„Made in Heilbronn-Franken“: Diese 3 Start-ups ebnen den Weg in eine bessere Zukunft

Gute Ideen „made in Heilbronn-Franken“ – das PROMAGAZIN stellt drei aufstrebende Gründer aus der Region vor, die eines gemeinsam haben: Ihre Geschichten begannen mit frustrierenden Erfahrungen. Ihr Antrieb, Mitmenschen solche Momente zu ersparen, brachte ihnen den Durchbruch.

„Made in Heilbronn-Franken“
„Höhle der Löwen“-Juror Ralf Dümmel (v.l.) beteiligt sich mit 100.000 Euro am Start-up „Nylam“ des Heilbronner Gründerpaares Mergim und Arta Klimenta. Foto: RTL/Stefan Gregorowius

Wie schön wäre es für die ältere Dame gewesen, wenn ihre Beine sie weiter als bis zur nächsten Straßenecke getragen hätten. Aber die Seniorin schaffte längere Strecken nicht mal mehr mit einem Rollator. So verengte sich der Radius, in dem sich ihr Leben abspielte, immer mehr. Bis sie kaum noch vor die Tür kam.

Die Dame, von der die Rede ist, ist Frank Döberls Großmutter. Sie war der Grund, warum ihr 37-jähriger Enkel vor zwei Jahren in Heilbronn „Romiro Robotic“ gründete: Sein Start-up stellt Rollatoren her, die sich per Knopfdruck in einen elektrischen Rollstuhl verwandeln, der sich leicht manövrieren und gut schieben lässt. Döberl löste damit ein Problem für Menschen wie seine Großmutter, die nur eingeschränkt mobil sind und schnell an die Grenzen ihrer Kräfte kommen.

„Die Ärzte haben meiner Oma immer gesagt, sie soll sich viel bewegen, damit es nicht schlimmer wird. Aber wenn ich vorschlug: Komm, lass uns eine Runde laufen, hat sie immer abgelehnt und gesagt: Ich würde ja gern rausgehen, aber ich komme dann nicht mehr heim“, erinnert er sich. Inzwischen tourt der Heilbronner mit seinen Romiro-Modellen quer durch Deutschland und stellt sie interessierten Sanitätshäusern vor.

Heilbronn ist bei den Gründungen landesweit auf Platz 2

Döberls Konstruktion und viele andere Ideen „made in Heilbronn-Franken“ beweisen: Start-up-Gründer in der Region sind Problemlöser und sprichwörtliche Wegbereiter für eine bessere Zukunft. Und von ihnen gibt es, im Landesvergleich in der Region viele: Wie die Heilbronner Stimme berichtete, liegt allein die Stadt Heilbronn mit 7,7 Gründungen pro 100.000 Einwohnern landesweit auf dem zweiten Platz hinter Heidelberg – das entspricht zehn Start-ups im Oberzentrum.

Eines davon war Romiro Robotic. Auch in ländlicheren Gebieten Heilbronn-Frankens gedeiht demnach vielversprechender Erfindergeist: In den Landkreisen Heilbronn und Schwäbisch Hall waren es 2024 jeweils fünf, im Main-Tauber-Kreis drei und im Hohenlohekreis ein Start-up.

Eines haben diese zwei Dutzend Gründer in der Region vermutlich gemeinsam: sie dechiffrieren, was Menschen fehlt, und übersetzen es in nützliche Lösungen. Tatsächlich war der Antrieb, mit dem eigenen Produkt oder der eigenen Dienstleistung positiven Einfluss auf die Gesellschaft zu nehmen, schon vor drei Jahren im Gründungsmonitor der KfW das am dritthäufigsten genannte Motiv.

Auch Alltagsprobleme können inspirieren

Persönliche Erfahrungen als Inspirationsquelle: Hürden, vor denen Mitmenschen stehen – ob Familienmitglieder, Unternehmer und Kollegen, Kommilitonen oder die Gesellschaft an sich, bringen die Start-up-Gründer der Region nicht zum Verzweifeln, sondern erst recht auf neue Ideen. So war es auch bei Arta und Mergim Klimenta, den Gründern des Start-ups Nylam.

Das Ehepaar – ebenfalls aus Heilbronn – schaffte es vor wenigen Wochen sogar zu deutschlandweiter Bekanntheit: In der TV-Show „Die Höhle der Löwen“ stellten die Klimentas ihr Schutzspray für Strumpfhosen vor. Was sie den fünf Löwen in der Jury präsentierten, überzeugte: Wunsch-Investor Ralf Dümmel übernimmt nun für 100.000 Euro 30 Prozent am Start-up.

Ihre Erfolgsgeschichte begann wie bei Döberl mit einer frustierenden persönlichen Erfahrung: „Die Idee entstand aus einem ganz banalen Alltagsproblem: Vor meinem Kleiderschrank stand ich mit einer ganzen Sammlung Strumpfhosen, die kaum noch tragbar waren, weil sie überall Laufmaschen hatten“, erzählt Arta Klimenta: „Dieses Ärgernis, das fast jeder kennt, war mein Ausgangspunkt. Ich fragte mich: Warum gibt es nicht etwas, was Strumpfhosen schützt und ihre Lebensdauer verlängert?“

So widmeten sich die beiden neben Alltag und Job der Lösung. „Es war eine Kombination aus Forschen, Testen und Nachdenken, abends und am Wochenende“, sagt Mergim Klimenta. Bis das faserstärkende Anti-Laufmaschen-Spray alltagstauglich war, seien etliche Versuche nötig gewesen. Die größte Herausforderung dabei: „Aus einer persönlichen Idee ein wirklich funktionierendes Produkt zu entwickeln, das andere Menschen genauso überzeugt wie uns selbst“, sagt er.

Start-ups aus Heilbronn-Franken pitchen im TV

Seit dem TV-Pitch im März ist schon wieder einiges passiert: Das Ehepaar hat inzwischen ein neues Logo und ein Design für die Marke entwickelt und setzt auf Wachstum – nicht mehr nur online, sondern künftig auch im stationären Handel. Der Löwen-Deal öffnete für die Heilbronner neue Möglichkeiten, war aber noch mehr: Balsam für das Selbstbewusstsein der findigen Feierabend-Tüftler: „Vor dem Pitch waren wir sehr nervös, weil das Format riesig ist und viele Menschen zusehen. Gleichzeitig war es aber auch eine Chance, unser Produkt einem großen Publikum zu zeigen“, beschreibt es Arta Klimenta.

Die Aufregung schlug nach der Show sofort in Freude um, „weil wir nicht nur gezeigt haben, woran wir so lange gearbeitet haben, sondern auch einen Deal mit Ralf Dümmel bekommen haben. Das war ein unglaublich bestärkender Moment.“

Auch Frank Döberls Talent, Lösungen zu finden, wo andere aufgeben, überzeugte Juroren und Geldgeber: Er gewann mit seinem flexiblen „Rolli-Rollator“ nicht nur den dritten Platz im Elevator Pitch der IHK Heilbronn-Franken, sondern traf dort sogar seinen heutigen Business-Angel: „Es gab ein Pitch-Training bei den Campus Founders – da sind wir uns zufällig über den Weg gelaufen“, erinnert er sich. Dieses Treffen verschaffte ihm die nötigen Kontakte, mit denen sein Start-up den Erfolgsweg nehmen konnte – ganz so, wie seine Erfindung eingeschränkten Personen hilft, längere Strecken zurückzulegen.

Ein Glücksfall, findet er: „Oft schreckt es Investoren ab, wenn man Solo-Gründer ist. Als Einzelner hat man entsprechend viel Arbeitspensum und Belastung. Dann springt niemand ein, wenn man krank ist.“ Trotzdem waren laut IHK Einzelunternehmen in der Region mit einen Anteil von 81,6 Prozent die häufigste Rechtsform bei Neugründungen.

Aus der Autoindustrie in die Gründergarage

So war Döberl auch zunächst allein gesprungen – „ins kalte Wasser“, wie er sagt. Denn begonnen hatte der Heilbronner, der vorher Verbrennermotoren für die Automobilindustrie entwickelte, ganz klischeehaft in der Garage seines Elternhauses. Mit der aufkommenden Krisenstimmung in der Automobilbranche entschloss er sich, voll auf Romiro zu setzen.

Mit Erfolg: Im November vergangenen Jahres gewann der Heilbronner Gründer nach eigenen Worten den Zuschauerpreis der B. Braun Stiftung, und verpasste nur knapp den Sieg und 100.000 Euro Preisgeld bei der „Traum Challenge“ des Software-Anbieters Lexware.

Auch mit den aktuellen Verkaufszahlen ist Döberl zufrieden. Wenig überraschend: Schließlich gehört sein Produkt in die Branche, die im Ranking des Verbands mit 10,6 Prozent auf Platz Zwei unter den Start-up-Neuzugängen liegt: Medizin und Gesundheitswesen.

Auf Platz Eins rangierte mit großem Abstand der Informations- und Kommunikationssektor, zu dem jedes vierte Start-up zählt. Das liegt vermutlich an der größten Innovation der jüngeren Geschichte: Künstliche Intelligenz. Branchenübergreifend, aber insbesondere bei Informationstechnologien, steht sie laut Start-up-Verband bei 45,1 Prozent der Gründer im Zentrum ihres Produkts. Dass Heilbronn dank IPAI und vielen anderen Akteuren ein ideales Ökosystem für KI-Start-ups bietet, hat sich inzwischen bundesweit herumgesprochen.

Start-up Clyr AI baut KI-Agenten

Dieses Zukunftsfeld ist die Domäne von Laura Weber, die im vergangenen Jahr gemeinsam mit einem jungen Team clyr AI gründete. Prompt gewann das Team den Pitch des Gründerfonds „Hohenlohe4Talents“, mit dem das Fachkräftenetzwerk Hohenlohe Plus und die regionalen Digitalisierungs- und Technologietransfer-Experten von hf:con alljährlich Start-ups der Region den Markteintritt erleichtern.

Probleme zu lösen – in diesem Fall nicht individuelle, sondern unternehmerische, war auch Laura Webers Ziel. Clyr AI baut KI-Agenten für Maschinenbau, Fertigung und Verpackungsindustrie, die bis zu 75 Prozent Zeitersparnis bei Order-to-Cash-Prozessen versprechen, weil sämtliche Schritte im B2B-Geschäft von der Auftragsannahme bis zur Bezahlung automatisiert ablaufen.

Auch Laura Weber kannte die Herausforderung der Unternehmen aus eigener Anschauung: „Ich komme aus dem Mittelstand, habe auch meine Ausbildung in der Region gemacht, bei der Sparkasse in Schwäbisch Hall. Dort habe ich viele mittelständische Unternehmen bei der Beratung kennengelernt“, erzählt sie.

Heilbronn-Franken als Heimatvorteil

Webers Start-up- und Problemlöser-Gen hatte sich schon früh gezeigt: Mit 17 Jahren machte sich die junge Gründerin zum ersten Mal selbstständig, um regionale Unternehmen in Sachen Digitalisierung zu beraten. „Je tiefer wir in die Prozesse reinkamen, umso mehr fiel auf, dass im Mittelstand einiges noch sehr hemdsärmelig läuft. Wir wussten, es reicht nicht, den Leuten nur zu sagen, wie etwas geht. Man muss ihnen eine Lösung bieten“, ist sie überzeugt.

Bislang kommen die Kunden aus der Region – darunter Weltmarktführer wie die Marbach-Gruppe. Denn Laura Weber hat starke Netzwerke und einen klaren Heilbronn-Fränkischen Heimvorteil: In Schwäbisch Hall ist sie geboren, in Crailsheim zur Schule gegangen, hat in Bad Mergentheim studiert und in Heilbronn die Start-up-Programme der Campus Founders besucht.

Schon die nächste Gründung am Start

Sich auf den Erfolgen ausruhen? Das wollte Laura Weber nie. Sie denkt weiter: „Das, was mit KI gerade passiert, ist nicht einfach nur eine technologische Innovation, sondern eine techno-ökonomische Paradigmenverschiebung. Ein komplett neues Zeitalter“, konstatiert sie. Allerdings werde immer klarer, dass die Kosten, Software zu bauen, in Zukunft nahezu auf Null sinken werden. Es genüge schon heute eigentlich nicht mehr, nur den Order-to-Cash-Prozess zu optimieren, um am Markt zu bestehen.

Ihre Lösung: „Wir gründen gerade ein weiteres Unternehmen, das den Mittelstand genau in dieser Paradigmenverschiebung unterstützt“ – mit strategischer Beratung, „um Potenzial zu heben, die weder der Mensch alleine entfalten kann, noch die KI“. Die Ausgründung aus dem erst ein Jahr alten Start-up ist so frisch, dass die Internetseite erst vor wenigen Tagen online ging.

Eines haben die Gründer geschafft: Mit Ideen „made in Heilbronn-Franken“ Erfolgsgeschichten zu schreiben. Nylam-Gründer Klimenta spricht vermutlich für alle, wenn er sagt: „Lasst euch nicht von Zweiflern aufhalten, nutzt jede Gelegenheit zur Weiterentwicklung. Glaubt an Eure Ideen!“ Schließlich kann man nie wissen, von wo unverhofft Unterstützung kommt. Vielleicht sogar „von oben“, wie bei Frank Döberl: „Meine Oma ist leider verstorben, bevor ich das Projekt überhaupt angefangen habe. Aber ich glaube, dass sie meinen Weg trotzdem weiter verfolgt.“

Natalie Kotowski

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