist. Wir sind ein großer Industriestandort mit wachsenden Unternehmen, in Crailsheim wird investiert. Grundsätzlich gab es deshalb im Wahlkampf auch nicht das eine dominierende Thema.

Die Zufriedenheit mit dem Status Quo zeigte sich im Wahlergebnis. Mehr als 85 Prozent der Wähler wollten, dass Sie Oberbürgermeister von Crailsheim bleiben.

Grimmer: Ich bin glücklich, dass ich nach acht Jahren noch einmal persönlich die Bestätigung für meine Arbeit bekomme – und sogar mehr Stimmen erhalten habe als 2017. Was vielleicht auch daran lag, dass es damals zwölf Kandidaten gab und diesmal nur drei. Trotzdem gibt es nie eine Garantie, sich durchzusetzen. Gleichzeitig bin ich auch nicht völlig überrascht – ich weiß, was ich während der vergangenen Amtsperiode getan habe, wie viele Entscheidungen und Projekte wir umgesetzt haben. Natürlich immer mit dem Team hier in der Stadtverwaltung, und mit Unterstützung des Gemeinderats. Ich hatte vorab keine Wechselstimmung wahrgenommen. Aber ich bin natürlich erleichtert, dass ich es jetzt schwarz auf weiß habe.

Crailsheim investiert im großen Stil

Kleiner Wermutstropfen: Es ging nur jeder dritte Crailsheimer überhaupt zur Wahl. In einer Vorab-Umfrage des SWR gaben viele befragte Bürger an, dass sie nicht planten, an die Wahlurne zu treten. Oft war die Begründung: kein Interesse an der weiteren Entwicklung der Stadt.

Grimmer: Die Aussage hat mich auch verwundert. Das kann ich nicht nachvollziehen.

Könnte das Ausdruck einer allgemeinen Verdrossenheit sein?

Grimmer: Ich bin vielleicht befangen, aber aus meiner Sicht gibt es in Crailsheim keinen Grund für Resignation. Wir haben ein Schulentwicklungsprogramm für 100 Millionen Euro beschlossen. Wir investieren in Kitas, in Sport- und Festhallen. In die Herstellung der Barrierefreiheit am Bahnhof, nachdem über Jahrzehnte nichts passiert ist. In das Bildungsangebot, in Planungen für die östliche Innenstadt und das Paradeisquartier, Freiraumplanung für sechs Teilbereiche in der Innenstadt, um ihr ein neues Gesicht zu geben, mit Begrünung und Verschattung. Auch in Spielmöglichkeiten für Kinder investieren wir und haben 1300 neue Wohnungen gebaut. Wenn man da resigniert ist, weiß ich auch nicht weiter.

Die Unternehmen bekennen sich zum Standort

Wie lässt sich die schwache Wahlbeteiligung in Ihrer Stadt denn dann erklären?

Grimmer: In Crailsheim ist sie leider im Landesvergleich immer schon niedriger. Es gibt unterschiedliche Erklärungsansätze. Die einen sagen, manche seien mit keinem der drei Kandidaten glücklich gewesen und hätten deshalb davon abgesehen, irgendeinem die Stimme zu geben. Andere sagen, das Ergebnis war so absehbar, dass viele keine Notwendigkeit sahen, zur Wahl zu gehen. Das ist trotzdem eine schwache Begründung. Ich habe mich als Amtsinhaber acht Jahre lang engagiert. Da wünsche ich mir schon, dass die Bürger sich eine halbe Stunde Zeit nehmen, um ein Kreuz zu machen und damit jenen Menschen, die heutzutage in der Gesellschaft noch Verantwortung übernehmen, etwas zurückzugeben.

Apropos etwas zurückgeben – die ansässigen Unternehmen tun das, indem sie sich klar zum Standort bekennen. Sie investieren sogar: Weltmarktführer Groninger baut beispielsweise für 30 Millionen Euro eine neue Montagehalle mit Bürokomplex, die größte Einzelinvestition in der Geschichte des Unternehmens.

Grimmer: Groninger, Schubert, Bürger, Procter & Gamble, Hanselmann und andere haben viel investiert. Dafür sind wir dankbar und versuchen das als Stadt, Verwaltung und Gemeinderat nach Kräften zu unterstützen. Es macht Freude, in einer Stadt zu wirken, in der so erfolgreiche Unternehmen beheimatet sind. Aber nicht nur die ganz Großen sind gemeint, wir haben hier auch starkes Handwerk und starke Landwirtschaft. Der Stadtteil Tiefenbach hat sogar die größten Dichte an Landwirten auf dem verfügbaren Raum in Baden-Württemberg.

Die Politik sollte stärker den Dialog mit der Wirtschaft suchen

Wie erleben Sie die Crailsheimer Unternehmer in Gesprächen, ist die Stimmung überall so gut?

Grimmer: Sie ist gemischt, um ehrlich zu sein. Wenn ich früher mit Unternehmen gesprochen habe, ging es um Themen wie: Was kann die Stadt tun, um attraktiver zu werden? Wie kann sie mehr Lebensqualität bieten? Mittlerweile höre ich immer häufiger generelle Fragen. Ich bekomme mit, dass Unternehmen sich überlegen, ob der Standort Deutschland noch der Richtige ist. Und das macht mir Sorgen. Wenn Deutschland im internationalen Wettbewerb ins Hintertreffen gerät, wenn über Bürokratieabbau mehr gesprochen als gehandelt wird, dann sind auch für uns größere Probleme zu befürchten.

Die Investitionen, die Sie angesprochen haben, deuten aber daraufhin, dass zumindest die Crailsheimer noch vergleichsweise optimistisch sind?

Grimmer: Ich glaube, ja. Die Wirtschaft ist heterogen. Gesunden, größeren Unternehmen fällt es vermutlich leichter als den kleinen Betrieben, gewisse Marktschwankungen zu verkraften – und im Wettbewerb um Fachkräfte mit ihrer Strahlkraft immer wieder Mitarbeiter zu finden. Grundsätzlich wünsche ich mir aber schon, dass die Politik den stärkeren Dialog mit der Wirtschaft und den Unternehmen sucht, um für unsere Unternehmen in Zukunft die richtigen Entscheidungen zu treffen. Das versuchen wir hier auf kommunaler Ebene – aber es ist auch wichtig, dass die Abgeordneten in Berlin diese Gespräche führen, um für die Unternehmen gute Entscheidungen zu treffen. Damit der Standort Deutschland auch in Zukunft wettbewerbsfähig bleibt.

Maßnahmen für ein verbessertes Sicherheitsgefühl

Die Unternehmen haben viele Neubürger angelockt, in den vergangenen Jahren zählte Crailsheim zu den am schnellsten wachsenden Städten in Baden-Württemberg.

Grimmer: Ursprünglich gab es Prognosen, dass die Einwohnerzahl sinken wird. Irgendwann hat man festgestellt, dass diese Vorhersagen nicht den Tatsachen entsprechen: Die Unternehmen prosperierten und die Stadt legte  an Bevölkerung zu. Daraufhin sind in kurzer Zeit relativ viele Wohnbaugebiete entwickelt worden. Und damit wuchs der Bedarf bei Infrastruktur, Verkehr, Kinderbetreuung. Die Herausforderung ist, alles in einen gesunden Einklang zu bringen.

Wie stark beschäftigt Sie als Oberhaupt einer rasant wachsenden Stadt das Thema Innere Sicherheit?

Grimmer:  Ich will gar nicht den Begriff Stadtbild diskutieren. Aber das Thema gefühlte Sicherheit beschäftigt zum Beispiel auch uns. Es ist eine Tatsache, dass Crailsheim von der Häufigkeit der Vorfälle pro hunderttausend Einwohner immer schon höher lag als beispielsweise Schwäbisch Hall.

Was tut die Stadt, um das in den Griff zu bekommen?

Grimmer: Wir arbeiten daran, das Sicherheitsgefühl der Menschen zu verbessern. Wir haben zum einen ein Sicherheitsaudit durchlaufen, unterstützt von der Uni Heidelberg und dem Institut für Kriminologische Forschung Baden-Württemberg , die das auch schon für andere Städte gemacht haben. Auf Basis dieser Ergebnisse wollen wir gemeinschaftlich mit der Polizei Maßnahmen ableiten. Zum anderen hat im Gemeinderat eine Fraktion jüngst 50.000 Euro für den Ausbau der Beleuchtung zwischen Bahnhof und Innenstadt beantragt. Außerdem haben wir schon vor einiger Zeit eine Masterplanung für das sogenannte Paradeisquartier am ZOB vorgelegt. Dieser Bereich liegt zwischen Bahnhof und Innenstadt. Dort halten sich immer wieder Gruppen auf, die Unbehagen auslösen. Solange sie sich dort nur aufhalten, ist das aus meiner Sicht nicht schlimm. Trotzdem fühlen sich die Menschen unwohl, an diesen Gruppen vorbeizugehen.

Stadtentwicklung in Crailsheim

Was soll dort künftig anders werden?

Grimmer: Wir wollen diesen Bereich im Zuge der Stadtentwicklung völlig verändern, hatten ihn für die Landesgartenschau-Bewerbung schon in der Planung. Stadtentwicklung funktioniert aber nicht so schnell, als dass nächstes Jahr alles umgekrempelt und bebaut wäre. Mittelfristig ist es das Ziel, diesen Bereich zu entwickeln – ganz unabhängig davon, dass sich besagte Gruppen dort aufhalten.

Das klingt, als ob der Kurs klar ist. Aber wieviel Verantwortung für Innere Sicherheit können Städte aktuell selbst überhaupt tragen?

Grimmer: Grundsätzlich haben wir das Ziel, dass sich jeder in unserer Stadt sicher fühlt. Aber man muss auch offen und ehrlich darüber reden, wo die Grenzen des Leistbaren sind. Vielleicht lassen sich noch ein oder zwei zusätzliche Stellen schaffen. Aber bei einer Stadt – und wir sind nur Mittelzentrum und keine Großstadt – ist es trotzdem nicht einmal im Innenstadtbereich möglich, überall Präsenz zu bieten. Wir können den Personalbedarf  nicht so ausdehnen, dass, überspitzt gesagt, jeder Bürger einzeln durch die Stadt begleitet werden kann. Man kann nie sicherstellen, dass nicht doch irgendwo etwas passiert.

Das konnte man aber noch nie sicherstellen.

Grimmer: Richtig. Das war vor 40, 60 Jahren nicht anders. Heute herrscht aber die Erwartungshaltung, dass die Stadt und der Bürgermeister Lösungen finden.

Dr. Christoph Grimmers Wünsche für die neue Amtszeit

Heißt das, Menschen delegieren heute zu viel Verantwortung?

Grimmer: Ja. Wenn man um 2 Uhr nachts allein durch die Stadt läuft, sollte man überlegen, ob man unbedingt die Abkürzung nimmt oder doch lieber den Weg an der Hauptstraße. Darauf hat jeder einzelne durch sein Verhalten Einfluss. Auch wenn die Zahlen der polizeilichen Kriminalstatistik erfreulicherweise aktuell rückläufig sind – trotzdem sind wir uns einig: Jedes Vorkommnis ist eines zu viel.

Sie sprachen die Grenzen des Leistbaren einer Stadt an. Glauben Sie, dass sich die finanzielle Ausstattung von Kommunen in absehbarer Zeit verbessern wird?

Grimmer: Sie muss sich verbessern. Die Kommunalen Landesverbände, Bürgermeisterinnen und Bürgermeister sind schon lauter geworden. Für mich geht es dabei um mehr als die Forderung, dass derjenige, der die Rechtsansprüche schafft, auch für die finanzielle Ausstattung sorgen muss. Dahinter stehe ich. Aber Aufgaben müssen auch personell leistbar sein. Geld hilft uns nicht, wenn wir niemanden finden, der die vorgesehenen Aufgaben übernimmt. Deshalb fordern die kommunalen Landesverbände eine Aufgabenkritik: Wir müssen die Standards hinterfragen, die in guten Zeiten geschaffen wurden – und prüfen, ob sie aktuell leistbar sind. Über Abstriche zu sprechen, ist aber unpopulär.

Was wünschen Sie sich für Ihre kommende Amtszeit als Oberbürgermeister?

Grimmer: Wir in Crailsheim haben viele richtungsweisende Entscheidungen auf den Weg gebracht, zum Beispiel in der Schulentwicklungsplanung, bei Kitas, bei den Sport- und Festhallen, in der Flächen- und Stadtentwicklung. Ich freue mich nun darauf, diese Entscheidungen umzusetzen.

Interview von Natalie Kotowski

Dr. Christoph Grimmer
Foto: Stadt Crailsheim

Zur Person

Dr. Christoph Grimmer studierte in Hamburg Diplom-Sportwissenschaft mit Schwerpunkt Medien & Journalistik. Parallel zu seiner Promotion arbeitete er anschließend bei der Nachrichtenagentur dpa und als selbstständiger Lehrbeauftragter. Als er 2017 erstmals in seiner Geburtstadt ins Amt kam, war er der jüngste Oberbürgermeister im Land.


Mehr zum Thema

Patrick Wegener

„Den Blick nach vorne wagen“: Patrick Wegener tritt bald sein Amt als jüngster Oberbürgermeister Deutschlands an

Anfang Juli wählten die Öhringer ihren neuen Oberbürgermeister: Patrick Wegener war zu diesem Zeitpunkt erst 30 Jahre alt. Er ist …

Harry Mergel als Heilbronner Oberbürgermeister wiedergewählt

Am Sonntag, den 6. Februar hat in Heilbronn die Oberbürgermeisterwahl stattgefunden. Der bisherige Amtsinhaber Harry Mergel wurde wiedergewählt, mit 81,5 …

Crailsheim will sich entwickeln – Oberbürgermeister Christoph Grimmer im Interview

Der Stadtstrand in Crailsheim soll für neue Aufenthaltsqualität sorgen. In Kürze eröffnet unweit davon ein geräuschloses Kino im Freien. Wir …