Die Automobilregion Heilbronn-Franken steht vor einem tiefgreifenden Umbruch. Eine neue Studie zeigt, wie Unternehmen den Spagat zwischen Hightech, Fachkräftesicherung und neuer Arbeitskultur meistern können – und warum jetzt der richtige Zeitpunkt ist, um mutig voranzugehen.

Audi, Rheinmetall Automotive, Magna: Im Landkreis Heilbronn sind bedeutende Akteure der Automobil- und Zulieferindustrie ansässig. Doch genau diese Industrie steht nun vor der Herausforderung, sich neu aufzustellen: Digitalisierung, Fachkräftemangel und technologische Umbrüche zwingen viele Betriebe dazu, ihre Strukturen, Abläufe und Unternehmenskultur grundlegend zu überdenken. Um diesen Wandel aktiv zu gestalten, hat das „Netzwerk Transformotive“ im Februar 2024 das Fraunhofer IAO und das Fraunhofer ISI beauftragt, ein regionales Zielbild für die Zukunft der Arbeitswelt zu entwickeln.
Das Ergebnis liegt nun vor. „Die Studie ‚Workforce 2035‘ liefert nicht nur eine fundierte Analyse, sondern auch ein praxisnahes Werkzeug für Unternehmen, Bildungsanbieter und Verbände in der Region“, erklärt Martin Schunkert, Projektleitung der Wirtschaftsförderung Raum Heilbronn (WFG). Die Studie identifiziert dabei drei zentrale Handlungsfelder: New Skills, New Technologies und New Work & Leadership. In der Praxis bedeutet das: Unternehmen müssen ihre Belegschaft kontinuierlich qualifizieren, insbesondere im Umgang mit Künstlicher Intelligenz (KI), Automatisierung und datenbasierten Geschäftsmodellen.
Mit neuen Arbeits- und Führungsmodellen den Wandel in der Automobilindustrie gestalten
Gleichzeitig gilt es, moderne Führungsmodelle zu etablieren, die Eigenverantwortung und Flexibilität fördern – ohne dabei die traditionellen Stärken der Region wie Qualität und Ingenieurskunst aus den Augen zu verlieren.
„Aus unserer Sicht ist es entscheidend, dass regionale Unternehmen zeitnah neue Arbeits- und Führungsmodelle entwickeln und zukunftsorientierte Weiterbildungsmaßnahmen für die vorhandene Belegschaft umsetzen“, erklärt Valerie Hübscher, wissenschaftliche Mitarbeiterin vom Forschungs- und Innovationszentrum Innovation & Foresight am Fraunhofer ISI. „So können sie gezielt Kompetenzen für die zukünftig zu erwartenden Aufgabenprofile ausbilden.“
Technologischer Handel mit Handlungsbedarf
Besonders großes Potenzial gibt es laut den Ergebnissen der Studie in der flächendeckenden Nutzung von KI in der Fertigung, digitalen Zwillingen sowie software-definierten Fahrzeugen. Diese Technologien ermöglichen nicht nur Effizienzsteigerungen, sondern eröffnen auch neue Geschäftsmodelle – etwa durch datenbasierte Services.
„Technologien wie Robotik, neue Fertigungstechniken, IoT und Sensorik weisen aktuell einen besonders hohen Handlungsbedarf auf“, betont Nicole Gladilov, Projektleiterin beim Forschungs- und Innovationszentrum Kognitive Dienstleistungssysteme KODIS des Fraunhofer IAO. „Unsere Analyse zeigt, dass diese Technologien zwar als zukunftsrelevant erkannt werden, ihre Umsetzung in der Region aber noch am Anfang steht. Genau hier setzen unsere Empfehlungen an: Unternehmen sollten bereits heute mit gezielten Weiterbildungsmaßnahmen mögliche Kompetenzlücken schließen.“
Strategische Integration neuer Technologien
Der Transformationsdruck ist hoch: Digitalisierung, Klimakrise, Fachkräftemangel und globaler Wettbewerbsdruck verändern die Spielregeln der Branche grundlegend. Unternehmen müssen nicht nur ihre Produktionsmethoden anpassen, sondern auch neue, digitale Geschäftsmodelle entwickeln und fortschrittliche Technologien integrieren – und dabei die veränderten Bedürfnisse ihrer Mitarbeitenden berücksichtigen. „Wer diese Transformation nicht aktiv gestaltet, verliert nicht nur an Innovationsfähigkeit, sondern auch die Fähigkeit, auf sich ändernde Anforderungen des Marktes sowie der Belegschaft zu reagieren“, warnt David Wurster, Projektleiter beim Forschungs- und Innovationszentrum Innovation & Foresight des Fraunhofer ISI.
Die strategische Integration neuer Technologien, moderner Arbeitsmodelle und gezielter Kompetenzentwicklung sei daher unerlässlich, um die Wettbewerbsfähigkeit der mittelständischen Unternehmen nachhaltig zu sichern. Dabei zeichnen sich die Betriebe der Region, insbesondere die „Hidden Champions“, nicht nur durch Fachkompetenz, sondern auch durch eine hohe Innovations- und Anpassungsbereitschaft aus. „Unsere Erfahrungen aus den Workshops im Rahmen des Projekts bestätigen: Die Unternehmen in der Region zeigen eine hohe Transformationsbereitschaft – eine wichtige Voraussetzung, um den Wandel erfolgreich zu gestalten“, ist sich das Projektteam sicher.
Handlungsempfehlungen in den drei Feldern:
- Im Bereich New Technologies sollten Unternehmen neue Technologien gezielt und strategisch in ihre Produktionsprozesse integrieren. Der regionale Erfahrungsaustausch – etwa über Best-Practice-Beispiele, Communities oder Formate wie „Fuckup Nights“ – hilft, voneinander zu lernen. Reallabore und Testumgebungen ermöglichen es, Innovationen praxisnah zu erproben. Kooperationen mit Hochschulen und Plattformen wie dem IPAI fördern gemeinsame KI-Projekte. Zudem stärken regionale Events und Demonstratoren die Technologieakzeptanz. Fördermittel wie InvestBW können genutzt werden, um Innovationsrisiken zu minimieren.
- Im Bereich New Skills wird empfohlen, arbeitsplatznahe Weiterbildungen für alle Mitarbeitenden – inklusive Führungskräften – systematisch zu fördern. Kontinuierliches Re- und Upskilling, insbesondere im technischen Bereich, ist essenziell, um neue Technologien effektiv zu nutzen und die Wettbewerbsfähigkeit zu sichern. Dabei sollten aktuelle Weiterbildungstrends, KI-gestützte Kompetenzanalysen und innovative Lernformate berücksichtigt werden. Unternehmen können gemeinsam mit regionalen Bildungsanbietern personalisierte Lernangebote entwickeln und bestehende Programme wie „Learning on the Job“ oder Angebote der Bundesagentur für Arbeit aktiv nutzen. Die Freistellung von Mitarbeitenden für Schulungen – auch im gewerblichen Bereich – sowie die Nutzung regionaler Plattformen wie École 42 oder BBiE-Beratung stärken langfristig die Qualifikationsbasis.
- Im Bereich New Work & Leadership sollten Unternehmen flexible und hybride Arbeitsmodelle etablieren, die sowohl die Work-Life-Balance der Mitarbeitenden verbessern als auch die wirtschaftliche Tragfähigkeit sichern. Rückkehrmodelle nach Elternzeit oder Teilzeit helfen, Fachkräfte zu binden. Gleichzeitig ist ein Kulturwandel notwendig: Offenheit, Diversität und Agilität sollten durch gezielte Change-Prozesse und Weiterbildungen gefördert werden. Partizipative Strukturen – etwa durch interdisziplinäre Projektteams und transparente Kommunikation – stärken Eigenverantwortung und Innovationskraft. Gemeinwohlorientierte Angebote wie Kinderbetreuung oder ehrenamtliches Engagement fördern die Mitarbeiterbindung. Zudem sollten Unternehmen gemeinsam Talente gewinnen, Führungskräfte entwickeln und sich regional besser vernetzen, etwa durch gemeinsame Messeauftritte oder Hospitationsprogramme.
Teresa Zwirner
Info
Die Studie „Workforce 2035 – Zukunft der Arbeit in der Automotive-Branche Heilbronn-Franken“ wurde vom Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO sowie vom Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI im Rahmen des Fraunhofer Heilbronn Forschungs- und Innovationszentrums HNFIZ durchgeführt. Auftraggeber der Studie ist die Wirtschaftsförderung Raum Heilbronn GmbH. Entstanden ist die Studie im Rahmen der Initiative „Netzwerk TRANSFORMOTIVE“, die vom Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz gefördert wird.


