Unternehmen mit vielfältigen Führungsteams sind profitabler: In Heilbronn-Franken zeigt ein starkes Netzwerk regionaler Führungsfrauen, wie Diversität insbesondere in Familienunternehmen zur wirtschaftlichen Stärke wird.

Zahlreiche Studien belegen inzwischen, was viele längst spüren: Diversität in Führungsetagen ist kein „Nice-to-have“, sondern ein klarer Wettbewerbsvorteil. Laut einer McKinsey-Studie („Diversity Matters even more“, 2024) erzielen Unternehmen mit hoher Gender-Diversität in der Führungsebene eine um 60 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit, überdurchschnittlich profitabel zu sein.
Die Studie zeigt zudem: Unternehmen mit geringer Diversität – sowohl in Bezug auf Geschlecht als auch ethnische Herkunft – haben eine um 66 Prozent geringere Wahrscheinlichkeit, finanziell besser abzuschneiden als der Durchschnitt. Vielfalt wirkt sich also nicht nur auf Innovationskraft und Entscheidungsqualität aus, sondern ganz konkret auf den wirtschaftlichen Erfolg. Besonders für Familienunternehmen, die oft langfristig denken und generationsübergreifend planen, ist das ein entscheidender Hebel.
Gerade in Familienunternehmen sind Frauen selten an der Spitze
Dennoch bleibt der Frauenanteil in den Führungsetagen deutscher Familienunternehmen aktuell noch deutlich hinter dem börsennotierter Konzerne zurück. Laut einer Studie der Allbright-Stiftung lag der Anteil weiblicher Führungskräfte in den 100 umsatzstärksten Familienfirmen Anfang März vergangenen Jahres bei nur 12,6 Prozent – im DAX waren es immerhin 23,7 Prozent.
„Die traditionsverhafteten privaten Familienunternehmen tun sich bislang schwer, mehr Frauen in die Führung zu holen – sei es im aktiven Management oder in den Kontrollgremien“, kommentieren Wiebke Ankersen und Christian Berg, die Geschäftsführer der Stiftung. Wollten Familienunternehmen attraktive Arbeitgebende bleiben, sei es höchste Zeit, umzudenken.
Der Verein „Führungsfrauen Raum Heilbronn“ hat über 160 Mitglieder
In der Region Heilbronn-Franken treibt das Netzwerk Führungsfrauen Raum Heilbronn diesen Wandel aktiv voran. Seit seiner Gründung 2017 – drei Jahre später entstand der Verein „Führungsfrauen Raum Heilbronn“ – hat sich bereits viel bewegt: „Unser Netzwerk umfasst mittlerweile über 160 aktive Führungsfrauen – branchenübergreifend, generationenverbindend und zunehmend überregional“, erklärt Margareta Jäger, Leiterin des Kommunikationsteams.
Hier sind auch zahlreiche Führungsfrauen aus Familienunternehmen vertreten – wie Esther Wagener, Bereichsleiterin Personal und Marketing bei ME Mobil Elektronik aus Langenbrettach. „Obwohl sich die Arbeitswelt weiterentwickelt hat, sind geschlechtsspezifische Unterschiede in der Behandlung von Führungskräften nach wie vor spürbar. Es ist wichtig, diese Herausforderungen anzuerkennen und aktiv anzugehen, um eine gerechtere und inklusivere Führungskultur zu fördern“, sagt Wagener.
Eine neue Führungskultur gestalten
Genau hier setzt das Netzwerk Führungsfrauen Raum Heilbronn an. „Unser Netzwerk verbindet Unternehmerinnen, Gründerinnen und Expertinnen mit Ambitionen und Young Professionals – getragen vom gemeinsamen Wunsch nach Austausch auf Augenhöhe und dem Gestalten einer neuen Führungskultur“, sagt Jäger.
Durch Formate wie Campus-Lunches, Unternehmensbesuche oder Afterworks entstehe ein kollegiales Umfeld, in dem weibliche Führung als Teil gelebter Normalität erfahrbar werde. „Führung soll vielfältig sein – und das ganz selbstverständlich“, so Jäger. Noch immer seien Frauen in Führungspositionen unterrepräsentiert, nicht wegen fehlender Kompetenz, sondern wegen fehlender Vorbilder, Netzwerke und Sichtbarkeit. Auch Wagener ist noch eine „Alleinkämpferin“. „In meinem Unternehmen bin ich die erste weibliche Führungskraft im obersten Management und die Gesellschafterfamilie hat sich bewusst zu diesem Schritt entschlossen. Es ist positiv, dass sich das Unternehmen weiterentwickelt“, erklärt die Führungsfrau.
Trotz aller Fortschritte bleiben strukturelle Hürden bestehen – insbesondere in der Unternehmensnachfolge. Rollenbilder, fehlender Zugang zu Netzwerken oder mangelnde Repräsentation erschweren vielen Frauen den Weg in die Führung. Dabei liegt gerade in der Region enormes Potenzial: Über 330.000 erwerbstätige Frauen zählt Heilbronn-Franken laut Statistischem Landesamt Baden-Württemberg – doch in Führungspositionen sind sie weiterhin unterrepräsentiert.
Die Führungsfrauen setzen sich für eine gesellschaftliche Transformation ein
„Eine Frau in einer Führungsposition sollte keine Ausnahme sein – es sollte ganz selbstverständlich sein, dass Frauen Führungsverantwortung übernehmen“, sagt Marion Klauzar. Gemeinsam mit ihrer Schwester Nicole Ries führt sie seit 2015 das Familienunternehmen Fensterbau Abel in zweiter Generation. Klauzar erlebt jedoch immer wieder, dass Frauen im Top-Management nicht als selbstverständlich wahrgenommen werden. „Es gibt nach wie vor Situationen, in denen ich als Frau angesprochen werde und man nach meinem Chef fragt“, erzählt sie. Auf solche Bemerkungen reagiere sie freundlich – und bekomme dadurch stets die Gelegenheit, ihre Kompetenz unter Beweis zu stellen.
Diese Erfahrungen teilt auch ihre Schwester. „In der täglichen Zusammenarbeit steht für mich die Fachlichkeit im Vordergrund, nicht das Geschlecht. Dennoch merke ich gelegentlich, dass es in einer traditionell männlich geprägten Branche wie dem Handwerk immer noch gewisse Vorurteile gibt“, so Nicole Ries. Für die Unternehmensleiterin sei das jedoch kein Hindernis, sondern eine zusätzliche Motivation. Nichtsdestotrotz erhofft Ries sich mehr Sichtbarkeit für Frauen, die schon erfolgreich führen, und mehr Vertrauen in deren Potenzial. „Oft liegt es nicht am Können, sondern an starren Denkmustern, die nur schwer zugänglich sind“, sagt Ries. Das Netzwerk der Führungsfrauen Raum Heilbronn begegnet diesen Herausforderungen mit konkreten Angeboten: kostenfreie Events, eine wachsende Young-Professionals-Gruppe und gezielte Öffentlichkeitsarbeit.
„Frauen gewinnen bei uns nicht nur neues Wissen, sondern neue Chancen, Verbindung und Vertrauen in die eigene Wirksamkeit“, erklärt Jäger. Die Vision der Netzwerkerinnen: Heilbronn-Franken als Leuchtturmregion für Female Leadership. „Langfristig möchten wir die Zahl von Frauen in Führungspositionen messbar erhöhen, junge Frauen frühzeitig begleiten und Organisationen für vielfältige Führung sensibilisieren.“ Dabei geht es vor allem um gesellschaftliche Transformation. Denn: „Jede Frau, die führt, verändert mehr als ihren Job – sie verändert Strukturen.“
Teresa Zwirner
„Ich will kein Idealbild bedienen, sondern zeigen, dass es unterschiedliche Wege in der Führung gibt.“
Nicole Ries


„Für mich beginnt Führung mit Authentizität. Ich tue, was ich sage – und ich stehe zu meinen Entscheidungen.“
Esther Wagener
„Ich versuche, keine Erwartungen zu erfüllen, sondern so zu arbeiten, wie ich es als selbstverständlich ansehe.“
Marion Klauzar



