„Man muss authentisch sein“: HR-Direktorin Esther Wagener über die Rolle von Frauen in Führungspositionen

Als erste Frau im obersten Management des Familienunternehmens ME Mobil Elektronik steht Esther Wagener für einen bewussten Wandel in der Führungskultur. Im Gespräch spricht sie über die Herausforderungen und Chancen, die mit ihrer Rolle verbunden sind.

Esther Wagener
Teamarbeit ist der Schlüssel moderner Führung – sie verbindet Menschen, fördert Potenziale und stärkt den Dialog. Foto: ME Mobil Elektronik GmbH

Seit rund zwei Jahren gehören Sie dem obersten Management an. Gibt es Situationen, in denen Ihr Geschlecht eine Rolle spielt?

Esther Wagener: Obwohl sich die Arbeitswelt weiterentwickelt hat, sind geschlechtsspezifische Unterschiede in der Behandlung von Führungskräften nach wie vor spürbar. Es ist wichtig, diese Herausforderungen anzuerkennen und aktiv anzugehen, um eine gerechtere und inklusivere Führungskultur in Unternehmen zu fördern. Bei ME Mobil Elektronik hat sich die Gesellschafterfamilie bewusst zu diesem Schritt entschlossen. Ich sehe es als sehr positiv an, dass sich das Unternehmen hier weiterentwickelt.

Viele Frauen in Führungsrollen berichten, dass sie automatisch als Vorbild gesehen werden. Spüren Sie den Druck?

Wagener: Die Erwartung, Role Model zu sein, ist real – aber ich akzeptiere sie auf meine Weise. Man muss authentisch bleiben und das Ziel verfolgen, Wandel zu unterstützen, ohne sich zu verbiegen. Meine Führungsstärke entsteht daraus, die Balance zwischen Authentizität und der Verantwortung als Frau im Business zu finden.

Kommunikationsstärke als zentrale Führungskompetenz

Apropos Führungsstärke. Gibt es für Sie Prinzipien, die in der Führung von Mitarbeitenden unverhandelbar sind?

Wagener: In meiner Rolle als Führungskraft orientiere ich mich an klaren Prinzipien, die nicht nur meine tägliche Arbeit prägen, sondern auch das Fundament für eine starke, vertrauensvolle Zusammenarbeit mit meinem Team bilden. Für mich beginnt Führung mit Authentizität. Ich tue, was ich sage – und ich stehe zu meinen Entscheidungen, auch wenn sie unbequem sind. Diese Haltung schafft Verlässlichkeit und Vertrauen bei den Mitarbeitern.

Wenn Sie auf die Anforderungen an Führung schauen: Welche Kompetenzen sind aus Ihrer Sicht entscheidend?

Wagener: Kommunikationsfähigkeit und Teamfähigkeit sind die zentralen Kompetenzen, die eine gute Führungskraft heute auszeichnen. Wer führt, muss in der Lage sein, klar, empathisch und zielgerichtet zu kommunizieren. Das bedeutet nicht nur, Informationen verständlich weiterzugeben, sondern auch aktiv zuzuhören, Feedback anzunehmen und unterschiedliche Perspektiven ernst zu nehmen.

Und wenn es um das Thema Teamführung geht?

Wagener: Hier ist es wichtig, gut im Team zu arbeiten und das Team als Ganzes zu fördern. Eine Führungskraft sollte in der Lage sein, Vertrauen aufzubauen, Potenziale zu erkennen und Menschen miteinander zu verbinden – über Hierarchieebenen und Fachbereiche hinweg. Kurz gesagt: Gute Führung bedeutet heute, mit Menschen in den Dialog zu treten, gemeinsam Lösungen zu entwickeln und gleichzeitig offen für Veränderung zu bleiben. Diese Haltung ist die Grundlage für nachhaltigen Erfolg – sowohl für das Team als auch für das Unternehmen.

Junge Frauen brauchen „echte Chancen“

Was müsste sich in Familienunternehmen strukturell ändern, damit mehr Frauen in Führungsrollen kommen – ohne Quoten oder Sonderwege?

Wagener: Es gibt mehrere Möglichkeiten, Veränderungen herbeizuführen: Frauen sollten sich in Netzwerken austauschen und gegenseitig unterstützen. Ich bin im Netzwerk der Führungsfrauen Heilbronn und dort findet ein besonders wertvoller Austausch statt. Es muss mehr Sichtbarkeit geschaffen werden, ohne dass ein gesellschaftlicher Anspruch dahintersteht.

Ebenso wichtig ist es, flexible Arbeitszeitmodelle und Elternzeit für alle einzuführen. Flexible Arbeitszeiten, Mobile Office und gleichberechtigte Elternzeit fördern die Weiterentwicklung von Frauen. Betreuungsangebote müssen flexibel sein, damit längere Zeiten möglich sind, ohne dass Eltern dafür kritisiert werden. Wir müssen mehr Frauen dazu ermutigen, dass Sie sich Führung und Familie zutrauen und nicht als Rabenmutter abgestempelt werden.

Noch einmal zurück zum Thema „Role Model“: Wie kann man junge Frauen für unternehmerische Verantwortung begeistern, ohne sie in eine Sonderrolle zu drängen?

Wagener: Aus meiner Sicht geht es vor allem darum, jungen Frauen echte Chancen zu bieten und keine Sonderrollen. Wir müssen aufhören, sie als Ausnahme zu behandeln. Stattdessen sollten wir ihnen mit Offenheit, Vertrauen und dem klaren Signal begegnen: Du kannst das und du musst dafür nicht anders sein als du bist.

Wichtig ist, dass wir ihnen Vorbilder zeigen, aber ohne sie zu überhöhen. Frauen in Führungsrollen sollten sichtbar sein – aber nicht als Heldinnen, sondern als ganz normale Menschen. Damit junge Frauen sehen: Führung ist nicht etwas, das man erst verdienen muss, indem man perfekt ist. Sondern etwas, das man lernen und entwickeln kann – Schritt für Schritt.

Die Einseitigkeit der öffentlichen Debatte

Was stört Sie an der öffentlichen Debatte über Frauen in Führungspositionen – und was halten Sie für besonders wichtig?

Wagener: Was mich an der öffentlichen Debatte manchmal stört, ist die einseitige Fokussierung auf gesetzliche Frauenquoten. Natürlich sind Quoten ein wichtiges Instrument, um strukturelle Ungleichgewichte sichtbar zu machen und Veränderung anzustoßen. Doch sie greifen allein oft zu kurz.

Inwiefern?

Wagener: Viel zu selten wird über ergänzende Maßnahmen gesprochen, die ebenso entscheidend sind, wenn es darum geht, mehr Frauen nachhaltig in Führungspositionen zu bringen, zum Beispiel Mentoring-Programme, gezielte Karriereförderung, Netzwerke für Frauen oder moderne, flexible Arbeitszeitmodelle, die die Vereinbarkeit von Familie und Beruf realistisch unterstützen. Ein weiteres Problem sehe ich in den nach wie vor tief verankerten gesellschaftlichen Rollenbildern. Die Vorstellung, dass Männer primär für die finanzielle Absicherung und Frauen für die Betreuung von Kindern verantwortlich sind, wirkt oft subtil, aber sehr wirksam weiter. Diese tradierten Denkmuster beeinflussen, bewusst oder unbewusst, noch immer, wie Führungskompetenz wahrgenommen und bewertet wird.

„Den Mitarbeitenden einen wertschätzenden Raum geben“

Familienunternehmen stehen heute vor großen Herausforderungen: Digitalisierung, Fachkräftemangel, Nachhaltigkeit. Wie wichtig ist es, diese Themen aktiv in die Führungskultur zu integrieren?

Wagener: Diese Themen gehören für mich untrennbar zu moderner Führung. Ich möchte Vorbild sein – mutig, offen und bereit, neue Wege zu gehen. Denn ich bin überzeugt: Wenn wir diese Herausforderungen aktiv annehmen, können Familienunternehmen gerade heute ihre größten Stärken entfalten.

Wenn Sie einen Wunsch für die Zukunft der Führungskultur in Familienunternehmen frei hätten – welcher wäre das?

Wagener: Ich wünsche mir, dass wir den Mitarbeitenden einen wertschätzenden Raum geben für ihre Ideen, ihre Stärken und ihre Bedürfnisse. Denn Familienunternehmen haben ein enormes Potenzial, genau diese Menschlichkeit mit unternehmerischer Klarheit zu verbinden.

Interview von Teresa Zwirner

Esther Wagener
Foto: ME Mobil Elektronik GmbH

Zur Person

Esther Wagener ist seit 2023 HR-Direktorin und verantwortlich für das Marketing bei ME Mobil Elektronik GmbH in Langenbrettach. Sie ist die erste Frau im obersten Management des Unternehmens und engagiert sich aktiv für eine moderne Führungskultur.


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