In kaum einer Region ist gesellschaftliches Engagement so tief verwurzelt wie zwischen Neckar und Tauber. Ob Bildung, Kultur oder Soziales – Stiftungen von Unternehmern und Bürgern prägen Heilbronn-Franken seit Jahrhunderten. Und sie gestalten die Zukunft aktiv mit.

Wenn Deutschland das Land der Dichter und Denker ist, dann ist wohl Heilbronn-Franken die Heimat der Stifter und Schenker. Was sich nur halbwegs reimt, ist als Ganzes prägend für die Region: die große Zahl von Unternehmen, privaten Stiftern und Institutionen, die ihr Vermögen so eingesetzt haben, dass die Erträge des Stiftungskapitals über Generationen hinweg Menschen zwischen Neckar und Tauber zugute kommen.
„Aktuell gibt es in der Region Heilbronn-Franken 230 gemeinnützige Stiftungen. Sie verwalten ein Gesamtvermögen von rund 628 Millionen Euro“, rechnete Baden-Württembergs stellvertretender Ministerpräsident und Innenminister, Thomas Strobl, anlässlich des Stiftertags der Bürgerinitiative „pro Region“ im Oktober 2024 vor. Das seien mehr als doppelt so viele wie noch vor 25 Jahren. „Stiften scheint hier in der Region – genauso wie auch landes- und bundesweit – attraktiv zu sein“, schlussfolgerte er.
Viele Stiftungen in Heilbronn-Franken fördern das Gemeinwohl
Tatsächlich folgt Heilbronn-Franken einem deutschlandweiten Trend: Laut der aktuellen Zahlen des Bundesverbands Deutscher Stiftungen wurden im vergangenen Jahr bundesweit 711 neue Stiftungen gegründet, ein Zuwachs um 2,2 Prozent. 89 Prozent der rechtsfähigen Stiftungen bürgerlichen Rechts sind nach Angaben des Bundesverbands gemeinnützig. Insbesondere bei den Stiftungszwecken hat ein Thema besonders aufgeholt: Jede fünfte neugegründete Stiftung gibt in ihrer Satzung Umwelt-, Natur- und Artenschutz als Ziel an.
„In der Region Heilbronn-Franken, ja in ganz Baden-Württemberg, gibt es erfreulicherweise sehr viele Stiftungen, die das Gemeinwohl bewusst fördern“, lobt Strobl. Wissenschaft und Forschung, Religion, Jugend- und Altenhilfe, Kunst und Kultur, Naturschutz und Landschaftspflege, der Sport, das bürgerschaftliche Engagement und – was in diesen Zeiten von besonderer Bedeutung sei – die Demokratie, seien auch Dank der Förderung von Stiftungen aktiv und lebendig. „Stiftungen sind von ganz erheblicher gesellschaftlicher Bedeutung für unser Land – auch als Impuls- und Ideengeber und kreative Vordenker.“
Das Prinzip „Stiften für Menschen“ steht im Vordergrund
Dass Heilbronn-Franken eine Stifterregion ist, hat jahrhundertelange Tradition. Eine der ältesten Stiftungen der Region ist die „Stiftung Hospital zum Heiligen Geist“ mit Sitz in Schwäbisch Hall: 1228 wurde sie vom Haller Bürger Sivridus und seiner Frau Agatha gegründet. Noch knapp 800 Jahre später unterstützt sie nach eigener Aussage als Stiftung der freien Wohlfahrtspflege nahezu alle großen Themen der Stadt am Kocher: Ob Senioren- oder Jugendhilfe, Bildung oder soziale und kulturelle Teilhabe – der Stiftungszweck ist umfangreich definiert. Demnach hält die Stiftung rund 725 Wohnungen, die über die GWG insbesondere an Senioren, finanziell schwach gestellte oder kinderreiche Familien vermietet werden.
„Das Stiftungsvermögen setzt sich vorwiegend aus dem Immobilien- und Waldbestand sowie aus Finanzvermögen zusammen. Durch die Mieteinnahmen, Erlösen aus Holzverkäufen aus unserem eigenen Hospitalforst sowie Zinserträgen und den Erträgen aus Zustiftungen von Bürgerinnen und Bürgern der Stadt Schwäbisch Hall ist es uns möglich, eine Vielzahl an Projekten zu unterstützen“, sagt Sibylle Laidig, die bei der Stadt Schwäbisch Hall die Stiftung betreut. Darunter etwa das stationäre Hospiz, für dessen Neubau die Stiftung Gesamtkosten in Höhe von fünf Millionen Euro Kosteninvestition übernommen hat und den Betrieb mitfinanziert. „Mit jährlich rund 1,7 Millionen Euro fördern wir im Bereich der freien Wohlfahrtspflege viele Maßnahmen zum Wohle unserer Bürgerinnen und Bürger, für die aufgrund der angespannten finanziellen Situation im Stadthaushalt kein Budget zur Verfügung steht“, sagt Laidig.
Ohne Stiftungen wären Bund, Länder und Kommunen sprichwörtlich ärmer: „Stiftungen ergänzen in unschätzbarer Weise die Arbeit des Staates und sind sehr wertvoll für unsere Gesellschaft. Und das nicht nur in finanzieller Hinsicht, sondern ganz besonders durch das Engagement von Menschen, die sich für ihre Mitmenschen einsetzen“, betonte Innenminister Strobl beim „pro Region“-Stiftertag. Trotz des Booms im Bereich Natur- und Umweltschutz, den der Bundesverband verzeichnet, bleibt in Heilbronn-Franken das Prinzip „Stiften für Menschen“ vorrangig: Soziale Dienste, Bildung und Erziehung sowie Kunst und Kultur stehen als meist genannter Zweck in der Satzung der meisten großen und kleinen Stiftungen von Privatpersonen und Unternehmen.
Stiftung Würth hat Bildung, Kunst und Kultur im Fokus
So sind Kunst, Kultur, Wissenschaft und Bildung auch die Domänen der beiden wohl bekanntesten Mäzene der Region, Prof. Dr. h. c. mult. Reinhold Würth und Dieter Schwarz. Die gemeinnützige Stiftung Würth bewilligte 2024 beispielsweise über 4,5 Millionen Euro für Eigenprojekte im Bereich Bildung. „Was wir im Bereich Bildung und Wissenschaft tun, ist eine Investition in die Köpfe der Menschen. Die Freien Schulen Anne-Sophie in Künzelsau und Berlin beispielsweise ermöglichen mehr als 1000 Schülerinnen und Schülern, genannt Lernpartnerinnen und Lernpartnern, den Bildungsweg von der Grundschule mit Eingangsklasse bis zum Abitur“, erklärt Johannes Schmalzl, Vorsitzender des Vorstands der Stiftung Würth.
Unternehmerlegende Reinhold Würth formulierte es anlässlich des 35-jährigen Bestehens der Stiftung Würth vor drei Jahren in einem Grußwort auf den Punkt: „Selbstverständlich kann ein Unternehmen nicht die Aufgaben des Staates oder auch nur Teile davon übernehmen. Gleichwohl kann ein Familienbetrieb mit 6,8 Milliarden Euro Eigenkapital (2021) einen Beitrag zur Lebensqualität und zum Wohlergehen der Bürgerinnen und Bürger leisten.“
Seine Frau Carmen und er hätten die Stiftung 1987 gegründet, um Bildung und Wissenschaft, Integration und Soziales sowie Kunst und Kultur zu fördern, beschreibt der Unternehmer, „all dies insbesondere im Hohenloher Land, in dem wir und das Unternehmen verwurzelt sind. Meine Frau setzt sich tagtäglich mit großer Kraft und Liebe für ihre sozialen Projekte ein“. Dazu zählt beispielsweise das Musikfest der Stiftung Würth. Bekannt ist die gemeinnützige Stiftung Würth auch für ihr Engagement im Bereich Kunst und Kultur. „Kunst und Kultur bereichern unser Leben auf ganz besondere Weise – sie sprechen unsere Sinne an und berühren die Seele. Deshalb ist es uns ein zentrales Anliegen, kulturelles Schaffen zu fördern“, sagt Schmalzl. Insgesamt wurden rund 170.000 Euro für Preise im Bereich Kunst und Kultur aufgewendet – darunter renommierte Auszeichnungen wie der Würth-Preis der Jeunesses Musicales.
Dieter Schwarz Stiftung engagiert sich für das Gemeinwohl
Auch die zweite große Stifter-Persönlichkeit der Region, Dieter Schwarz, agiert ohne den Drang nach öffentlichem Beifall – und dennoch zukunftsweisend für die Region. Ende 1999 gegründet, steht die Dieter Schwarz Stiftung nach eigener Aussage als gemeinnützige Stiftung „bis heute für die Grundwerte des ehrbaren Kaufmanns, denen sich ihr Stifter und Namensgeber in besonderer Weise verbunden fühlt: Wertschätzung des Menschen, Bodenständigkeit, Bescheidenheit im Auftreten, Wirtschaftlichkeit im Handeln und Engagement für die Gesellschaft.“
Von diesem Engagement profitieren Hunderttausende: Das sind zum einen die mehr als 430.000 Besucher, die im vergangenen Jahr dem Science-Center Experimenta einen Besucherrekord bescherten. Seit 2009 bringt die Experimenta Besuchern spielerisch Naturwissenschaften nahe – entstanden unter anderem dank der Dieter Schwarz Stiftung. Zum anderen sind es die mehr als 8000 Schüler, Studenten, Pädagogen, Erzieher, Gründer und etwa 1000 Angestellte, die sich auf Heilbronns stadtbildprägendem Bildungscampus tummeln. Der wächst seit 2010 kontinuierlich und zementiert Heilbronns Ruf als „Wissensstadt“.
Die Dieter Schwarz Stiftung unterstützt zudem das IPAI, wo viele Menschen die KI-Entwicklung vorantreiben – ganz zu schweigen von den Unzähligen, die diese „Zukunftstechnologie made in Heilbronn“ vielleicht künftig nutzen werden. „Wir fördern das, was uns morgen stark macht: Mit Projekten in unserer Region Heilbronn unterstützen wir lebenslanges Lernen, um Potenziale zu erkennen und Visionen zukunftsorientiert zu realisieren“, fasst es Prof. Reinhold R. Geilsdörfer zusammen, vorsitzender Geschäftsführer der Dieter Schwarz Stiftung. Auch wenn viele Stifter sich selbst zurücknehmen – ihr ideelles Erbe wird die Zukunft der Region mitbestimmen. Oder, wie es die Kreissparkasse Heilbronn formuliert, die gemeinsam mit der IHK Heilbronn-Franken mit dem „Stifterforum Heilbronn-Franken“ einen großen Teil der regionalen Stiftungen betreut: „Stiften wirkt ewig.“
Natalie Kotowski


