Warum Wirtschaft und Gesellschaft mehr gemeinsame Zielbilder brauchen

Haben wir verlernt, einander zuzuhören? Fehlt es uns an gemeinsamen Zielen? Unternehmerin Isabel Grupp-Kofler weiß, wie es sich anfühlt, wenn aneinander vorbeigeredet wird. Deswegen will sie es anders machen und „Matchmakerin“ für junge Gründer und Frauen in Tech-Branchen sein – auch beim Zukunftswiesen Summit.

Isabel Grupp-Kofler
Möchte gemeinsam mit anderen Ziele erreichen: Unternehmerin Isabel Grupp-Kofler setzt auf das Miteinander. Foto: Sabina Radtke

Frau Grupp-Kofler, haben die Menschen verlernt, einander zuzuhören?

Isabel Grupp-Kofler: Teilweise habe ich schon den Eindruck. Manche Diskussionen – auch unter Entscheidern –  wirken heute leider so, als würde jeder vor allem die eigene Position platzieren wollen. Es wird viel gesprochen, aber nicht aufeinander eingegangen. Doch gerade wenn man nicht immer die gleichen Vorstellungen hat, ist es umso wichtiger, dass man einander zuhört. Die besten Lösungen entstehen fast immer dort, wo unterschiedliche Perspektiven aufeinandertreffen. Wo man versucht, eine ernsthafte Lösung mit dem größten gemeinsamen Nenner zu finden. Zuhören ist eine entscheidende, wichtige Führungsqualität in Unternehmen.

Als Landesvorsitzende der Jungen Unternehmer hatten Sie bei einer Veranstaltung selbst erfahren, wie sich ein Neben- statt Miteinander anfühlt. Auf Ihre Eröffnungsrede ging kaum jemand ein, jeder präsentierte nur seine Positionen. Was hat Sie daran am meisten frustriert?

Grupp-Kofler: Über diesen Vortrag hatte ich mir im Vorfeld viele Gedanken gemacht und entsprechend bewusst Zeit investiert. Daraus ist eine Rede entstanden mit Anregungen zu einem gemeinsamen Zielbild für unser Land. Was mich dann vor Ort frustriert hat, ist nicht, dass unterschiedliche Positionen aufeinandertreffen. Das gehört zu einer lebendigen Demokratie dazu.

Was mich aber nachdenklich gemacht und enttäuscht hat: In den anschließenden Statements der Parteienvertreter ging niemand auf meine Punkte ein, alle blieben allein bei ihrem vorbereiteten Manuskript. Gerade in der Politik, wo Kommunikation zum Handwerk gehört, hätte ich erwartet, dass zumindest kurz auf meine Worte eingegangen wird, selbst wenn es nur zwei Sätze gewesen wären. Gerade in einer Phase, in der unser Wirtschaftsstandort vor so großen  Veränderungen steht, brauchen wir mehr Dialoge und weniger parallele Monologe.

Das fehlende Zielbild für Gesellschaft und Wirtschaftsstandort

Liegt das aneinander Vorbeireden vielleicht daran, dass es vielen an diesem Zielbild fehlt, das Sie in der Rede gezeichnet hatten?

Grupp-Kofler: Ich glaube schon. Wir diskutieren sehr intensiv über Einzelmaßnahmen, über Förderprogramme, über kurzfristige Probleme – aber viel zu selten über die grundlegende Frage, wo wir eigentlich gemeinsam als Wirtschaftsstandort und als Gesellschaft in zehn oder zwanzig Jahren stehen möchten. Ohne dieses gemeinsame Zielbild bleibt aber jede Maßnahme reaktiv.

Worin vermuten Sie den Grund dafür, dass so ein Zielbild scheinbar fehlt?

Grupp-Kofler: Aus meiner Sicht fehlt Orientierung. Wollen wir Technologieführer sein? Attraktiver Wirtschaftsstandort? Klimagewinner? Wollen wir „made in Germany“ wieder attraktiv machen? Egal um was es geht, man muss wissen, wo die Reise hingeht. Wenn klar ist, wofür wir stehen, müssen wir uns daran ausrichten und Entscheidungen treffen. Eine strategische Perspektive würde unserem Land insgesamt guttun.

Den gemeinsamen Nenner finden

Nehmen Sie für die Region Heilbronn-Franken eine gemeinsame Leitlinie stärker wahr?

Grupp-Kofler: PlastroMayer sitzt nicht in Heilbronn-Franken, deshalb kann ich das nicht ganz beurteilen. Was ich aber wahrnehme: Wenn man sieht, was in Heilbronn am IPAI die Schwarz Gruppe vor Ort gemeinsam mit Fraunhofer, der Hochschule mit der TUM, der Uni St. Gallen und vielen anderen aufgebaut hat, weiß man, was möglich ist, wenn unterschiedliche Akteure an einem Strang ziehen. Dort engagiert sich jemand, der eine Vision hat. Der sie durchzieht, der sich Partner an die Seite nimmt. In Heilbronn ist ein Zukunftsbild entstanden. Weil Menschen bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, damit ein gemeinsamer Weg gegangen wird.

Das würde vermutlich nicht funktionieren, wenn sich die  Akteure nicht zuhören würden.

Grupp-Kofler: Ja. Die Akteure haben einen gemeinsamen Nenner bestimmt. Wie in einer Ehe. Da möchte auch der eine dies und der andere das. Man geht Kompromisse ein, weil man sich miteinander und füreinander entschieden hat.

Kennen Sie das auch aus Ihrem Unternehmen?

Grupp-Kofler: Ja. Mein Vater und ich möchten mit unserer Führungsmannschaft unser Team in eine erfolgreiche Zukunft führen. Gemeinsam. Auf diesem Weg kann ich nicht alles, was ich im Kopf habe, durchsetzen. Andersherum kann auch er nicht alles allein entscheiden. Dann verliert er mich oder ich verliere ihn. Das wollen wir beide nicht. Und es ist egal, ob im Unternehmen, im Privatleben, bei Projekten wie dem IPAI, in der Politik: Ich glaube, wir kriegen vieles hin, wenn wir einander zuhören. Wenn wir uns einigen. Und dann nicht im Nachhinein rumnörgeln, wenn es Probleme gibt.

„Ich bin eine Matchmakerin“

Sind Sie eine Brückenbauerin?

Grupp-Kofler: Ja, ich versuche es zumindest. Ich stecke sehr viel Energie hinein, Menschen zusammenzubringen. Als Unternehmerin bewege ich mich automatisch zwischen unterschiedliche Perspektiven von Mitarbeitenden, Kunden, Lieferanten, Politik, Gesellschaft. Jeder Akteur schaut ein bisschen anders auf Themen. Die Aufgabe von Führung ist aus meiner Sicht, diese Perspektive zusammenzubringen und daraus eine gemeinsame Richtung zu entwickeln. Es macht mir Freude, wenn ich weiß, ich bin eine Matchmakerin. Natürlich merke ich auch manchmal, es gelingt mir nicht – wie bei meiner Eröffnungsrede kürzlich. Das zieht dann Energie.

Gefällt Ihnen der Zunkunftswiesen Summit als Brücke zwischen Mittelstand und Start-ups deshalb so gut?

Grupp-Kofler: Absolut. Ich stehe für ein etabliertes Unternehmertum, und kann dort Know-how transferieren. Die jungen Talente haben viel Dynamik, viele gute Ideen. Bei PlastroMayer arbeiten wir auch mit Startups und Hochschulen zusammen. Wir realisieren für sie Projekte, verschaffen ihnen Zugang zu Industriepartnern und zur unternehmerischen Praxis.

Menschen und Themen miteinander verbinden

Unter anderem für dieses Brückenbauen wurden Sie vor einem Vierteljahr mit der Wirtschaftsmedaille des Landes Baden-Württemberg ausgezeichnet.

Grupp-Kofler: Für mich war es immer ein Anliegen, Menschen und Themen zusammenzubringen: über Geschlechter, Generationen und Kulturen hinweg. Dieses Prinzip prägt meine Arbeit im Unternehmen. Und genau deshalb engagiere ich mich auch darüber hinaus dafür, Start-ups den Weg zu erleichtern. Mein Ziel ist zu signalisieren: Hey, ich bin da, wenn ihr Fragen habt. Und besonders auch Frauen auf diesem Weg zu unterstützen. Das berührt mich. Denn ich selbst hätte mir viel Energie sparen können, wenn ich eine Sparringspartnerin gehabt hätte.

Sie meinen eine weibliche Person an Ihrer Seite?

Grupp-Kofler: Ich hätte auch eine männliche Person genommen. Aber in meinem beruflichen Umkreis sind 90 Prozent Männer – und ich glaube, ich hätte meine persönlichen Empfindung eher mit einer Frau geteilt. Frauen sind vielleicht ein bisschen emotionaler, ein bisschen nahbarer, ein bisschen verletzlicher. Und ja, ich versuche auch im Unternehmen Verletzlichkeit zuzulassen. Nicht jeder muss immer nur der Starke und der Super-Hero sein. Man darf auch mal schwarze Tage oder traurige Phasen haben.

Was es braucht, um ein Unternehmen zu führen

Welches sind denn nach Ihrer Erfahrung die wichtigsten Eigenschaften, um ein Unternehmen – ob Start-up oder etabliert – zu führen?

Grupp-Kofler: Was ich meinem jüngeren Ich heute raten würde: mehr Leichtigkeit. Ich habe mir anfangs sehr viele Gedanken gemacht. Ich habe gelernt, die Dinge nicht zu stark an mich heranzulassen, aber gleichzeitig klare Orientierung zu geben. Zuzuhören, nachzuvollziehen und Verständnis aufzubringen. Ich möchte Menschen dazu bringen, dass sie in ihre maximale Entfaltung kommen. Wenn ich das schaffe, bin ich glücklich. Dafür muss man empathisch sein, aber das allein reicht nicht.

Warum?

Grupp-Kofler: Es genügt nicht, nur den Kopf zu tätscheln und zu sagen, ich verstehe dich. Sondern man muss aus diesem Verständnis etwas machen. Definieren: Wie können wir vorankommen? Verlässlichkeit, zu seinem Wort stehen – das sind dabei wichtige Werte, die vermitteln: Gemeinsam schaffen wir das.

Deutschland braucht ein gemeinsames Zukunftsbild

Besteht da nicht die Gefahr, dass zu viel „Wir schaffen das gemeinsam“ diejenigen ausbremst, die vorangehen wollen?

Grupp-Kofler: Mein Eindruck ist, dass sich viele gesellschaftliche Diskussionen derzeit stark auf Minderheiten konzentrieren. Sie sind wichtig. Aber wir kommen nicht weiter, wenn wir es jedem Bedenkenträger recht machen wollen. Wenn wir jeder Befindlichkeit Raum verschaffen – auch wenn ich die Beweggründe im Einzelnen verstehen mag – blockieren wir die große Mehrheit. Ich habe die Eigenschaft abgelegt, es jedem recht machen zu wollen. Ich muss nicht jedem gefallen und ich muss auch nicht jedes Lied mitsingen.

Das muss man aber aushalten können.

Grupp-Kofler: Ja, es bedeutet, im Gegenwind stehen zu bleiben und nicht umzufallen. Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Als das Magazin „Der Spiegel“ mich kürzlich für ein Interview anfragte, hat von fünf Personen nur eine gesagt: „Mach das!“ Manche befürchteten, ich könnte unter die Räder geraten. Aber habe ich Angst, meine Meinung zu äußern? Oder möchte in Dialog gehen und zu sprechen? Und siehe da: Es war komplett in Ordnung – und ich habe keinen Shitstorm geerntet.

Wünschen Sie sich dieses Stehvermögen für die jungen Gründer beim Summit?

Grupp-Kofler: Ich wünsche Ihnen vor allem Mut und Ausdauer. Unternehmertum bedeutet, Verantwortung zu übernehmen, Risiken einzugehen, langfristig zu denken. Ich glaube gerade in Deutschland braucht wieder mehr Menschen, die Lust haben zu gestalten statt zu verwalten. Es braucht Vorbilder.

Und Zielbilder.

Grupp-Kofler: Absolut. Menschen, die sich auf ein Ziel einigen, die dialogfähig sind. In Deutschland diskutiert man sehr viel über Probleme, aber zu selten über ein gemeinsames Zukunftsbild – und über das, was eigentlich alles gut funktioniert.

Interview von Natalie Kotowski


Zur Person

Isabel Grupp-Kofler führt als Co-CEO gemeinsam mit ihrem Vater Johannes Grupp das Familienunternehmen PlastroMayer. Als Unternehmerin, Speakerin, Beirätin und Transformationsbegleiterin setzt sie sich für eine offene Unternehmenskultur ein.


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