„Da geht noch mehr“: Was Wettbewerbsfähigkeit mit Nachhaltigkeit zu tun hat

Nachhaltigkeit ist für Jürgen Pfitzer keine Randnotiz, sondern zentral für die Wettbewerbsfähigkeit der Region und ganz Deutschlands. Der Mitgeschäftsführer von Tecnaro, dem preisgekrönten Ilsfelder Hersteller von Biokunststoffen, wünscht sich von der Politik in diesem Punkt einen klaren Kurs.

Wettbewerbsfähigkeit und Nachhaltigkeit
Ilsfelder Innovationsgeist: Dr. Helmut Nägele (links) und Jürgen Pfitzer. Foto: Tecnaro GmbH

Herr Pfitzer, vom Strohhalm über Kunstrasen bis zur Babyrassel – in vielen Alltagsgegenständen steckt Ilsfelder Innovationsgeist. Können Sie schätzen, wie viele Deutsche mit Ihren Produkten in Berührung gekommen sind?

Jürgen Pfitzer: Das lässt sich schwer exakt beziffern – aber es sind sehr, sehr viele. Seit Jahren werden etwa Edding-Textmarker, UHU-Klebestifte oder Klio-Eterna-Kugelschreiber mit unseren Biowerkstoffen gefertigt. Allein 2021 wurden in Deutschland über 500 Millionen Kaffeekapseln aus unserem Biowerkstoff konsumiert. Und auch die Forstwirtschaft verwendet unsere Produkte – zum Beispiel unsere Bio-Wuchshüllen, die später kein Mikroplastik verursachen. Statistisch gesehen ist also jeder Deutsche schon mehrfach mit unseren Materialien in Kontakt gekommen. Manchmal nur für einen Moment, wie beim Trinkhalm. Manchmal bis über das Leben hinaus – in Form einer biologisch abbaubaren Friedwaldurne.

Für Ihre Innovationen wurden Sie mit dem European Inventor Award und der Rudolf-Diesel-Medaille ausgezeichnet – nur ein gutes Jahrzehnt nach Firmengründung. Was hat Sie und Ihren Mitgeschäftsführer Dr. Helmut Nägele zu Gewinnern gemacht?

Pfitzer: Wir waren am Fraunhofer-Institut bereits sehr gute Entwickler im Bereich Kunststofftechnik, und wir haben uns mit unserer Ausgründung ganz bewusst auf Biokunststoffe fokussiert. Mit unserem Flüssigholz Arboform ist uns dann tatsächlich eine bahnbrechende Erfindung gelungen.

Aber Innovation allein reicht nicht, um erfolgreich zu sein.

Pfitzer: Ich denke, was uns ausgezeichnet hat, war eine Kombination aus technischer Exzellenz, Beharrlichkeit und Haltung mit ganz viel Demut. Wir waren leidenschaftlich bei der Sache – und gleichzeitig sehr strategisch. So haben wir uns mit unserem Patentanwalt erst lange akribisch vorbereitet, um dann an einem einzigen Tag gemeinsam mit der Fraunhofer-Gesellschaft ganze 15 Patente anzumelden. Dadurch entstand ein besonders starker, sich überlappender Patentschutz – ein Schutzschirm für unsere Idee, der nicht so leicht zu umgehen war. Und was vielleicht am allerwichtigsten war: Viele reden über Nachhaltigkeit, Klima, ESG, CO2-Fußabdruck und Visionen. Wir liefern.

Werden grüne Technologien und das Thema Nachhaltigkeit Ihrer Ansicht nach in der Region Heilbronn-Franken schon ausreichend umgesetzt?

Pfitzer: Nein, da geht definitiv noch mehr. Wir haben in Heilbronn die allerbesten strukturellen Voraussetzungen, haben einen bärenstarken Mittelstand, viele Technologieführer, Familienunternehmen, eine tolle Wirtschaftsförderung und Elite-Hochschulen. Viele Unternehmen machen erste Schritte, aber das Potenzial ist bei weitem nicht ausgeschöpft. Es braucht mehr Mut und mehr Konsequenz. Privat wägt jeder ab: Was ist das Richtige für meine Familie? Ernährung, Gesundheit, Ausbildung? Geschäftlich zählt allerdings oft nur: billig – und noch billiger.

Worauf sollte ein nachhaltig denkender Unternehmer stattdessen setzen?

Pfitzer: Nicht in Quartalen, sondern in Generationen zu denken. Es geht darum, Verantwortung zu übernehmen – für Produkte, für Lieferketten, für Ressourcen. Das erfordert eine Haltung: Man muss bereit sein, wirtschaftliche Entscheidungen auch unter ethischen Gesichtspunkten zu treffen. Nicht weil es gerade billig, grün oder sexy ist – sondern weil es richtig ist.

Rechnet sich diese Einstellung denn nach marktwirtschaftlichen Kriterien?

Pfitzer: Das ist ja der Witz an der Sache: Nachhaltigkeit ist gar nicht teuer, wie es immer heißt – sondern ist das Preiswerteste, was man tun kann. Wenn auch nicht für die Erdölindustrie und die dadurch sprudelnden Steuereinnahmen der Länder. Wenn man sämtliche Risiken des Verbrauchs fossiler Rohstoffe bilanzieren würde, wären sofort alle grünen Technologien preiswerter.

Wie präsent ist diese Erkenntnis nach Ihrer Ansicht aktuell in der deutschen Industrie?

Pfitzer: Noch nicht stark genug. In Deutschland reden wir sehr viel über Nachhaltigkeit, aber bei der Umsetzung hakt es. Wir haben in Deutschland alle grünen Technologien bis zur Serienreife entwickelt. Aber dann richtet sich die Politik wieder neu aus und es werden etwa regulierende Subventionen wieder gestrichen. Die Folge: Firmen, die in ihre Produktion investiert haben, können den Kapitaldienst nicht mehr leisten. Am Ende müssen sie China dankbar sein, dass sie alles übernehmen – und alles wandert ab. Es muss eine politische Lösung geben, an der die deutsche Industrie sich orientieren kann. Wenn man nach China schaut, sieht man, was alles möglich wäre – in Sachen Tempo, Skalierung und strategischer Weitsicht. Hierzulande fehlt es oft an Mut, Geschwindigkeit und Klarheit – vor allem auf politischer Ebene.

Sie sprechen die politische Ebene an. Was erhoffen Sie sich für die deutsche Wirtschaft und speziell für Tecnaro von der neuen Bundesregierung und von Bundesministerin Katharina Reiche?

Pfitzer: Auch wenn ich von der Regierung derzeit wenig über Nachhaltigkeit lese, bin ich zuversichtlich. Denn eigentlich führt ja kein Weg daran vorbei. Ich denke, Frau Reiche wird vieles in die richtige Richtung bewegen – so wie es auch Robert Habeck gemacht hat. Er hat Dinge klar benannt und ich habe mich in vielen seiner Aussagen wiedergefunden. Leider wurde er oftmals politisch niedergemacht. Aber Nachhaltigkeit darf kein Randthema sein – sie muss die Grundlage aller politischen Entscheidungen sein. Und ja, Entbürokratisierung ist nötig. Aber wenn wir dabei Instrumente wie die Nachhaltigkeitsberichterstattung abschaffen – in einem Bereich, in dem Deutschland weltweit führend ist – dann ist das schlichtweg dumm.

Und wo müssten die deutschen Unternehmer umdenken?

Pfitzer: In China sehen wir, wie schnell nachhaltige Technologien skaliert werden können, wenn der Wille da ist. Hierzulande verlieren wir uns zu oft in absurden Diskussionen, statt ins Machen zu kommen. Ich denke, wir brauchen für übergeordnete Themen wie Nachhaltigkeit auch nachhaltig lange Zeiträume, am besten 30-Jahres-Pläne, an denen nicht alle Legislaturperioden lang gerüttelt werden darf. Dann können wir uns in anderen Bereichen dem Bürokratismus entledigen, uns innovativen Themen wie KI, Biokunststoffe, Erneuerbare Energien, Maschinenbau, Robotik zuwenden und auch in Deutschland mehr „Chinese Speed“ wagen.

Was braucht es Ihrer Meinung nach generell für ein Mindset, um als Unternehmer innovativ zu sein?

Pfitzer: Man darf sich nicht blenden lassen – weder vom eigenen Erfolg noch von äußeren Trends. Dranbleiben ist wichtig. Und wie gesagt: Demut. Offenheit gegenüber Kritik, echtes Zuhören und Wertschätzung im Umgang mit Menschen – das ist für mich der Nährboden für nachhaltige Innovation. Wenn man gerade die groteske Weltpolitik um Putin und Trump betrachtet, in der alles ins Wanken zu geraten scheint, kommen überall Zweifel an der Sinnhaftigkeit der eigenen Nachhaltigkeitsstrategien auf. Nicht aber bei Tecnaro: Wir haben uns im Februar 2025 entschlossen, fast 1000 Quadratmeter neue Büro- und Laborfläche zu schaffen mit unserem neuen „TECNARO KI OpenIEI Forum“.

Was ist für Sie das größte Plus der Region?

Pfitzer: Hier gibt es Unternehmer wie Dieter Schwarz, Reinhold Würth oder Dietmar Hopp, die mit ihrem Reichtum und ihrer Strahlkraft etwas zurückgeben – das ist weltweit einzigartig. Und viele andere in der Region machen das in kleineren Dimensionen auch. Dieser Geist der Verantwortung macht Heilbronn-Franken zu einem außergewöhnlichen Wirtschaftsstandort.

Wenn Sie eine Parallele ziehen zwischen einem Vierteljahrhundert PROMAGAZIN und 25 Jahren Tecnaro – welche wäre das?

Pfitzer: Ich glaube, wir beide machen einfach einen verdammt guten Job.

Interview von Natalie Kotowski

Wettbewerbsfähigkeit und Nachhaltigkeit
Foto: Tecnaro GmbH

Zur Person

Jürgen Pfitzer gründete 1998 die Tecnaro GmbH als Spin-off-Unternehmen aus der Fraunhofer-Gesellschaft, gemeinsam mit Dipl.-Ing Dr. Helmut Nägele. Beide sind geschäftsführende Gesellschafter im Unternehmen.


Mehr zum Thema

WMFGipfel

„Nachhaltigkeit zum Herzen der Organisation machen“

Dr. Thomas M. Fischer, CEO der Allfoye Managementberatung GmbH, spricht beim Gipfeltreffen der Weltmarktführer darüber, warum das Thema Nachhaltigkeit zu …

Nachhaltigkeit als grundlegendes Prinzip verstehen

Von regionaler CO2-Kompensation bis hin zum innovativen Recycling: Ulrich Boelcke vom Modell Hohenlohe erklärt im Gastbeitrag, wie gemeinsamen Netzwerken nachhaltiges …
Nachhaltigkeit

Zwei Drittel der deutschen Manager halten Nachhaltigkeit für wirtschaftlich sinnvoll

Innerhalb eines Jahres hat sich laut einer aktuellen Studie der Anteil der Führungskräfte, die einen geschäftlichen Nutzen von Nachhaltigkeit erkennen, …