SpaceTech, KI und neue Defense-Technologien öffnen einen Milliardenmarkt – und bieten europäischen Weltmarktführern direkte Anschlusschancen. Wir haben mit Lukas Leitner über günstige Starts, starke Ökosysteme und den Mut zur Neuerfindung gesprochen.

Auf dem Weltmarktführergipfel in Schwäbisch Hall sprechen Sie über SpaceTech als Wachstumsmarkt – wo sehen Sie die größten Chancen für europäische Unternehmen, die heute schon Weltmarktführer in anderen Branchen sind?
Lukas Leitner: Dank drastisch sinkender Launch Kosten wird der Zugang zum All in den nächsten fünf bis zehn Jahren so günstig wie nie zuvor. Dadurch entsteht im Orbit eine völlig neue industrielle Infrastruktur, die starke Parallelen zu bestehenden Märkten auf der Erde hat und damit ideale Anknüpfungspunkte für europäische Weltmarktführer schafft.
Welche Anwendungen werden zuerst wirtschaftlich relevant?
Leitner: Ob Verteidigungssysteme, hochauflösende Satellitensensorik, pharmazeutische Produktion in Schwerelosigkeit oder Teile der Halbleiterfertigung im Orbit – viele Anwendungen, die heute noch wie Science Fiction wirken, werden bald wirtschaftlich realisierbar sein. Startups arbeiten bereits an privaten Raumstationen, am Abbau von Rohstoffen auf Asteroiden und an Konzepten wie Space-basierten Rechenzentren oder solarer Energiegewinnung im All. Für Unternehmen, die heute schon globale Champions sind, eröffnet sich damit ein neuer Markt, in dem sie ihre bestehende technologische Führungsposition direkt ins Orbit übertragen können.
„Mehr Freiheit für Unternehmergeist und Risikobereitschaft“
Europa hinkt bei Zukunftstechnologien oft hinterher – was muss passieren, damit wir nicht nur Zulieferer bleiben, sondern echte globale Champions stellen?
Leitner: Europa wird nur dann eigene technologische Champions hervorbringen, wenn mehrere Faktoren zusammenspielen: Wir brauchen verlässliche politische Rahmenbedingungen – etwa ein modernes Weltraumgesetz –, das unternehmerische Planungssicherheit schafft. Ebenso wichtig sind staatliche Aufträge mit echtem kommerziellem Gegenwert statt reiner Subventionen. Kein Champion entsteht durch Subventionen allein – Champions entstehen durch Nachfrage.
Genau dieses Zusammenspiel hat SpaceX in den USA groß gemacht durch Milliardenaufträge der Air Force und NASA. Dazu kommen private Investoren mit der Bereitschaft, kapitalintensive Deep-Tech-Entwicklungen langfristig zu finanzieren, sowie eine Gesellschaft, die technologischen Fortschritt unterstützt. Medien spielen hier ebenfalls eine Rolle: Statt vermeintliche „Fehler“ zu skandalisieren, sollten sie die Realität von Innovation anerkennen – dass etwa ein Testflug eine Space Rakete, der explodiert, trotzdem ein Erfolg sein kann, wenn er die entscheidenden Daten liefert.
Wenn Sie all diese Faktoren betrachten – was ist der eine Hebel, der alles zusammenhält?
Leitner: Über allem steht eine zentrale Voraussetzung: mehr Freiheit für Unternehmergeist und Risikobereitschaft – in Schulen und Universitäten, in Politik, und in Unternehmen. Genau das hat Europa und besonders Deutschland einst stark gemacht – und genau das brauchen wir wieder, wenn wir im globalen Wettbewerb nicht nur Zulieferer bleiben wollen.
SpaceTech und Defense als neue Technologiefelder
Viele deutsche Mittelständler sind Weltmarktführer in Nischen – wie können sie den Schritt in neue Technologiefelder wie SpaceTech oder Defense schaffen?
Leitner: Viele deutsche Mittelständler sind deshalb Weltmarktführer, weil sie ihre Nische über Jahrzehnte perfektioniert haben. Um den Schritt in neue Technologiefelder wie SpaceTech oder Defense zu schaffen, ist es entscheidend, sich systematisch mit diesen Zukunftsmärkten auseinanderzusetzen: Welche Entwicklungen prägen die nächsten zehn Jahre, und wo kann das eigene Unternehmen aufgrund seiner bestehenden Fähigkeiten sinnvoll anknüpfen?
Wie können Mittelständler diesen Schritt praktisch umsetzen – ohne ihre bewährten Stärken zu verlieren?
Leitner: Dazu gehört, interne Innovation zu fördern, das eigene Geschäftsmodell regelmäßig zu hinterfragen und offen für technologische Neuausrichtung zu bleiben. Ein wirkungsvoller Ansatz ist die Zusammenarbeit mit Startups oder Venture-Capital-Firmen, um früh Zugang zu neuen Technologien zu erhalten – sei es als Zulieferer, als Entwicklungspartner oder als Pilotkunde. Ein gutes Beispiel dafür ist Schaeffler, das sowohl mit Investoren kooperiert als auch gezielt Partnerschaften mit Deep-Tech-Unternehmen wie Neura Robotics oder Helsing aufbaut.
Sie nennen Kooperationen mit Startups als wichtigen Hebel. Ist genau diese Zusammenarbeit der Schlüssel, um den Wandel wirklich zu beschleunigen?
Leitner: Kooperationen zwischen klassischen Maschinenbauern und Deep-Tech-Startups können tatsächlich ein entscheidender Erfolgsfaktor sein. Zunächst ist wichtig zu verstehen, dass Deep Tech die Kommerzialisierung wissenschaftlicher oder technologischer Durchbrüche beschreibt. Viele der heute wertvollsten Unternehmen der Welt sind auf dieser Basis entstanden. Auch Technologien, die wir heute als selbstverständlich ansehen – vom Verbrennungsmotor bis zum modernen Suchalgorithmus – waren in ihrer Zeit Deep Tech. Was gestern Science Fiction war, ist heute Massenware.
Künstliche Intelligenz und Robotik
Wenn wir über die Zukunft sprechen: Was wird der nächste große Gamechanger?
Leitner: Wenn wir auf die aktuelle Entwicklung blicken, zeigt sich, dass der nächste große Sprung vor allem in der Verbindung von künstlicher Intelligenz und der physischen Welt liegt. Während KI heute vor allem in Softwarebereichen wie Kundenservice, Marketing oder Content eingesetzt wird, entsteht der eigentliche wirtschaftliche Hebel dort, wo KI direkt in Produktionsprozesse eingreifen kann. Dafür braucht es Robotik – also einen „Körper“ für die KI.
Und genau hier sehen Sie Europas Chance?
Leitner: Ja, an dieser Schnittstelle liegt ein enormes Potenzial für europäische Maschinenbauer, da sie eine tiefe technologische Basis und jahrzehntelange Engineering-Expertise mitbringen. Während Europa bei der ersten Welle der KI-Kommerzialisierung kaum eine Rolle gespielt hat, könnten wir in der Kombination aus KI und Robotik wieder eine globale Spitzenposition einnehmen. Die Zusammenarbeit mit Deep-Tech-Startups kann dabei helfen, neue Technologien schnell zu integrieren und bestehende Stärken in vollkommen neue Märkte zu übertragen.
Gibt es Beispiele, wo „Hidden Champions“ bereits erfolgreich in neue Technologiefelder investiert haben?
Leitner: Ja, es gibt bereits erfolgreiche Beispiele – auch wenn viele davon noch nicht öffentlich sichtbar sind. Wir befinden uns insgesamt noch in einer Übergangsphase. Das alte deutsche Erfolgsmodell aus günstigem Gas aus Russland, sicherheitspolitischer Rückendeckung aus den USA und offenen Exportmärkten in China trägt nicht mehr wie früher. Die Welt hat sich verändert – jetzt muss auch der Mittelstand seinen Platz neu definieren. Dafür braucht es mehr Mut und die Bereitschaft, neue technologische Felder aktiv zu erschließen.
Können Sie konkrete Unternehmen nennen?
Leitner: Einige Hidden Champions machen diesen Schritt bereits: Die Schlenk AG liefert Spezialmetallbeschichtungen an US-Weltraumpioniere wie SpaceX und Blue Origin. Schäffler investiert in neue Märkte durch Partnerschaften mit Unternehmen wie Helsing im Defence-Bereich oder Neura Robotics im Robotics-Sektor. Diese Beispiele zeigen: Wenn Mittelständler ihre Kernstärken neu kombinieren, können sie global in völlig neuen Technologien mitspielen
Unternehmerisches Engagement und seine gesellschaftliche Relevanz
Sie kommen selbst aus Schwäbisch Hall und bezeichnen sich als „Klischee-Schwabe“ – wie hat Ihre Herkunft Ihre Sicht auf Technologie und Unternehmertum geprägt?
Leitner: Ich bin in Schwäbisch Hall aufgewachsen und habe hier mein Abitur gemacht. Erst im Rückblick, vor allem durch Erfahrungen im Ausland, wurde mir klar, wie prägend diese Zeit war. Schwäbisch Hall ist wohlhabend, kulturell stark und geprägt von Hidden Champions wie Klafs, Optima und Würth. Diese Unternehmen schaffen nicht nur Arbeitsplätze, sondern tragen Verantwortung für Infrastruktur und Gemeinwesen.
Was bedeutet das für das Verständnis von Fortschritt und Verantwortung?
Leitner: Eine funktionierende Gesellschaft entsteht nicht allein durch Politik, sondern durch unternehmerisches Engagement. Damit liberale Demokratien bestehen können, brauchen sie ein erlebbares Fortschrittsversprechen – getragen von Technologie, Mut und Risikobereitschaft. Genau diese Haltung habe ich hier gelernt: der schwäbische Erfindergeist, der Anspruch „wenn wir etwas machen, dann richtig“ und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Heute versuche ich, diese Werte weiterzutragen und mit meinem Venture-Capital-Fonds „Drumbeat” neue Technologien zu unterstützen.
Heilbronn-Franken hat das Potenzial „eigene technologische Champions hervorzubringen“
Die Region Heilbronn-Franken gilt allgemein stark in Industrie und Mittelstand – sehen Sie Potenzial, dass sich hier ein Cluster für Zukunftstechnologien entwickelt?
Leitner: Ja, das Potenzial ist definitiv vorhanden. Die Region verfügt über Spitzenforschung, gut ausgebildete Talente, starke Infrastruktur, potenzielle Kunden und hochspezialisierte Zulieferer. Zudem investieren Unternehmen wie die Schwarz-Gruppe erheblich in Hochschulen und Technologiezentren – ein wichtiger Beitrag zur Zukunftsfähigkeit der Region.
Was noch fehlt, ist ein echter Schwerpunkt: ein Exzellenzcluster mit klarer technologischer Ausrichtung und einem Moment, der den nötigen „Flywheel-Effekt“ auslöst. Der Raum Stuttgart zeigt, wie so etwas entstehen kann. Dort führte die frühe Konzentration kluger Köpfe und Ingenieure – von Zeppelin und Maybach bis Daimler, Bosch und Porsche – zu einem selbstverstärkenden Ökosystem und dem weltweit führenden Automobilcluster. Erfolg zog weiteren Erfolg an. Ein ähnlicher Fokus könnte auch Heilbronn-Franken helfen, in Zukunft eigene technologische Champions hervorzubringen.
Was müsste passieren, damit die Region auch führende Player in neuen Märkten hervorbringt?
Leitner: Damit die Region eigene führende Player in neuen Märkten hervorbringen kann, braucht es vor allem starke Gründerpersönlichkeiten. Unternehmertum bedeutet lange Arbeitszeiten, Rückschläge und Durchhaltevermögen – und genau das sollten wir als Gesellschaft wieder stärker wertschätzen. Deshalb sollte Unternehmertum bereits in Schulen und Universitäten als realer Karriereweg vermittelt werden, besonders in technischen Studiengängen.
Und was braucht es über Ausbildung hinaus?
Leitner: Junge Unternehmen brauchen frühe Kunden – aus der Industrie oder vom Staat. Aufträge sind oft wirkungsvoller als Förderprogramme. Ebenso wichtig ist ausreichend europäisches Wachstumskapital, vor allem in späteren Phasen, in denen kapitalintensive Startups dreistellige Millionenbeträge benötigen. Bleibt dieses Kapital aus, orientieren sich viele Unternehmen zwangsläufig in Richtung USA. Außerdem brauchen wir weniger Bürokratie und mehr Raum zum Ausprobieren. Junge Firmen müssen testen, scheitern und schnell wieder starten können. Eine höhere Iterationsgeschwindigkeit und ein stärkeres Gefühl von Dringlichkeit wären entscheidend, um ein wirklich dynamisches Innovationsökosystem entstehen zu lassen.
Talente und Fachkräfte als Voraussetzung für den Erfolg
Wie wichtig sind Talente und Fachkräfte für den Erfolg in diesen Zukunftsfeldern – und was muss passieren, damit Europa hier konkurrenzfähig bleibt?
Leitner: Talente und Fachkräfte sind entscheidend für den Erfolg in allen Zukunftsfeldern. In der Spitzenforschung ist Europa weiterhin stark, doch aus dieser Forschung entstehen noch zu wenige Ausgründungen. Ein Grund dafür ist der fehlende Gründergeist an vielen Universitäten: Während in den USA erfolgreiche Spin-offs als Auszeichnung gelten, zählt in Deutschland oft nur die Publikation im Fachjournal. Genauso wichtig sind qualifizierte Fachkräfte, die diese Technologien in Unternehmen tragen. Die USA zeigen seit Jahren, wie man internationale Top-Talente anzieht – durch attraktive Bedingungen, aber vor allem durch ein Umfeld, das Aufbruch, Dynamik und Exzellenz ausstrahlt. Viele sprechen vom besonderen „Vibe“ in San Francisco: jünger, schneller, offener, aber auch kompetitiver.
Beim Weltmarktführergipfel in Schwäbisch Hall treffen sich die großen Namen des Mittelstands – was ist aus Ihrer Sicht die wichtigste Botschaft, die diese Unternehmen für die Zukunft mitnehmen sollten?
Leitner: Die wichtigste Botschaft lautet: Langfristiger Erfolg entsteht nur durch die Fähigkeit, sich immer wieder neu zu erfinden. Unternehmen, die das versäumen, verlieren irgendwann an Bedeutung – Beispiele wie Nokia, Kodak oder Blackberry zeigen das eindrücklich.
Der deutsche Mittelstand hat eine starke Ausgangsbasis, um neue Märkte zu erschließen. Dafür müssen jedoch alle Akteure zusammenwirken: Politik, Arbeitnehmer, Investoren und Unternehmer. Nur gemeinsam lässt sich ein „Mittelstand 2.0“ aufbauen. Eine gemeinsame Begeisterung für Technologie und Unternehmertum sollte dabei der Antrieb sein, mutig in neue Felder zu gehen und Risiken einzugehen. Startups und Venture Capital sind ein wichtiges Puzzleteil auf diesem Weg.
Interview von Teresa Zwirner

Zur Person
Lukas Leitner ist Gründer von Drumbeat Capital, einem auf Deep Tech spezialisierten VC-Fonds, der Mittelständlern hilft, durch strategische Startup-Investitionen neue technologische Zukunftsfelder zu erschließen. Geboren und aufgewachsen in Schwäbisch Hall, studierte er Finance und Philosophie in Mannheim, an der HEC Paris und der Yale University. Seine Karriere begann bei der Boston Consulting Group, wo er als Teil eines „Special Ops“-Teams an Technologien wie Kernfusion und grünem Stahl arbeitete. Später baute er bei BCG Digital Ventures neue Geschäftsmodelle für europäische Industriekonzerne auf, bevor er zu Lakestar wechselte – einem der größten europäischen VC-Fonds mit rund 2 Milliarden US-Dollar AUM. Dort leitete er das Deep-Tech- und später das Defence-Team und verfasste den European Deep Tech Report.


