Stiftungen als Treiber regionaler Innovation: Gunter Friedl, Geschäftsführer der Dieter Schwarz Stiftung, im Interview

Großprojekte wie Bildungscampus und Ipai zeigen, wie stark privates Engagement ganze Regionen prägen kann. Gunther Friedl, Geschäftsführer der Dieter Schwarz Stiftung, betont jedoch, dass Geld allein noch keine Veränderung schafft.

Gunther Friedl erklärt, weshalb langfristige Wirkung aus klugen Partnerschaften zwischen Staat, Wirtschaft und Stiftung entsteht. Foto: Fotoatelier M

In Heilbronn entsteht derzeit ein außergewöhnlich dichtes Innovationsökosystem. Ist das ein Beispiel dafür, wie stark private Stiftungen heute die Entwicklung ganzer Regionen prägen – möglicherweise auch stärker als klassische Politikprogramme?

Gunther Friedl: Es geht hierbei nicht um ein „Stärker“ im Sinne einer Konkurrenz, sondern um eine andere Handlungsdynamik. Als gemeinnützige Stiftung können wir parteipolitisch unabhängig, langfristig und mit einer enormen Entscheidungsgeschwindigkeit agieren. Heilbronn zeigt exemplarisch, was möglich ist, wenn privates Engagement seine Wirkung entfaltet:

Wir bauen Infrastruktur und schaffen Räume, in denen Forschung, Bildung und Unternehmertum überhaupt erst zusammenfinden können. Aber der nachhaltige Erfolg stellt sich nur ein, weil wir mit staatlichen Akteuren, renommierten öffentlichen Universitäten und der Wirtschaft kooperieren. Wir können die Politik keinesfalls ersetzen.

Stiftungen als strategische Initiatoren im Strukturwandel

Wenn sich solche Entwicklungen häufen: Verschiebt sich damit langfristig auch das Verhältnis zwischen Staat, Markt und Stiftungen?

Gunther Friedl: Früher galt das Prinzip: Der Staat bildet aus, der Markt wirtschaftet und die Stiftung springt dort ein, wo Not am Mann ist. Heute agieren wir als strategischer Initiator in einem hochkomplexen Ökosystem. Wir können finanzielle und strukturelle Vorleistungen erbringen, die für den Staat haushalterisch oder für Unternehmen aus Renditeüberlegungen zu risikoreich wären. Das schafft eine neue Form der Arbeitsteilung, die unsere Gesellschaft in globalen Transformationsprozessen – wie dem Voranschreiten der Künstlichen Intelligenz – dringend benötigt.

Hat sich damit auch das Selbstverständnis von Stiftungen verändert – weg vom Fördern hin zum aktiven Gestalten?

Gunther Friedl: Für uns stand schon immer die nachhaltige Wirkung unserer Förderung im Vordergrund. Das bloße Verteilen von Fördermitteln nach dem Gießkannenprinzip schafft selten nachhaltige Strukturen. Wir denken die Wirkung unserer Aktivitäten ganzheitlich. Mit dem Bildungscampus schaffen wir einen physischen Raum, in dem Einrichtungen wie die Programmierschule 42 Heilbronn ihre Wirkung entfalten können, in enger Wechselwirkung mit anderen Einrichtungen wie den Campus Founders. Wir verbinden Menschen, Know-how und Ressourcen so miteinander, dass ein sich selbst tragendes, innovationsgetriebenes Netzwerk entsteht. Wir verstehen uns als Gestalter und Ermöglicher.

Co-Innovation als Brücke zwischen Wissenschaft und Wirtschaft

Wo sehen Sie aktuell die größten Lücken im System – also Bereiche, in denen weder Staat noch Wirtschaft ausreichend vorankommen?

Gunther Friedl: Eine große Herausforderung ist die Schnittstelle zwischen Spitzenforschung und unternehmerischer Praxis. Genau hier setzen wir an: Durch das Zusammenspiel von renommierten Hochschulen, Universitäten und Forschungsinstituten auf dem Bildungscampus in Heilbronn und dem Ipai beziehungsweise den Campus Founders schließen wir diese Lücke systematisch. Wir bieten die Plattform für Co-Innovation, auf der aus wissenschaftlichen Erkenntnissen marktfähige Start-ups entstehen können.

Nach welchen Kriterien entscheiden Sie, ob ein Projekt wirklich langfristige Wirkung entfaltet?

Gunther Friedl: Wir prüfen jedes Vorhaben anhand klarer strategischer Kriterien. Zunächst muss ein Projekt zwingend auf unsere drei Kernsäulen einzahlen: Bildung, Wissenschaft oder Unternehmertum. Ein weiteres zentrales Kriterium ist der Beitrag für die Region. Es geht uns im Kern um den langfristigen Erhalt der Innovationskraft und des Wohlstands hier vor Ort. Darüber hinaus bewerten wir die systemische Wirkung: Entsteht ein bleibender Mehrwert für das bestehende Ökosystem? Nur wenn ein Projekt die Vernetzung stärkt und das Fundament für eine langfristige Transformation legt, fördern wir.

Wie schwierig ist es, Wirkung seriös zu messen – gerade bei Themen wie Bildung oder Innovation?

Gunther Friedl: Das ist in der Tat eine der komplexesten Aufgaben in unserer täglichen Arbeit. Bildung und Innovation sind per se langfristige Prozesse, deren Früchte man oft erst nach fünf, zehn oder fünfzehn Jahren ernten kann. Wenn wir heute die frühkindliche Sprachförderung über die aim unterstützen, sehen wir den Erfolg nicht im nächsten Quartalsbericht, sondern erst im späteren Bildungserfolg dieser Generation.

„Ein Ökosystem lebt von seiner Vielfalt“

Wo liegen in der Praxis die größten Herausforderungen bei der Auswahl von Projekten – eher bei den Ideen oder bei der Umsetzung?

Gunther Friedl: Die größte Herausforderung liegt selten in einem Mangel an guten Ideen. Deshalb legen wir großen Wert auf die Auswahl und die Entwicklung der richtigen Partner, die bereit sind, sich aktiv in unser wachsendes Ökosystem einzubringen.

Wie gehen Sie mit dem Spannungsfeld um, einerseits große Leuchtturmprojekte zu fördern und andererseits kleinere Initiativen nicht zu vernachlässigen?

Gunther Friedl: Dieses Spannungsfeld ist real, aber wir begreifen die beiden Pole nicht als Gegensätze, sondern als komplementäre Teile eines großen Ganzen. Die großen, international strahlenden Projekte wie die experimenta, der Bildungscampus mit der ETH Zürich und der TUM oder das Ipai schaffen die globale Anziehungskraft und die notwendige Sichtbarkeit.

Wie stellen Sie dabei konkret sicher, dass kleinere Initiativen nicht ins Hintertreffen geraten?

Gunther Friedl: Ein Ökosystem lebt von seiner inneren Vielfalt. Die vermeintlich kleineren, lokalen Initiativen – sei es die Arbeit im Haus der Familie oder spezifische Stipendienprogramme – sind das soziale und fundamentale Gewebe, das in der Region für Zusammenhalt sorgt. Das eine kann ohne das andere nicht existieren: Die Leuchttürme brauchen ein starkes, breites Fundament in der Gesellschaft, und die kleineren Initiativen profitieren von der Strahlkraft des Ökosystems.

Geld allein löst keine strukturellen Probleme

Gibt es auch Projekte, die Sie bewusst nicht fördern – obwohl sie sinnvoll erscheinen?

Gunther Friedl: Ja, das kommt regelmäßig vor. Als Förderstiftung unterliegen wir klaren rechtlichen und strategischen Rahmenbedingungen. Laut unserer Satzung dürfen wir ausschließlich gemeinnützige Projekte und Organisationen unterstützen – eine direkte Förderung von Einzelpersonen oder kommerziellen Vorhaben scheidet rechtlich von vornherein aus, so sinnvoll die Idee im Einzelfall auch sein mag.

Über den rechtlichen Rahmen hinaus setzen wir uns jedoch auch selbst sehr enge strategische Grenzen: Wenn ein Projekt nicht in unsere strategischen Kernsäulen passt, müssen wir im Sinne der eigenen Profilschärfung und Wirksamkeit konsequent absagen.

Spielt die aktuelle wirtschaftliche Lage bei Ihren Entscheidungen eine Rolle?

Gunther Friedl: Unsere Struktur und Rechtsform sichern uns eine langfristige Stabilität, die von kurzfristigen Konjunkturzyklen unberührt bleibt. Gerade in Zeiten, in denen die allgemeinen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen schwieriger werden, verstehen wir es als unseren Auftrag, ein verlässlicher Partner zu sein.

Zum Abschluss: Was ist eine unbequeme Wahrheit über Stiftungsarbeit, die öffentlich zu selten ausgesprochen wird?

Gunther Friedl: Die unbequeme Wahrheit lautet: Geld allein löst kein einziges strukturelles Problem. In der Öffentlichkeit entsteht oft der Eindruck, dass man mit ausreichend großen Fördersummen jede gesellschaftliche Herausforderung quasi per Knopfdruck bewältigen kann.

Das ist ein Trugschluss. Die eigentliche, harte Arbeit besteht im mühsamen, täglichen Zusammenführen von unterschiedlichen Interessen, im Aufbrechen von Silodenken zwischen Institutionen und im Aushalten von Rückschlägen im Innovationsprozess. Eine Stiftung ist kein anonymer Geldautomat, sondern ein Beziehungsmanager. Wahre gesellschaftliche Wirkung lässt sich nicht kaufen, man muss sie sich gemeinsam mit den Partnern hart erarbeiten.

Interview von Teresa Zwirner


Zur Person

Gunther Friedl ist Geschäftsführer der Dieter Schwarz Stiftung und verantwortet deren strategische Projekte im Bereich Wissenschaft.


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