Unternehmensstiftungen sind keine Liebhaberei, sondern können die Gesellschaft innovativer machen. Dieses Argument will die neue Präsidentin des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft, Dr. Melanie Maas-Brunner, noch stärker in den Köpfen der Entscheider verankern.

Frau Dr. Maas-Brunner, Sie haben Ihre gesamte Karriere an der Schnittstelle von Forschung, Technologie und Industrie verbracht. Welche Erfahrungen aus dieser Zeit möchten Sie nun als Präsidentin des Stifterverbandes besonders einbringen?
Melanie Maas-Brunner: Meine berufliche Laufbahn hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, unterschiedliche Welten miteinander zu verbinden: Wissenschaft und Wirtschaft, Forschung und Anwendung, technologische Innovation und gesellschaftliche Verantwortung. Fortschritte entstehen selten isoliert, sondern vor allem dort, wo Menschen mit unterschiedlichen Perspektiven gemeinsam an Lösungen arbeiten. Der Stifterverband steht seit jeher für genau diesen Brückenschlag zwischen den Sektoren.
Wo sehen Sie dabei die größten Chancen für den Innovationsstandort Deutschland?
Melanie Maas-Brunner: Deutschland verfügt über eine hervorragende Wissenschaftslandschaft, starke Unternehmen und eine engagierte Zivilgesellschaft. Die entscheidende Aufgabe besteht darin, diese Kräfte noch besser zu vernetzen und gemeinsam Zukunftsthemen voranzubringen. Und vor allem: Wir müssen Erkenntnisse entschlossener zu Handlungen machen. Wenn uns das gelingt, kann Deutschland wieder zu einem Land werden, in dem nicht nur Wissen entsteht, sondern Zukunft gestaltet wird.
Die Rolle von Unternehmensstiftungen in einer innovativen Gesellschaft
Warum werden Unternehmensstiftungen als Beitrag zur Zukunftsfähigkeit Deutschlands aus Ihrer Sicht noch immer unterschätzt?
Melanie Maas-Brunner: Unternehmensstiftungen werden viel zu oft noch als reine Philanthropie verstanden, sie können auch ein strategischer Bestandteil einer innovationsfähigen Gesellschaft sein. Außerdem verbinden Stiftungen unternehmerisches Denken mit langfristiger Finanzierung und gesellschaftlicher Verantwortung. Sie können Wissen, Netzwerke und Kapital über Jahrzehnte bündeln und damit wertvolle Strukturen aufbauen.
Dass wir darüber noch zu wenig sprechen, hat auch kulturelle Gründe: In Deutschland wird unternehmerisches Engagement häufig als reine Unterstützung des eigenen Geschäfts diskreditiert. Dabei agieren die meisten Unternehmensstiftungen weitab von den Geschäftsbereichen ihrer Stifter.
Viele Unternehmer engagieren sich gesellschaftlich, stehen aber gleichzeitig unter hohem wirtschaftlichem Druck. Warum sind Unternehmensstiftungen gerade in Zeiten von Unsicherheit und Transformation wichtig?
Melanie Maas-Brunner: Unternehmer müssen in Krisen und Transformationsphasen Arbeitsplätze schützen oder Investitionen priorisieren. Eine Stiftung ist demgegenüber mit ihrem Grundstockvermögen ein geschützter Raum, in dem gesellschaftliche und wirtschaftliche Zukunftsthemen frei von Finanzierungssorgen über längere Zeiträume verfolgt werden können.
Die Stiftungsgründung als Chance für den Mittelstand
Wie erleben Sie derzeit die Bereitschaft, über Stiftungen langfristig gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen?
Melanie Maas-Brunner: Aktuell ist das wirtschaftliche Umfeld für die Gründung von Unternehmensstiftungen sicher nicht ideal. Und auch allgemein ist die Anzahl der Stiftungsgründungen leider rückläufig. Auf der anderen Seite werden die verfolgten Förderansätze aber auch bewusster und strategischer.
Was würden Sie einem mittelständischen Unternehmer sagen, der mit dem Gedanken spielt, eine Stiftung zu gründen, aber noch unsicher ist, ob sich der Aufwand wirklich lohnt?
Melanie Maas-Brunner: Ich würde ihn fragen, ob es ein Thema gibt, das ihm wirklich wichtig ist und für das er mit seinem unternehmerischen Wissen und seinem Netzwerk langfristig etwas bewirken kann. Die Gründung einer Stiftung kann gerade für mittelständische Unternehmer sehr passend sein, weil dadurch Werte und Verantwortung über die eigene unternehmerische Tätigkeit hinaus verstetigt werden können.
Wirtschaftskraft trifft gesellschaftliche Verantwortung
Insbesondere die Region Heilbronn-Franken ist geprägt von zahlreichen erfolgreichen Familienunternehmen, Hidden Champions und einem außergewöhnlich starken Stiftungsengagement. Sehen Sie hier ein Modell dafür, wie Wirtschaft und Gesellschaft gemeinsam Zukunft gestalten können?
Melanie Maas-Brunner: Die Region hat etwas Besonderes: Typischerweise denken Familienunternehmen nicht in Quartalen, sondern in Generationen. Genau diese Perspektive passt sehr gut zum Stiftungsgedanken. Es entsteht so eine wertvolle Wechselwirkung: Eine starke Wirtschaft schafft Möglichkeiten für gesellschaftliches Engagement – und ein starkes gesellschaftliches Umfeld wiederum ist ein Standortfaktor für die Wirtschaft. Gute Bildung, Forschung, Kultur, soziale Stabilität und attraktive Lebensbedingungen helfen Unternehmen dabei, Fachkräfte zu gewinnen und Innovation zu ermöglichen.
Mit dem KI-Ökosystem in Heilbronn, neuen Hochschul- und Forschungsangeboten sowie dem starken Engagement privater Stiftungen entsteht in Heilbronn-Franken ein Modell, das bundesweit Aufmerksamkeit erhält. Was können andere Regionen davon lernen?
Melanie Maas-Brunner: Die Erfolge in Heilbronn-Franken lassen sich nicht einfach kopieren. Starke Regionen entstehen dort, wo wirtschaftliche Stärke, wissenschaftliche Exzellenz und gesellschaftliche Verantwortung zusammenkommen. Menschen müssen bereit und in der Lage sein, in die Zukunft zu investieren. Das ist leider nicht überall in Deutschland der Fall.
Unternehmensstiftungen als Motor für Innovation und Transformation
Welche Themen werden die Arbeit von Unternehmensstiftungen in den kommenden fünf bis zehn Jahren am stärksten prägen?
Melanie Maas-Brunner: Es gibt aktuell eine Vielzahl von Herausforderungen. Unternehmensstiftungen können aber bei Themen wie der Transformation unserer Wirtschaft aufgrund des Klimawandels und der Energiewende einen besonders wertvollen Beitrag leisten. Gleiches gilt für die Bereiche KI und technologische Innovation. Unternehmensstiftungen können hier Forschung, Start-ups und Wissenstransfer zusammenzubringen. Und schließlich bleibt auch das Thema Bildung und Fachkräfte präsent. Die Frage, wie wir junge Menschen für Mathematik, Naturwissenschaften, Technik und Unternehmertum begeistern, wird noch wichtiger werden.
Werfen wir einen Blick fünf Jahre in die Zukunft: Was müsste sich bis dahin verändert haben, damit Sie sagen können, Unternehmensstiftungen haben ihr Potenzial für Innovation und Wettbewerbsfähigkeit in Deutschland voll entfaltet?
Melanie Maas-Brunner: Unternehmensstiftungen würden dann noch selbstverständlicher als starke Partnerinnen für Innovation und gesellschaftlichen Fortschritt wahrgenommen werden. Wenn es ihnen gelingt, mutige Ideen frühzeitig zu fördern, Talente zu stärken, Brücken zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft zu bauen und damit spürbare Impulse für die Zukunftsfähigkeit unseres Landes zu setzen, dann haben sie ihr Potenzial entfaltet.
Interview von Teresa Zwirner
Zur Person
Melanie Maas-Brunner wurde bereits im Januar zur neuen Präsidentin des Stifterverbandes gewählt. Das ehemalige BASF-Vorstandsmitglied löste im Juni ihren Amtsvorgänger Michael Kaschke ab.
Worauf es bei der Errichtung einer Stiftung ankommt, erfahren Sie im Gastbeitrag von Rechtsanwältin Helga-Maria Hermann.


