Tradition und Innovation schließen sich nicht aus – im Gegenteil: Sie sind das Erfolgsrezept des Handwerks. Ralf Rothenburger zeigt, wie die Branche in Heilbronn-Franken den Spagat zwischen Stabilität und Zukunft meistert.

Familiengeführte Traditionsbetriebe prägen das Handwerk seit Generationen. Wie tragen diese Betriebe zur Stabilität, Qualität und regionalen Verbundenheit in Heilbronn-Franken bei?
Ralf Rothenburger: Es ist eine große Stärke des Handwerks, dass zahlreiche familiengeführte Betriebe hier in der Region Heilbronn-Franken seit Generationen bestehen. Erst kürzlich war ich beim 175. Jubiläum eines Stuckateurbetriebs, der aktuell in sechster Generation geführt wird. Die siebte Generation steht bereits in den Startlöchern. Das sorgt einerseits für Stabilität und Verlässlichkeit. Andererseits ist es für Kunden auch ein Qualitätsversprechen, wenn Werte und Fähigkeiten von Generation zu Generation weitergegeben werden.
Dieses Vertrauen spiegelt sich auch bei den Auszubildenden wider. Über 1500 neue Azubis gibt es 2025 allein in Heilbronn-Franken. Wie bewerten Sie diese Entwicklung?
Rothenburger: Bis Ende November konnten wir in diesem Jahr bislang 1666 neu eingetragene Lehrverträge verzeichnen. Das entspricht einer Steigerung von fünf Prozent gegenüber dem Vorjahr. Dies zeigt, dass es unseren Betrieben weiterhin gelingt, junge Menschen für eine Zukunft im Handwerk zu begeistern. Eine abgeschlossene Berufsausbildung im Handwerk ist ein stabiles Fundament für eine vielversprechende Zukunft. Die Auszubildenden von heute sind die Gesellen, Meister und Betriebsinhaber von morgen. Ich freue mich daher über alle Nachwuchstalente, die sich für eine Ausbildung im Handwerk entscheiden.
Nachwuchsgewinnung im Handwerk
Kann diese positive Entwicklung den Fachkräftemangel entschärfen?
Rothenburger: Im Hinblick auf den Fachkräftemangel ist es ein positives Zeichen, dass die Ausbildungszahlen im Handwerk steigen. Neben einer Steigerung der Ausbildungszahlen sind jedoch mittel- und langfristig weitere gezielte Maßnahmen erforderlich, um die Herausforderungen des demografischen Wandels zu bewältigen.
Wie können Handwerk und Industrie gemeinsam noch mehr junge Menschen für eine Ausbildung gewinnen?
Rothenburger: Als Teil des Fachkräftebündnisses Heilbronn-Franken, dem unter anderem auch die Agentur für Arbeit, die IHK und Südwestmetall angehören, ist es uns ein großes Anliegen, die Zukunftsfähigkeit der Region Heilbronn-Franken zu stärken. Ein wichtiger Baustein hierbei ist die Förderung der dualen Ausbildung, die wir im Rahmen unserer Ausbildungsoffensive bei der Handwerkskammer in Heilbronn-Franken mit Nachdruck vorantreiben.
Was bedeutet das für die Jugendlichen?
Rothenburger: Unsere Berater für Nachwuchsgewinnung sorgen als Vermittler zwischen Schülern, Eltern, Schulen und potenziellen Ausbildungsbetrieben dafür, dass Jugendliche frühzeitig mit dem Handwerk in Berührung kommen. Denn es ist wichtig, so früh wie möglich Praxiserlebnisse zu schaffen, um den Auszubildenden von morgen den Weg ins Handwerk zu ermöglichen.
Handwerksbetriebe halten auch in Krisenzeiten zusammen
Welche Fähigkeiten sind heute im Handwerk besonders gefragt?
Rothenburger: Mit über 130 Berufen ist das Handwerk einer der vielseitigsten Wirtschaftsbereiche. Die Anforderungen variieren daher von Beruf zu Beruf. Was jedoch überall gefragt ist, sind Können, Leidenschaft und Engagement. Diese drei Eigenschaften zeichnen Handwerker aus.
Und welche Begabungen braucht es darüber hinaus?
Rothenburger: In der heutigen schnelllebigen Zeit ist es wichtig, wissbegierig zu sein und sich auf Veränderungen einzulassen. Als Gestalter unserer Zukunft finden Handwerker mit ihren Händen und ihrem Verstand außerdem Lösungen für die Herausforderungen von morgen.
Insbesondere Familienbetriebe gelten als werteorientiert. Wie können die Betriebe aus der Region diese Werte nutzen, um Fachkräfte zu binden?
Rothenburger: Ich bin überzeugt, dass gegenseitige Wertschätzung und Vertrauen eine große Rolle spielen. In vielen Familienbetrieben werden langjährige Mitarbeiter bereits als Teil der Familie angesehen. Der Mitarbeiter ist hier nicht einfach nur eine Nummer, sondern darf Mensch sein.
Wie wirkt sich diese Haltung in Krisenzeiten aus?
Rothenburger: Dass man gemeinsam durch gute wie durch schlechte Zeiten geht, schafft Bindung und ist typisch für Familienbetriebe. Das beste Beispiel ist die aktuelle Lage: Die Handwerksfamilie hält auch in diesen herausfordernden Zeiten zusammen. Unsere Betriebe übernehmen Verantwortung und halten an ihren Mitarbeitern fest. Das ist bemerkenswert und zeichnet das Handwerk aus.
„Die Digitalisierung ist im Handwerk bereits weit verbreitet“
Sie hatten gerade die aktuelle Wirtschaftslage angesprochen. Mit welchen Herausforderungen haben Handwerksbetriebe hier aktuell zu kämpfen?
Rothenburger: Die Ergebnisse unserer aktuellen Konjunkturumfrage für das dritte Quartal 2025 zeigen, dass sich die durchwachsene gesamtwirtschaftliche Stimmung spürbar auf das Handwerk auswirkt. So gibt es rückläufige Entwicklungen bei den Auftragseingängen, den Umsätzen und der Betriebsauslastung.
Und was muss hier geschehen, um wieder auf Kurs zu kommen?
Rothenburger: Fakt ist: Das Handwerk und der gesamte Mittelstand werden bei wirtschaftspolitischen Entscheidungen nicht ausreichend berücksichtigt. Das muss sich schleunigst ändern. Damit die Wirtschaft im Allgemeinen und das Handwerk im Besonderen wieder in Schwung kommen, müssen die Rahmenbedingungen dringend verbessert werden. Was unsere Betriebe brauchen, sind weniger Belastungen, schnellere Verfahren und mehr Planungssicherheit.
Und mit Blick auf die Digitalisierung: Muss hier schneller reagiert werden?
Rothenburger: Tatsächlich ist die Digitalisierung im Handwerk bereits weit verbreitet, allerdings nicht so sichtbar wie in der Industrie. Von außen sieht man nur das fertige Dach. Dass im Hintergrund bereits die Künstliche Intelligenz zum Einsatz kommt, bekommt man kaum mit.
Können Sie Beispiele nennen?
Rothenburger: Zahlreiche Betriebe arbeiten beispielsweise mit 3D-Druckern, vermessen Gebäude mit Drohnen oder kalkulieren ihren Materialbedarf mit KI-gestützten Tools. Hier fließen Digitalisierung und Handwerk bereits ganz konkret ineinander.
Interview von Teresa Zwirner



