„Wir gestalten Europas Zugang zum All“: Was den DLR-Standort Lampoldshausen besonders macht

Mit ihrer Expertise in Testbetrieb, Triebwerksforschung und Systemanalyse treiben Anja Frank und Prof. Jan Deeken am DLR-Standort Lampoldshausen die Entwicklung innovativer Raumfahrttechnologien voran. Gemeinsam mit Einrichtungsleiter Prof. Stefan Schlechtriem arbeiten sie daran, den Standort als führenden Innovationsmotor der europäischen Raumfahrt zu positionieren.

DLR-Standort Lampoldshausen
Modern, leistungsstark und hochpräzise: Der neue Prüfstand P5.2 am DLR-Standort Lampoldshausen stärkt das umfassende Testangebot des DLR. Foto: DLR

Lampoldshausen blickt auf eine lange Raumfahrttradition zurück. Was macht den Standort für Sie persönlich und fachlich besonders?

Anja Frank: Neben der technischen Exzellenz und den einzigartigen Prüfständen und Möglichkeiten verbindet mich auch eine persönliche Geschichte: Mein Vater war ebenfalls am Standort tätig und hat ihn von Anfang an mit aufgebaut.

Prof. Jan Deeken: In Lampoldshausen können junge Menschen Raketenantriebe in einem echten Forschungskontext erleben – das ist einmalig. Für viele europäische Ingenieurinnen und Ingenieure im Bereich Raumfahrtantriebe hat dieser Ort eine beinahe mystische Bedeutung. Das bekommen wir auch regelmäßig von unseren internationalen Doktorandinnen und Doktoranden gespiegelt.

Die strategische Bedeutung des Standorts wächst also auch international?

Frank: Ja, sie nimmt kontinuierlich zu. Wir decken hier die gesamte Entwicklungskette von Raumfahrtantrieben ab: von der Entwicklung über die Tests bis zur Qualifikation. Ein besonderes Alleinstellungsmerkmal sind unsere Höhensimulationsanlagen, die realitätsnahe Tests unter Weltraumbedingungen ermöglichen. Im Rahmen der European Launcher Challenge bringen wir unsere umfassende Kompetenz gezielt ein – insbesondere bei der Entwicklung neuer großer Trägerraketen.

Gibt es auch Anwendungen außerhalb der Raumfahrt?

Frank: Ja, unsere Expertise im Umgang mit Wasserstoff eröffnet neue Möglichkeiten – etwa in Luftfahrt, Mobilität oder Energietechnik. Damit positioniert sich Lampoldshausen als strategisch relevanter Innovationsstandort weit über die Raumfahrt hinaus.

Vor kurzem haben Sie die stellvertretende Leitung des DLR-Standorts übernommen. Was hat Sie persönlich dazu motiviert?

Frank: Lampoldshausen ist für mich nicht nur ein bedeutender Standort der Raumfahrt, sondern ein Ort mit einer ganz besonderen Atmosphäre. Hier kann man Raumfahrt im wahrsten Sinne des Wortes hautnah erleben. Es ist möglich, die komplette Entwicklung von Raumfahrtantrieben zu begleiten und praktisch umzusetzen.

Also ein Ort, an dem Theorie und Praxis zusammenkommen?

Frank: Genau. In Lampoldshausen bündeln sich technologische Exzellenz und jahrzehntelange Erfahrung, und mit unseren einzigartigen Testanlagen leisten wir einen unverzichtbaren Beitrag für die europäische Raumfahrt.

Was hat Sie an der Stelle gereizt?

Deeken: Mich hat vor allem die in Europa einzigartige Verbindung aus Großprüfständen und Spitzenforschung gereizt. Diese Kombination bietet eine hervorragende Grundlage, um den Raumtransport in Europa aktiv weiterzuentwickeln – und genau das möchte ich gemeinsam mit unserem Team gestalten.

Sie führen die Einrichtung als Team. Wie funktioniert Ihre Zusammenarbeit konkret?

Frank: Wir haben inhaltliche Schwerpunkte definiert, für die jeweils einer von uns zuständig ist. Wir stimmen uns also regelmäßig über aktuelle Themen ab – insbesondere in strategischen Fragen. Entscheidend ist für uns dabei, dass wir im Gleichklang agieren – mit gegenseitigem Vertrauen und abgestimmten Zielen und dem Willen, diese gemeinsam umzusetzen.

Ihr Vorgänger Klaus Schäfer war über 30 Jahre in dieser Position. Was nehmen Sie aus seiner Zeit mit?

Frank: Klaus Schäfer hat immer pragmatisch gedacht und dabei konsequent die Interessen des Standorts und der Organisation in den Mittelpunkt gestellt. Fachlich war er bestens informiert – als Ingenieur, der hier groß geworden ist, kannte er die Herausforderungen vor Ort bis ins Detail.

Deeken: Klaus Schäfer hatte stets den Standort im Blick – aber eben nicht nur. Er hat sich aktiv mit anderen Testzentren weltweit vernetzt, Ideen aufgenommen und bei uns umgesetzt. Diese Offenheit und Fähigkeit zur Inspiration von außen ist aus meiner Sicht für unsere künftige Arbeit essenziell.

Apropos künftige Arbeit: Welche technologischen Trends sehen Sie aktuell bei Raketenantrieben?

Deeken: Zukünftige europäische Trägersysteme werden zumindest teilweise wiederverwendbar sein – das stellt besondere Anforderungen an Lebensdauer und Zuverlässigkeit. In diesem Kontext gewinnt Methan als Treibstoff zunehmend an Bedeutung: Es ist zwar nicht so leistungsstark wie Wasserstoff, bietet dafür Vorteile bei der Handhabung und Wiederverwendbarkeit. Gleichzeitig müssen Triebwerke günstiger produziert werden – dabei entwickelt sich die additive Fertigung zum Standard. Dennoch bestehen in diesem Bereich weiterhin noch große Forschungs- und Optimierungspotenziale.

Und die Digitalisierung?

Deeken: Sie spielt eine immer größere Rolle. Insbesondere das Health Monitoring und neue Regelungskonzepte gewinnen an Bedeutung. Hier sehen wir großes Potenzial für KI – ein Feld, das wir aktiv vorantreiben.

Auch Nachhaltigkeit wird zunehmend wichtig – wie zeigt sich das bei Ihnen?

Deeken: Zum Beispiel durch den Einsatz grüner Treibstoffe für Satelliten oder effizientere Antriebe wie Rotating Detonation Engines, die auch für die Energietechnik interessant sind.

Woran arbeiten Ihre Teams derzeit technologisch besonders intensiv?

Frank: Wir arbeiten an Technologieentwicklungen und -demonstratoren für die nachfolgende Trägergeneration der Ariane 6. Ein zentrales Vorhaben ist dabei unser Engagement an der European Launcher Challenge mit dem Ziel, den Wettbewerb und die technologische Vielfalt im europäischen Trägermarkt gezielt zu stärken.

Deeken: Unsere Teams befassen sich mit einer Vielzahl von Projekten, die allesamt auf das Ziel ausgerichtet sind, Europas unabhängigen und kosteneffizienten Zugang zum All zu sichern. Ein Beispiel ist die Entwicklung von Technologien für ein neues Hochschub-Triebwerk – die Basis für einen künftigen europäischen Schwerlastträger, mit dem wir wettbewerbsfähige, weltraumbasierte Infrastrukturen ermöglichen wollen.

Der Standort Lampoldshausen liegt im Herzen Baden-Württembergs – einer Region, die für ihre industrielle Stärke bekannt ist. Wie profitieren Sie von der engen Vernetzung mit Hochschulen, Start-ups und Industriepartnern in der Region?

Frank: Die Vernetzung in der Region ist ein enormer Vorteil für uns – Baden-Württemberg ist eine dynamische, technologiegetriebene Umgebung, in der wir gut eingebettet und mit vielen Partnern hervorragend vernetzt sind.

Inwiefern stärkt die enge Vernetzung Ihre tägliche Arbeit?

Frank: Die Vernetzung stärkt unsere Forschung und unsere Innovationskraft. Aus der Einrichtung Raumfahrtantriebe selbst sind in den letzten Jahren auch mehrere erfolgreiche Ausgründungen hervorgegangen – etwa HyImpulse, ISPTech oder H2KNOW. Das zeigt, wie fruchtbar die Zusammenarbeit mit der regionalen Innovationslandschaft ist.

Deeken: Viele unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kommen direkt von den Hochschulen der Region – wir bilden die Triebwerksingenieure von morgen aus. Auch der Innovationspark (IPAI) in Heilbronn ist für uns ein sehr attraktiver Partner. Wir wollen unsere Aktivitäten im Bereich Künstliche Intelligenz gemeinsam mit solchen Partnern gezielt weiter ausbauen.

Zum Abschluss: Wenn Sie Lampoldshausen in einem Satz beschreiben müssten – was bedeutet dieser Ort für Sie?

Frank: Lampoldshausen ist ein großartiger Arbeitsplatz, an dem man Raumfahrt nicht nur erleben, sondern aktiv mitgestalten kann – und ein Standort, der für die europäische Raumfahrt heute wie in Zukunft unverzichtbar ist.

Interview von Teresa Zwirner

Foto: DLR
Foto: DLR

Zu den Personen

Anja Frank und Prof. Jan Deeken haben vor kurzem die stellvertretende Leitung der DLR-Einrichtung Raumfahrtantriebe in Lampoldshausen übernommen. Mit ihrer langjährigen Erfahrung in Versuchsanlagen und Triebwerksforschung stärken sie die strategische Ausrichtung des Standorts. Während Frank vor allem die Testprozesse weiterentwickelt, bringt Deeken seine Expertise gezielt in die Forschung und Entwicklung innovativer Technologien für den europäischen Raumtransport ein. Gemeinsam unterstützen sie Einrichtungsleiter Prof. Stefan Schlechtriem bei der Koordination von Projekten und der europäischen Vernetzung.


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