Künstliche Intelligenz verändert die Medienlandschaft – doch das Vertrauen der Menschen in klassische und regionale Medien bleibt erstaunlich stabil. Welche Rolle spielen sie künftig für Gesellschaft, Wirtschaft und Demokratie?

Der jüngste Medienskandal im ZDF hat eindrücklich gezeigt, wie anspruchsvoll der redaktionelle Alltag inzwischen geworden ist – gerade in einer Zeit, in der KI-Tools und digitale Produktionsprozesse immer komplexer werden. „Umso wichtiger sind verlässliche Medien, die selbst sorgfältig recherchieren, ihre Quellen offenlegen und somit Vertrauen schaffen“, erklärt Prof. Nele Hansen, Professorin für Medienmanagement an der IU Internationalen Hochschule.
Gerade die klassischen Medien würden dabei eine zentrale Rolle übernehmen. „Sie bieten Orientierung, filtern Informationen und wirken der wachsenden Desinformation entgegen“, so Hansen. Dass belegen auch zahlreiche aktuelle Studien.
Der „Gegenpol zu anonymen Falschmeldungen“
Die WDR/Infratest dimap Studie „Glaubwürdigkeit der Medien 2025“ zeigt beispielsweise, dass 61 Prozent der Befragten Informationen aus klassischen Medien für glaubwürdig halten, was einem klaren Anstieg gegenüber früheren Erhebungen entspricht. So lag der Wert im Jahr 2023 noch bei 56 Prozent und 2015 bei 51 Prozent. Ebenso bemerkenswert ist, dass 83 Prozent die Qualität des Informationsangebots in Deutschland als gut oder sehr gut bewerten.
Auch die IU Studie 2025 bestätigt diese Tendenzen und belegt, dass klassische Medien die wichtigsten Informationsquellen der Bevölkerung bleiben. Der Info Monitor 2025 offenbart zudem, dass mehr als 90 Prozent der Menschen regelmäßig Nachrichten verfolgen, häufig über öffentlich rechtliches Fernsehen und lokale Tageszeitungen.
Vor diesem Hintergrund gewinnt das langjährige Bestehen regionaler Medienmarken – etwa das 80‑jährige Jubiläum der Heilbronner Stimme – besondere Bedeutung. Redaktionen vor Ort kennen ihr Publikum, seine Bedürfnisse und seine Realität.
Ihre Arbeit ist überprüfbar und damit ein entscheidender Gegenpol zu anonymen Falschmeldungen, die vor allem über soziale Netzwerke verbreitet werden. Die Studien zeigen deutlich: Die Vertrauenswerte für regionale und etablierte Medien bleiben selbst dann hoch, wenn die Unsicherheiten über Desinformation oder DeepFakes wachsen.
Transformationsfelder im Medienwandel
Gleichzeitig schreitet der Medienwandel mit hoher Geschwindigkeit voran. Die größten Transformationsfelder sind dabei künstliche Intelligenz, neue Plattformstrategien und die veränderte Mediennutzung insbesondere jüngerer Zielgruppen.
Schon heute unterstützen KI-Systeme redaktionelle Prozesse: Sie transkribieren, sortieren Daten, generieren erste Schreibentwürfe oder filtern relevante Informationen aus großen Quellenmengen. Künftig werden KI-Tools noch stärker zu Recherche-Assistenten, Voranalysten und Personalisierungsmaschinen auf der Nutzerseite.
Künstliche Intelligenz verändert journalistische Aufgaben
„Rein operative Tätigkeiten in der Werbemittelerstellung und -aussteuerung werden zukünftig durch die KI übernommen. Dafür gewinnen strategische Kompetenzen für den nachhaltigen Markenaufbau und das Branding an Bedeutung“, erklärt Lothar Nadler, Professor für BWL, insbesondere Medienmanagement, der Hochschule Heilbronn.
Da KI vor allem qualifizierte Drittquellen findet, erhöhe sich die Relevanz von PR-Artikeln, Advertorials und Content-Platzierungen. Außerdem gewinnen laut dem Professor Brand-Safety, also die Sicherstellung, dass Werbung nicht neben ungeeigneten oder schädlichen Inhalten erscheint, und die Offenlegung von Ad-Fraud – betrügerische Aktivitäten, bei denen etwa Klicks, Impressionen oder Conversions künstlich erzeugt werden, – zunehmend an Relevanz.
Laut Nadler werden journalistische Aufgaben durch Künstliche Intelligenz nicht einfacher, sondern anders. Besonders zentral seien künftig klare Orientierung, der Schutz vor Fakes und DeepFakes sowie die Einhaltung ethischer Standards. Die Studien unterstreichen diese Ambivalenz: Während klassische Medien hohe Vertrauenswerte erreichen, stuft nur rund ein Drittel der Befragten KI‑Tools wie ChatGPT als glaubwürdig ein.
Gleichzeitig sehen laut der IU Studie 2025 „Fakt oder Fake? Medienkompetenz in Deutschland“ über 84 Prozent der knapp 2000 befragten Personen in KI‑basierten Suchmaschinen die Gefahr einer beschleunigten Verbreitung von Fake News.
„Das Medium ist die Botschaft“
Gerade in dieser Umgebung werden menschliche journalistische Expertise, klare Quellenarbeit und Transparenz zu den entscheidenden Qualitätsmerkmalen. „KI ist das, was man in der Ökonomie eine disruptive Innovation nennt – bestenfalls vergleichbar mit der Einführung des Smartphones vor 20 Jahren. In den Redaktionen bleibt kein Stein auf dem anderen“, erklärt Nadler.
Parallel rückt damit auch das Thema Medienkompetenz stärker in den Fokus – ein Feld, in dem die Forschung ebenfalls entscheidende Entwicklungen aufzeigt. „Viele Menschen überprüfen regelmäßig Fakten. Medienkompetenz ist somit bereits in Teilen gelebte Realität. Doch Faktenchecks sind aufwendig und kosten Zeit“, erklärt Hansen.
Ihre Kollegin Julia Levasier, Professorin für Public Relations und Kommunikation an der IU Internationalen Hochschule, verweist zudem auf einen Aspekt, der in Zeiten digitaler Beschleunigung häufig unterschätzt wird – den sogenannten Mitläufereffekt, auch Bandwagon-Effekt genannt: „Viele Menschen bewerten die Seriosität von Informationen danach, ob mehrere Medien übereinstimmend darüber berichten. Das ist grundsätzlich ein positives Zeichen für mediale Orientierung. Gleichzeitig birgt dieses Vorgehen ein Risiko: Wenn eine Falschinformation von vielen Medien übernommen wird, kann eine korrekt berichtende Einzelquelle untergehen.“
Prof. Nadler ergänzt: „Mit Blick auf den Bandwagon-Effekt bewährt sich der älteste und vielleicht auch wichtigste Satz der Medienwissenschaft. Er stammt von dem Kanadier Marshall McLuhan und lautet: The Medium is the Message.“ Zu Deutsch: Das Medium ist die Botschaft. Gemeint ist, dass die Wirkungen des Mediums selbst die eigentliche Botschaft sind und nicht etwa die gesendeten Inhalte.
Die jüngere Zielgruppe berücksichtigen
Gerade in diesem Punkt zeige sich, weshalb „sorgfältiger Journalismus, transparentes Arbeiten und präzise Faktenlage weiterhin unverzichtbar bleiben.“ Um in der Medienlandschaft aber langfristig bestehen zu können, ist es wichtig, den Anforderungen jüngerer Zielgruppen gerecht zu werden. Die WDR/Infratest dimap Studie belegt, dass Social Media – vor allem bei der Generation Z – zwar zu den meistgenutzten Informationsquellen gehört, doch das Vertrauen in diese Plattformen extrem niedrig bleibt.
„Wenn jüngere Mediennutzer kritisch an die von ihnen genutzten Medieninhalte herangehen, dann könnte man das auch als Zeichen wachsender Medienkompetenz werten. Die Herausforderung für regionale Medienhäuser besteht darin, insbesondere lokale und regionale Inhalte mit Relevanz für die jüngeren Nutzergruppen bereitzustellen“, so Nadler.
Prof. Levasier ergänzt: „Trotz des oft diskutierten Bedeutungsverlusts deuten die Studienergebnisse darauf hin, dass klassische Medien wie Fernsehen, Radio und Zeitung auch im digitalen Zeitalter wichtige Informationsquellen bleiben.“
Teresa Zwirner


