Der Digitale Produktpass sorgt für Unsicherheit im Mittelstand. Henrik A. Schunk erklärt, warum gerade Unternehmen in Heilbronn Franken davon profitieren können – durch bessere Daten, mehr Effizienz und stärkere Zusammenarbeit.

Herr Schunk, der Digitale Produktpass kommt – ist das für den Mittelstand eher echte Zukunftschance oder doch vor allem eine neue Pflicht aus Brüssel?
Henrik A. Schunk: Der Digitale Produktpass wird zunächst für viele Unternehmen als zusätzliche Vorgabe wahrgenommen. Die entscheidende Frage ist jedoch, wie wir ihn nutzen. Wer jetzt beginnt, Produkt-, Lieferketten- und Nachhaltigkeitsdaten strukturiert aufzubauen, schafft damit zugleich die Grundlage für effizientere Prozesse, mehr Transparenz und eine höhere Datenqualität im eigenen Unternehmen. Für den Mittelstand liegt die eigentliche Chance deshalb weniger im Produktpass selbst, sondern in den Fähigkeiten und Datenstrukturen, die dadurch entstehen.
Was bedeutet der Digitale Produktpass konkret für mittelständische Unternehmen in Heilbronn‑Franken?
Henrik A. Schunk: Für die Unternehmen heißt es nun konkret: Sie müssen Produktdaten verlässlich strukturieren, aktuell halten und entlang der Wertschöpfungskette teilbar machen. Die größere Aufgabe ist dabei oft nicht die Regulierung selbst, sondern die Disziplin in den Daten, die richtigen Schnittstellen und klare Verantwortlichkeiten im Unternehmen. Gleichzeitig entsteht daraus ein echter Mehrwert: mehr Transparenz, effizientere Prozesse und eine bessere Zusammenarbeit mit Kunden und Partnern.
Der Digitale Produktpass als Herausforderung
Viele Mittelständler haben begrenzte Ressourcen: Wo liegen die größten praktischen Hürden bei der Einführung?
Henrik A. Schunk: Die größte Hürde liegt selten in der Technologie, sondern in den Daten und in der Organisation dahinter. In vielen mittelständischen Unternehmen sind die relevanten Informationen über verschiedene Systeme und Zuständigkeiten verteilt. Hinzu kommen begrenzte personelle Ressourcen und die Frage, wo man überhaupt anfangen soll.
Deshalb ist es wichtig, pragmatisch vorzugehen: mit klaren Anwendungsfällen, einem konkreten Nutzen und dem Austausch mit anderen Unternehmen, die ähnliche Herausforderungen bereits gelöst haben. Im Rahmen von Next Level Mittelstand haben wir beispielsweide ein pragmatisches Rezept entwickelt, wie sich der CO2-Fußabdruck über das Produktportfolio strukturiert ermitteln und standardisiert weitergeben lässt. So wird aus der anspruchsvollen Pflicht schnell ein handhabbarer Prozess für kleine und mittlere Betriebe.
Wenn ein Unternehmen heute starten will – was wären aus Ihrer Sicht die drei wichtigsten ersten Schritte?
Henrik A. Schunk: Erstens: Transparenz schaffen – also verstehen, welche Produkt- und Lieferkettendaten bereits vorhanden sind und wo noch Lücken bestehen. Zweitens: Mit einem konkreten Anwendungsfall starten, der im Alltag sofort Nutzen stiftet – und nicht nur „Compliance“ erfüllt. Und drittens: Den Austausch mit anderen Unternehmen suchen. Viele Herausforderungen sind nicht individuell, sondern werden von anderen Mittelständlern bereits erfolgreich gelöst.
Von zusätzlichem Aufwand zu echten Wettbewerbsvorteilen
Wo liegen dabei die größten Chancen – gerade für klassische Industrie- und Zulieferbetriebe der Region?
Henrik A. Schunk: Die größte Chance liegt darin, aus einer regulatorischen Anforderung einen echten Hebel für Wettbewerbsfähigkeit zu machen. Wer Produkt- und Lieferkettendaten konsequent strukturiert, verbessert die Datenqualität im Unternehmen und reduziert manuellen Aufwand in vielen Abläufen spürbar. Gleichzeitig wird die Zusammenarbeit zwischen den Unternehmen einfacher, weil Informationen schneller, verlässlicher und nachvollziehbar verfügbar sind. Auf einer sauberen Datenbasis können neue digitale Services entstehen, die heute oft an fehlender Transparenz scheitern.
Ein oft genanntes Argument ist mehr Transparenz: Welche konkreten Effizienzgewinne entlang der Lieferkette sind realistisch?
Henrik A. Schunk: Mehr Transparenz ist kein Selbstzweck. Effizienz entsteht dann, wenn Informationen entlang der Lieferkette schnell, verlässlich und hoch qualitativ verfügbar sind. Das reduziert Rückfragen, vermeidet Medienbrüche, beschleunigt Angebots- und Freigabeprozesse und verbessert die Zusammenarbeit zwischen Kunden, Lieferanten und Partnern. Gerade in komplexen Wertschöpfungsketten führt das zu deutlich kürzeren Durchlaufzeiten, weniger manuellen Abstimmungen und mehr Prozesssicherheit.
Können kleinere Unternehmen daraus tatsächlich Wettbewerbsvorteile ziehen – oder entsteht am Ende vor allem zusätzlicher Druck?
Henrik A. Schunk: Natürlich entsteht zunächst zusätzlicher Aufwand – vor allem beim Aufbau einer belastbaren Datenbasis. Die Erfahrung zeigt aber: Wer frühzeitig beginnt, kann daraus echte Wettbewerbsvorteile entwickeln. Denn die gleichen Daten, die für regulatorische Anforderungen benötigt werden, helfen auch dabei, Prozesse zu automatisieren, Kundenanforderungen schneller zu erfüllen und die Zusammenarbeit entlang der Lieferkette deutlich zu erleichtern. Gerade kleinere Unternehmen sollten diesen Weg nicht allein gehen. Netzwerke wie Next Level Mittelstand helfen, Erfahrungen zu teilen, voneinander zu lernen und die Umsetzung deutlich effizienter zu gestalten.
Stärkung der Datenbasis als Wettbewerbsfaktor
Wie gut ist Heilbronn‑Franken insgesamt aufgestellt?
Henrik A. Schunk: Der Mittelstand in Heilbronn-Franken ist gut aufgestellt. Die Region hat einen starken industriellen Kern, eine hohe Innovationsdichte und vor allem viele Unternehmen, die anpacken und sich gegenseitig unterstützen. Gleichzeitig zeigt sich, dass die Herausforderungen rund um Datenmanagement, Digitalisierung und KI alle Unternehmen gleichermaßen betreffen. Umso wichtiger ist die Zusammenarbeit, um gemeinsam Lösungen zu schaffen, die im Alltag funktionieren.
Und was bedeutet der Digitale Produktpass konkret für Schunk selbst?
Henrik A. Schunk: Für Schunk ist der Digitale Produktpass ein weiterer Baustein, um die Digitalisierung im Unternehmen konsequent voranzubringen. Wir nutzen ihn, um unsere Datenbasis weiter zu stärken und Informationen entlang der Wertschöpfungskette noch verlässlicher verfügbar zu machen. Wichtig dabei ist: Wir gehen diesen Weg nicht allein. Gemeinsam mit starken Partnern schaffen wir Standards und belastbare Strukturen.
Interview von Teresa Zwirner
Zur Person
Henrik A. Schunk ist Vorsitzender des Verwaltungsrats der SCHUNK SE & Co. KG. 2024 rief er das Netzwerk „Next Level Mittelstand“ ins Leben, um mittelständische Unternehmen bei der effizienten Bewältigung digitaler Herausforderungen zu unterstützen.


