15 Jahre lang beriet Prof. Dr. Peter Bofinger die Bundesregierung als ehemaliger „Wirtschaftsweiser“ im Sachverständigenrat. Nun mahnte er auf Einladung der Landeszentrale für politische Bildung in einem Vortrag an der Hochschule Heilbronn an, was Land und Region brauchen: vollen Fokus auf Transformation.

Herr Professor Dr. Bofinger, lange haben Sie die Bundesregierung im Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamt-wirtschaftlichen Entwicklung beraten. Wenn Sie an diese Zeit zurückdenken: Gibt es einen Irrtum, der sich seitdem hartnäckig hält?
Prof. Dr. Peter Bofinger: Ja: zu glauben, Transformationen gestalten sich von selbst. Das ist ein fundamentaler Irrtum. Wir haben ein gravierendes Transformationsproblem in Deutschland. Das Geschäftsmodell, mit dem wir über Jahrzehnte gut gefahren sind, trägt nicht mehr. Das sieht man gerade in Baden-Württemberg, das immer stark auf Exportindustrie und den Automobilbau fixiert war.
Wie könnte eine Transformationsstrategie denn aussehen?
Prof. Dr. Peter Bofinger: Man sollte vorausschauend fragen: Wo sind die Bereiche, in denen die deutsche Wirtschaft in den nächsten fünf bis zehn Jahren punkten kann? Und dann staatlich die Voraussetzung dafür schaffen, dass diese Bereiche erfolgreich sind. Das erfordert eine strategische Innovationspolitik, für die man Prioritäten festlegt und entsprechend öffentliche Mittel einsetzt.
Transformation braucht mehr als Reformen
Warum passiert das aus Ihrer Sicht nicht?
Prof. Dr. Peter Bofinger: Weil das gesamte strategische Konzept fehlt. Das ist das Hauptproblem. Aktuell wird immer nur von Reformen gesprochen. Ohne Frage, die Rentenreform ist wichtig. Aber für die kurzfristige wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands in den nächsten drei, vier Jahren ist sie völlig irrelevant. Sie entscheidet nicht darüber, ob uns die Transformation gelingt. Dieses Grundproblem übersetzt sich dann darin, dass die Bundesregierung zum Beispiel durch das Sondervermögen relativ viele freie Mittel hat, die aber strategisch völlig ungezielt ausgegeben werden.
Sie haben doch selbst an der Rentenreform mitgewirkt, um die tickende Zeitbombe demografischer Wandel zu entschärfen.
Prof. Dr. Peter Bofinger: Das Bild der tickenden Zeitbombe ist eine völlig falsche Wahrnehmung. Selbst wenn jetzt gar nichts umgesetzt würde, könnte man mit dem Rentensystem, so wie es bislang ist, bis zum Jahr 2040 ganz gut leben. Nach den Berechnungen der Rentenversicherung würde in diesem Fall das Rentenniveau von 48 Prozent im Jahr 2031 auf 46,4 Prozent im Jahr 2040 fallen. Das wäre nicht schön, aber auch nicht dramatisch. Der Beitragssatz würde von jetzt 18,6 Prozent auf 21,1 Prozent im Jahr 2040 steigen. Auch das wäre zu verschmerzen. Deutschland hatte in der Vergangenheit ja schon viele Rentenreformen – das Rentenniveau ist schon massiv gesenkt worden.
Deshalb ist die Rentenreform, wie Sie sagen, nicht Deutschlands größtes Problem?
Prof. Dr. Peter Bofinger: Ein großes Missverständnis in der Politik ist es, zu glauben, dass man die Transformationsaufgabe dadurch löst, dass man jetzt reformiert, Steuern senkt, Bürokratie abbaut, länger arbeitet und weniger krank ist. Diese Faktoren spielen eine Rolle. Aber die eigentliche Aufgabe ist, mit einer wirtschaftspolitischen Strategie die Transformation zu gestalten.
Die Zukunftsfelder der Transformation
Welche Zukunftsfelder und Technologien sollten die Entscheider dabei priorisieren?
Prof. Dr. Peter Bofinger: Auf jeden Fall KI. In Heilbronn gibt es hoffnungsvolle Anfänge. Aber es fehlt eine zentrale Instanz, die in Deutschland KI-Vorhaben bündelt. Im Verteidigungsbereich haben wir große Potenziale für innovative Technologien. Auch dafür braucht man KI. Außerdem sollten wir auf Erneuerbare Energien, Batterieforschung, Solar, Robotik, autonomes Fahren fokussieren. Beim Thema Halbleiter sind wir gar nicht so schlecht, weil der erste Ministerpräsident Sachsens, Kurt Biedenkopf, Mitte der 1990er Jahre die Idee hatte, Dresden zum Leuchtturm dieser Technologie zu machen. Damals gab es eine Strategie. Und sie hat funktioniert.
Was müsste als nächstes passieren?
Prof. Dr. Peter Bofinger: Es wäre die gemeinsame Aufgabe von Politik, Wissenschaft und Wirtschaft, zu identifizieren: Was haben wir, was können wir, was müssen wir tun, damit wir unsere Potenziale stärken. All das wird aber nicht thematisiert. Stattdessen redet der Bundeskanzler über Fehlzeiten und Krankmeldungen. Aber selbst wenn die Leute länger arbeiten und gesünder sind: Damit haben wir noch keine Transformation.
Wie die Batteriezellenfertigung zur verpassten Chance wurde
Eine mögliche Transformationsstrategie haben Sie schon damals in Ihrer Rolle als Wirtschaftsweiser vorgezeichnet.
Prof. Dr. Peter Bofinger: Die Probleme, die wir heute haben, waren schon vor Jahren erkennbar. Ich habe schon im Jahr 2018 gesagt, dass wir in Deutschland eine eigene Batteriezellenfertigung aufbauen müssen. Es herrschte aber die Ideologie, dass der Markt das regeln muss und die Politik sich raushalten soll. Damit sind wir nun voll gegen die Wand gefahren.
2017 habe ich für die FAZ Sonntagszeitung in einem Gastbeitrag geschrieben: Guckt mal, wie die Chinesen das machen – Prioritäten setzen und diese fördern. Schon damals hielt ich es für ein riskantes Experiment zu glauben, es gehe anders. 2017 hätte man vielleicht noch ganz gut auf Batteriezellen setzen und die Produktion voranbringen können. Dass Bosch sich im Jahr 2018 gezielt gegen die Batteriezellenfertigung ausgesprochen hat, hat dazu geführt, dass diese Technologie völlig ins Hintertreffen geraten ist. Und nun ist unglaublich viel Zeit vergangen.
Aufholen mit dem nächsten Technologiesprung
Lässt sich das noch aufholen? Kürzlich erschütterte die Region die Nachricht vom möglichen Aus für das Audi-Werk in Neckarsulm. Der Standort ist nun aber zunächst bis 2031 gesichert. Die Zeit drängt.
Prof. Dr. Peter Bofinger: Es ist alle Mühen wert, es zu versuchen. Bei den aktuellen Technologien sind die Chinesen absolut führend, dort ist es schwierig, aufzuholen. Deswegen könnte es ein Teil der Transformationsstrategie sein, zu überlegen, wo man einen Technologiesprung machen kann, mit dem wir wieder in Führung gehen. Etwa bei einer neuen Generation von Batterien. Genau das war die Strategie der Chinesen: Sie wussten, dass sie nie so gute Verbrennerautos bauen können wie die Deutschen und entschieden sich für Elektromobilität.
Und die Unternehmen haben das nicht ernst genug genommen?
Prof. Dr. Peter Bofinger: Deutsche Automobilhersteller haben sich darauf verlassen, dass der chinesische Markt für immer die Cash Cow bleibt. Und offenbar glauben manche das immer noch, wenn sie Bundeskanzler Merz zuhören oder Wirtschaftsministerin Reiche. Ihr Philosoph ist Ludwig Erhard. Aber Erhard musste nach dem Krieg nicht Altes in Neues transformieren.
Um marktfähige Technologiesprünge zu schaffen, braucht es die Zielvorstellung, von der Sie gesprochen haben.
Prof. Dr. Peter Bofinger: Wir haben in Deutschland sehr viel Forschung in all diesen Zukunftsbereichen. Wir sollten aber auch überlegen, wie man Innovationen entsprechend kostengünstig in die Produktion bringen und skalieren kann. Oft hilft es anfangs, wenn der Staat als Erstnachfrager versucht, einen Markt zu schaffen. Eine deutsche Strategie sollte auch idealerweise in die europäische Strategie integriert werden, um Markttiefe zu erzielen.
Zwischen Hidden Champions und Start-up-Dynamik
Sie selbst stammen aus Pforzheim. Was gehört für Sie zu den drei wichtigsten Voraussetzungen, damit Baden-Württemberg und diese Region mit ihren Weltmarktführern und Hidden Champions den industriellen Wandel schaffen?
Prof. Dr. Peter Bofinger: Was wichtig ist: gut ausgebildete Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die dann neue Ideen und Innovationen in die Unternehmen hineintragen. Bildung und Wissenschaft sind die wichtigsten Ressourcen, die wir in Deutschland und in der Region haben. Eine gute Bildungslandschaft ist essenziell – da ist Heilbronn sehr gut aufgestellt.
Wir haben in ganz Baden-Württemberg viel Potenzial, Wissen und Forschungergebnisse in Unternehmen hineinzutragen. Auch bei der Gründungskultur tut sich einiges. Es ist eine Dynamik zu erkennen, von der Graswurzel an wirklich Neues zu schaffen. Dabei müssen die Impulse gar nicht immer von Großunternehmen kommen, sondern auch von jungen Menschen in Start-ups.
Kann in Heilbronn ein neues Modell entstehen, wie Transformation im ländlichen Raum gelingen kann?
Prof. Dr. Peter Bofinger: Heilbronn ist sicherlich im Vergleich zu vielen anderen Regionen privilegiert, auch weil es starke Unterstützung von Dieter Schwarz gibt. Das hat Leuchtturmpotenzial. Vielen anderen Städten gleicher Größe fehlt solche Unterstützung.
Was macht Ihnen momentan Hoffnung für Deutschland und für die Region Heilbronn-Franken?
Prof. Dr. Peter Bofinger: Wir haben in Baden-Württemberg unglaublich erfolgreiche Unternehmen. Dieses Land hat nicht nur seine Automobilindustrie, sondern wir haben Unternehmen, die in ihren Branchen führend sind. Das sind Unternehmen, die es geschafft haben, immer wieder an der Spitze des Fortschritts zu stehen.
Wir haben hoch innovative Bereiche, die schon heute absolut zukunftsfähig sind. Wir haben Hidden Champions, die in ihren Nischen aktiv sind. Je weniger automobilaffin sie sind, desto eher haben sie Zukunftschancen. Mir ist wichtig zu betonen, dass man Baden-Württemberg nicht nur mit Automobil und Heilbronn-Franken nicht nur mit ländlich verknüpfen sollte, sondern dass es hier viele tolle, zukunftsfähige Unternehmen gibt.
Interview von Natalie Kotowski

Zur Person
Der Ökonom Prof. Dr. Peter Bofinger war von 2005 bis 2019 Mitglied im Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung.
Zuletzt war der Pforzheimer in der Rentenkommission der Bundesregierung und arbeitete an der aktuellen Reform mit. Bofinger hat eine Seniorprofessur für VWL, Geld und internationale Wirtschaftsbeziehungen an der Universität Würzburg inne.


