„Unabhängigkeit ist Teil unserer DNA“: Verleger Tilmann Distelbarth verrät, worauf es ihm ankommt

80 Jahre Heilbronner Stimme – Verleger Tilmann Distelbarth über wirtschaftliche Stabilität, journalistischen Idealismus und weshalb Vertrauen die wichtigste Währung eines Medienhauses bleibt.

Tilmann Distelbarth
Tilmann Distelbarth ist geschäftsführender Gesellschafter der Stimme Mediengruppe und Verleger der Heilbronner Stimme, die seit 80 Jahren den unabhängigen Journalismus für die Region prägt. Foto: Stimme Mediengruppe

In dieser PROMAGAZIN-Ausgabe geht es viel um Tradition und Unabhängigkeit. Die Stimme Mediengruppe ist ebenso traditionsreich wie unabhängig. Was ist das Erfolgsrezept?

Tilmann Distelbarth: Wenn es um Unabhängigkeit geht, dann ist wirtschaftliche Stabilität die sicherste Grundlage. Wir haben immer darauf geachtet, bei Investitionen, größeren Projekten oder Zukäufen keine Risikogeschäfte einzugehen, uns aber dennoch weiterzuentwickeln und mutig zu sein. Politisch gesehen ist Unabhängigkeit Teil der DNA der Heilbronner Stimme. Unsere Zeitung ist mit dem Ziel entstanden, eine starke Demokratie im Nachkriegsdeutschland zu flankieren. Dieses Selbstverständnis prägt uns bis heute. Wir leben weiterhin in einem freiheitlichen Land, in dem Pressefreiheit als hohes Gut gilt. Diese Freiheit zu sichern – für den Einzelnen wie für die Presse – ist immens wichtig.

Das heißt, Sie können es sich leisten, idealistisch zu sein?

Distelbarth: Ohne wirtschaftliches Arbeiten funktioniert kein Unternehmen. Und eine Überzeugung ist stärker als Idealismus. Unsere Überzeugung ist es, dass eine freiheitlich‑demokratische Grundordnung nur funktioniert, wenn Freiheit respektiert und geschützt wird. Wir sind kritisch, auch dann, wenn es nicht jedem gefällt – ob in Politik, Wirtschaft oder Gesellschaft. Wir wollen die Fragen stellen, die wichtig sind. In einer Demokratie ist das unsere Aufgabe, unsere Grundüberzeugung. Unser Credo lautet: Wir sind unverzichtbar – nicht nur im Alltag unserer Leserschaft, sondern auch für die demokratische Öffentlichkeit.

Die unantastbaren Traditionen der Stimme Mediengruppe

Viele Medienhäuser haben ihre Strukturen und Geschäftsmodelle stark verändern müssen. Welche Traditionen sind für Sie unantastbar – und wo denken Sie radikal neu?

Distelbarth: Unantastbar ist für mich der Kern unserer Unternehmensstrategie: neutraler, unabhängiger und qualitativer Journalismus. Darauf baut alles auf – unabhängig vom Ausspielkanal. Ob Print oder Digital: Der publizistische Anspruch bleibt derselbe. Auch der Anspruch, Informationsmedium Nummer eins in der Region zu sein.

Neu denken müssen wir bei der Mediennutzung. Manche Menschen wollen weiterhin eine gedruckte Zeitung, andere bevorzugen digitale Angebote. Unsere Aufgabe ist es, diese veränderten Nutzungsgewohnheiten abzubilden. In diesem Jahr fokussieren wir uns auf die jüngere Zielgruppe, mit neuen Angeboten und digitalen Formaten. Wir haben unsere Organisationsabläufe verändert, um im Digitalen noch stärker wirken zu können.

Die Rolle von Künstlicher Intelligenz

Was hatten Sie vor fünf Jahren, zum 75. Stimme-Geburtstag, noch gar nicht so auf dem Schirm?

Distelbarth: Vor fünf Jahren war Künstliche Intelligenz noch kein Thema. Heute verändert KI die Mediennutzung. Man verlässt sich auf KI-generierte Zusammenfassungen, weiß oft nicht mehr, was ist von der KI erfunden und was ist wahr. Kritisch sehe ich die Abhängigkeit von den großen amerikanischen Plattformen und deren Algorithmen. Wenn wir uns bewusst machen, dass jemand wie Elon Musk entscheidet, was uns die KI anzeigt, dann bekommt eine europäische KI-Lösung eine ganz neue Dringlichkeit.

Wie setzt die Stimme Künstliche Intelligenz ein?

Distelbarth: In der Heilbronner Stimme ist KI ein Hilfsmittel – sie hilft bei der Archivarbeit oder bei der Recherche. Auch einen Wetterbericht kann eine KI auf Basis von Daten erstellen. Oder die Ergebnisse im Amateurfußball zusammentragen. Sie wird aber niemals die prägenden Inhalte in unserer Zeitung bestimmen. Haltung, Einordnung und Verantwortung müssen von den Journalistinnen und Journalisten kommen.

„Wir klären auf, wir hinterfragen kritisch“

Wie stellt ein Medium wie die Heilbronner Stimme sicher, dass es Haltung und Einordnung bietet – statt Empörung? Der allgemeine öffentliche Diskurs ist häufig hitzig. Die Skepsis gegenüber Medien wächst, nicht nur wegen KI.  

Distelbarth: Die Skepsis kommt aus sehr unterschiedlichen Richtungen. Es gibt eine bestimmte Klientel, die Begriffe wie „Lügenpresse“ bewusst nutzt, um demokratische Strukturen zu destabilisieren. Diese Kritik ist gezielt zersetzend. Daneben gibt es Menschen, die solche Begriffe unbedacht übernehmen – ähnlich wie man auf Politik, Arbeitgeber oder andere Institutionen schimpft. Das müssen wir ernst nehmen, denn diese Gruppe können wir durchaus noch erreichen. Wir müssen vermitteln, welchen Wert verlässliche Information für jeden Einzelnen hat und wie Meinungsbildung auf einer fundierten Basis funktioniert.

Das ist nach wie vor nicht die große Mehrheit?

Distelbarth: Für die große Mehrheit ist Demokratie etwas ganz Normales. Da fehlt oft das Bewusstsein dafür, dass sie keine Selbstverständlichkeit darstellt. Die Frage, was wäre, wenn man nicht mehr frei sprechen oder schreiben dürfte, stellen sich viele gar nicht. Unabhängig davon, wie die gesellschaftliche Mischung aussieht, ist unsere Aufgabe klar: Wir klären auf, wir hinterfragen kritisch, wir legen den Finger in die Wunde und zeigen unterschiedliche Perspektiven auf. Wir liefern Analysen und ordnen Entwicklungen ein – immer als Angebot an unsere Leserinnen und Leser, sich damit auseinanderzusetzen und sich eine eigene Meinung zu bilden.

Qualitätsjournalismus für die Region

Wie erreicht ein Medium wie die Heilbronner Stimme denn die Menschen, die eher passiv unterwegs sind?

Distelbarth: Über das Regionale. Das ist unser USP. Wenn sich Menschen auch nur ein wenig dafür interessieren, was unmittelbar um sie herum passiert, dann erreichen wir sie über verschiedene Kanäle: über die gedruckte Zeitung, über digitale Angebote, über soziale Medien oder auch über unser kostenloses Anzeigenblatt. Digitale Kanäle geben uns heute deutlich mehr Möglichkeiten als früher. Wir sprechen Menschen direkter an. Am Ende bleibt es aber immer eine individuelle Entscheidung, sich auf Inhalte einzulassen – etwa über ein Probeabo oder ein dauerhaftes Abo.

Und über die regionalen Themen führen Sie Ihre Leserschaft und User an die großen Themen heran?

Distelbarth: Große politische Themen erreichen die Menschen über viele Kanäle, nicht zwingend über uns. Unsere Stärke liegt darin, zu zeigen, was diese Themen konkret für die Region und die Bürgerinnen und Bürger vor Ort bedeuten. Nicht jedes weltpolitische Ereignis lässt sich lokal herunterbrechen, aber vieles sehr wohl regional beleuchten. Zum Beispiel, welche Auswirkungen sozialpolitische Grundsatzentscheidungen für die Region haben. Diese Einordnung erwartet die Leserschaft von uns. Das Vertrauen, dass wir das können, haben wir uns über viele Jahre erarbeitet. 

Wird es zum 90. Geburtstag noch eine gedruckte Heilbronner Stimme geben?

Distelbarth: Das haben wir fest eingeplant. Solange es genügend Leute gibt, die eine gedruckte Zeitung in Händen halten wollen, werden wir alles dafür tun, sie zur Verfügung stellen – mit der gleichen Leidenschaft und Hingabe wie in den vergangenen 80 Jahren.

Interview von Beate Semmler

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