Die Arbeitswelt verändert sich – und damit auch die Ausbildung in der Region. Warum die Lage trotz Fachkräftemangel Chancen bietet und wie KI neue Perspektiven schafft, erläutert Lisa Degenhart, Bereichsleiterin der Agentur für Arbeit Hall-Tauberbischofsheim.

Bundesweit bleiben laut „Blickpunkt Arbeitsmarkt“ weiterhin rund 13 Prozent der Ausbildungsplätze unbesetzt. Wie stellt sich diese Entwicklung konkret in Heilbronn-Franken dar?
Lisa Degenhart: Die Situation ist in der Region sehr ähnlich. Vor allem im gewerblich-technischen Bereich wurden 2024/2025 weniger Ausbildungsverträge abgeschlossen als im Vorjahr. Auch in kaufmännischen Berufen gab es etwas weniger neue Ausbildungsverhältnisse. Erfreulicherweise wächst dafür das Interesse der Jugendlichen am Handwerk.
Wenn Ausbildungsplätze unbesetzt bleiben – welche Auswirkungen hat das für Betriebe und letztlich für uns alle im Alltag?
Degenhart: Mit jeder unbesetzten Ausbildungsstelle fehlt eine künftige Fachkraft im Betrieb, sofern der Bedarf nicht anderweitig kompensiert oder gedeckt werden kann. Die Menschen spüren im Alltag Fachkräfteengpässe. Wir warten länger auf Arzttermine, weil medizinische Fachangestellte fehlen. Restaurants haben reduzierte Öffnungszeiten. Kita-Plätze sind rar, weil Erzieher fehlen.
Fachkräftemangel in Ausbildungsberufen
In welchen Branchen der Region zeigt sich der Fachkräftemangel besonders?
Degenhart: Besonders groß ist der Handlungsdruck in Pflege, Handwerk, Verkehr und Logistik. In der Rekrutierung sind mehr Anstrengungen und auch neue Wege nötig. Ein Beispiel: Mit dem Direkteinstieg Kita wurde eine Möglichkeit geschaffen, Quereinsteigende für Tätigkeiten in Kindertageseinrichtungen zu qualifizieren. Die Rekrutierung aus dem Ausland spielt eine Rolle: Wir kennen beispielsweise Bäckerei- und Metzgereibetriebe, die in Asien und Afrika rekrutieren.
Gleichzeitig kühlt sich die wirtschaftliche Lage ab, viele Firmen agieren vorsichtiger. Wie wirkt sich das auf das Thema Ausbildung aus?
Degenhart: Ein flächendeckendes Zurückfahren der Ausbildung können wir nicht beobachten, höchstens vereinzelte Zurückhaltung. Unternehmen denken langfristig – die Auszubildenden von heute sind die Fachkräfte von morgen, die beim nächsten Aufschwung dringend gebraucht werden. Dazu kommt, dass viele Baby-Boomer in den kommenden Jahren in Rente gehen und dadurch der Bedarf an Nachwuchs in den Unternehmen steigt.
Digitalisierung, Automatisierung und KI in der Ausbildung
Wie wirken sich Digitalisierung, Automatisierung und KI heute auf Ausbildungsinhalte und Berufsbilder aus?
Degenhart: Die Ausbildungsinhalte werden von den Kammern festgelegt. Veränderungen durch Künstliche Intelligenz sind aber überall zu sehen: Von Large Language Modellen, die für Anwaltskanzleien und Arztpraxen relevant sind, bis hin zu Superrechnern, die im technischen Bereich hilfreich sind. Ganz neue Berufsfelder entstehen etwa in der Datenanalyse, KI-Entwicklung oder auch in der Robotik.
Verändert Digitalisierung, wie und wo junge Menschen lernen können?
Degenhart: In vielen Bereichen wie beispielsweise Handwerk, Pflege oder Verkauf ist Homeoffice kein Thema. Der Berufsschulunterricht findet meines Wissens nach hauptsächlich in klassischen Präsenzformaten statt. Im Betrieb werden praktische Inhalte vermittelt, die oft eine persönliche Anwesenheit erfordern. Anders sieht es bei dualen Studiengängen aus. Hier gibt es mehr Möglichkeiten und hybride Lernformen.
Kann die Region durch neue Arbeitsformen, Digitalisierung und KI künftig sogar an Attraktivität gewinnen?
Degenhart: In Heilbronn-Franken sind ländliche und urbane Regionen vereint und gut vernetzt. Durch intensiven Austausch können sie gegenseitig von ihren Stärken profitieren.
Interview von Teresa Zwirner

Zur Person
Lisa Degenhart ist Bereichsleiterin der Agentur für Arbeit Schwäbisch Hall-Tauberbischofsheim.


