Dr. Walter Döring, Initiator des Gipfeltreffens der Weltmarktführer und Wirtschaftsminister a.D., reiste kürzlich mit einer Delegation aus der regionalen Wirtschaft zum China-Germany Hidden Champions Forum nach Peking. Sein Eindruck: Deutschland braucht zwar mehr „Chinese Speed“. Doch auch im Reich der Mitte will man von den Besten lernen – den Unternehmern aus Heilbronn-Franken.

Herr Dr. Döring, kürzlich sind Sie aus Peking vom China-Germany Hidden Champions Forum zurückgekommen. Wie war die Stimmung dort im Vergleich zum jüngsten Gipfeltreffen der Weltmarktführer in Schwäbisch Hall?
Dr. Walter Döring: Das diesjährige, bereits 15. Gipfeltreffen der Weltmarktführer in Schwäbisch Hall hatte die bislang höchste Teilnehmerzahl zu verzeichnen. Schon das zeigt das enorme Interesse am Austausch untereinander. Und natürlich auch daran, von den Besten zu lernen – unserem Motto. Die Stimmung war viel besser als zu erwarten war, angesichts der zu Beginn des Jahres noch verbreitet schwierigen Wirtschaftslage in Deutschland. In Peking herrschte eine ebenso neugierig-positive wie erwartungsvolle Stimmung: neugierig, was die Unternehmen – überwiegend aus Deutschland und mehreren Ländern Mittel- und Osteuropas – zu bieten haben. Und erwartungsvoll, denn gerade Deutschland genießt in China nach wie vor einen ausgesprochen guten Ruf als herausragend innovativ und qualitativ nicht zu schlagen.
Welche Resonanz haben Sie von den Unternehmern aus Heilbronn-Franken erhalten, die zu Ihrer Delegation gehörten?
Döring: Die Mitglieder meiner Delegation waren durchweg von der hohen Gastfreundschaft, der überzeugenden Organisation und dem Interesse an ihren Unternehmen beeindruckt. Sie konnten zahlreiche Kontakte knüpfen, vereinzelt sogar schon erste Vereinbarungen treffen. Alle sind natürlich erfahren genug, um zu wissen, dass Geduld notwendig ist.
Geduld, weil vor einer Zusammenarbeit zunächst ein gegenseitiges Beschnuppern nötig ist? Die Denkweise respektive die Mentalität von Chinesen und Deutschen unterscheidet sich ja erheblich.
Döring: Realistisch betrachtet, gibt es natürlich große kulturelle Unterschiede, nicht gerade einfache sprachliche Barrieren und eben Unsicherheiten – auch wegen der bisher noch geringen Erfahrungen im Umgang miteinander. Vorsichtiges Herantasten ist da eine nachvollziehbare Vorgehensweise. Beiderseitiges Vertrauen muss wachsen.
Auf welche vertrauensbildenden Maßnahmen setzen Sie in diesem Dialog?
Döring: Möglichst mehrere gegenseitige Besuche zu planen. Ein sehr gutes und mutmachendes Zeichen war der Besuch des chinesischen Generalkonsuls bei uns, um den Dialog mit unseren Unternehmen auf hoher politischer Ebene fortzusetzen. Bei diesem Treffen wurde auch das dann dritte Gipfeltreffen in Peking vereinbart.
Sie haben sich schon oft anerkennend über den „Chinese Speed“ geäußert. Können die Deutschen genauso schnell werden?
Döring: Die uns alle sehr beeindruckende „Chinese Speed“ sollte Vorbild sein bei unseren elend langen Entscheidungs- und Genehmigungswegen. Die Lösung: Ein Antrag, wozu auch immer, muss binnen drei Monaten bearbeitet und entschieden sein. Erfolgt das nicht innerhalb dieses Vierteljahreszeitraums, dann ist der Antrag bewilligt.
Gute Idee. Gibt es im Gegenzug Dinge, die die Chinesen von Heilbronn-Franken lernen können?
Döring: Man kann immer von einander lernen, wenn man die Bereitschaft dazu mitbringt, die in China ganz offensichtlich gegeben ist. Es ist auffällig, welch hohe Aufmerksamkeit unsere Unternehmer und Unternehmerinnen in Peking und Yangzhou erfahren durften. Themen waren Innovation, Internationalisierung, aber auch Unternehmensführung – vor allem hinsichtlich der Führung von Familienunternehmen. Darin liegt ein entscheidender struktureller Unterschied: Das Erfolgsmodell Familienunternehmen ist in China kaum präsent. Was aber bezeichnend und motivierend ist: Beide bisherigen Kongresse in Peking standen unter dem von uns übernommenen Titel „Von den Besten lernen“ – also von unseren Unternehmen.
Von den Besten lernen heißt auch: von den Innovations-Assen lernen. In den Sozialen Medien haben Sie Daten des Statistischen Bundesamts zitiert. Demnach investierten Unternehmen 2023 um 8,4 Prozentpunkte mehr in Forschung & Entwicklung als im Vorjahr und meldeten 25.000 Patente an – Platz zwei weltweit. Wo wird Deutschland Ihrer Meinung nach in 25 Jahren stehen?
Döring: Ich glaube, dass es nicht seriös möglich ist, einen Zeitraum von 25 Jahren zu überblicken und konkrete Vorhersagen abzugeben. Das hätte was von Lesen im Kaffeesatz. Man denke nur an die rasanten Entwicklungen rund um KI und Digitalisierung – und an die gewaltigen geopolitischen Veränderungen. Ganz sicher aber lässt sich sagen: Wenn die deutschen Unternehmen mit ihren hohen Ausgaben für Forschung und Entwicklung nicht nachlassen und damit weiterhin für weltweit nachgefragte Innovationen sorgen, dann werden wir auch künftig die meisten Weltmarktführer in unseren Reihen haben.
Und wo wird sich nach Ihrer Ansicht Heilbronn-Franken als Region eben dieser Weltmarktführer und Hidden Champions künftig wiederfinden?
Döring: Wenn die hiesigen Familienunternehmen, um die wir international beneidet werden, das eben Gesagte beibehalten, dann ist mir um die Zukunft dieser Region nicht bange. Im Gegenteil: Das, was wir gerade in Heilbronn beobachten können, gibt Anlass zu sehr berechtigten großen Hoffnungen.
Wie beurteilen Sie die Entwicklung der Region vom Jahr 2000 bis heute?
Döring: Nahezu alle Unternehmen in unserer Heimatregion haben die letzten Jahrzehnte trotz aller Krisen gut bewältigt. Ausschlaggebend waren und sind gute Ausbildungserfolge, hoher Einsatz aller Mitarbeitenden, kontinuierliches Innovieren und weiterhin große Bereitschaft zur fortschreitenden Internationalisierung, gepaart mit dem Weitblick der unternehmerischen Erfahrungskompetenz der Familienunternehmer. In unserer Region gibt es viele herausragende Weltmarktführer, die zugleich Welt-Mut-Führer sind.
Viele dieser Welt-Mut-Führer legten die Grundsteine für ihren Erfolg in der Nachkriegszeit und befeuerten das Wirtschaftswunder. Von welchen Geist waren diese Visionäre geprägt?
Döring: Schauen wir doch auf die berühmten Drei aus einer Klasse: Statt Lehrer, wie Reinhold Würth, oder Pfarrer, wie Gerhard Sturm, oder Metzger, wie Albert Berner, wurden sie zu Gründern von höchst erfolgreichen Unternehmen. Weil sie etwas Eigenes machen wollten, weil sie immer schon sehen wollten, was ums Eck passiert, weil sie hungrig waren. Weil sie gründen, mutig sein, Risiko übernehmen, ihr eigener Chef sein wollten. Sie wollten es schlicht besser haben und hatten jede Menge Lust aufs Tüfteln, auf Innovationen und Freude an der Arbeit. Alles zusammen klassischer Unternehmergeist. Ich bin mir sicher, wir werden auch in Zukunft genug davon haben.
Ein Geist, der heute China beflügelt.
Döring: Ja, auch die Chinesen sind hungrig auf Erfolg. Sie setzen sich große Ziele, wollen aufholen und in allen Bereichen an die Spitze kommen – mit enormem Arbeitseinsatz und nicht enden wollender Wissbegierde.
Wenn Sie im Jahr 2050 Redakteur beim PROMAGAZIN wären: Worüber würden sie dann gern berichten?
Döring: Am liebsten über die Fortsetzung der Erfolgsgeschichten unserer Unternehmen und darüber, wie sich die Parameter für Erfolg in 25 Jahren geändert haben – oder sogar im Kern weitgehend gleich geblieben sind.
Interview von Natalie Kotowski

Zur Person
Dr. Walter Döring ist Gründer der Akademie Deutscher Weltmarktführer (ADWM GmbH) und initiierte 2011 das jährliche Gipfeltreffen der Weltmarktführer. Zuvor gehörte er ab 1980 für die FDP dem Landesvorstand Baden-Württemberg an, 1996 wurde er Wirtschaftsminister und stellvertretender Ministerpräsident Baden-Württembergs.


