„Wir halten an unseren Werten fest“: Bei der Spedition Lindenmeyer bedeutet Tradition, das Feuer weiterzugeben

Ralf Herrmann führt seit 2016 gemeinsam mit Markus Eugen Hirsch die Spedition Lindenmeyer in Crailsheim.  Das Familienunternehmen reagiert auf den rasanten Wandel der Logistikbranche mit weitsichtiger Nachfolgepolitik, Transformationsschritten und Expansion.

Spedition Lindenmeyer
Die Spedition Lindenmeyer wurde 1871 gegründet. Seit 2021 hält sie auch im bayerischen Ansbach eine Niederlassung. Foto: Spedition Lindenmeyer

Herr Herrmann, was war in Ihrer Erinnerung das Ungewöhnlichste, was die Spedition Lindenmeyer transportiert hat?

Ralf Herrmann: Bei internationalen Umzügen fällt mir ein Mercedes SL 300 mit Flügeltüren aus den 1950er Jahren ein, von dem nur wenige hergestellt wurden und noch weniger überhaupt noch existieren, den wir nach Südafrika umziehen durften. Antiquitäten, Oldtimer, Bibliotheken oder Kunstgegenstände sind immer eine spezielle Herausforderung. Es sind immer Unikate und dementsprechend ist die allgemeine Spannung auch auf Kundenseite sehr hoch.

Da hat es in der Historie der Spedition Lindenmeyer sicherlich etliche „spannende“ Momente gegeben. Immerhin transportiert Ihr Unternehmen seit mehr als 150 Jahren Gegenstände beziehungsweise Güter für Kunden. Was hat sich nach Ihrem Gefühl im vergangenen Vierteljahrhundert in Ihrer Branche und in der Region zum Positiven entwickelt?

Ralf Herrmann: Durch die ständige Weiterentwicklung der Branche, der Digitalisierung, der technischen Entwicklung von Fahrzeugen beziehungsweise Arbeitsgeräten und der gestiegenen Qualität von Packmaterialien ist die Branche in der Wahrnehmung von Kunden und Arbeitskräften sehr präsent. Der Mensch wird bei der Berufswahl flexibler, was sich im Umzugsaufkommen widerspiegelt. Unsere Region wird immer stärker als modern und zukunftsorientiert wahrgenommen – bei sehr hoher Lebensqualität.

Mit welchen Gefühlen traten Sie die Nachfolge an, als Sie 2016 gemeinsam mit Eugen Markus Hirsch die Spedition Lindenmeyer von Karl-Heinz Lindenmeyer übernommen haben?

Herrmann: Vorfreude, positive Anspannung und der unbedingte Wille, Erfolg zu haben.

Viele Familienunternehmen stehen gerade vor der Herausforderung, keinen geeigneten Nachfolger zu finden. Das betrifft auch Heilbronn-Franken, eine Region mit traditionell starkem Mittelstand und vielen Unternehmen im Familienbesitz. Woran liegt dieser „Nachfolgermangel“ aus Ihrer Sicht?

Herrmann: Viele junge Menschen wollen nicht mehr diese Verantwortung übernehmen und scheuen das Risiko. Eine Vier-Tage-Woche im Homeoffice erscheint ihnen attraktiver. Als ich noch im Angestelltenverhältnis war, wurde mir gesagt: ‚Herr Herrmann, Sie haben unternehmerisches Denken‘. Jeder Unternehmer, dessen Nachfolge nicht geregelt ist, sollte so früh wie möglich nach solchen geeigneten Charakteren Ausschau halten.

Der Spedition Lindenmeyer ist also dank Weitblick ein Generationswechsel geglückt, der weiteres Wachstum brachte. Welches Mindset brauchen Nachfolger, um die Gratwanderung zwischen traditionellen Werten und moderner Unternehmenspolitik zu schaffen?

Herrmann: Ich glaube, man braucht als Nachfolger vor allem Respekt vor dem, was aufgebaut wurde, und gleichzeitig den Mut, Dinge zu verändern. Bei uns hat es funktioniert, weil wir die traditionellen Werte wie Verlässlichkeit und Vertrauen bewahrt, aber Prozesse modernisiert, digitalisiert und die Mitarbeiter dabei mitgenommen haben. So schaffen wir den Spagat zwischen Tradition und Zukunft. Klar spielen für uns Unternehmer Ausdauer, Kreativität und Leistungsbereitschaft eine große Rolle.

Also wortwörtlich liefern, wenn es darauf ankommt.

Hermann: Ja, die Bereitschaft, manchmal auch unangenehme Dinge schnell, fair und nachhaltig zu lösen, ist sehr wichtig.

Ein Leitbild Ihres Logistikunternehmens lautet „Tradition ist nicht das Aufbewahren der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers“. Darin steckt der Appell, nicht aus Nostalgie an Überkommenem zu hängen, sondern die Leidenschaft für das, was man tut, auf die Jüngeren zu übertragen. Worin zeigt sich diese Philosophie in Ihrem Unternehmen?

Herrmann: Für uns heißt das: Wir klammern uns nicht an alten Strukturen fest, nur weil sie schon immer da waren.

Sondern?

Herrmann: Wir halten an unseren Werten fest – wie Verlässlichkeit und Handschlagqualität – und passen alles andere an, was besser werden kann. So bleibt das Feuer am Brennen und wir entwickeln uns weiter, ohne unsere Wurzeln zu verlieren.

Gibt es konkrete Beispiele aus den vergangenen 25 Jahren, wo in Ihrem Unternehmen Altes – „die Asche“ –  zugunsten von Neuem weichen musste?

Herrmann: Gerade beim Fuhrpark und in der IT ist die Geschwindigkeit der Neuerungen rasant. Diese sichert aber auch die Kundenzufriedenheit und den Vorsprung gegenüber anderen, die zu stark auf das Bestehende setzen und gegebenenfalls irgendwann den Anschluss verlieren. Wir haben 2016 Arbeitsabläufe neu strukturiert. Diese Optimierung wird ständig und permanent weiterentwickelt.

Während andere Logistiker unter den Krisen der vergangenen Jahre litten, gingen Sie auf Expansionskurs: In der Pandemie gründeten Sie in Ansbach eine Niederlassung, vor zwei Jahren kaufte die Spedition Lindenmeyer die Hüfner Möbelspedition in Schwäbisch Hall. Welche Eigenschaften braucht ein Unternehmer, um Wettbewerber zu überholen?

Herrmann: Wie sagte Reinhold Würth so treffend: ‚Ich wollte schon immer wissen, was hinterm Berg oder ums Eck ist‘. So wünscht er sich seine Mitarbeiter. Es sind gerade die Eigenschaften wie unbedingter Wille zum Erfolg, Ausdauer und die ständige Leistungsbereitschaft, die den Unterschied machen. Auch die ständige Bereitschaft zur Veränderung und das flexible Agieren sind wichtig – das bedeutet zum Beispiel, bei kurzfristigen Aufträgen und Änderungen das gesamte Team dahingehend mitzureißen.

Wenn Sie weiter in die Zukunft blicken: Wie wird sich die Logistikbranche bis 2050 verändert haben?

Herrmann: Bis 2050 wird auch unsere Branche viel digitaler und nachhaltiger sein müssen – vom papierlosen Auftrag bis zu umweltfreundlichen Fahrzeugen.

Und wo liegen künftig die Herausforderungen für den Mittelstand in Heilbronn-Franken?

Herrmann: Die größte Herausforderung wird sein, genug Fachkräfte zu finden. Wir ziehen für viele Firmen neue, gut ausgebildete Mitarbeiter in die Region. Wer, wenn nicht wir, weiß, dass leider auch immer wieder insbesondere junge Mitarbeiter nach ein oder zwei Jahren wieder wegziehen – nach Hamburg, München oder Berlin. Heilbronn-Franken tut schon viel für die Attraktivität der Region, darf jedoch nie damit aufhören.

Sind Sie zuversichtlich, dass die Spedition Lindenmeyer und das PROMAGAZIN auch in den kommenden 25 Jahren Erfolgsgeschichten schreiben werden?

Herrmann: Absolut. Gerade sehr schwierige Konstellationen wie etwa  die Corona-Krise oder der aktuell erlebte gesamtwirtschaftliche Abschwung bieten immer auch die Chance, verändert und gestärkt aus solchen besonderen Herausforderungen herauszukommen. Wir stehen bereit, für Firmen und Privatpersonen weiterhin die Nummer eins in der Region zu sein. Das PROMAGAZIN hat mittlerweile einen absolut hohen Bekanntheitsgrad erreicht. Das Magazin ist aus der Wirtschaft nicht mehr wegzudenken.

Interview von Natalie Kotowski

Spedition Lindenmeyer
Foto: Spedition Lindenmeyer

Zur Person

Ralf Herrmann führt gemeinsam mit Eugen Markus Hirsch die Spedition Lindenmeyer. Carl Lindenmeyer hatte das Crailsheimer Speditionsunternehmen gegründet. Seit 2021 ist die Spedition auch mit einer Niederlassung im bayrischen Ansbach vertreten.


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