Sven Killmer, CEO der Härtha Group und Speaker beim Gipfeltreffen der Weltmarktführer, begegnete hohen Energiepreisen mit einer radikalen Effizienzstrategie. Für ihn der einzige Weg, mit einem energieintensiven Metallverarbeitungsunternehmen Erfolg zu haben und gleichzeitig ein verantwortungsvoller Vater zu sein.

Herr Killmer, sind Äpfel Ihr Lieblingsobst? Am traditionsreichen Härtha-Standort in Aldenhoven haben Sie eine Obstplantage mit zehn vom Aussterben bedrohten Apfelsorten angelegt.
Sven Killmer: Ich mag Äpfel tatsächlich sehr. Der Apfel steht für unsere Nachhaltigkeitsstrategie. Für mich symbolisiert die Obstplantage unser klares Bekenntnis zu nachhaltiger Energieversorgung. Das hilft auch unseren Kunden, die grüne Lieferketten benötigen, und es sichert die Zukunft unserer Unternehmensgruppe. Aber wir handeln aus tiefster Überzeugung – für eine gute Zukunft nachfolgender Generationen.
Ist der Apfel sogar ein Sinnbild für Härtha insgesamt? Seine Schale als Symbol für Ihre Expertise im Oberflächenschutz, der Kern stellvertretend für Ihre Effizienzstrategie, die Wachstum bringt und Früchte trägt?
Killmer: Schöner hätte ich es nicht sagen können. Denn Nachhaltigkeit ist Teil unserer DNA. Unsere Kernkompetenz liegt darin, Metalle zu veredeln, sie widerstandsfähiger und langlebiger zu machen. So schonen wir unsere natürlichen Ressourcen. Wie bei einem Apfel, aus dessen Kern ein Baum wächst, sehen wir unsere Nachhaltigkeitsstrategie auch als Wachstumsimpuls für die kommenden Jahre.
„Wir Mittelständler sind längst auf dem Weg in Richtung Transformation“
Sie sind ein Mittelständler aus Überzeugung. Auch die Region Heilbronn-Franken ist vom starken Mittelstand geprägt. Wie empfinden Sie derzeit dessen Rolle?
Killmer: Die Lage ist extrem herausfordernd und für viele Unternehmen sogar existenzbedrohend. Täglich verlieren wir in Deutschland viele tolle Unternehmen und damit unsere Existenzgrundlage. Ich arbeite seit mehr als 25 Jahren im Mittelstand. In dieser Zeit habe ich gelernt, mich gerade in schwierigen Zeiten auf Chancen zu fokussieren und nicht nur auf die Probleme zu schauen, die aktuell zweifellos sehr real sind.
Aber genau das macht uns Mittelständler ja aus – unsere Fähigkeit, uns schnell anzupassen. Wir Mittelständler sind längst auf dem Weg in Richtung Transformation. Nur muss die Politik endlich akzeptable Voraussetzungen schaffen – statt zusätzlicher Belastungen wie das Entgelttransparenzgesetz. Und natürlich brauchen wir gendergerechte Entlohnung. Aber fangen wir doch nicht wieder gleich mit Berichtspflichten an.
Kooperation als Erfolgsfaktor
Auch in Heilbronn-Franken beschreitet der Mittelstand den Weg zur Nachhaltigkeit konsequent.
Killmer: Ich kenne viele kleine, mittlere und große Vorreiterunternehmen in Heilbronn-Franken, die schon lange diesen Weg gehen und tolle Erfolge erzielt haben. Unser Standort, die Firma Händle in Tübingen, und wir als Gruppe sind Mitglied des Klima-Clubs Baden-Württemberg. Das ist eine Vereinigung von Unternehmen, die gemeinsam auf dieser Transformationsreise sind, sich austauschen und voneinander lernen. Da befeuert man sich gegenseitig – denn Transformation ist kein einfacher Weg. Wenn einem Gleichgesinnte Mut machen und Ideen geben, gewinnt der Prozess an Geschwindigkeit. Zum Beispiel Lisa Reehten, Geschäftsführerin von Bosch Climate Solutions – sie ist Architektin eines starken Netzwerks. Ein gutes Beispiel, wie die Industrie einfach macht, statt zu reden.
Frau Reehten spielte auch bei Härthas Transformation eine Schlüsselrolle: Ihr Vortrag auf dem Gipfeltreffen der Weltmarktführer in Schwäbisch Hall vor drei Jahren führte zu einer Zusammenarbeit mit Bosch Climate Solutions.
Killmer: Lisa Reehten und ihr Team waren ein echter Glücksgriff. Dass man Energie sparen sollte, ist gerade im Mittelstand nichts Neues – in dieser Intensität allerdings schon. Dann ist es gut, wenn man einen Partner an seiner Seite hat. Frau Reehten und ihr Team kommen aus der Praxis und wissen, worauf es ankommt. Am Anfang steht die Entwicklung einer Strategie. Bosch Climate Solutions haben uns beim Thema Energieeffizienz mit ihren Experten stark unterstützt. Und sie haben uns bei der Arbeit an SBTi-Zielen, geholfen, zu denen wir uns verpflichtet haben.
Was bedeutet die Abkürzung?
Killmer: Die Science Based Target Initiative ist eine weltweite Vereinigung von Unternehmen, die sich dem Pariser Klimaschutzabkommen verpflichten. Sie haben einen Goldstandard definiert, der wie ein Gütesiegel wirkt. Um diesen Standard zu erfüllen, braucht man Experten, die sich in der Materie gut auskennen und viel umsetzen.
Die Herausforderung der Bürokratie
Abgesehen davon, was macht den Transformationsweg so aufwändig?
Killmer: Als CEO kann ich mich nicht hinstellen und sagen: Ich will Nachhaltigkeit. Sondern ich benötige die Ideen und die Umsetzungskraft aller lokalen Standort-Teams. Die muss man abholen und motivieren. Es hat anfangs niemand in die Hände geklatscht und gesagt: Na, endlich! Deshalb drehten wir Videos, ich war an allen Standorten vor Ort und habe mit den Mitarbeitern gesprochen. Menschen mitzunehmen, kostet viel Zeit. Aber auch ich bekomme dadurch viele gute Impulse.
Gehen energieintensive Unternehmen in Heilbronn-Franken ähnlich konsequent vor wie Härtha?
Killmer: Viele namhafte Unternehmen, aber auch kleine mit 40 Mitarbeitern, sind auf dem richtigen Weg. Viele sind bereit, Geld zu investieren. Sie haben das richtige Mindset, stellen Ressourcen zur Verfügung. Deren Fokus liegt nicht auf Berichten und noch mehr Berichten, sondern auf Handeln.
Sind genau diese Bürokratie-Berge die größte Herausforderung?
Killmer: Wir haben zu unklare und lange Genehmigungswege. Als wir die Photovoltaikanlage an einem unserer deutschen Standorte installieren wollten, konnte uns die verantwortliche Behörde nicht einmal sagen, ob wir eine Baugenehmigung brauchen.
An anderen Härtha-Standorten läuft es runder in Sachen Bürokratie, etwa in Italien oder den Niederlanden.
Killmer: Da können wir von den Italienern lernen. Die haben in der Krise gesagt: Industrie 4.0 – alles, was Du aktuell investierst, kannst Du in den kommenden sieben Jahren zu 250 Prozent steuerlich absetzen. Da fallen einem Investitionen schon deutlich leichter. Als wir Photovoltaik in den Niederlanden installiert haben, war der gesamte Prozess bis zur kompletten Stromerzeugung schneller als allein das Genehmigungsverfahren in Deutschland.
Härtha Group halbiert seinen CO2-Ausstoß
Wie viel Strom liefert die Anlage in Aldenhoven? Immerhin verbraucht Härtha für das Metallhärten allein in Deutschland so viel Strom wie 8500 Durchschnittshaushalte.
Killmer: Sie deckt etwa 30 Prozent des Stromverbrauches des Standorts Aldenhoven. An anderen Standorten ist es deutlich weniger, denn für Photovoltaik benötigt man gigantische Flächen. Mit einer PV-PPA-Strategie – einem Power Purchase Agreement für Photovoltaik – decken wir langfristig und nachhaltig einen signifikanten Anteil unseres Stromverbrauches. Wir mieten auch Windkraftanlagen und kaufen den Rest am Spot-Markt zu. Wir haben uns verpflichtet, unseren CO2-Ausstoß bis 2030 zu halbieren. Die gute Nachricht: Wir haben dieses Ziel schon fast erreicht.
Können Sie sagen, was Härtha mit seiner Nachhaltigkeitsstrategie einspart?
Killmer: Ich kalkuliere nicht mehr ausschließlich mit Kosten, sondern insbesondere mit Nutzen – damit ich mittel- und langfristig unsere Unternehmensgruppe sichere. Ich bin überzeugt: Wer als energieintensives Unternehmen keine Nachhaltigkeitsstrategie hat, hat keine Zukunft. Der verliert alles.
„Es zählt, schnell anzufangen“
Ein Biss in den sauren Apfel, denn die Transformation kostet viel Geld. Was sollen kleine Unternehmen tun, die sich keine groß angelegte Energieeffizienzstrategie leisten können?
Killmer: Priorisieren. Es zeigt sich, dass sich auch mit Maßnahmen, die wenig kosten, vergleichsweise viel erreichen lässt. Ein Beispiel: Die Optimierung der Einstellung von Druckluft. Ich bin erstaunt, was die Kollegen und Kolleginnen da an Energie eingespart haben, nur indem die Bar-Zahl reduziert wurde. Manches muss man einfach ausprobieren.
Gibt es etwas, das Sie allen Verantwortlichen in Unternehmen raten würden?
Killmer: Mut. Transformation ist für alle neu und eine steile Lernkurve. Persönlich schöpfe ich viel Energie aus dem Statement des Harvard-Ökonomen Michael E. Porter: Die Geschwindigkeit, mit der sich unser Unternehmen an veränderte Marktsituationen anpasst, bestimmt unseren Erfolg und ist der einzige nachhaltige Wettbewerbsvorteil. Andere sind oftmals nicht viel besser – es zählt, schnell anzufangen.
Gab es für Sie auch etwas, dass nicht funktioniert hat?
Killmer: Ja klar, Stichwort Lernkurve: das Thema Fördertöpfe. Ich höre immer, es gebe so viele Förderungen, man müsse sie nur anzapfen. In der Realtität ist es in Deutschland schwierig, solche Zuschüsse zu erhalten. Selbst wenn man sich, wie wir, Experten dazu holt, bleibt es ein sehr langwieriger Prozess. Wir müssen aber jetzt handeln.
Das Verantwortungsbewusstsein des deutschen Mittelstands
Ist aus Ihrer Sicht die Förderlandschaft eher zu kleinteilig oder zu langsam?
Killmer: Beides. Zu langsam, zu bürokratisch und zu unübersichtlich. Ich werbe dafür, dass man den Unternehmern im Mittelstand endlich ein gewisses Vertrauen schenkt. Man muss uns nicht regulieren, wir haben das bis jetzt auch ganz gut selbst hingekriegt.
Warum ist dieses Vertrauen überhaupt geschwunden?
Killmer: Das müssen Sie die Verantwortlichen in Berlin fragen. Wenn ich mir die Historie des deutschen Mittelstands ansehe, wurde Großartiges in den Unternehmen und in der Gesellschaft geleistet. Wir handeln nicht nur aus Eigeninteresse, sondern schon immer aus Verantwortung. Das ist Teil der Erfolgsgeschichte des deutschen Mittelstands. Auch in Heilbronn-Franken gibt es unzählige solcher Überzeugungstäter.
Womit wäre dem Mittelstand in der Region und deutschlandweit am meisten gedient?
Killmer: Dass man uns einfach machen lässt.
Sie beweisen, dass Unternehmer trotz Hürden „einfach machen“.
Killmer: Auf dem Weg gab es auch sicher einige Blessuren für mich. Aber ich mache das für meinen Sohn. Mir ist es als Vater enorm wichtig, ihm einen lebenswerten Planeten zu hinterlassen.
Interview von Natalie Kotowski

Zur Person
Sven Killmer ist CEO der Härtha Group. Nach seinem Studium in den USA arbeitete er in großen Unternehmen in Deutschland, Europa und Übersee. Seit 2016 führt führt er gemeinsam mit Timo Röskes (CFO) die Unternehmensgruppe, die an 13 Standorten in Deutschland, Italien und den Niederlanden Metalle härtet, beschichtet und veredelt.


