Frank Thelen ist bekannt als mutiger Investor, erfolgreicher Tech-Unternehmer und analytischer Juror in der TV-Show „Die Höhle der Löwen“. Im PROMAGAZIN sagt er, warum Zahlen und Emotionen für ihn zusammengehören, warum Heilbronns Ökosystem eine Chance ist und was Gründer und Skater gemeinsam haben.

Herr Thelen, in Ihrer Jugend waren Sie passionierter Skater. Gibt es eine Parallele zwischen Skaten und Gründen?
Frank Thelen: Die schmerzhafte Antwort: Ja! Jeder Skater weiß: Einen Trick lernst du nicht beim ersten Versuch. Du probierst es zehn, 20 oder 80 Mal und oft endet es im Sturz. Bestenfalls mit Prellungen, ab und zu auch mit Brüchen. Aber der Moment, in dem man den Trick landet, ist größer als die Schmerzen. Beim Gründen ist es genauso: Hinfallen gehört dazu. Entscheidend ist, dass du wieder aufstehst, daraus lernst und weitermachst. Wer das nicht kann, wird weder ein guter Skater noch ein erfolgreicher Unternehmer.
In welchen Punkten muss man als Unternehmer aus Ihrer Sicht lernen, Gleichgewicht zu halten beziehungsweise rechtzeitig abzuspringen?
Frank Thelen: Wenn es darauf eine einfache Antwort gäbe, hätten wir nur erfolgreiche Unternehmer (lacht). Was ich Gründern immer sage: Hört auf Feedback. Gerade bei ‚Die Höhle der Löwen‘ sitzen fünf extrem erfahrene Investoren vor dir. Wenn alle unabhängig voneinander sagen, dass deine Idee nicht funktioniert, dann solltest du zuhören, auch wenn es weh tut. Ignorierst du das, wird es meistens teuer.
„Zahlen lügen nicht“
Sie haben bei Ihrem hohen Aktien-Invest in den inzwischen insolventen Flugtaxi-Entwickler Lilium viel Geld verloren, weil Sie nicht rechtzeitig abgesprungen sind. Wie würde der Skater in Ihnen das kommentieren?
Frank Thelen: Lilium war mein Herzensprojekt für Europa. Nach einem großen Erfolg, wurde es zum größten finanziellen Verlust für mich. Noch tiefer war der Schmerz, die Technologie und das Team zu verlieren. Das Team war sehr stark, die Vision riesig, die Nachfrage hoch. Aber wir haben auch Fehler gemacht, ich eingeschlossen. Am Ende ist es wie beim Skaten: Du fällst, versorgst deine Wunden und steigst wieder aufs Board. Nur diesmal mit mehr Erfahrung.
Hat Sie die Erfahrung mit Lilium noch mehr in dieser Einstellung bestärkt?
Frank Thelen: Sie hat vor allem meine Risikobereitschaft verändert. Nach so einer Erfahrung bist du vorsichtiger, automatisch. Im Nachhinein bist du immer schlauer, aber daraus lernst du.
Dabei gelten Sie als systematischer Mensch, der Analysen, Zahlen und Daten mehr vertraut als bloßem Bauchgefühl. Nach diesen Kriterien haben Sie in der TV-Show „Die Höhle der Löwen“ ihre Investment-Entscheidungen getroffen, und so gehen Sie auch bei Ihren Fonds und neuerdings Ihrem ETF „TEQ – General Artificial Intelligence UCITS“ vor. Warum ist es als Investor wichtiger, auf Zahlen zu schauen statt auf persönliche Vorlieben?
Frank Thelen: Zahlen lügen nicht. Sie zeigen dir klar, wo du stehst. Wenn der Umsatz nicht stimmt oder das Wachstum fehlt, dann hilft dir auch das beste Storytelling nichts. Dann ist ein Investment oft einfach nicht sinnvoll. Aber: Zahlen allein reichen nicht. Das Team und die Strategie müssen ebenfalls passen, gerade um zukünftige Cashflows zu bewerten. Persönliche Überzeugung spielt auch eine Rolle. Du musst hinter einem Investment stehen. Aber am Ende sind es die Zahlen, die dir die Realität zeigen. Alles andere ist Wunschdenken.
„Zahlen lügen nicht”: Gilt das auch für Unternehmensführung generell? Gerade in Heilbronn-Franken mit seinem starkem Mittelstand zahlen auch Werte wie Mitarbeiterbindung, vertrauensvolle Zusammenarbeit und Empathie auf den Erfolg ein. Sind Zahlen und Emotionen dort kein Widerspruch?
Frank Thelen: Überhaupt nicht. Im Gegenteil. Ich finde es großartig, dass wir in Deutschland so starke Mittelständler haben. Vertrauen, Empathie und gute Zusammenarbeit sind extrem wichtig, das ist die Basis für langfristigen Erfolg. Aber am Ende müssen die Zahlen stimmen. Beides gehört zusammen: harte Fakten und starke Kultur. Nur eines von beiden reicht nicht.
Zukunft erkennen, bevor sie Mainstream wird
Ihre persönliche Entwicklung von der ersten Unternehmensgründung 1994 bis heute klingt visionär. Tech-Unternehmen, Food-Start-ups, Biotechnologie und Gesundheit: Halten Sie Ihr Gespür für das, was künftig groß werden könnte, für überdurchschnittlich ausgeprägt?
Frank Thelen: Das Glück des Tüchtigen (lacht). Ich liebe Zukunft! Neue Technologien, an die Grenzen der Physik gehen, neue revolutionäre Produkte. Ich habe in der Vergangenheit oft frühzeitig aufs richtige Pferd gesetzt, weil ich mich täglich mit den Entwicklungen befasse und Neues teste. Ich wollte schon immer wissen, was der nächste große Schritt ist, bevor er Mainstream wird. Diese unstillbare Wissbegierde hat mir bei all meinen Unternehmen massiv geholfen.
Woher kommt das? Hatten Sie schon als Kind ein ‚Händchen für die Zukunft‘?
Frank Thelen: Ein ‚Händchen‘ klingt nach Magie, das ist es nicht. Aber ich war tatsächlich schon als Jugendlicher extrem neugierig. Ich habe programmiert, Hardware auseinander gebaut und wollte immer die ‚First Principles‘ verstehen, also wie die Dinge in ihrem absoluten Kern funktionieren. Der Drang, den Status quo infrage zu stellen und technologische Entwicklungen vorauszusehen, war eigentlich schon immer fest in meiner DNA verankert.
General AI als Schlüsseltechnologie der Zukunft
Wie viel visionären Weitblick und Begeisterung braucht man als Investor? Über Ihren ETF mit Fokus auf KI-Start-ups sagen Sie selbst enthusiastisch: ‚General AI ist die größte technologische Entwicklung der Menschheitsgeschichte und wird in den nächsten Jahren unser Leben und die Weltwirtschaft deutlich stärker verändern als Technologien wie Internet und Smartphone.‘ Das klingt nicht nur nach Analyse, sondern nach Zukunftsglaube.
Frank Thelen: Enthusiasmus ist wichtig, aber vor dem Glauben kommt das glasklare Wissen. Durch mein Netzwerk und meine tägliche Arbeit habe ich das Privileg, direkt mit den klügsten Köpfen und Gründern zu sprechen, die unsere Zukunft prägen. Ich sehe, welche humanoiden Roboter aktuell in den Labs gebaut werden. Ich kann sehr gut einschätzen, welche Durchbrüche im Bereich KI unmittelbar bevorstehen. Wenn man diese Datenpunkte zusammensetzt, ist das kein blinder Glaube mehr. General AI wird die Menschheitsgeschichte radikal verändern, davon bin ich zu hundert Prozent überzeugt.
Wer braucht Zukunftsglauben und Weitblick in diesen Zeiten am meisten: Investoren, Unternehmer oder Politiker?
Frank Thelen: Am besten alle drei! Wenn du nicht absolut an deine Mission glaubst, wird das mit hoher Wahrscheinlichkeit nichts. Egal ob als Gründer oder Investor. Du brauchst dieses Feuer und diesen Drive, um durch die harten Phasen zu gehen. Dein persönlicher Einsatz ist einfach ein ganz anderer, wenn du für ein Thema brennst. Bei unseren Politikern wünsche ich mir diesen visionären Weitblick aktuell allerdings am allermeisten. Wir brauchen dringend wieder Menschen, die mutige Visionen für unser Land haben.
Heilbronn als KI-Leuchtturm Europas
Solche Menschen gibt es auch in Heilbronn. Dort entsteht derzeit Europas vielleicht größtes Ökosystem rund um KI. Was könnte das für die Region, für Deutschland und vielleicht sogar für Europa und die Welt Ihrer Meinung nach bedeuten?
Frank Thelen: Es ist ein Leuchtturm und ein wichtiges Projekt. Wir brauchen genau solche mutigen Investments. Wir müssen endlich wieder herausragende Technologie aus Deutschland und Europa heraus aufbauen, um unsere Unabhängigkeit zu stärken. Aktuell sind wir bei Hard- und Software extrem abhängig von den USA und Asien. Das ist geopolitisch brandgefährlich, und das müssen wir mit massiven Investments und starken Ökosystemen wie in Heilbronn schnellstens ändern.
Welchen Fehler sollte man in Heilbronn unbedingt vermeiden?
Frank Thelen: Zu klein zu denken und sich von deutscher Bürokratie ausbremsen zu lassen, ist unser Problem. Wenn wir im Bereich KI international mitspielen wollen, brauchen wir Geschwindigkeit und radikalen Optimismus. Wir dürfen kein Beamtentum aufbauen, sondern müssen unseren Pioniergeist reaktivieren: agil, mutig und mit der Bereitschaft, groß zu investieren. Wenn wir Innovationen direkt wieder tot regulieren, bevor sie überhaupt skaliert sind, haben wir auf dem globalen Markt keine Chance.
Interview von Natalie Kotowski
Zur Person
Seriengründer, Tech-Investor, Fondsmanager, Autor und „Höhle der Löwen“-Juror Frank Thelen gründete 1994 sein erstes Start-up. Es folgten weitere Gründungen in den Bereichen Food, Pharma, Robotik und Tech. Er legte mehrere Aktienfonds auf, zuletzt einen eigenen ETF mit KI-Fokus.


