KI macht Teams kreativer: Niklas Harzheim von OpenAI über KI-Integration, Datenschutz und das Modell der Co-Intelligenz

Deutschland zählt aktuell zu den aktivsten KI-Märkten. Warum Unternehmen die Technologie derzeit tief in ihre Prozesse integrieren und welche Branchen vorn liegen, erklärt Niklas Harzheim von OpenAI.

Niklas Harzheim
Niklas Harzheim (rechts) setzt zusammen mit Daniel Khachab, CEO von Choco, darauf, moderne KI mit praktischem Nutzen einzusetzen. Foto: Choco

Deutschland gilt als KI-Vorreiter in Europa. Was macht den deutschen Markt so besonders?

Niklas Harzheim: Deutschland ist führend in Europa bei der Nutzung von ChatGPT und ein Top-Five-Markt weltweit. Was Deutschland auszeichnet, ist die Verbindung aus technischer Exzellenz und dem Drang, Prozesse zu perfektionieren. Wenn deutsche Ingenieure und Mittelständler einmal den Nutzen erkannt haben, implementieren sie tiefgreifend. Wir sehen ein enormes Wachstum bei der API-Schnittstellen-Nutzung – die Entwickler-Community ist bei der Anwendung von Application Programming Interfaces eine der größten außerhalb der USA.

Welche Branchen sehen Sie als nächste große Treiber?

Harzheim: Ganz klar die Automobilindustrie und das verarbeitende Gewerbe, die ihre globale Wettbewerbsfähigkeit sichern wollen, sowie den öffentlichen Sektor, der effizienter werden muss.

Künstliche Intelligenz als Hebel für die Wettbewerbsfähigkeit

Viele deutsche Unternehmen integrieren KI direkt in Kernprozesse. Warum passiert dieser Wandel gerade jetzt so schnell?

Harzheim: Wir erleben den Übergang von der Experimentierphase zur echten Wertschöpfung. Künstliche Intelligenz ist nicht mehr nur ein Tool für Einzelnutzer, sondern wird sozusagen zum Betriebssystem für Unternehmen. Dass dieser Wandel jetzt so schnell geschieht, liegt auch an der Reife der Modelle: Reasoning-Modelle wie unser neuestes GPT-5.2 Thinking haben eine Leistungsfähigkeit erreicht, die komplexe, industrielle Anforderungen zuverlässig erfüllt. Unternehmen in Deutschland erkennen, dass KI ein entscheidender Hebel ist, um dem Fachkräftemangel zu begegnen und die Produktivität zu steigern. Es geht nicht mehr um den Hype, sondern um handfeste Wettbewerbsfähigkeit.

Was treibt so unterschiedliche Unternehmen wie Choco, Sparkassen oder die Deutsche Telekom an?

Harzheim: Der gemeinsame Nenner ist der Wunsch nach Effizienz und einer besseren Customer Experience. Nehmen wir Choco: Dort wird KI genutzt, um Fehlerquoten in der Lebensmittelbestellung zu minimieren und Lebensmittelverschwendung zu stoppen. Bei großen Organisationen wie der Sparkasse oder der Deutschen Kreditbank (DKB) sehen wir ähnliche Muster: Es geht darum, Mitarbeitende von repetitiven Aufgaben zu entlasten, damit sie sich auf wertschöpfende Tätigkeiten konzentrieren können. Unsere Daten zeigen, dass 95 Prozent der Enterprise-Nutzer durch KI Zeit sparen und 72 Prozent kreativer arbeiten. Dieser Produktivitätssprung rückt KI zwangsläufig in den Kern der Prozesse.

„Die wenigsten Unternehmen müssen bei Null anfangen“

Stichwort Sprachagenten. Warum sind sie für die Industrie so attraktiv?

Harzheim: Sprachagenten verbinden die digitale Welt mit der physischen Arbeitswelt. In der Industrie haben Mitarbeitende oft keine Hand frei, um auf Bildschirme zu tippen. Voice-to-Voice-Modelle in der Realtime-API ermöglichen flüssige, fast menschliche Konversationen mit extrem geringer Latenz. Das Potenzial ist riesig – von Logistik über Maschinenwartung bis Pflege.

Müssen Unternehmen dafür eigene Modelle trainieren oder reichen Foundation Models wie GPT?

Harzheim: Die wenigsten Unternehmen müssen bei Null anfangen. Der Trend geht dahin, leistungsstarke Basismodelle zu nutzen und diese für spezifische Aufgaben anzupassen. Die Kosten für die Nutzung der Modelle sind massiv gefallen – teilweise um 95 Prozent im letzten Jahr. Das macht es wirtschaftlicher, auf bestehende Intelligenz aufzubauen.

Mittelständler haben oft keine großen IT-Abteilungen. Wie können sie dennoch KI-Lösungen schnell einsetzen?

Harzheim: Das ist gerade einer der Punkte, der mich am meisten begeistert: Man braucht keine riesige IT-Abteilung mehr. Ein hervorragendes Beispiel ist Plex Coffee, eine kleine Café-Kette. Die Gründer haben ChatGPT Business genutzt, um ihr internes Wissen zu zentralisieren und das Onboarding neuer Baristas von Wochen auf Tage zu verkürzen – ganz einfach über iPads in den Filialen. Oder schauen Sie auf HYGH in Berlin: Die nutzen unsere Tools, um jede Woche neue interne Software-Prototypen zu bauen, was ihnen pro Mitarbeiter 5,5 Stunden Arbeit pro Woche spart. Der Mittelstand kann heute KI-Lösungen fast so einfach implementieren wie eine neue Office-Software.

Datenschutz und Künstliche Intelligenz

Datenschutz ist in Deutschland ein zentrales Thema. Wie geht OpenAI damit um?

Harzheim: Datenschutz ist nicht verhandelbar und eine Grundvoraussetzung für Vertrauen. Wir trainieren nicht mit den Daten unserer Geschäftskunden. Ein ganz wichtiger Schritt für den deutschen Markt ist zudem, dass wir mittlerweile Data Residency in der EU anbieten. Diese Datenresidenz gibt Unternehmen, gerade in regulierten Branchen wie dem Bankwesen oder dem Gesundheitssektor, die nötige Sicherheit. Wir sehen, dass diese Klarheit die Einführung beschleunigt, weil Compliance-Fragen schneller geklärt werden können. Partner wie die DKB oder die Sparkassen-Gruppe zeigen, dass auch Banken mit hohen Sicherheitsanforderungen jetzt in die breite Umsetzung gehen.

Was kommt nach Sprachagenten: Wird KI Entscheidungen vorbereiten?

Harzheim: Absolut. Wir bewegen uns von reinen Chat-Interfaces hin zu „Agentic Workflows“ und Modellen, die wirklich denken können, bevor sie antworten. Reasoning-Modelle wie GPT-5.2 Thinking lösen komplexe Probleme in Mathematik oder Physik, wie es etwa am Max-Planck-Institut für die Physik des Lichts bereits jetzt genutzt wird.

„In fünf Jahren sehe ich ein Modell der Co-Intelligenz“

Welche Rolle spielen multimodale Modelle für die Industrie?

Harzheim: Eine Entscheidende. Die Realität ist multimodal. Choco extrahiert saubere Daten aus Fotos von Rechnungen. Bei Zalando verbessert ein KI-Assistent die Produktempfehlungen, indem er visuelle und textliche Informationen kombiniert, was die Klickraten um 23 Prozent gesteigert hat. Wenn KI sehen kann, ob ein Bauteil defekt ist, oder hören kann, dass eine Maschine unrund läuft, entstehen neue Dimensionen der Qualitätssicherung.

Wird KI also der Schlüssel für die nächste industrielle Revolution in Deutschland?

Harzheim: Ich bin überzeugt, dass KI eine transformative Chance ist, um Deutschlands Wirtschaft neu zu entfachen. In fünf Jahren sehe ich ein Modell der Co-Intelligenz. Die KI wird uns die kognitive Schwerarbeit abnehmen – sei es das Auswerten riesiger Datenmengen oder das Planen komplexer Logistikketten. Aber die Entscheidungshoheit und die kreative Richtung bleiben beim Menschen. Wir werden sehen, dass KI uns den Raum gibt, uns wieder auf das zu konzentrieren, was menschliche Arbeit ausmacht: Empathie, strategischer Weitblick und echte Innovation. Es ist ein Werkzeug, das uns nicht ersetzt, sondern uns besser macht.

Interview von Teresa Zwirner

Niklas Harzheim
Foto: OpenAI

Zur Person

Niklas Harzheim ist Director Technology & Digital Industries bei OpenAI und einer der zentralen Ansprechpartner des Unternehmens für Industriepartnerschaften in Europa. In dieser Rolle treibt er die praktische Integration von KI‑Systemen in Wirtschaft und öffentliche Infrastruktur voran.


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