2023 stand das erst sieben Jahre zuvor erbaute Krankenhaus vor dem Aus. Wertheims Wirtschaftsförderer Jürgen Strahlheim über die deutschlandweit einzigartige Rettungsaktion, für die die Große Kreisstadt als „Innovationsort des Jahres 2025“ ausgezeichnet wurde.

Herr Strahlheim, Ende vergangenen Jahres wurde Wertheim zum „Innovationsort 2025“ gekürt – in der Begründung war die deutschlandweit einmalige Gemeinschaftsleistung von Bürgern, Verwaltung, Politik und Wirtschaft zur Rettung des Krankenhauses ausschlaggebend. Wie haben Sie das Wunder von Wertheim erlebt?
Jürgen Strahlheim: Das Wunder von Wertheim war für mich vor allem eines: gelebter Zusammenhalt in einer Ausnahmesituation. Seit der Eröffnung des Schutzschirmverfahrens im September 2023 haben wir erlebt, wie unterschiedlichste Akteure – Bürger, Politik, Verwaltung, Wirtschaft und neue Träger – gemeinsam Verantwortung übernommen haben. Die Wirtschaftsförderung hatte dabei eine koordinierende, vermittelnde und unterstützende Rolle.
Wir waren Motor und zugleich Katalysator: durch intensive Netzwerkarbeit, gezielte Ansprache von Unternehmen und eine transparente Kommunikation nach innen und außen. Dass der Gemeinderat im August 2024 den Kauf des Klinikgebäudes beschloss, das Krankenhaus bereits im September 2024 in den Landeskrankenhausplan aufgenommen wurde und schon am 7. Januar 2025 das Bürgerspital Wertheim mit der Zentralen Notaufnahme startete, zeigt, was in kürzester Zeit möglich ist, wenn alle an einem Strang ziehen.
Wertheims Krankenhausrettung hat Vorbildcharakter
Was war für Sie das Erstaunlichste im Prozess der Krankenhausrettung?
Strahlheim: Am erstaunlichsten war die enorme Breite der Unterstützung und die Zusammenarbeit von Akteuren, die sonst nicht selbstverständlich so eng kooperieren. Besonders bewegt haben mich die Demonstrationen im Vorfeld der Wiedereröffnung. Und die Bürgerinformationsveranstaltung danach – 750 Bürgerinnen und Bürger aus dem gesamten Einzugsgebiet der Klinik nahmen daran teil. Dort wurde spürbar: Das Krankenhaus ist nicht nur eine bedeutende Infrastruktureinrichtung, sondern Teil der Identität dieser Stadt.
In einer Zeit, in der Krankenhäuser eher geschlossen als gerettet werden – wie viel Vorbildcharakter hat der Vorgang für andere Kommunen?
Strahlheim: Wertheim ist sicherlich ein Sonderfall mit besonderen lokalen Voraussetzungen: Eine Flächengemeinde mit lediglich rund 23.000 Einwohnern, ein starker Wirtschaftsstandort mit 13 Weltmarktführern, im äußersten Nordosten Baden-Württembergs im ländlichen Raum gelegen, unmittelbar angrenzend an den Freistaat Bayern mit historisch starken Verflechtungen.
Und engagierte Akteure, für die ein funktionierendes Krankenhaus elementar ist. Gleichzeitig sehen wir den Prozess durchaus als Blaupause für Kommunen mit ähnlichen Rahmenbedingungen. Das zeigen zahlreiche Anfragen anderer Städte und die große überregionale Medienresonanz – bis hin zu einem kompletten Berichterstattungstag des ARD- und ZDF-Morgenmagazins aus der Klinik.
„Wertheim übernimmt Verantwortung für seine Zukunft“
Wie hoch schätzen Sie den Imagegewinn für die Stadt Wertheim ein? Sichere Gesundheits- und Daseinsvorsorge ist ein wichtiger Standortfaktor.
Strahlheim: Der Imagegewinn ist erheblich. Unternehmen nutzen die gesicherte Gesundheitsversorgung inzwischen aktiv, um Fachkräfte zu gewinnen. Darüber hinaus stärkt die erfolgreiche Krankenhausrettung das Vertrauen in die Handlungsfähigkeit der Stadt, fördert Identifikation und Stolz und sendet ein klares Signal: Wertheim übernimmt Verantwortung für seine Zukunft. Das zahlt direkt auf das Standortmarketing ein.
Wie haben es die Akteure und Sie geschafft, so viel Unterstützung seitens der Unternehmen zu mobilisieren?
Strahlheim: Entscheidend waren die persönliche Ansprache und die klare Botschaft, dass es um eine Gemeinschaftsaufgabe mit erheblicher Bedeutung für die Zukunft unserer Stadt geht. Besonders großzügige Zuwendungen kamen im vergangenen Jahr unter anderem von der Unternehmensgruppe Dostmann, der Wilhelm König MTM GmbH, dem Kurtz Ersa-Konzern, der Brand-Gruppe, der Unternehmensgruppe Pink, der Zippe Industrieanlagen GmbH, der Lutz-Gruppe, König & Meyer GmbH & Co. KG, der Aquila-Firmengruppe und der Deutschen Everlite GmbH.
Auch zahlreiche Nachbarkommunen, viele kleine und mittlere Unternehmen, Handwerksbetriebe und private Spender unterstützten. 2025 kam so über ein eine Million Euro zusammen. Diese breite Unterstützung aus Wirtschaft, Bürgerschaft und Nachbarkommunen – auch aus Bayern – war ein zentraler Erfolgsfaktor.
Interview von Natalie Kotowski

Zur Person
Jürgen Strahlheim leitet das Referat Wirtschaftsförderung und Standortmarketing der Stadt Wertheim.


