Dr. Georg Kofler ist nicht nur ehemaliger ProSieben-Chef, Mehrfach-Gründer, „Höhle der Löwen“-Juror und Speaker beim Zukunftswiesen Summit. Er ist Medienprofi. Für ihn haben Print und TV nicht ausgedient – solange sie glaubwürdig, transparent und vielfältig bleiben.

Herr Dr. Kofler, Sie sind „Serial Entrepreneur“, haben mehrere Unternehmen gegründet. Hat sich Ihr unternehmerisches Leitbild jemals geändert?
Dr. Georg Kofler: Mein unternehmerisches Leitbild war und ist immer die Freude an Innovation. Ich will ein innovatives und mutiges Unternehmen führen. Eines, das sich vor dem Scheitern nicht fürchtet und es einkalkuliert. Der Preis des Risikos ist immer das Scheitern. Aber es macht im Zweifel stärker für den nächsten Schritt.
Und dieses Bild wollen Sie den jungen Gründern beim Zukunftswiesen Summit vermitteln.
Kofler: Selbstverständlich. Junge Leute, seid mutig, glaubt an euch, lasst euch von den Besserwissern und Nörglern am Wegesrand nicht demotivieren. Seid aber auch realistisch, schaut jeden Tag aufs Bankkonto. Manchmal vergisst man in der Euphorie, dass man immer Cash zur Hand haben muss. Und wenn es gut läuft, dann bleibt demütig und vergesst nicht, Strukturen aufzubauen, die dieses Wachstum auch organisatorisch und vom Management her meistern können.
Innovation statt Tradition
Beim Summit geht es um die Gratwanderung zwischen Tradition und Innovation. Wo stehen Sie?
Kofler: Ich bin im Team Innovation. Wenn Sie mich nach Tradition fragen, dann sage ich: bitte alte Zöpfe abschneiden. Mut haben, Kapitel abzuschließen und sich dann auf das Neue zu fokussieren. Keinen Rucksack mit vermeintlich wichtiger Tradition mitschleppen. Lieber mit leichtem Gepäck ins Neuland marschieren.
Welchen Impuls wollen Sie setzen, der für Start-ups und erfahrene Unternehmer gleichermaßen wichtig ist?
Kofler: Der Impuls lautet: du kannst Leute nur mitnehmen, wenn du ihnen klare Ansagen machst. Bei Führungsaufgaben gibt es für mich generell nur eins: den Leuten nichts vormachen. Ich sage immer: Ich bin beim Verein für deutliche Aussprache. Das wird geschätzt. Die Leute merken es, wenn man ihnen was vorgaukelt.
Mein Rat: nichts beschönigen, die Situation ehrlich beschreiben und Begeisterung zum Ausdruck bringen für neue Ideen. Im Schwabenland heißt es ja manchmal, nicht geschimpft ist gelobt genug. Nein. Es ist nie genug gelobt. Wenn Mitarbeiter, Kollegen oder auch Konkurrenten etwas Beeindruckendes hinbekommen, dann muss man sie loben. Jeder sucht nach Anerkennung. Und wenn er etwas geleistet hat, muss er die auch bekommen.
Die klassischen Medien und ihre Zukunft
Haben Sie als Profi denn auch ein Lob für die klassischen Medienformate übrig? Glauben Sie an ihre Zukunft?
Kofler: Ich glaube, dass es die klassischen Medien noch länger gibt, als Viele vorhersagen. Das lineare Fernsehen mit vorgegebenen Sendezeiten wird es noch eine Weile geben. Wir haben ein älteres Publikum, das wird diese Medienklassiker die nächsten zehn oder 15 Jahre weiter am Leben erhalten. Auf der nächsten Stufe müssen sich diese Klassiker in die digitale Welt hineinbegeben, was sie ja jetzt schon tun, und sich mit digitaler Technologie fortpflanzen und ihre Marke aufrechterhalten. Eine digitale FAZ wird weiter existieren. Es gibt genug Beispiele, dass etablierte Medienmarken auch in der digitalen Welt ihre Kunden und ihre Legitimation finden. Man muss sich da gar keine großen Sorgen machen.
Was war ihr erster Gedanke, als Sie vom KI-Medienskandal hörten, der kürzlich das ZDF erschütterte?
Kofler: Zunächst habe ich mir gedacht: Wie kann so etwas passieren? Das ist ja journalistischer Dilettantismus! Beim zweiten Blick habe ich eine psychologische Erklärung gefunden: Aus meiner Sicht gab es seit der Wahl von Präsident Trump eine Art publizistischen Kreuzzug gegen die US-Administration. Und diese Einseitigkeit der Berichterstattung führt dazu, dass man die Berichte, die die eigene Weltsicht bestätigen, nicht so stark hinterfragt.
„Die Polarisierung wächst“
Welche Konsequenzen ziehen die Nutzer daraus?
Kofler: Wenn die Leser oder Zuschauer merken, dass die Berichterstattung eher einseitig ist, Berichte mit persönlicher Wertung vermischt werden, fehlt es an Transparenz. Fehlende Transparenz führt immer zu mangelnder Glaubwürdigkeit. Man muss festhalten, dass die etablierten Öffentlich-Rechtlichen und Printmedien eine zunehmend ältere Nutzerschaft haben. Es gibt aber eine große Distanz zwischen den älteren und jüngeren Mediennutzern.
Die Älteren wissen nicht, wer die Stars der Jüngeren sind. Und die Stars, die die Älteren verehren, von denen haben die Jüngeren nie gehört. Deswegen erfolgen Gegenreaktionen auf Social Media. Und da geht es auch mal radikaler zu. Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass die Polarisierung wächst. Auch deshalb, weil die Ökonomie der Aufmerksamkeit heutzutage zugespitzter ist als früher. Im Netz wird sehr alarmistisch formuliert. Der Kampf um Klicks ist tatsächlich deutlich plakativer als der Kampf um Einschaltquoten damals, als ich ProSieben-Chef war.
Erschreckt Sie dieser Alarmismus und die Tendenz zur Polarisierung?
Kofler: Das sind Bewegungen des Zeitgeistes. Das wird sich wieder beruhigen. Ich habe viele solcher Wellen selbst erlebt. Irgendwann geht den Leuten der Alarmismus auf den Zeiger und dann wollen sie wieder objektivere, sachlichere Berichterstattung haben. Dann wird es Medien geben, die genau das anbieten. So ist das in der Marktwirtschaft: Wenn das Angebot zu einer Seite driftet, gibt es eine Gegenbewegung.
Die neue Vielfalt der Medien und ihre Schattenseiten
In einem Interview haben Sie gesagt: Früher gab es Massenmedien und heute gibt es eine Masse an Medien. Bei eine Fülle an Formaten und Social-Media-Kanälen – wie können Nutzer überhaupt noch zwischen glaubwürdig und fake unterscheiden?
Kofler: Wie immer im Leben: Der Vergleich macht uns sicher. Es gibt heute viele Informationsquellen. Das ist grundsätzlich besser, als wenn man nur zwei oder drei hat. Insofern begrüße ich diese neue Vielfalt. Aber Freiheit hat immer auch Schattenseiten, weil sie missbraucht werden kann. Das liegt nicht an den Medien selbst, sondern an den Menschen, die diese Medien machen und denjenigen, die sie nutzen. Leider sind nicht alle edel und gut, sondern manchmal kriminell und manipulatorisch unterwegs. Aber trotzdem sind Freiheit und Vielfalt immer noch der beste Schutz vor einseitigen Meinungsdominanzen.
Das Problem ist doch, dass einige Menschen diese Vielfalt gar nicht mehr wahrnehmen, weil sie sich algorithmisch möglicherweise nur noch in ihrer eigenen Blase bewegen.
Kofler: Das Risiko, dass Menschen sich einseitig orientieren und nur noch die eine Zeitung lesen, die ihre Meinung spiegelt, gab es schon immer. Ich habe Publizistik studiert – und dass Menschen sich denjenigen Medien und Meinungsführern zuwenden, die ihre Ansichten eher bestätigen, als dass sie sie in Frage stellen, ist nun wirklich nichts Neues.
Neu sind aber Algorithmen, die genau das fördern.
Kofler: Ja, bei Social Media ist die Tendenz zur Blasenbildung ausgeprägter – unendlich professionalisiert durch Algorithmen, die jeden Tag schlauer werden. Andererseits haben Menschen immer die Möglichkeit, aus diesen Blasen herauszutreten. Immer noch besser, wenn Menschen die Wahlfreiheit haben, als wenn man ihnen bestimmte Medien verbietet oder vorenthält.
Wie ließe sich aus Ihrer Sicht journalistische Glaubwürdigkeit stärken?
Kofler: Journalistische Glaubwürdigkeit kann nur gestärkt werden durch Kompetenz, spürbare redaktionelle Qualität und dem Zurückstellen der eigenen Meinung. Berichten, was ist. Und nicht gleich vorab werten.
Die unterschiedlichen Perspektiven der Medienlandschaft
Befürchten Sie, dass manche Medien Debatten verengen statt Perspektiven zu erweitern, wie Sie das für die US-Regierung angedeutet haben?
Kofler: Ich glaube, da darf man nicht zu pessimistisch sein. Es gibt jede Menge Talkshows im Fernsehen, wo unterschiedliche Stimmen zu Wort kommen. Es gibt auf Social Media ein noch nie gekanntes Spektrum an debattierfreudigen Schreibern und Video-Creatoren, die ihre Standpunkte vertreten. Ich glaube, es werden heute sogar mehr Themen aufgegriffen als früher, wo eine Elite von Chefredakteuren Themen ausgewählt und kuratiert hat.
So gesehen ist alles ein bisschen chaotischer geworden: Man bekommt kein erwartbares Menü mehr, sondern muss sich Perspektiven wie an einem großen Buffet zusammensuchen. Das ist etwas anstrengender, dabei kann man mehr Fehler machen. Aber ich glaube, es stärkt die Mündigkeit der Bürger und Bürgerinnen, sich eine eigene Meinung zu bilden.
Die Verantwortung liegt bei jedem Einzelnen?
Kofler: Es gibt grundsätzlich keine kollektive Verantwortung. Wenn Nutzer zu bequem sind, sich bei unterschiedlichen Quellen umzuschauen, behaupte ich, ist das nicht die Schuld der Medien, sondern des Publikums. Das gilt auch für Politik: Ohne die nötige Reflexion müssen Wähler sich nicht wundern, dass Parteien ihre Geschicke bestimmen, mit denen sie am Ende unzufrieden sind. Was zählt, ist allein die Eigenverantwortung der mündigen Bürger – auch wenn sie manchmal nicht so mündig erscheinen.
Auf Medienkompetenz kommt es an?
Kofler: Ja. Und die kann man leicht erwerben, indem man Medien nutzt und vergleicht. Medienkompetenz ist nur begrenzt akademisch vermittelbar, sie entsteht durch eigenes Erleben. Ich habe als junger ProSieben-Chef viele Stunden mit amerikanischem Fernsehen verbracht. Weil ich wusste, dass viele Programme zwei, drei Jahre später nach Europa kommen werden. Als Unternehmer muss ich den Wettbewerb kennen. Das kann ich nur, wenn ich mir andere Sender und deren Programme anschaue.
„Vielfalt an sich ist schon ein Qualitätsaspekt“
In Ihrer Zeit als junger ProSieben-Chef wurde die Einführung der Privatsender sehr kritisch von außen beobachtet. Man befürchtete, dass der Wettbewerbsdruck zu schlechterer journalistischer Qualität führen könnte. Glauben Sie, dass in Medienunternehmen lange zu wenig unternehmerisch gedacht wurde?
Kofler: Da möchte ich differenzieren. Die Printverlage haben in den ersten Jahren des Privatfernsehens in den 1990-Jahren den Wettbewerbsdruck durch das Privatfernsehen gar nicht ernst genommen. Sie haben auch nicht bemerkt, dass das öffentlich-rechtliche Fernsehen expandierte und waren dann verwundert, dass Sender plötzlich Nachrichten anboten, die vorher Zeitungen vorbehalten waren.
Bei den Privaten hingegen waren wir auf unternehmerisches Risiko geradezu getrimmt. Wir mussten uns viele neue Programme einfallen lassen, um gegen die Öffentlich-Rechtlichen zu bestehen. Wir haben Nachrichtensender gegründet, obwohl die durch Werbung viel schwerer zu finanzieren sind als durch Gebühren. Insofern hat sich der Wettbewerb auf die Vielfalt und definitiv auch auf die Qualität der Nachrichten positiv ausgewirkt. Denn Vielfalt an sich ist schon ein Qualitätsaspekt.
Würden Sie sich denn heute noch mal auf den Chefsessel eines Medienunternehmens setzen?
Kofler: Prinzipiell schon, das ist aber nicht mein Lebensplan. Wie ich sagte: Ich bin mit leichtem Gepäck ins Neuland unterwegs. Und dieses Neuland liegt nicht da, wo ich schon einmal war.
Interview von Natalie Kotowski
Zur Person
Der Publizist Dr. Georg Kofler war nicht nur Juror in der TV-Show „Die Höhle der Löwen“. Der Mehrfachgründer stand auch an der Spitze von ProSieben, HSE 24 und Premiere.


