TUM Campus Heilbronn: Brücke zwischen Wissenschaft und Wirtschaft

Der TUM Campus Heilbronn überzeugt im THE-Ranking – und das mit gutem Grund: Professor Dr. Ali Sunyaev erklärt im Interview, warum die Kombination aus Informatik, Management und Technologie am Standort einzigartig ist, welche Rolle KI in der Lehre spielt und wie enge Verbindungen zur Wirtschaft und angewandter Forschung den Weg in die digitale Zukunft ebnen.

TUM Campus Heilbronn
Am TUM Campus Heilbronn werden Studierende gezielt auf die Anforderungen der digitalen Arbeitswelt vorbereitet. Foto: Terzo Algeri/Fotoatelier M

Die TUM gehört im aktuellen Fächer-Ranking des britischen Magazins „Times Higher Education (THE)“ zu den weltweiten Spitzenreitern: Was sind die Hauptfaktoren, die den Erfolg am Campus Heilbronn ausmachen?

Professor Dr. Ali Sunyaev: Der Erfolg unserer Studiengänge in Heilbronn basiert auf mehreren Schlüsselfaktoren. Zum einen haben wir einen klaren Fokus auf die Bereiche Management und Informatik. Zum anderen bieten unsere Programme eine außergewöhnliche Kombination aus hochrelevanten technischen und wirtschaftlichen Kompetenzen – eine Kombination, die in dieser Form an der TUM einzigartig ist. Dies zeigt sich bereits in den Studiengangsbezeichnungen wie Information Engineering, Management and Digital Technology oder Management and Data Science. Sie sind optimal auf die Anforderungen eines dynamischen Arbeitsmarkts ausgerichtet.

Können Sie dafür ein Beispiel nennen?

Sunyaev: Im Bachelorstudiengang Information Engineering durchlaufen die Studierenden die gesamte Prozesskette – von Sensortechnologie über IT-Systeme bis hin zu Geschäftsmodellen. Dabei erwerben sie sowohl theoretische Grundlagen als auch praktische Fähigkeiten und werden gezielt auf eine Karriere in den Informationstechnologien vorbereitet. Der interdisziplinäre Ansatz verknüpft Informatik mit Elektrotechnik und Management – ein Alleinstellungsmerkmal, das es so nur am TUM Campus Heilbronn gibt.

Und das kommt in der Region gut an?

Sunyaev: Ja. Ein Beleg ist das steigende Interesse: Im aktuellen Wintersemester 2024/25 konnten wir die Zahl der Studierenden um rund 50 Prozent gegenüber dem Vorjahr erhöhen, was einem deutlichen Zuwachs entspricht. Der größte Teil der Studierenden studiert Management. Das liegt allerdings daran, dass die Informatik-Studiengänge noch relativ neu sind.

Welche zukünftigen Entwicklungen und Trends sehen Sie für den Bereich Informatik am Campus?
Sunyaev: Die Weiterentwicklung unserer Studiengänge ist eng mit technologischen Trends, unternehmerischen Transformationsprozessen und aktuellen Herausforderungen verknüpft. Ein zentrales Thema ist der Einsatz von Künstlicher Intelligenz. So nutzen wir KI beispielsweise zur Erstellung curriculumspezifischer Lernmaterialien.

Wie gehen Sie dabei mit dem Spannungsfeld zwischen technischer Tiefe und unternehmerischem Denken um?

Sunyaev: Uns ist wichtig, Informatik nicht isoliert zu betrachten, sondern als Antwort auf die Anforderungen des digitalen Zeitalters – wir sprechen daher bewusst vom „Digital Age“. Unser Bachelor in Information Engineering ist deshalb auch keine klassische Informatikausbildung, sondern vereint Management, Computer Engineering und Elektrotechnik. Diese interdisziplinäre Herangehensweise entspricht genau dem Bedarf moderner Unternehmen.

Inwiefern?

Sunyaev: Unternehmen benötigen Fachkräfte, die technologische Exzellenz mit einem tiefen Verständnis für wirtschaftliche und strategische Zusammenhänge kombinieren. Gerade in einer wirtschaftsstarken Region wie Heilbronn-Franken, die stark von mittelständischen Unternehmen geprägt ist, ist es essenziell, Studierende so auszubilden, dass sie nicht nur Technologien verstehen, sondern auch deren Anwendung im Kontext eines digitalen Ökosystems. Genau hier setzen wir an.

Eine Schlüsselrolle spielt dabei sicher auch die Zusammenarbeit mit der regionalen Wirtschaft, oder?
Sunyaev: Absolut. Der TUM Campus Heilbronn ist eng mit der Wirtschaft vernetzt – sowohl regional als auch überregional. Unsere Kooperationen eröffnen den Studierenden zahlreiche Möglichkeiten, Praxiserfahrungen zu sammeln und frühzeitig Kontakte zu potenziellen Arbeitgebern zu knüpfen. Ein Highlight ist die Career Factory, unsere Karrieremesse auf dem Bildungscampus, die Unternehmen und Studierende zusammenbringt. Im Jahr 2024 sind beispielsweise Atlas Copco, Audi und Bechtle dabei, während wir 2023 enge Kooperationen mit Lidl, Mustang Jeans und Ziehl-Abegg hatten. Diese Partnerschaften ermöglichen es unseren Studierenden, sich direkt über Praktika, Werkstudententätigkeiten oder Abschlussarbeiten zu unterhalten, die in enger Zusammenarbeit mit der Industrie durchgeführt werden. Ebenso bedeutend ist die 1000+ Project Week.

Was genau passiert bei der 1000+ Project Week?

Sunyaev: Hier lösen Studierende innerhalb einer Woche konkrete Aufgaben von Unternehmen und präsentieren ihre Ergebnisse. Die Nachfrage auf beiden Seiten wächst stetig – sowohl bei den Firmen, die sich als Projektpartner engagieren möchten, als auch bei den Studierenden, die diese Gelegenheit zur praxisnahen Anwendung ihres Wissens begeistert annehmen. Durch diese vielfältigen Kooperationen bereiten wir unsere Studierenden gezielt auf die Anforderungen der digitalen Wirtschaft vor und schaffen gleichzeitig enge Verbindungen zwischen Wissenschaft und Praxis.

Auch in Forschungsprojekte werden die Studierenden einbezogen – können Sie hier Beispiele nennen?

Sunyaev: Ein Beispiel ist das Projekt von Prof. Alexander Fraser, das vom Europäischen Forschungsrat (ERC) mit einem Advanced Grant gefördert wird. Es beschäftigt sich mit der Integration seltener Sprachen in große Sprachmodelle – also der Technologie, die auch hinter Systemen wie ChatGPT steht. Ziel ist es, mithilfe von KI Sprachbarrieren zu überwinden. Ebenso bedeutend sind die Projekte von Prof. Hartwig Anzt unter dem vereinfachten Titel: „Rechenpower für Herz und Klima“: Hier entwickelt das Team Hochleistungsalgorithmen für medizinische Simulationen und Klimamodelle. Ziel ist es, mit effizienter Datenverarbeitung genauere Vorhersagen zu ermöglichen – etwa für den Herzrhythmus oder das Klima der Zukunft.

Es wird aber ja auch an einer Software geforscht, die blinden Menschen den Zugang zu mobilen Anwendungen erleichtert, oder?

Sunyaev: Genau. Daran forscht Prof. Chunyang Chen mit „HintDroid“. Viele Apps sind für diese Nutzergruppe nur eingeschränkt nutzbar, da ihnen barrierefreie Funktionen wie klare Beschriftungen oder alternative Texte fehlen.

Wie sehen Sie die Rolle der TUM Heilbronn in der Weiterentwicklung der Bildungslandschaft in der Region?

Sunyaev: Die TUM in Heilbronn gehört zu den etablierten Akteuren in der Bildungslandschaft im Landkreis und darüber hinaus. Wir haben das Ziel, uns in diesem Ökosystem aktiv einzubringen und uns gemeinsam mit anderen Bildungs- und Forschungsorganisationen weiterzuentwickeln. Der aktuelle Aufbau des Heilbronn Data Science Centers ist eine konkrete Antwort darauf, wie wir in Forschung rund um KI Impulse setzen.

Interview von Teresa Zwirner

TUM Campus Heilbronn
Foto: Terzo Algeri/Fotoatelier M

Zur Person

Ali Sunyaev ist Professor für Informatik / Wirtschaftsinformatik und Vizepräsident der Technischen Universität München, TUM Campus Heilbronn.


Info

Die TUM gehört im aktuellen Fächer-Ranking des britischen Magazins „Times Higher Education (THE )“ zu den weltweiten Spitzenreitern: In Informatik belegt sie Platz 14 weltweit (Rang 1 in Deutschland), in Wirtschaftswissenschaften Platz 31 weltweit – ebenfalls Rang 1 in Deutschland. Beide Fächer werden auch am TUM Campus Heilbronn angeboten.

Mehr zum Thema

Bildungslandschaft im Fokus: Die Rolle der Weiterbildung angesichts der digitalen Transformation

Nicht nur die hohe Dichte an Gründern und Unternehmern zeichnet Heilbronn-Franken aus. Der Erfolg der Region stützt sich auch auf …

TUM Campus Heilbronn feierlich eingeweiht

Mit einem Festakt am 31. Januar wurde der Neubau für den TUM Campus Heilbronn, eine Außenstelle der Technischen Universität München …

Gründungszentrum Campus Founders auf dem Bildungscampus Heilbronn ins Leben gerufen

Um die Start-up-Kultur in der Region Heilbronn-Franken zu fördern, wurde die Campus Founders gGmbH im September 2018 gegründet. Die Dieter-Schwarz-Stiftung …