„Hightech braucht High-Education“: Daniel Khachab, Gründer und CEO der KI-First-Company Choco, im Interview

Deutschland spricht von digitaler Souveränität, bleibt aber in entscheidenden Bereichen noch zurück. Im Interview erklärt Daniel Khachab, wo die größten Lücken liegen, warum KI die Spielregeln radikal verändert und weshalb Unternehmen den Mut zur Selbst-Kannibalisierung brauchen.

Daniel Khachab
Daniel Khachab, Gründer und CEO von Choco, fordert Spitzenunis, damit Europa seine digitale Souveränität sichern kann. Foto: Choco

Was bedeutet digitale Souveränität für Sie im Kontext eines starken europäischen KI‑Standorts?

Daniel Khachab: Digitale Souveränität bedeutet für mich, dass die gesamte digitale Wertschöpfungskette lokal abgedeckt ist. Sie beginnt bei der Ausbildung. Das bedeutet, dass Deutschland Universitäten braucht, die international zu den Top Fünf gehören. High Tech braucht High Education. Aktuell haben wir jedoch keine einzige Hochschule unter den Top 20. Das muss sich ändern.

Welche Bereiche sind entscheidend, damit Deutschland seine gute Ausgangsposition voll ausschöpfen kann?

Khachab: Zur Hardware gehören Chip-Produktion, Rechenzentren und Energie. Deutschland und auch die EU bauen keine führenden Chips im Zwei- bis Fünf-Nanometer-Bereich. Es gibt keine Rechenzentren von international wettbewerbsfähiger Größe. Gleichzeitig fehlt ausreichend verfügbare Energie, um sie zu betreiben.

Auf der Softwareseite produzieren wir zwar exzellente Talente, können sie aber nicht halten. Der Grund sind zu flache Kapitalmärkte. Sie erlauben keine Finanzierung von Unternehmen, die wie OpenAI oder Google in Weltklasse-Forschung investieren. Digitale Souveränität bedeutet daher Chips, Rechenzentren, Energie, Talente und Kapital. In allen fünf Bereichen haben wir gute Voraussetzungen. Aktuell bleiben wir jedoch hinter unseren Möglichkeiten zurück.

Liegt das eher an fehlender Vision oder an Strukturen?

Khachab: An beidem. Wir haben großartige Ingenieure und Unternehmer, aber die Rahmenbedingungen sind nicht wettbewerbsfähig. Kapitalmärkte, Bürokratie und fehlende Risikobereitschaft bremsen uns aus.

KI-First-Company Choco wurde in 16 Monaten zum Unicorn

Apropos Talente. Was braucht es, um diese auch hier zu halten?

Khachab: Die größten Talente wollen in den besten Teams arbeiten, in exzellenten Forschungsumgebungen und an den relevantesten Problemen. Und sie wollen dafür angemessen bezahlt werden. Um Talente in Deutschland zu halten, müssen wir ermöglichen, dass Unternehmen wie Google, OpenAI oder Apple auch hier gegründet werden und wachsen können.

So wie Choco. Das Unternehmen ist in wenigen Jahren vom Startup zum Unicorn gewachsen. Was war der entscheidende Wendepunkt auf diesem Weg?

Khachab: Es gab keinen einzelnen Wendepunkt. Wir haben von Anfang an sehr groß gedacht, extrem viel gearbeitet und sind unserer Vision konsequent treu geblieben. Bereits neun Monate nach der Gründung sind wir in die USA expandiert. Das verschaffte uns Zugang zum dortigen Kapitalmarkt, da es 2018 in Deutschland nicht genug Innovationskapital gab. Daran hat sich bis heute wenig geändert.

Sie haben Choco in 16 Monaten zur KI‑First‑Company gemacht. Was war die größere Herausforderung – Technik oder Kultur?

Khachab: Es ist immer die Kultur. Als Technologieunternehmen ist es unsere Pflicht, neue Technologien zu verstehen und sie bei klarem Mehrwert schnell einzusetzen. Der Mehrwert von KI übertrifft den aller anderen Technologien der letzten 20 Jahre um den Faktor 100. Deshalb mussten wir KI schnell verstehen, lernen damit zu bauen und sie konsequent einsetzen. Am weitesten sind diejenigen, die am neugierigsten sind und echte Probleme lösen.

„KI-Produkte müssen das eigene Geschäftsmodell kannibalisieren“

Deutschland zählt zu den aktivsten KI‑Märkten Europas, trotzdem fällt Firmen die Integration in zentrale Geschäftsabläufe schwer. Was bremst sie?

Khachab: Angst vor Veränderung. KI kann bestehende Strukturen infrage stellen. Aber wer nicht bereit ist, sich selbst zu kannibalisieren, wird vom Markt kannibalisiert.

Viele Unternehmen halten an bewährten Modellen fest, obwohl neue Technologien sie infrage stellen. Wie wichtig ist die Kannibalisierung eigener Erfolge?

Khachab: KI-Produkte müssen das eigene Geschäftsmodell kannibalisieren. Wenn man es nicht selbst tut, übernimmt es jemand anderes. Es schafft keinen Wert, an alten Modellen festzuhalten, nur weil sie existieren. Ständige Neuerfindung ist Voraussetzung für globale Wettbewerbsfähigkeit.

Ihr KI-Agent „OrderAgent“ trifft Bestellentscheidungen autonom. Wie verändert dies die Wertschöpfungskette im Großhandel in der Gastronomie?

Khachab: Die Wertschöpfungskette wird schneller, effizienter und kostengünstiger. Das führt zu frischeren Lebensmitteln, höheren Margen und weniger Lebensmittelabfällen.

Zwei Tonnen Mozzarella wurden dank KI verkauft statt weggeworfen. Wie groß ist das Potenzial, Lebensmittelverschwendung global zu reduzieren?

Khachab: Globale Lebensmittelverschwendung entspricht rund 12,5 Prozent der globalen CO₂-Emissionen – etwa fünfmal so viel wie alle PKW weltweit zusammen verursachen. Unsere langfristige Vision ist dies gegen Null zu bringen.

Künstliche Intelligenz gehört in den Kern des Unternehmens

Was raten Sie jungen Gründern, die heute ein KI-Start-up aufbauen wollen?

Khachab: Ein relevantes Problem zu lösen. KI ist dabei nur ein Mittel zum Zweck. Man sollte kein KI-Startup gründen, sondern ein Problem lösen. Wenn KI die beste Lösung ist, sollte man sie einsetzen. Wenn nicht, nicht.

Und welchen Tipp haben Sie für etablierten Unternehmen?

Khachab: Sich einen Partner aus dem Scale-up-Bereich zu suchen und gemeinsam zu starten. Und so früh wie möglich zu beginnen. Der KI-Zug fährt seit drei Jahren. Keine Taskforce gründen und kein KI um der KI Willen. Stattdessen die größten Umsatz- und Kostentreiber analysieren, verstehen und KI gezielt im Kerngeschäft einsetzen. Sie gehört nicht mehr in die Innovationsabteilung, sondern in den Kern des Unternehmens.

Welche Chancen sehen Sie für Kooperationen zwischen Start-ups und Weltmarktführern?

Khachab: Etablierte Unternehmen sollten nicht vergessen, dass Google erst 27 Jahre alt ist, Meta 21. Technologieunternehmen entwickeln sich extrem schnell. Entscheidend ist, überhaupt anzufangen und mit Technologieunternehmen zusammenzuarbeiten. Gerade in Deutschland sind viele etablierte Firmen zögerlich, langsam und misstrauisch, selbst gegenüber deutschen Technologieanbietern. Für deutsche Start-ups ist es oft einfacher, mit US-Unternehmen zu kooperieren als mit deutschen. Das muss sich ändern, sonst fallen deutsche Unternehmen technologisch zurück.

Interview von Teresa Zwirner


Zur Person

Daniel Khachab ist Gründer und CEO von Choco, einem Unicorn, das digitale Lösungen für die Lebensmittelbranche entwickelt. Der Unternehmer studierte Betriebswirtschaft und sammelte früh Erfahrungen in der Tech- und Startup-Szene. 2018 gründete er Choco mit der Vision, die globale Lebensmittelindustrie effizienter und nachhaltiger zu machen. Unter seiner Führung entwickelte sich das Unternehmen in wenigen Jahren zum Weltmarktführer für KI-Lösungen im Lebensmittelsystem und transformierte sich in nur 16 Monaten zu einer KI-First-Company.


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