Transformation der Bauwirtschaft: Wo Digitalisierung und Nachhaltigkeit aufeinandertreffen

Die Bauwirtschaft steht vor einer doppelten Herausforderung: Digitalisierung und Nachhaltigkeit. Doch wo liegen die größten Hebel – insbesondere für mittelständische Unternehmen?

Transformation in der Bauwirtschaft
VR und KI eröffnen der Bauwirtschaft neue digitale Perspektiven. Foto: Ludmilla Parsyak Photography

In einem Stimmungsbarometer zum Stand der Transformation der Baubranche hat das Fraunhofer-Informationszentrum Raum und Bau IRB untersucht, wo die Branche in Sachen Digitalisierung und Nachhaltigkeit steht. Dabei wird klar: wo diese beiden Bereiche sich verschränken, ist die Wirkung besonders groß.

„Digital und nachhaltig zu transformieren bedeutet jedoch für Betriebe eine Investition in die Zukunft, die sich nicht sofort im nächsten Projektcontrolling niederschlägt und dennoch finanziell tragbar bleiben muss“, erklärt Melissa Köhler, wissenschaftliche Mitarbeiterin vom Transformation Innovation Center des Fraunhofer IRB. Das bedeute: Es brauche Hebel, bei denen auch mittelständische Unternehmen trotz höherer Anfangsinvestitionen mitziehen würden.

Die Digitalisierung der Baubranche vorantreiben

„Wir haben daher gezielt gefragt, bei welchen Technologien oder Innovationen Akteure der Bauwirtschaft den höchsten Return on Investment sehen“, so Köhler. Das Ergebnis war trotz sonst oft unterschiedlicher Einschätzungen eindeutig: die digital unterstützte Bestandserfassung und die KI-gestützte Beurteilung des Gebäudebestands. Hier seien Effizienzgewinne im Planungs- und Sanierungsprozess schnell spürbar, etwa durch Zeitersparnis, geringere Fehlplanungen und präzisere Kostenschätzungen bei geringerem Risiko.

Fortschritte in diesem Bereich treiben die Digitalisierung der Branche voran und ermöglichen eine schnellere, risikoärmere Bestandssanierung mit messbarer Klimawirkung. Doch Köhler räumt ein: „Leider sind viele Akteure der Branche sowohl auf Anbieter- als auch auf Anwenderseite noch nicht so weit, wie sie sein könnten.“

Das bestätigt auch die jüngste Drees & Sommer-Studie „Transform to Succeed“: Der digitale Reifegrad stagniert. „Unsere und anderen Studien zeigen eine deutliche Schere zwischen der Selbsteinschätzung einzelner Unternehmen und der Bewertung der Gesamtbranche“, sagt Köhler. Der Blick von außen falle laut der wissenschaftlichen Mitarbeiterin oft kritischer aus. Zwar gebe es eine hohe Nachfrage nach Projekten im Bereich Digitalisierung und KI, doch die Umsetzung komme nur langsam voran.

Künstliche Intelligenz und ihr Effizienzpotenzial

Erst seit KI eine gewisse Breite erreicht hat, kommt wieder Bewegung in die Branche. „Das Thema KI verleiht aktuell der Digitalisierung in der Baubranche gewaltigen Schwung. Denn KI birgt ein riesiges Effizienzpotenzial: von der Recherche und Auswertung passender Ausschreibungen über Unterstützung bei Planung und Baumanagement bis hin zur teilautomatisierten Qualitätssicherung oder zur optimierten Betonrezeptur“, betont Albrecht Franz, Projektleitung „Transformation Bau“ beim Fraunhofer IRB. Erste Lösungen sind bereits am Markt, viele weitere entstehen in Unternehmen – unterstützt durch Initiativen wie KI-Sprints und Zukunftswerkstätten.

Doch Franz warnt: „Dieses Potenzial kann nur nutzen, wer auf entsprechende Daten und digitale Prozesse zurückgreifen kann.“ Am Ende entsteht laut dem Projektleiter idealerweise die CO₂-Bilanz automatisch auf Basis des BIM-Modells. Voraussetzung dafür sei aber, dass alle nötigen Daten in der entsprechenden Form digital zur Verfügung stehen – und daran hapere es in der Praxis aktuell oft noch.

Struktur bremst den Wandel

Neben technologischen Fragen gibt es zudem strukturelle Hemmnisse: Die kleinteilige Struktur der Branche und begrenzte Budgets bremsen den Wandel. Dazu kommen Regulierungen wie der EU AI-Act, der Unternehmen, die Künstliche Intelligenz für die Optimierung ihrer Prozesse und Produktion einsetzen wollen, wieder neue Pflichten auferlegt. „Aber bevor wir auf die üblichen Verdächtigen zu sprechen kommen, möchte ich die Perspektive etwas drehen. Denn mir begegnen so viele Fälle, wo es vorangeht, wo tolle Ideen und gute Lösungen entstehen oder schon entstanden sind. Wenn gerade kleinere und mittlere Unternehmen, die die Baubranche prägen, Unterstützung erfahren, dann bewegt sich auch etwas“, erklärt Franz.

Ein Beispiel ist das S-TEC Zentrum für industrialisiertes Bauen und Sanieren in Baden-Württemberg, das Wissen aus Forschung und Praxis zusammenbringe. Auch auf dem Transformationsforum Bau wird sichtbar, wie die Branche den Schritt von der Theorie zur Praxis schafft. In diesem Jahr präsentierte beispielsweise die Erne AG Holzbau, wie digitale Fertigung und Robotik den Einsatz nachhaltiger Materialien wie Holz und Lehm wirtschaftlich mache.

Und die Zukunft? Köhler bleibt vorsichtig optimistisch: „Die meisten Betriebe in der Bauwirtschaft sind klein oder mittelständisch, viele davon familiengeführt – das ermöglicht schnelle, pragmatische Entscheidungen und eine hohe Anpassungsfähigkeit.“ In den kommenden Jahren stehe zudem in vielen Betrieben ein Generationswechsel an. „Wenn es gelingt, diese Übergaben gut zu gestalten, liegt auch darin ein enormer Hebel für Veränderung“, so Köhler. Die Transformationsdynamik mag noch nicht sonderlich stark sein, doch die Transformationsfähigkeit der Branche ist hoch – und das ist ein gutes Zeichen.

Teresa Zwirner


Info

Am 21. und 22. April 2026 trifft sich die Baubranche in Heilbronn zum dritten Transformationsforum Bau. Die Veranstaltung bringt Entscheider aus Bauwirtschaft, Forschung und Politik zusammen. Beim Transformationsforum 2026 geht es schwerpunkt-
mäßig darum, wie Kooperation zum Motor der Transformation wird.


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