Für Gitta Connemann, Bundesvorsitzende der Mittelstands- und Wirtschaftsunion (MIT) und designierte Staatssekretärin im Digitalministerium, sind Familienunternehmen in Heilbronn-Franken spätestens seit ihrem Auftritt beim Zukunftswiesen Summit ein Beweis, warum die deutsche Wirtschaft immer noch stark ist.

Frau Connemann, Sie sollen ein Mensch sein, der mit sehr wenig Schlaf auskommt. Auf wieviele Stunden Nachtruhe bringen Sie es durchschnittlich?
Gitta Connemann: Ich schaue ehrlich gesagt nicht auf die Stundenzahl. In der Woche ist Schlaf eher Mangelware. Am Sonntag versuche ich dann, etwas nachzuholen. Aber ich halte nichts davon, daraus einen Wettbewerb zu machen. Wenig Schlaf ist keine Auszeichnung. Erschöpfung ist kein guter Berater. Im Gegenteil: Es geht darum, hellwach zu sein. Um zuhören, nachdenken, entscheiden zu können. Deshalb bin ich dankbar für den Energieschub durch die Begegnungen mit Unternehmerinnen, Handwerkern, Familien und Ehrenamtlichen – Menschen, die jeden Tag Verantwortung übernehmen. Sie stehen morgens früh auf, ohne großes Aufhebens, machen ihre Arbeit. Das beeindruckt mich. Und das motiviert mich mehr als jeder Wecker.
Wer braucht angesichts der Konjunkturprognosen und politischen Herausforderungen im Moment mehr Energie – der deutsche Mittelstand oder Sie als MIT-Bundesvorsitzende?
Gitta Connemann: Ganz klar: der Mittelstand. Denn er trägt unser Land – Tag für Tag. Ich komme im Zweifel mit einer guten Tasse Kaffee aus. Der Mittelstand braucht mehr: Verlässlichkeit. Freiräume. Und eine Politik, die ihn nicht ausbremst, sondern machen lässt. Wenn der Mittelstand Kraft hat, dann hat auch Deutschland Zukunft.
Heilbronn-Franken als Vorbild für ganz Deutschland
Kräfte scheint er gerade zu mobilisieren: Eine aktuelle Erhebung des Informationsdiensts der Deutschen Wirtschaft (DDW) ergab, dass unter den Top-1000-Familienunternehmen zwei Drittel ihren Umsatz steigern konnten. Auch der MIT-Konjunkturbrief sprach zuletzt von einer leichten Erholung. Kann der familiengeführte Mittelstand aufatmen?
Gitta Connemann: Ja, das sind gute Nachrichten – und gute Nachrichten tun unserem Land gut. Wenn Familienunternehmen wieder wachsen und mehr Menschen den Schritt in die Selbstständigkeit wagen, dann zeigt das: Der Unternehmergeist lebt. Das macht Hoffnung.
Davon konnten Sie sich im April in Hohenlohe beim Zukunftswiesen Summit selbst überzeugen.
Gitta Connemann: Wer wissen will, warum Deutschland wirtschaftlich stark ist, muss nach Hohenlohe fahren. Dort wird Verantwortung gelebt. Familienunternehmen investieren mit langem Atem. Unternehmerinnen und Unternehmer stehen für ihre Beschäftigten ein. Innovation entsteht nicht im Elfenbeinturm, sondern in Werkhallen, Entwicklungsabteilungen und Werkstätten. Genau das habe ich beim Zukunftswiesen Summit erlebt.
Start-ups treffen auf Weltmarktführer. Handwerk auf Hightech. Hochschule auf Praxis. Diese Verbindung macht die Region so stark. Hier entstehen Ideen, die ihren Weg in die Welt finden. Diesen Unternehmergeist brauchen wir in ganz Deutschland. Weniger Hürden. Mehr Freiraum. Wer etwas schaffen will, darf nicht zuerst am Formular scheitern. Unser Mittelstand ist kein Problemfall. Er ist unsere größte Stärke. Und Regionen wie Heilbronn-Franken zeigen jeden Tag, was möglich ist, wenn Menschen Verantwortung übernehmen und einfach machen.
Mehr Luft zum Atmen für den Mittelstand
Sie haben das Ressort gewechselt: Als Parlamentarische Staatssekretärin bei Karsten Wildberger im Bundesministerium für Digitalisierung und Staatsmodernisierung (BMDS) nehmen Sie sich unter anderem einer der drängendsten Herausforderungen des Mittelstands an – dem Bürokratierückbau. Welche Schritte sollte man diesbezüglich so schnell wie möglich gehen?
Gitta Connemann: Überregulierung und Bürokratie sind Wachstumsbremsen für unseren Mittelstand – sie kosten Zeit, Geld, Personal und Nerven. Genau deshalb bin ich als Mittelstandskämpferin jetzt im BMDS: Ich will dafür sorgen, dass der Staat den Betrieben den Rücken freihält – mit weniger Bürokratie, digitalen Verfahren und einer modernen Verwaltung. Das wäre ein Konjunkturprogramm pur – kaum Kosten für den Staat, mit Luft zum Atmen und mehr Vertrauen für die Betriebe.
Abgesehen von der Bürokratie bleiben aber genügend Herausforderungen für Mittelstand und Familienunternehmen: etwa Energiepreise und Lohnnebenkosten. In einem der jüngsten MIT-Konjunkturbriefe war von nötigen, mutigen Reformen die Rede. Welche ist am dringlichsten?
Gitta Connemann: Die gute Nachricht zuerst: Wir haben verstanden, dass sich etwas ändern muss. Und wir handeln. Die Frage nach der einen dringlichsten Reform greift aber zu kurz. Deutschland braucht kein Einzelpflaster. Deutschland braucht ein Gesamtpaket. Unsere Unternehmen benötigen wieder Luft zum Atmen. Dafür müssen wir an mehreren Stellen gleichzeitig ansetzen: bei Steuern und Abgaben, bei Bürokratie, bei Energiepreisen, bei Arbeitskosten und bei der Geschwindigkeit von Genehmigungen und Planungen.
Unbestritten – aber gefühlt kommen die Wirkungen dieses Pakets nur fragmentiert bei den Unternehmen an. Was wird die Wirtschaft in absehbarer Zeit entlasten?
Gitta Connemann: Beim Bürokratierückbau gibt es erste wichtige Schritte. Nur einige Beispiele: Wir haben die Zahl der Beauftragten reduziert, Genehmigungs- und Planungsverfahren für Infrastrukturprojekte beschleunigt, den Bauturbo eingelegt, Reallabore ermöglicht. Und es geht weiter: Der Koalitionsausschuss hat Anfang Juli beschlossen, Berichtspflichten pauschal abzubauen. Aber klar ist auch: Weniger Papier allein reicht nicht. Energie muss bezahlbar und sicher sein. Dafür haben wir die Netzentgelte gesenkt, die Gasspeicherumlage abgeschafft, den Industriestrompreis eingeführt, die Strompreiskompensation ausgeweitet und, und, und. Jetzt müssen wir an die Entstehungskosten.
„Diese Reform ist ein echter Durchbruch“
Wie sieht es bei den in Deutschland vergleichsweise hohen Lohnkosten aus?
Gitta Connemann: Bei den Arbeitskosten gilt: Die Belastungsgrenze ist erreicht. Sozialabgaben dürfen nicht weiter steigen. Wir müssen sie dauerhaft stabilisieren. Das gelingt nur mit mutigen Reformen. Das betrifft auch unsere sozialen Sicherungssysteme. Mit der ersten Reform der gesetzlichen Krankenversicherung haben wir begonnen, weitere Schritte müssen folgen – bei der Pflegeversicherung und bei der Rente. Die Empfehlungen der Alterssicherungskommission geben dafür eine wichtige Orientierung.
Geht Ihnen die geplante Rentenreform weit genug?
Gitta Connemann: Ohne Frage gibt es Wermutstropfen. Die Abschaffung der Minijobs sehe ich kritisch. Und bei der Finanzierung der Kapitaldeckung in der gesetzlichen Rente bleiben Fragen offen. Das muss sauber gelöst werden. Aber das ändert nichts am Kern: Diese Reform ist ein echter Durchbruch. Endlich kehrt Vernunft in die Rentenpolitik zurück.
Während der politischen Sommerpause wuchs in den eigenen Reihen Kritik an den Plänen – etwa der Abschaffung der abschlagsfreien Rente nach 45 Jahren. Welche Änderungen sind für Sie unerlässlich?
Gitta Connemann: Entscheidend sind vier Punkte: das Rentenalter orientiert sich künftig an der Lebenserwartung. Wir bauen endlich eine echte Kapitalsäule auf. Der Nachhaltigkeitsfaktor kommt zurück. Und die Fehlanreize für eine Frühverrentung werden abgeschafft. Für alles das kämpft die Mittelstands-und Wirtschaftsunion seit Jahren. Beharrlich. Mit guten Argumenten. Jetzt sehen wir: MIT wirkt.
Fachkräftepotenzial statt Frühverrentung
Die Vernunft kehrt zurück, sagen Sie. Heißt das im Umkehrschluss, dass die jeweiligen Regierungsparteien Jahrzehnte lang offenbar nicht den Mut hatten, den Beschäftigten die bittere Pille Rentenreform zu verschreiben?
Gitta Connemann: Wir leben länger. Das ist eine gute Nachricht. Aber daraus folgt auch: Wir werden länger arbeiten müssen. Das ist keine Zumutung, das ist Realität. Und sie ehrlich auszusprechen, ist eine Frage der Generationengerechtigkeit. Wir ändern endlich den Blick auf das Alter. Viele Menschen wollen arbeiten. Nicht, weil sie müssen, sondern weil sie können. Weil sie ihre Erfahrung weitergeben wollen.
Dieses Engagement ist ein Gewinn für unser Land. Mit der Aktivrente können sie bis zu 2000 Euro steuerfrei hinzuverdienen. Das ist Anerkennung für Leistung. Und genau darum geht es: Wer anpackt, wer Verantwortung übernimmt, der verdient Respekt – und keine neuen Hürden.
Was bedeutet die Reform für Familienunternehmen und Mittelstand? Besteht nicht die Gefahr, dass die geplanten Änderungen zumindest kurzfristig die Lohnnebenkosten der Unternehmen in die Höhe treiben?
Gitta Connemann: Für Familienunternehmen und den Mittelstand ist klar: Jeder zusätzliche Prozentpunkt bei den Lohnnebenkosten schmälert Spielräume für Investitionen, Innovationen, Arbeitsplätze. Deshalb war die Beitragsstabilisierung in der gesetzlichen Krankenversicherung so wichtig. Ohne dieses Paket wären die Lohnnebenkosten noch in diesem Jahr massiv gestiegen. Das haben wir verhindert.
„Wer den Mittelstand stärken will, muss ihm Freiräume geben“
Wie muss der langfristige Kurs aussehen?
Gitta Connemann: Wir dürfen uns nichts vormachen: Das ist nur der erste Schritt. Wir brauchen jetzt den Mut zu echten Strukturreformen. Unsere sozialen Sicherungssysteme müssen verlässlich bleiben – ohne die Leistungsträger immer weiter zu belasten. Denn eines ist klar: Was Unternehmen nicht mehr erwirtschaften können, kann der Staat auch nicht verteilen. Das gilt auch für die Rente. Ja, der Einstieg in eine kapitalgedeckte Vorsorge kostet zunächst Geld.
Aber Wegschauen kostet am Ende mehr. Der demografische Wandel verschwindet nicht, wenn wir ihn ignorieren. Wir müssen heute Verantwortung übernehmen, damit die Beiträge morgen bezahlbar bleiben. Für die Beschäftigten. Für die Betriebe. Und für die nächste Generation. Unser Maßstab ist dabei immer derselbe: Wirtschaft stärken statt Arbeit verteuern. Denn ein starker Mittelstand ist kein Selbstzweck. Er finanziert Wohlstand, soziale Sicherheit und den Zusammenhalt in unserem Land.
Welche Strategien können den deutschen Mittelstand weiter stärken?
Gitta Connemann: Der Mittelstand ist das Kraftzentrum unseres Landes. Seine Stärke war immer: Er packt an. Er denkt voraus. Und er hat den Mut, Neues auszuprobieren. Lassen Sie mich das am Beispiel Künstliche Intelligenz veranschaulichen: KI ersetzt nicht den Handwerker, die Ingenieurin oder die Chefin eines Familienbetriebs. Sie unterstützt sie. Sie nimmt Routine ab, macht Prozesse schneller und schafft Freiräume für das, worauf es wirklich ankommt: Ideen, Innovationen und den Kunden.
Wer den Mittelstand stärken will, muss ihm Freiräume geben. Weniger Bürokratie, stattdessen mehr Tempo bei der Digitalisierung. Und Vertrauen in die Menschen, die jeden Tag Verantwortung übernehmen. Dann wird aus neuer Technik neuer Erfolg – für unsere Betriebe und für den Standort Deutschland.
Es ist Urlaubssaison. Was muss in der Politik und in den Unternehmen passieren, damit Sie im Urlaub guten Gewissens ausschlafen können?
Gitta Connemann: Ich schlafe gut, wenn ich mit dem Gefühl ins Bett gehe: Heute haben wir Deutschland ein Stück besser gemacht. Genau dafür mache ich Politik.
Interview von Natalie Kotowski
Zur Person
Gitta Connemann ist seit 2021 Bundesvorsitzende der Mittelstands-und Wirtschaftsunion (MIT), dem größten parteipolitischen Wirtschaftsverband Deutschlands. Seit 24 Jahren ist die Volljuristin aus Ostfriesland für die CDU/CSU-Fraktion im Bundestag. Im Zuge des Personalwechsels innerhalb der Regierung wird sie sich künftig als Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Digitalisierung und Staatsmodernisierung auch um den Bürokratieabbau kümmern.


