Dr. Walter Döring, Initiator und Ehrenpräsident des Gipfeltreffens der Weltmarktführer, schwor die Zuhörer vor einem Jahr auf Zuversicht ein. Wie viel ist davon übriggeblieben, wenn sich Unternehmer und Entscheider dieses Jahr in Schwäbisch Hall treffen?

Herr Döring, vor einem Jahr, beim 15. Gipfeltreffen der Weltmarktführer, wehte ein Hauch von Zuversicht durch das Auditorium in Schwäbisch Hall. Wie steht es kurz vor der 16. Auflage des Gipfels um Ihren Optimismus?
Dr. Walter Döring: Es war damals sogar mehr als ein Hauch Zuversicht. Aber davon ist aktuell leider nicht mehr viel zu spüren. Ich will nicht so weit gehen wie der Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie, Peter Leibinger, der die deutsche Wirtschaft im freien Fall sieht. Unbestritten ist aber, dass die Enttäuschung darüber, dass der Herbst der Reformen weitgehend ausgeblieben ist, allerorten mit Händen zu greifen ist. Ich warne aber davor, nun allzu schwarz zu malen.
Welche Themen müssten aus Ihrer Sicht dafür dringend angegangen werden?
Döring: Als zentrale Themen werden immer wieder die im internationalen Vergleich zu hohen Energiekosten und Steuerbelastungen für unsere Unternehmen genannt. Außerdem eine Reform des Sozialstaates und der Bürokratieabbau. Überregulierung ist ein Zeichen von Misstrauen des Staates seinen Bürgern und den Unternehmen gegenüber. Sie verdienen aber das Gegenteil: Vertrauen.
„Politik und Wirtschaft müssen an einem Strang ziehen“
Wer hat die Schlüsselrolle für einen Aufschwung: Entscheider in Berlin oder Entscheider in Unternehmen?
Döring: Es war, ist und bleibt falsch, die Lösung aller Probleme ausschließlich von der Politik zu erwarten. Vor allem die Familienunternehmen tun dies ja erfreulicherweise auch eher nicht, sondern besinnen sich auf ihre eigenen Stärken und Möglichkeiten. Unternehmen sind aber nicht die Einzigen, die etwas bewegen können. Politik und Wirtschaft müssen an einem Strang ziehen – möglichst in die gleiche Richtung. Wir brauchen die Politik und natürlich auch Wissenschaft und Forschungseinrichtungen mit ihren gut ausgebildeten Fachkräften.
Trotzdem sehe ich den entscheidenden Schlüssel in einer sozialen Marktwirtschaft bei den Unternehmen. Nirgends funktioniert eine staatlich gelenkte Wirtschaft besser als bei uns. Wir sollten bei allem Klagen und Jammern nicht vergessen: Noch immer sind es unsere Unternehmen – und zwar große wie kleine –, die dafür sorgen, dass Deutschland nach wie vor mit den meisten Weltmarktführern die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt ist. Allerdings muss man in vielen Unternehmen auch selbstkritisch einräumen, dass man etwas zu selbstsicher dachte, die anderen könnten es nicht oder holten nicht auf. China beweist seit Jahren das glatte Gegenteil.
Wie reagieren die hiesigen Unternehmen auf diesen Gegenbeweis?
Döring: Die Chinesen arbeiten etwa 2400 Stunden im Jahr, wir in Deutschland 1350 Stunden. Daher ist die Forderung von Unternehmen, Feiertage wie Himmelfahrt oder Pfingstmontag zu streichen, mehr als berechtigt. Und selbst mit der Streichung eines Feiertags wären wir im internationalen Vergleich immer noch im unteren Drittel hinsichtlich der geleisteten Jahresarbeitsstunden. Wenn wir alle zu mehr Anstrengung bereit sind, wird es der Gesellschaft insgesamt besser gehen.
Die bedeutsame Rolle der Unternehmen
Lässt sich den Unternehmen vorwerfen, sie hätten sich zu lange auf einstigen Erfolgen ausgeruht?
Döring: Mit Vorwürfen ist niemandem gedient. Aber zwei Wünsche habe ich schon. Erstens: Es sollten sich mehr Inhaber von Unternehmen und CEOs so klar und deutlich positionieren wie die Chefin des Weltmarktführers Trumpf, Prof. Dr. Nicola Leibinger-Kammüller, die zu mehr Leistung anspornt, Reformen anmahnt und Mut macht. Sie verbreitet Zuversicht, wenn sie feststellt, dass es mit dem Teufel zugehen müsse, wenn wir aus der Misere nicht herauskämen. Zweitens: Die Unternehmen sollten auf die vielen – meiner Meinung nach viel zu vielen – Wirtschaftsverbände, Kammern und Institutionen hinwirken, im eigenen Bereich weit weniger statistische Erhebungen anzufordern. Das würde auch zum Bürokratieabbau beitragen.
Liegt die Lösung in den Unternehmen selbst?
Döring: Ja. Nach meiner Überzeugung liegt der Schlüssel für Erfolg in erster Linie in den Unternehmen: Sie wissen vermutlich am besten, wozu sie welche Innovationen voran treiben, in welche Länder sie expandieren, welche Partnerschaften – auch mit Start-ups – sie eingehen und was sie bieten müssen, um Fachkräfte zu gewinnen und im Wettbewerb zu bestehen. Aber wenn die Gesellschaft nicht mehr Einsicht in Reformen zeigt und mitzieht, wird daraus nichts werden.
Wie groß ist dabei die Rolle, die Heilbronn-Frankens Weltmarktführer spielen?
Döring: Die Weltmarktführer sind Leuchttürme, die in die ganze Welt hinaus strahlen, ganz besonders aber auch in ihre Heimatregion, in der sie viele Zulieferer, Unternehmer-Kollegen sowie Mitarbeitende motivieren und zu Spitzenleistungen anspornen. Klar, dass sie dabei auch immer Beispiel geben, wie man an die Spitze kommen, wie man von den Besten lernen kann. Führungspositionen verteidigen, Wettbewerb annehmen, nie nachlassen mit Innovationen und globaler Marktbeobachtung, Mitarbeitende kontinuierlich fortbilden – das sind beispielgebende Voraussetzungen für auch künftige Erfolge.
Optimismus und Vertrauen für 2026
Wenn Unternehmer im Besitz des Schlüssels zum Aufschwung sind, was verhindert dann, dass das Schloss aufspringt und die Stagnation endet?
Döring: Dieser Schlüssel wird umso schneller umgedreht, je mehr die politisch vorgegebenen Rahmenbedingungen für Verlässlichkeit und Stabilität stehen. Unzuverlässige staatliche Rahmenbedingungen sind Gift für die Wirtschaft.
Wie sähe für Sie das ideale Szenario 2026 für Heilbronn-Frankens Weltmarktführer und Mittelständler aus?
Döring: Für 2026 sehe ich noch immer alle Chancen, ein für uns alle wirtschaftlich erfolgreiches Jahr zu werden. Die Voraussetzungen dafür: verlässliche, wettbewerbsfähige Rahmenbedingungen, weniger Krisenherde auf der Welt, die Schaffung eines echten europäischen Binnenmarkts, wieder mehr Lust auf Leistung, eine schnellere erfolgreiche Umsetzung von Forschungsergebnissen in marktfähige Produkte. Und endlich die Wertschätzung, die all diejenigen in den Unternehmen verdienen, die für Arbeits- und Ausbildungsplätze und damit für unseren Wohlstand Verantwortung übernehmen.
Wenn diese Faktoren gegeben sind, werden in diesem Jahr auch Optimismus und Vertrauen wachsen?
Döring: Lassen Sie mich mit zwei Zitaten antworten. Das erste stammt von Winston Churchill: Never waste a good crisis! Das Zweite vom Philosophen Sir Karl Popper: Optimismus ist Pflicht!
Interview von Natalie Kotowski
Zur Person
Dr. Walter Döring, ehemaliger Wirtschaftsminister in Baden-Württemberg, gründete 2012 die ADWM GmbH und initiierte das Gipfeltreffen der Weltmarktführer in Schwäbisch Hall.


