Eine IHK-Zertifizierung zum „Ausgezeichneten Ausbildungsbetrieb“ macht Unternehmen für den Nachwuchs attraktiv. Doch Betriebe, die sich dafür entscheiden, sollten Zeit und Selbstkritik investieren. Drei Ausbilder regionaler Dualis-Unternehmen sagen, worauf es ankommt.

Immer weniger Schulabgänger, aber ein großes Angebot an Ausbildungsplätzen: Der demografische Wandel macht sich seit einigen Jahren auch in der Region bemerkbar. Die IHK Heilbronn-Franken betreut nach eigenen Angaben aktuell zwischen Neckar und Tauber etwa 1900 Ausbildungsbetriebe mit etwa 12.000 Auszubildenden in rund 160 unterschiedlichen Berufen.
Doch was nach viel Nachfrage klingt, gibt in der Realität eher Anlass zu Nachwuchssorgen. „So viele Betriebe, die nicht alle ihrer Ausbildungsstellen besetzen konnten, hatten wir seit 2016 nicht mehr – und das bei gleichbleibendem Angebot“, kommentiert Claudia Scheunpflug, Mitglied der Geschäftsleitung der IHK Heilbronn-Franken und zuständig für die Berufliche Bildung, die Ergebnisse der bundesweiten DIHK-Ausbildungsumfrage 2025.
An der Umfrage hatten sich auch 247 Ausbildungsbetriebe aus der Region Heilbronn-Franken beteiligt. Mehr als die Hälfte der befragten Unternehmen gab an, dass sie im Jahr 2024 nicht alle ausgeschriebenen Plätze vergeben konnte – mehr als 300 Stellen blieben unbesetzt. Hauptgrund dafür laut IHK: keine geeigneten Kandidaten oder überhaupt keine Bewerbungen.
Das Dualis-Programm der IHK Heilbronn-Franken
Die Ausbildungsbetriebe in der Region stehen damit vor einem Dilemma: Sie benötigen den Nachwuchs, um dem Fachkräftemangel zu begegnen und Talente aufzubauen. Der Wille dazu ist da: Nach den Ergebnissen der IHK-Umfrage planen zwei Drittel der befragten Betriebe in der Region, ihre Azubis zu übernehmen. Doch viele Schulabgänger haben offenbar nur dann Interesse an der Option Ausbildung – insbesondere als Alternative zum Studium–, wenn ihnen seitens der Arbeitgeber etwas geboten wird.
Um mit hohen Ausbildungsstandards zu punkten und im Wettbewerb um kluge Köpfe attraktiv zu sein, können Betriebe seit einigen Jahren ihre Ausbildungsqualität von der IHK Heilbronn-Franken mit dem Dualis-Programm auf den Prüfstand stellen. Am Ende eines dreischrittigen Prozesses aus Selbsteinschätzung, Beratung durch Dualis-Experten der IHK und einem Zertifizierungsaudit erhalten sie das Siegel „Dualis Heilbronn-Franken – Ausgezeichneter Ausbildungsbetrieb“. Mittlerweile sind 78 Unternehmen in Heilbronn-Franken zertifiziert.
Der Weg zum Dualis-Siegel
Doch genau wie eine Ausbildung dem Nachwuchs Disziplin, Selbstkritik und Ehrgeiz abverlangt, bekommen die Unternehmen das Dualis-Siegel nur, wenn sie ihre Leistung plausibel nachweisen. „Die Zertifizierung ist kein Selbstläufer – sie fordert einen durchaus heraus und bringt einen dazu, die eigene Ausbildung aus einer neuen Perspektive zu betrachten“, sagt Christoph Gentner, Ausbildungsleiter bei der Gerhard Schubert GmbH.
Der Crailsheimer Verpackungsmaschinenbauer hatte im vergangenen Jahr erstmals das Siegel erhalten. „Harte Arbeit“ sei der Zertifizierungsprozess gewesen, hatte die damalige Ausbildungsleiterin Dagmar Schubert zugegeben. Doch die Mühe hat sich aus Sicht ihres Nachfolgers Gentner auf alle Fälle gelohnt: „Gerade darin liegt der große Mehrwert: Man hinterfragt bestehende Abläufe, entdeckt Verbesserungspotenziale und kann die Ausbildung gezielt weiterentwickeln“, lobt er.
Für Unternehmen mit einer guten Ausbildungsstruktur als Grundlage sei die Zertifizierung gut machbar – auch dank der „hervorragenden Unterstützung seitens der IHK, die man im Vorbereitungsprozess erhält“.
Zertifizierungsprozess anhand von 64 Kriterien
Lisa Feuchtenbeiner ist Projektkoordinatorin für Dualis-Zertifizierungen bei der IHK Heilbronn-Franken. Dass der Zertifizierungsprozess nicht im Galopp absolviert werden kann, ist für sie klar: „Wichtig ist, dass die Unternehmen nicht denken, dass sie einfach irgendwann in ein Audit gehen und dann haben sie das Siegel.“
Davor steht ein Kriterienkatalog, anhand dessen Dualis-Anwärter ihr Ausbildungsangebot selbst einschätzen müssen: Insgesamt 64 Kriterien zu fünf Ausbildungsphasen – vom Bewerbungsprozess bis zur möglichen Übernahme – stehen auf dem Prüfstand und sollen helfen, Stärken und Schwächen im eigenen Unternehmen aufzudecken.
In anschließenden persönlichen Gesprächen mit den Ausbildungsverantwortlichen weisen Feuchtenbeiner und ihr Team auf möglichen Nachbesserungsbedarf hin. „Diese Beratungs- und Begleitungsphase ist wichtig, damit die Unternehmen, wenn sie zu einem späteren Zeitpunkt ins Audit gehen, das Siegel auch wirklich bekommen“, sagt die Dualis-Koordinatorin.
Langfristige Planung und gute Vorbereitung
Dass eine Zertifizierung gut vorbereitet sein will, kann auch Corina Schmitt bestätigen, Ausbildungsleiterin bei der Ansmann AG in Assamstadt. Für ihren Arbeitgeber habe sich beispielsweise in dieser Phase als Herausforderung erwiesen, regelmäßige Feedbackgespräche zwischen Ausbildungsbeauftragten beziehungsweise Ausbildern und den Azubis einzufordern.
„Wir haben inzwischen eine Software, mit der wir die Feedbackgespräche einfordern und dokumentieren können“, berichtet Schmitt. Ihr Tipp für Unternehmen, die den Zertifizierungsprozess für das Dualis-Siegel erfolgreich bestehen wollen: „Die Zertifizierung sollte langfristig und unter Berücksichtigung des Kriterienkatalogs vorbereitet werden.“
Die Auszubildenden vorbereiten
Bei der Bechtle AG hat Maren Jenkner, Teamleitung Ausbildung & Einstiegsprogramme, eine ähnliche Erfahrung gemacht: „Es ist absolut empfehlenswert, sich vorab intensiv und in Ruhe mit dem erforderlichen Fragebogen auseinanderzusetzen.“ Er biete eine sehr gute Orientierung, worauf es am Tag der Auditierung ankomme.
„Außerdem hilft er ganz entscheidend dabei, auch die Auszubildenden auf die Fragen der Auditorinnen und Auditoren gut vorzubereiten“, sagt Jenkner. Am schwierigsten ist es aus ihrer Sicht, eine Begehung des Betriebs so zu gestalten, dass das Auditorenteam einen allumfassenden Einblick in die Ausbildung erhalte.
„Meist ist die Zeit für die vielen erwähnenswerten Themen viel zu knapp“, sagt Jenkner. „Wichtig ist deshalb, sich konsequent auf das zu konzentrieren, was die eigene Ausbildung wirklich auszeichnet und im Alltag die höchste Relevanz hat“, rät die Bechtle-Teamleiterin.
Rechtzeitig die Weichen für Verbesserungen stellen
Zu einer guten Vorbereitung gehört indes mehr, als nur ein theoretischer Ablaufplan für die Begehung und ein gutes Briefing potenzieller Antwortkandidaten. Schon lange vor dem entscheidenden Audit-Tag sollten die Weichen für Verbesserungen gestellt werden, rät Ansmann-Ausbildungsleiterin Schmitt, an den Ausbildungsprozessen sollte also vorab gearbeitet werden.
Bedeutet: Rechtzeitig die angesprochenen Verbesserungsvorschläge – im Fall der Ansmann AG die Feedback-Software – im Unternehmen zu implementieren. Bis solche Prozesse umgesetzt seien und Veränderungen griffen, könne nämlich einige Zeit vergehen, pflichtet Feuchtenbeiner bei. Schmitt teilt diese Erfahrung: „Für uns war es am schwierigsten, die Inhalte aus dem Ausbildungsrahmenplan gut auf die Abteilungen zu verteilen und mit passenden Praxisinhalten zu hinterlegen. Das dauert, daher sollte man rechtzeitig anfangen“, rät sie.
Ähnliches berichtet Schmitts Berufskollege Gentner von Schubert: „Die größte Herausforderung war, unsere Ausbildungsprozesse kritisch zu hinterfragen und auf unterschiedliche Berufsbilder abzustimmen. Gerade die Vereinheitlichung von Abläufen über verschiedene Ausbildungsrichtungen hinweg ist nicht immer einfach.“ Mit Unterstützung der IHK und des Ausbildungsteams seien daraus aber viele wertvolle Impulse geflossen – „und am Ende hat sich der Aufwand definitiv gelohnt“, sagt Gentner. Sein Tipp: Offen an den Zertifizierungsprozess herangehen und ihn als Chance sehen.
Natalie Kotowski


