„Krisenzeiten sind Gründerzeiten“: Verena Pausder, Vorsitzende des Start-up-Verbands Deutschland, im Interview

Trotz Konjunkturflaute boomt die Gründerszene. Verena Pausder, Vorstandsvorsitzende des „Startup-Verband Deutschland“, erklärt, weshalb Mentalität über Erfolg entscheidet – und welche Rolle Heilbronn-Franken spielt.

Verena Pausder
Verena Pausder plädiert für mehr Offenheit gegenüber Neuem und weniger Angst vor Veränderung. Foto: Patrycia Lukas

2025 war ein Rekordjahr für Neugründungen: über 3500 neue Unternehmen, fast 30 Prozent mehr als im Vorjahr – und das mitten in wirtschaftlich unsicheren Zeiten. Was treibt Menschen gerade jetzt zum Gründen?

Verena Pausder: Wesentlicher Treiber der positiven Entwicklung ist Künstliche Intelligenz. Einerseits spielt KI beim Geschäftsmodell der Start-ups eine immer größere Rolle. Andererseits vereinfacht KI auch die Recherche oder das Programmieren. Damit wird Gründen einfacher und schneller möglich. Ein weiterer Faktor ist sicher auch die aktuell wirtschaftlich angespannte Situation. Wenn Arbeitsplätze in der Industrie oder beim Großkonzern unsicherer werden, wird das Gründen tendenziell attraktiver. Insofern sind Krisenzeiten auch Gründerzeiten.

Start-ups schaffen bereits hunderttausende Arbeitsplätze und prägen Zukunftsfelder wie KI, Quantencomputing oder neue Energietechnologien. Besonders der Anteil an KI- und DeepTech-Start-ups wächst stark. Werden diese Bereiche zum neuen Markenkern von „Made in Germany“ ?

Pausder: Das Potenzial für DeepTech-Gründungen ist in Deutschland riesig. Das liegt an der guten industriellen Basis und einer herausragenden Forschungslandschaft. Schon heute ist mehr als eines von zehn Start-ups dem Bereich DeepTech zuzuordnen.

Das industrielle Potenzial der DeepTech-Start-ups

Welche Beispiele zeigen besonders deutlich, welches industrielle Potenzial hier entsteht?
Pausder: DeepTech-Start-ups wie zum Beispiel IsarAerospace, die Exploration Company im Space-Bereich, Proxima Fusion und Marvel Fusion im Bereich der Kernfusion oder auch Neura Robotics haben die Chance, neue Industrien hervorzubringen und zu prägen. Das war vor hundert Jahren als zum Beispiel Mercedes gegründet wurde, nicht anders. Entscheidend ist, dass wir diesen Unternehmen bei uns echte Wachstumsperspektiven bieten. Ausreichend Kapital ist dabei entscheidend. Denn ohne Kapital ist eine schnelle Skalierung kaum möglich.

Wie bewerten Sie die Wachstumsperspektiven für ländliche Regionen wie etwa Hohenlohe oder Tauberfranken innerhalb Heilbronn-Frankens?

Pausder: Auch auf dem Land ist ein gewisser Fokus sicher hilfreich. Und auch hier gilt es, vernetzt zu denken und ein attraktives Umfeld mit einem starken Ökosystem zu schaffen. Hochschulen spielen dabei eine ganz wichtige Rolle, weil sie junge Talente anziehen und damit einen Pool für künftige Gründer, aber auch Mitarbeitende schaffen. Und dort, wo Talente sind, kommt auch Kapital. Beides kann sich gegenseitig befeuern. Denn mehr Kapital macht es auch für Talente wiederum attraktiver.

Initiativen und Ökosysteme

Heilbronn selbst ist offenbar schon sehr anziehend für Gründer: Es liegt bei den Start-up Gründungen pro 100.000 Einwohner auf Platz zwei in Baden Württemberg. In der gesamten Region wurden 2024 insgesamt 19 Start-ups gegründet, zehn davon in Heilbronn.

Pausder: Das ist ein guter Startpunkt. Und ich bin davon überzeugt, dass wir angesichts der wichtigen Initiativen vor Ort in Zukunft hier einen weiteren Anstieg sehen werden.

Warum sind Initiativen wie das IPAI oder Campus Founders so wichtig, um die gute Ausgangslage zu nutzen?

Pausder: Sie schaffen für Gründerinnen und Gründer ein attraktives Umfeld, das sie brauchen, um erfolgreich wachsen zu können. Je stärker diese Ökosysteme in den Regionen sind, desto besser. Das Beispiel der UntermehmerTUM in München hat das beispielhaft vorgemacht. Dort sind Unternehmen wie FLIX oder Celonis entstanden, die allein viele tausend neue Jobs geschaffen haben.

Seit Sommer letzten Jahres gibt es deutschlandweit zehn sogenannte Start-up-Factories, die im Rahmen eines Leuchtturmwettbewerbs vom Bundeswirtschaftsministerium ausgewählt worden sind. Das sind Zusammenschlüsse von Hochschulen, deren Ziel es ist, optimale Voraussetzungen für die Unternehmensgründung und Skalierung zu schaffen. Auch das basiert auf dem Denken in Ökosystemen.

„Zu oft werden neue Entwicklungen als Gefahr gesehen“

So weitsichtig waren in der Vergangenheit aber nicht alle. Sie sagen, Deutschland sei zu sehr „verliebt in das, was uns groß gemacht hat“. Wo bremst uns diese Haltung?

Pausder: Eine große Rolle spielt meiner Meinung nach die Mentalität. Zu oft werden bei uns neue Entwicklungen als Gefahr gesehen – und nicht als Chance. Das muss sich ändern. Im letzten Jahr sind in Deutschland pro Monat 10.000 Industriearbeitsplätze weggefallen. Wenn wir diesem Trend etwas entgegensetzen wollen, brauchen wir mehr Offenheit für Neues.

Auch manche politische Instrumente sehen Sie kritisch. Wo laufen wir Gefahr, den Strukturwandel auszubremsen?

Pausder: Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Ende letzten Jahres wurde das Kurzarbeitergeld nochmals auf bis zu zwei Jahre verlängert. Keine Frage: Das Kurzarbeitergeld kann in extremen Ausnahmesituationen ein hilfreiches Instrument sein. Aber es darf nicht den nötigen Strukturwandel künstlich aufhalten und dabei den Blick auf neue Chancen verstellen.

Mehr Tempo ist aus Ihrer Sicht entscheidend: schneller testen, früher an den Markt. Warum steht den Deutschen der eigene Perfektionismus im Weg?

Pausder: Da sind wir wieder beim Thema der Mentalität: Wir müssen in vielen Bereichen dem Motto ‚better done than perfect‘ mehr Raum geben. Denn wenn wir uns durch den Drang zu Perfektionismus selbst im Weg stehen, ist nichts gewonnen. Im Gegenteil: Dann werden wir rechts und links überholt.

Mehr gesellschaftliche Anerkennung für Gründer

Gerade junge Unternehmen müssen extrem anpassungsfähig sein. Sie fordern deshalb mehr Flexibilität beim Kündigungsschutz für sehr hohe Einkommen. Warum ist das aus Ihrer Sicht notwendig?

Pausder: Studien zeigen, dass die sogenannten „Costs of Failure“ bei uns besonders hoch sind. Das macht es für Unternehmen schwierig, schnell umzusteuern. Wenn wir in diesem Punkt mehr Flexibilität schaffen, profitieren im Ergebnis davon alle. Im Übrigen geht es mir nicht darum, allgemein und flächendeckend den Kündigungsschutz in Frage zu stellen! Das ist mir wichtig zu betonen. Aber für Top-Gehälter, ab einem Jahreseinkommen von etwa 150.000 Euro, sollten wir mehr Flexibilität zulassen.

Arbeitsgerichtliche Verfahren sind in vielen Fällen fast wie ein Ritual, bei dem am Anfang mehr oder minder schon das Ergebnis feststeht. Aber der Weg dorthin ist für alle Beteiligten mit viel Mühen, Aufwand und Kosten verbunden. Hier könnten beispielsweise einfachere und verbindliche Abfindungsregeln bei Top-Gehältern eine wichtige Erleichterung schaffen.

Wenn Sie „Made in Germany“ für 2030 neu definieren dürften: Welche Eigenschaften sollte dieses Gütesiegel künftig verkörpern – technologische Stärke, Mut, Geschwindigkeit, Verantwortungsbewusstsein oder eine neue Kombination daraus?

Pausder: Ein Mix aus genau diesen Eigenschaften. Start-up-Gründerinnen und Gründer zeichnen sich dadurch aus: Sie gehen tagtäglich ins Risiko und übernehmen Verantwortung für Ihr Unternehmen und ihre Mitarbeitenden. Das sollten wir als Gesellschaft insgesamt viel stärker anerkennen als wir das momentan noch tun.

Interview von Teresa Zwirner und Natalie Kotowski


Zur Person

Verena Pausder ist Unternehmerin, Investorin und Vorstandsvorsitzende des „Startup-Verband Deutschland“. Sie gilt als eine der profiliertesten Stimmen der deutschen Gründerszene und setzt sich insbesondere für bessere Rahmenbedingungen für Start-ups, Bildung und digitale Transformation ein.


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