Die Initiative Junge Forscherinnen und Forscher e.V. (IJF) bringt Zukunftsthemen in die Klassenzimmer der Region. Wie daraus Kontakte zu Unternehmen entstehen, erklärt Pascal Hauser, Leiter des Landesbüros Heilbronn.

Viele Unternehmen der Region suchen Nachwuchskräfte für technische Berufe. Warum beginnt Fachkräftesicherung für Sie bereits im Klassenzimmer?
Pascal Hauser: Wir erleben, dass Schülerinnen und Schüler zwar von Themen wie Digitalisierung, Künstlicher Intelligenz oder erneuerbaren Energien hören, den Bezug zu konkreten Berufen aber oft nicht herstellen können. Deshalb bringen wir diese Zukunftsthemen direkt an die Schulen. In unseren Projekttagen arbeiten die Schülerinnen und Schüler an konkreten Fragestellungen und lernen gleichzeitig Unternehmen sowie Ausbildungs- und Berufswege kennen. So entsteht ein Verständnis dafür, welche Rolle diese Themen in der Arbeitswelt spielen und welche Perspektiven sie selbst haben.
Wie gelingt es, aus Zukunftsthemen konkrete Berufsperspektiven zu machen?
Pascal Hauser: Durch Unternehmen. Wir binden Betriebe aus der Region direkt in unsere Projekte ein. Die Schülerinnen und Schüler setzen sich zunächst mit einem Zukunftsthema auseinander und erleben anschließend, wie dieses im Berufsalltag angewendet wird. Dadurch werden aus abstrakten Inhalten konkrete Karrierewege.
Praxisprojekte schaffen Begeisterung für technische Berufe
Können Sie hier ein Beispiel nennen?
Pascal Hauser: Ein sehr gutes Beispiel ist die Zusammenarbeit mit der Heilbronner Versorgungs GmbH (HNVG) und den Stadtwerken Heilbronn (SWHN). Gemeinsam mit Schulen wie der Mörike-Realschule führten wir Projekttage zum Thema Erneuerbare Energien durch. Die Schülerinnen und Schüler entwickelten dabei ein nachhaltiges Dorf für Bewohner einer Insel, die vom steigenden Meeresspiegel bedroht ist. Sie beschäftigten sich mit Solarenergie und Windkraft und bauten eigene technische Lösungen.
Am zweiten Tag kamen Auszubildende der HNVG und SWHN dazu, unterstützten bei praktischen Aufgaben und stellten ihre Ausbildung vor. Anschließend organisierten die Stadtwerke einen weiteren Tag im Unternehmen. Dort erhielten die Jugendlichen Einblicke in die Ausbildungswerkstätten und lernten Bereiche kennen, die der Öffentlichkeit normalerweise verborgen bleiben.
Warum ist die Integration der Auszubildenden dabei besonders wichtig?
Pascal Hauser: Die Hemmschwelle ist deutlich geringer als im Gespräch mit Führungskräften oder Personalverantwortlichen. Zwischen Azubis und Schülerinnen oder Schülern liegen oft nur wenige Jahre. Dadurch entstehen offene Gespräche über den Ausbildungsalltag, Anforderungen und persönliche Erfahrungen. Diese Authentizität ist durch Broschüren oder Präsentationen kaum zu ersetzen.
Können solche Projekte das Interesse an MINT-Berufen nachhaltig fördern?
Pascal Hauser: Ja. Wir evaluieren unsere Projekte regelmäßig. Dabei sehen wir, dass die Jugendlichen nach den Projekttagen ein deutlich konkreteres Bild von technischen Berufen entwickeln. Sie verstehen besser, welche Aufgaben Fachkräfte übernehmen und welche Qualifikationen dafür benötigt werden. In einzelnen Fällen beobachten wir sogar, dass ehemalige Teilnehmende später eine Ausbildung oder einen anderen Bildungsweg im MINT-Bereich einschlagen.
Unternehmen ermöglichen Einblicke in innovative Technologien
Sie kooperieren mit unterschiedlichen Schulformen. Ist das ein bewusster Ansatz?
Pascal Hauser: Ja. Wir möchten möglichst alle Schülerinnen und Schüler erreichen. Deshalb arbeiten wir mit Gymnasien, Realschulen, Gemeinschaftsschulen und zunehmend auch mit sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren zusammen. Chancengleichheit spielt für uns eine große Rolle. Nicht jede Schule hat die gleichen Möglichkeiten oder Zugang zu außerschulischen Angeboten.
Das gilt vor allem auch für ländlichere Gegenden in der Region …
Pascal Hauser: Auf jeden Fall. Chancengleichheit bedeutet für uns insbesondere, Angebote in Regionen zu bringen, in denen es vielleicht kein Schülerforschungszentrum oder kein großes Unternehmen direkt vor Ort gibt. Gleichzeitig haben viele Unternehmen im ländlichen Raum großes Interesse daran, Nachwuchskräfte zu gewinnen. Auch dort versuchen wir, Schulen und Unternehmen miteinander zu vernetzen.
Funktioniert das in der Praxis?
Pascal Hauser: Oft sogar besser als erwartet. Viele Unternehmen engagieren sich bewusst über ihren unmittelbaren Standort hinaus. Ein Beispiel ist unsere Zusammenarbeit mit ebm-papst. Das Unternehmen arbeitet mit Schulen im weiteren Umfeld zusammen und ermöglicht Einblicke in innovative Technologien und technische Berufsfelder. Davon profitieren beide Seiten: Die Jugendlichen lernen neue Perspektiven kennen, und die Unternehmen kommen frühzeitig mit potenziellen Nachwuchskräften in Kontakt.
„Gemeinsam die MINT-Bildung in der Region stärken“
Die IJF stammt ursprünglich aus Würzburg. Warum fiel die Entscheidung für ein Landesbüro in Baden-Württemberg gerade auf Heilbronn?
Pascal Hauser: Wir waren schon früh mit Projekten in Baden-Württemberg aktiv, insbesondere in Heilbronn-Franken. Mit der Zeit wurden es so viele Aktivitäten, dass wir einen eigenen Standort brauchten. Für Heilbronn sprach die Nähe zu Würzburg, aber auch die wirtschaftliche Stärke der Region, die vielen engagierten MINT-Akteure und die Unterstützung der Stadt Heilbronn. Das hat sehr gut zusammengepasst.
Welche Zukunftsthemen stehen aktuell im Fokus Ihrer Arbeit?
Pascal Hauser: Wir orientieren uns immer an den Entwicklungen in Gesellschaft und Wirtschaft. Früher spielte beispielsweise Nanotechnologie eine zentrale Rolle. Heute beschäftigen wir uns intensiv mit Digitalisierung, Künstlicher Intelligenz, Erneuerbaren Energien und Bildung für nachhaltige Entwicklung. Unser Ziel ist es, junge Menschen auf die Arbeitswelt von morgen vorzubereiten.
Die IJF ist Teil der Zukunftsallianz MINT-Region Heilbronn, die 2024 gegründet wurde. Welche Bedeutung hat dieses Netzwerk?
Pascal Hauser: Die Zukunftsallianz bringt viele starke Partner aus der Region zusammen – von der Handwerkskammer über die Agentur für Arbeit bis hin zu Bildungseinrichtungen und Unternehmen. Besonders wertvoll ist, dass daraus konkrete Zusammenarbeit entsteht. Wir haben bereits neue Kontakte geknüpft und Ideen für gemeinsame Projekte entwickelt. Genau dafür sind solche Netzwerke da: Synergien nutzen und gemeinsam die MINT-Bildung in der Region stärken.
Interview von Teresa Zwirner
Zur Person
Pascal Hauser leitet das Landesbüro Baden-Württemberg der Initiative Junge Forscherinnen und Forscher (IJF) in Heilbronn. Er verantwortet Bildungsprojekte zu Zukunftsthemen und fördert die Vernetzung von Schulen, Unternehmen und jungen Menschen in der Region Heilbronn-Franken.


