Vertrauen als Erfolgsmodell: Drei Wertheimer Weltmarktführer erklären, was es damit auf sich hat

Heilbronn-Franken ist bekannt für seine große Zahl an Hidden Champions und Global Playern. In der Region und deutschlandweit ist Wertheim – zumindest inoffiziell – die Stadt der Weltmarktführer. Drei Unternehmen an der internationalen Spitze sind optimistisch, dass das auch künftig so bleiben wird.

Weltmarktführerstadt Wertheim
Die Ortstafel weist Wertheim als Große Kreisstadt aus – aber nicht offiziell als Weltmarktführerstadt. Foto: Adobe Stock/pusteflower9024

Auf der Ortstafel von Ribnitz-Damgarten an der Ostseeküste steht „Bernsteinstadt“. Hanau trägt den Titel „Brüder-Grimm-Stadt“. In Heilbronn-Franken schmücken sich Bad Mergentheim, Bad Rappenau und Bad Wimpfen mit dem Zusatz „Staatlich anerkanntes Heilbad“.

Für Wertheim hatte das Innenministerium den Zusatz „Weltmarktführerstadt“ auf dem Ortseingangsschild bislang abgelehnt, wie Wirtschaftsförderer Jürgen Strahlheim vor einiger Zeit gegenüber dem regionalen Sender L-TV bedauerte. Die juristische Begründung lautet sinngemäß: Anders als offiziell verliehene Prädikate oder historisch verankerte Merkmale könne sich die Zahl der Global Player künftig verändern.

Die Argumentation ist rechtlich nachvollziehbar. Doch verdient hätte es Wertheim als Weltmarktführerzentrum innerhalb Heilbronn-Frankens, das ohnehin deutschlandweit zu den Hotspots für Global Player gehört. Schließlich gibt es keine Anzeichen, dass die Große Kreisstadt in Tauberfranken ihren Status verliert.

Wertheim setzt auf Vertrauen

Im Gegenteil. Wertheim zählt seit vergangenem Jahr offiziell elf international erfolgreiche Marktführer, dazu kommen noch zwei weitere, die ihre Konzernsitze jenseits der Stadtgrenze haben. Damit belegt die 23.000-Einwohner-Stadt an der Mündung von Tauber und Main im „Lexikon der Weltmarktführer“ Platz Fünf in Deutschland, gleichauf mit Metropolen wie Düsseldorf und Essen und noch vor Landeshauptstadt Stuttgart und Oberzentrum Heilbronn.

Kürzlich schaffte es Wertheim sogar unter die 100 stärksten Wirtschaftsstandorte Deutschlands im Ranking des Informationsnetzwerks der Deutschen Wirtschaft (DDW). Wertheim macht den Aufschwung vor, der von den Politikern beschworen wird. Wie das geht? Mit Vertrauen – in den Standort, in die eigene Stärke, in die Mitarbeiter. Das ist zumindest die Quintessenz, die drei dort ansässige Weltmarktführer unisono ziehen.

Werteorientierte Führung als weiteres Kriterium

Auf Vertrauen basieren zum Beispiel die zwei Erfolge, die die Pink GmbH Thermosysteme im vergangenen Jahr verbuchen konnte. Zum einen erfüllte das mittelständische Familienunternehmen erstmals die Weltmarktführerkriterien und gab so den entscheidenden Ausschlag für Wertheims Verbesserung im Standort-Ranking.

Das Schwesterunternehmen Pink Vakuumtechnik, im Wertheimer Ortsteil Reinhardshof beheimatet, ist schon seit Längerem im Lexikon der Weltmarktführer vertreten. Zum anderen wurde Pink Thermosysteme vergangenes Jahr in seiner Klasse zum „TOP Innovator 2025“ gekürt.

Die Award-Jury begründete ihre Entscheidung mit dem vertraulichen, agilen Umfeld, das Mitarbeitern Freiräume für Kreativität gebe. „Ein weiteres prägendes Merkmal ist die werteorientierte Führung, die in den vergangenen Jahren systematisch weiterentwickelt wurde“, heißt es in der Begründung.

„Wir haben das Glück, hier Unternehmer sein zu können“

Besonders lobten die Juroren das Engagement von Geschäftsführerin Andrea Pink. Und für sie haben beide Erfolge mit Vertrauen zu tun: „Ohne motivierte und ideenreiche Mitarbeitende wird es keine Innovation geben.“ Das Unternehmen habe deshalb 2018 ein Applikations- und Entwicklungszentrum als zugangsbeschränkten, geschützten Raum gebaut, in dem die Mitarbeiter ohne Angst vor Fehlern zusammenkommen und neue Ideen und Projekte besprechen könnten.

Sie sieht sich dabei in der Verantwortung, sowohl ein vertrauensvolles Klima als auch das nötige Budget zu schaffen: „Als Unternehmen kann man diesen Mitarbeitenden den notwendigen Rahmen zur Verfügung stellen, damit ihre Ideen sprudeln können.“

So eine Schutzzone, in der man einander vertraut, ist für Andrea Pink im weiteren Sinne auch Wertheim selbst: „Wir haben Glück, hier Unternehmer sein zu können“, sagt sie. In der inoffiziellen Weltmarktführerstadt habe schon immer eine unternehmerfreundliche Stimmung geherrscht, die von den jeweils amtierenden Oberbürgermeistern gefördert worden sei.

Dass sich keine Konzerne in der Nachbarschaft befinden, sieht sie positiv: „Das hat zu der Vielfalt von meist familiengeführten Unternehmen geführt“, was wiederum ein innovationsfreudiges Klima erzeuge und letztlich zum Titel „Stadt der Weltmarktführer“ verholfen habe.

Auszeichnung für soziales Unternehmertum

Ganz ähnlich klingt die Botschaft einer weiteren Frau an der Spitze eines Wertheimer Weltmarktführers: Gabriela König, die in dritter Generation das Unternehmen König & Meyer führt. Der Hidden Champion entwickelt und produziert hochwertige Notenständer, Stative und Zubehör.

Für ihr innovationsfreundliches, verantwortungsvolles und soziales Unternehmertum erhielt Gabriela König im vergangenen Jahr die Wirtschaftsmedaille des Landes Baden-Württemberg. „Das ist für mich Anerkennung und Ansporn zugleich“, sagt sie.

Wie Andrea Pink setzt auch Unternehmerin Gabriela König auf gegenseitiges Vertrauen: „Wir pflegen eine transparente Kommunikation im Unternehmen, das heißt: Offenlegung von Zielen, Fortschritten und Herausforderungen“. Investitionen in nachhaltige Prozesse, faire Arbeitsbedingungen und Bildung – so ein familienfreundliches und soziales Klima bindet nach ihren Worten die Mitarbeiter. „Wir gelten als zuverlässiger, guter Arbeitgeber in der Region und investieren kontinuierlich in unseren Standort.“

Mit diesen Eigenschaften dürfte der Wertheimer Weltmarktführer für weiteres Wachstum gerüstet sein: „Momentan blicken wir noch optimistisch in die Zukunft. Mit einer Exportquote von 65 Prozent liefern wir in 90 Länder weltweit, was unsere Marktposition breit und robust macht.“ Und ihr Unternehmen offenbar zu einem Partner, der Kundenvertrauen rechtfertigt.

Globale Produktion trifft heimische Innovation

Gegenseitiges Vertrauen spürt man im Technologiekonzern Kurtz Ersa sogar seit sieben Generationen: „Wir sind in der sogenannten alten Grafschaft – im Raum Hasloch, Wertheim und Kreuzwertheim – seit fast 250 Jahren zuhause“, sagt Thomas Mühleck, CEO und Geschäftsführer. Das verdanke man der außergewöhnlichen Verbundenheit der Mitarbeiter über Generationen hinweg – „diese Unternehmenskultur trägt uns und unterscheidet uns von vielen anderen. Gleichzeitig profitieren wir von einem starken industriellen Umfeld. Dieses Zusammenspiel macht uns schnell, innovativ und international wettbewerbsfähig.“

Als Weltmarktführer spüre Kurtz Ersa die Strahlkraft der Region. Zwar sei das Unternehmen mit Produktionsstandorten auf allen Kontinenten vertreten, aber „die Innovationen kommen dabei aus unserer Wurzel in Wertheim/Kreuzwertheim“. Globale Produktion mit heimischer Innovation zu verbinden, sei das veränderte und tragfähige Geschäftsmodell. „Damit konnten wir auch im vierten Quartal in 2025 um 35 Prozent wachsen“, bilanziert Mühleck.

Eventueller Personalknappheit in Wertheim beugt der Weltmarktführer schon vor und baut aktuell zusätzliche Innovations-Hubs und ein Entwicklungscenter auf dem Campus der Universität Würzburg. Mühlecks Appell: „Wenn Deutschland solche Wachstumspfade unterstützen will, sind mehr Fachkräfte, schnellere Prozesse und verlässliche Rahmenbedingungen entscheidend.“

Wie hierzulande Vertrauen und Wirtschaft wieder wachsen können, machen die starken Unternehmen in der „Stadt der Weltmarktführer“ vor – ohne dass es auf der Ortstafel vermerkt sein müsste. Was das angeht, hofft Wirtschaftsförderer Strahlheim dem TV-Interview zufolge beizeiten auf einen zweiten Versuch im Innenministerium.

Natalie Kotowski

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