Prof. Dr. Markus Zimmer doziert an der DHBW Mosbach im Studiengang „Sustainable Management“. Er ist überzeugt: Der Brückenschlag zwischen Ökologie und Ökonomie wird künftig zu einem entscheidenden Erfolgsfaktor für Unternehmen.

Herr Prof. Zimmer, beschäftigen sich Unternehmen in der Region eher widerwillig oder eher wohlwollend mit dem Thema Nachhaltigkeit?
Prof. Dr. Markus Zimmer: (lacht) Viele Unternehmen sind nicht gegen Nachhaltigkeit, aber gegen Bürokratie. Zusätzliche Berichtspflichten werden nur widerwillig aufgenommen. Ich selbst bin auch nicht davon überzeugt, dass ausufernde Berichtspflichten zielführend sind. Der produktivere und bessere Ansatz ist es, Nachhaltigkeit als Hebel für Energieeffizienz, Lieferfähigkeit, Materialkosten, Risikomanagement und insbesondere auch Arbeitgeberattraktivität zu verstehen. Der konkrete Nachhaltigkeitsnutzen sollte schon klar erkennbar sein.
Die Nachhaltigkeitsbürokratie ist für Unternehmen also die Bremse, das Ansinnen dahinter, effizienter und ressourcenschonender zu werden, das Gaspedal?
Prof. Dr. Markus Zimmer: Genau. Es ist nicht alles unsinnig an der Nachhaltigkeitsberichterstattung. Man muss die Balance finden. Wir sehen diese Tendenz auch in der EU: Aus dem EU Green Deal wurde der EU Clean Industrial Deal – um Nachhaltigkeit nicht nur als Selbstzweck, sondern im Kontext der Wettbewerbsfähigkeit zu sehen. Das heißt, dafür zu sorgen, dass Unternehmen kein Nachteil daraus entsteht, dass sie nachhaltig sind.
Sondern dass alle Unternehmen einer Branche zumindest die gleichen Belastungen für die Implementierung der Nachhaltigkeit haben. Im Gegenzug profitiert jeder Einzelne davon, dass sich alle nachhaltig verhalten. Das geht aber nur, wenn man koordiniert gemeinsam agiert und sich alle an die Spielregeln halten.
Klimaschäden kosten mehr als Transformation
Haben Sie ein Beispiel?
Prof. Dr. Markus Zimmer: Das klassische Beispiel aus der Ressourcenökonomik ist der Fischfang. Gewässer werden überfischt, bis der Fischbestand unter eine kritische Grenze sinkt. Erst dann schaffen es die beteiligten wirtschaftlichen Akteure, sich auf Fangquoten zu einigen.
Sie sagen, für Unternehmen sind einheitliche Regeln, wie beim Fischfang, beim Thema Nachhaltigkeit wirtschaftlich sinnvoll. Lässt sich das mit Zahlen untermauern?
Prof. Dr. Markus Zimmer: Bei einer Erderwärmung von 1,5 Grad bleibt das globale Bruttosozialprodukt nach neuesten Erkenntnissen zwischen fünf bis zwölf Prozent unter dem, das wir hätten, wenn wir die Erwärmung vermieden hätten. Das ist enorm – davon hätte man die Transformation locker bezahlen können.
Aus Klimafolgen entstehen Ressourcenengpässe, daraus wiederum Konflikte, Migration und Lieferkettenunterbrechungen. Das kommt alles bei uns an. Wenn ich mir die neuesten Studien anschaue, liegen unsere mögliche Produktion und die damit verbundene Wertschöpfung schon aufgrund der Lieferkettenprobleme 4,5 Prozent unter dem, wo wir sein könnten.
Nachhaltigkeit reduziert Krisen und sichert Wertschöpfung
Sehen Unternehmen nach Ihrer Einschätzung Nachhaltigkeit immer noch zu sehr als kurzfristigen Kostenfaktor?
Prof. Dr. Markus Zimmer: Im Moment höre ich öfter, dass Nachhaltigkeit sehr stark als Kostenfaktor wahrgenommen wird. In einem Marktumfeld, das nicht wächst, tut sich jedes Unternehmen schwer. Aber als Unternehmer hat man durch Nachhaltigkeit insgesamt weniger Volatilität, weniger Krisen. Man vermeidet Schäden und erhält die Basis, um wirtschaftliche Gewinne zu erzeugen.
Worin liegen angesichts der aktuellen Polykrisen die Vorteile für Unternehmen, die kreislauffähig denken?
Prof. Dr. Markus Zimmer: Wir haben erfasst, dass Lieferkettenstörungen aktuell im Schnitt alle 1,4 Jahre auftreten. Die Produktionskosten in einer Krise steigen typischerweise um fünf bis zehn Prozent. Diese Mehrkosten kann ich in einem resilienten Modell vermeiden. Man muss aber betonen, dass Unternehmen große Fortschritte gemacht haben. Es gibt trotzdem noch viele Potenziale, die sich aus unternehmerischer Sicht rechnen, die den Entscheidern aber oft gar nicht bewusst sind.
Viele Unternehmen aus Heilbronn-Franken handeln bereits nachhaltig
Welche Potenziale sind das, die Unternehmen bislang zu wenig nutzen?
Prof. Dr. Markus Zimmer: Ein wichtiger erster Schritt besteht darin, die eigenen Material-und Energieflüsse sowie mögliche Risiken in den Lieferketten transparent zu machen. Vieles, was im Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz oder auf EU-Ebene gefordert wird, wäre aus Sicht eines vorausschauenden Risikomanagements ohnehin sinnvoll. Zweitens wünschen sich Kunden langlebige, reparierbare Produkte.
Auch im Einkauf sollten Unternehmen stärker die gesamten Lebenszykluskosten eines Produkts berücksichtigen und nicht allein auf einen möglichst niedrigen Anschaffungspreis schauen. Entscheidend ist, diese Themen nicht isoliert zu behandeln. Einkauf, Controlling, Produktion, Marketing und insbesondere die Produktentwicklung sollten von Beginn an zusammenarbeiten. Bei vielen unserer Dualen Partner sehe ich bereits, dass die Unternehmen hier sehr weit denken. Gute Beispiele aus der Region sind unter anderem ebm-papst, Hakro, Intersport, Mosca und dm.
Nachhaltigkeit als Querschnittsthema
Bietet denn der Studiengang Sustainable Management an der DHBW auch praktische Zugänge zum Thema?
Prof. Dr. Markus Zimmer: Natürlich. Um nur ein Beispiel zu nennen: In der Digitalen Fabrik der DHBW können die Studierenden erleben, wie sich Nachhaltigkeit in industriellen Produktionsprozessen abbilden lässt. Dazu gehört eine virtuelle Produktionsstraße, die die Herstellung von Fahrrädern nachbildet. Dort werden die Fahrradrahmen gepresst und lackiert und anschließend als kleine Lego-Fahrräder an die Logistik übergeben. Die eingesetzte Steuerungstechnik einschließlich der Sensoren und Programme entspricht dem aktuellen Stand der Technik in den Unternehmen.
Berichtspflichten kennen, Daten analysieren, Ressourceneffizienz, Kreislauf- und Materialwirtschaft beherrschen, faire Arbeitsbedingungen und Lieferketten überwachen, und Finanzierungsstrategien entwerfen: Werden diese Fähigkeiten der künftigen Sustainable Manager für Unternehmen zum entscheidenden Faktor im Wettbewerb?
Prof. Dr. Markus Zimmer: Ich glaube, Unternehmen brauchen Menschen, die keine Scheuklappen, sondern einen breiten Überblick haben, auch über die betriebswirtschaftlichen Belange. Unsere Absolventen bekommen einen Blick, der oft nur in der Geschäftsführung eingenommen wird. Häufig herrscht in den Fachabteilungen der Unternehmen ein Silo-Denken. Nachhaltigkeit funktioniert aber nicht im Silo. Sie ist grundsätzlich ein Querschnittsthema. Im Sustainable Management-Studiengang wird dieses übergreifende Denken geschult.
Interview von Natalie Kotowski

Zur Person
Prof. Dr. Markus Zimmer hat an der DHBW Mosbach eine Professur für Sustainable Management. Der erste Jahrgang des jungen Studiengangs steht gerade kurz vor dem Bachelor.


