Vor 200 Jahren wurden die Heilquellen von Bad Mergentheim entdeckt, vor einem Jahrhundert erhielt die Große Kreisstadt ihr Kurort-Prädikat „Bad“. Ein Jahr lang wird das mit verschiedenen Aktionen gefeiert – schließlich steht das Doppeljubiläum auch für sprudelnde Einnahmen aus Tourismus und der Gesundheitsbranche.

Von wegen naive Herdentiere: „Den klugen Schafen von Bad Mergentheim haben wir es schließlich zu verdanken, dass wir ein Kurort geworden sind“, erzählt Sven Dell, Kurdirektor der Großen Kreisstadt, die in diesem Jahr ein Doppeljubiläum feiert. Vor 100 Jahren erhielt die Stadt an der Tauber das höchste Gesundheitsprädikat und durfte offiziell das „Bad“ vor Mergentheim setzen. Weitere 100 Jahre zuvor, am 13. Oktober 1826, hatte Schäfer Gehrig seine Herde an der Tauber weiden lassen.
„Doch komischerweise tranken die Tiere nicht aus dem Fluss, sondern gingen an eine Stelle, in der Holzpfähle in der Erde steckten, an denen Wasser emporkroch“, berichtet der Kurdirektor. Der Schäfer probierte selbst und brachte Pröbchen zum einzigen Arzt am Ort und zum Bürgermeister. „Das war die Wiederentdeckung der prähistorischen Wilhelmsquelle, die es schon seit der Bronzezeit gibt“, sagt Dell.
Die vier Bad Mergentheimer Quellen
Vier Quellen sprudeln im heutigen Kurpark nur wenige Meter voneinander entfernt – ihr Wasser wirkt nach Dells Worten aber sehr unterschiedlich auf den Körper: Die Wilhelmsquelle beruhige bei Übersäuerung. „Karl“ rege die Leber an und entgifte. „Albert“ gehöre zu den wirkungsstärksten Quellen Europas, „eine Art natürliche Glaubersalzlösung: Wenn man davon ein Gläschen trinkt, sollte ein WC in der Nähe sein“, sagt Dell mit einem Schmunzeln.
Und weil man unbedingt ein Thermalbad wollte, habe man damals 550 Meter tief nach warmem Wasser gebohrt – und sei auf die Paulsquelle gestoßen. In den 1930er Jahren seien dann das Kurhaus, der preisgekrönte Park und die laut Dell inzwischen in Europa einzigartige Wandelhalle im Bauhausstil entstanden.
Ein Jubiläumsjahr voller Highlights
Der Kurdirektor freut sich auf ein Jubiläumsjahr mit einem abwechslungsreichen Programm aus Ausstellungen, Markttreiben, dem großen Kurparkfest, dem eigens zum Jubiläum entwickelten Theaterstück, dem Taubertäler Weindorf und vielen weiteren Highlights. Ein Festakt und der Jubiläumsball sind für Oktober geplant.
Für Dell aber unumstritten etwas ganz Besonderes: die von der Stadtverwaltung ausgerichteten 43. Baden-Württembergischen Literaturtage – mit mehr als 50 Veranstaltungen in und um die Heilquellenstadt. „Die Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk wird im Kursaal ihr Buch vorstellen. Und wann hat man schonmal eine Nobelpreisträgerin bei sich zu Gast?“
Grund zum Feiern hat Bad Mergentheim allemal. Inzwischen verdankt der Kurort dem guten „Riecher“ der durstigen Schafe eine Wirtschaftskraft, von der viele deutsche Kommunen nur träumen können. „Paul“, „Wilhelm“, „Albert“ und „Karl“ sind sprudelnde Einnahmequellen. Kurdirektor Dell nennt die Zahlen: „Wir haben in Bad Mergentheim annähernd 700.000 Übernachtungen pro Jahr“, davon seien etwa 270.000 touristische Buchungen.
Als gelernter Koch und Küchenmeister rechnet Dell diese Größen gern in wohlschmeckende Einheiten um: „Allein für alle Frühstücke brauchen wir mehr als eine Millionen Brötchen im Jahr – und den Belag dafür. Mehr als 3100 Menschen beziehen ihr Primäreinkommen aus dem Gesundheits- und Tourismusbereich, mit einer Wertschöpfung von 155 Millionen Euro Bruttoumsatz.“
Hohe Auflagen und aufwändige Pflege des Kurparks
Doch das geldwerte Geschenk, das die Natur der Großen Kreisstadt gemacht hat, „ist auch sehr viel Arbeit, die man nicht unterschätzen darf“, sagt Dell. Es gebe hohe Auflagen: „Wir werden als Kurverwaltung wie ein Arzneimittelhersteller behandelt.“ Doch während man ein Medikament auf seine Inhaltsstoffe überprüfen könne, sei das bei Luft und Wasser weitaus aufwändiger.
Einmal im Monat inspiziere die Quellenaufsicht die Wasserqualität, laufende Laboruntersuchungen seien Pflicht. „Und auch die Pflege des Kurparks verschlingt einen siebenstelligen Betrag pro Jahr.“ Bange ist Dell im Doppeljubiläumsjahr dennoch nicht um die Zukunft der Kurstadt.
Dass die von Bundesgesundheitsministerin Nina Warken – selbst in Bad Mergentheim geboren – vorgeschlagene Gesundheitsreform sich negativ auf Bettenbelegung und Angebote auswirken könnte, glaubt er nicht: „Wir sind im Dialog mit Klinikleitern und Krankenkassen. Klar ist, wir müssen etwas tun.“ Er werte es als Glücksfall, dass mit Warken jemand in Berlin die Belange vor Ort in Bad Mergentheim kenne.
Den zweiten Gesundheitsmarkt im Visier
Noch etwas soll Bad Mergentheim perspektivisch stärken: Der Großteil der medizinisch indizierten Aufenthalte entfalle zwar nach Dells Worten auf den ersten Gesundheitsmarkt: Patienten, die von Krankenkassen oder den Kliniken direkt in Rehas und so genannte Anschlussheilbehandlungen überwiesen werden.
Bad Mergentheim wolle aber auch im zweiten Gesundheitsmarkt wachsen: „Das umfasst alles, mit dem sich Menschen selbst etwas Gutes tun wollen, etwa Prävention, Anti-Aging- oder Longevity-Angebote“, erläutert Dell.
Dass Kuren ihr „klassisches Image“ von Anstrengung und Askese seit Jahrzehnten abgelegt haben, begrüßt Dell aus einem persönlichen Grund: Sein erster und einziger Kuraufenthalt im tiefsten Allgäu war damals in seiner Jugend nicht gerade ein Wellness-Trip: eine Fastenkur – Bergwandern unter strenger 600-Kalorien-Diät. „Das war nicht gerade mein Favorit. Aber wirksam. Zwölf Kilo runter in drei Wochen.“
Natalie Kotowski


