„Wer stehenbleibt, verschwindet“: Wie Traditionsunternehmen in Heilbronn-Franken seit Generationen den Wandel meistern

Gleich mehrere Traditionsunternehmen der Region feiern in diesem Jahr runden Geburtstag. Was alle gemeinsam haben, die über Generationen erfolgreich sind: Pioniergeist, Krisenresilienz und ein bis heute anhaltender Mut, neue Wege einzuschlagen.

Traditionsunternehmen in Heilbronn-Franken
Bevor R.Stahl Weltmarktführer im Segment Explosionsschutzsysteme wurde, baute das Künzelsauer Unternehmen erfolgreich Aufzüge. Foto: R. Stahl

Aktuell gibt es einen Trend, den manche kritisch, andere niedlich finden: Unternehmen posten auf ihren Social-Media-Kanälen Kinderbilder ihrer Mitarbeiter. Dazu jeweils einen Satz, welchen Traumjob die damals noch Kleinen sich für die Zukunft ausmalten, und welche Position sie heute tatsächlich innehaben. Die Fotos zeigen: Wachstum verändert Menschen und ihre Rollen.

Denn ganz ähnlich ist es, wenn Unternehmen anlässlich Jubiläen zurückblicken: Wer historische Schwarzweiß-Aufnahmen von Firmengebäuden mit den Motiven von 2026 vergleicht, kann darin erkennen, wie Technologien ihren Kinderschuhen entwuchsen, wie Weiterentwicklungen den Erfolg sicherten, wie ganze Branchen sich im Laufe der Jahrzehnte veränderten.

2026 feiern in Heilbronn-Franken gleich mehrere Unternehmen runde Geburtstage, die zu den Branchenführern der Region gehören – zum Beispiel die Stimme Mediengruppe, deren Tageszeitung „Heilbronner Stimme“ 80 Jahre alt wird.  Tatsächlich ähneln sich die Wege vom Damals ins Heute dieser Traditionsunternehmen: Sie alle sind geprägt von Erfinder- und Pioniergeist, von Mut und Krisenresilienz.

R.Stahl beweist seine Innovations- und Wandlungsfähigkeit seit 1876

Unter den Jubilaren 2026 in Heilbronn-Franken blickt R.Stahl am weitesten zurück: auf 150 Jahre Firmengeschichte. Dr. Claus Bischoff, Vorstandsvorsitzender beim Weltmarktführer für Explosionsschutz-Systemlösungen mit Sitz in Künzelsau, verrät eine Quintessenz für unternehmerische Erfolgsgeschichten: „Ein Unternehmen muss mit seinen Märkten gehen, die Kunden geben den Takt vor.“ In der Fähigkeit, sich immer wieder neu zu erfinden, Innovationen voranzutreiben und Marktchancen zu nutzen, liegen nach seinen Worten die Gründe für langjährige Erfolgsgeschichten.

 Ein Blick in die  Firmenchronik  beweist, was Bischoff meint: Sie erzählt von radikaler, aber strategischer Wandlungsfähigkeit. Denn an Explosionsschutz dachte vor den Weltkriegen vermutlich noch niemand, als 1876 Rafael Stahl gemeinsam mit Georg Weineck nahe Stuttgart ein kleines Unternehmen für Haushaltsgeräte und Web-Maschinen für Trikotstoffe gründete. Deutschlands Textilindustrie stand in ihrer Blüte, dort ließ sich Geld verdienen.

Doch der schleichende Niedergang der Branche Ende des 19. Jahrhunderts hielt die Gründersöhne nicht auf: Die Maschinenfabrik R. Stahl stellte fortan erfolgreich Aufzugsysteme her – 1956 wurde in Künzelsau, wohin die Fabrik ein Jahr vor Kriegsende umgezogen war, sogar der schnellste Fahrstuhl Europas für den Messeturm Hannover gebaut. Mit Industriekranen, Seil- und Kettenzügen wurde das Unternehmen Marktführer. Bald nach dem zweiten Weltkrieg setzte R.Stahl auf eine Innovation, die ihn schließlich zum Weltmarktführer machen sollte: Explosionsgeschützte Schaltkästen für Aufzüge.

Anfang des neuen Jahrtausends rutschte das Unternehmen kurzzeitig in die Roten Zahlen – doch diese Krise führte nicht in den Untergang, sondern an die Spitze: mit dem Entschluss, voll auf Sicherheitstechnik, Explosionsschutz und Systemlösungen zu fokussieren. Inzwischen gibt es sieben Produktionsstätten im In- und Ausland, Tochterfirmen in 23 Ländern sowie mehr als 50 internationale Vertretungen. „Das sind in vielen Jahrzehnten sehr unterschiedliche Segmente“, sagt Vorstandschef Bischoff rückblickend. Aber: „Wir haben nie unsere Kernkompetenzen aus dem Auge verloren – schwäbische Ingenieurskunst!“, fasst er es zusammen.

Der Heilbronner Busreiseanbieter Friedrich Gross OHG feiert 100-jähriges Jubiläum

Dass ein großer unternehmerischer Wurf allein kein Geschäftsmodell über eine so lange Zeit tragen kann, sondern kontinuierliche Entwicklung der Schrittmacher in Traditionsunternehmen ist, davon ist auch Andreas Kühner überzeugt. Er ist Geschäftsführer der Friedrich Gross OHG in Heilbronn, die in diesem Jahr als Busreiseanbieter 100-jähriges Jubiläum feiert und seit 1931 als Reisebüro eine Institution ist. „Wenn ein Familienunternehmen über 100 Jahre besteht, dann liegt das nicht an einem klugen Schritt, sondern an vielen Entscheidungen über Generationen hinweg“, sagt Kühner, Urenkel des Unternehmensgründers Friedrich Gross.

Drei Dinge waren nach seiner Ansicht auf dem Erfolgsweg essenziell:

  • „Erstens: Verlässlichkeit“ – Menschen buchen nicht nur eine Reise, „sondern sie schenken uns Vertrauen, und das muss man sich jeden Tag neu verdienen“, sagt Kühner.
  • Zweitens müsse man den Wandel als Chance begreifen. Ob Krisen, neue Technologien oder verändertes Reiseverhalten: „Wer stehenbleibt, verschwindet“, ist Kühner überzeugt. Er spricht damit einen Punkt an, der vermutlich für alle Traditionsunternehmen gilt: „Wer bereit ist, zu lernen, bleibt relevant.“
  • Dritter Punkt: Den Menschen im Mittelpunkt sehen. „Trotz Digitalisierung und Onlineportalen bleibt Reisen ein emotionales Produkt“, ist er überzeugt, „es geht um Vorfreude, Erlebnisse, Erinnerungen.“ 

Diese Eigenschaften waren wohl auch der Antrieb von Gründer Friedrich Gross: „Die Anfänge in den 1920er Jahren waren geprägt von Aufbruch und Mut. Das Automobil begann gerade erst, den Alltag zu verändern, und mein Urgroßvater entschied sich, seinen sicheren Beruf aufzugeben und etwas Neues zu wagen“, erinnert sich Urenkel Kühner.

Gross erwarb einen Cabrio-Bus mit gerade einmal 17 Sitzen, und startete zu Ausflugsfahrten auf den Wartberg – damals eine Sensation. Das Unternehmen wuchs, selbst in den schwierigen Jahren rund um Krieg und Wiederaufbau habe man durchgehalten, sagt der heutige Geschäftsführer: einen „Veteranen“ der Busflotte im Ellwanger Wald aufgetrieben und das fast schrottreife, zerschossene Gefährt instandgesetzt. In kürzester Zeit wuchs die Flotte beachtlich, heute umfasst sie mehr als 50 Busse –  ab Ende des Jahres auch Elektrobusse – aller Größen.

Kundenbindung als Erfolgsfaktor

Denn schon damals wandelte sich die Reisebranche: „Mit dem Wirtschaftswunder kam neue Reiselust auf. Aus einfachen Ausflugsfahrten wurden Urlaubsreisen, aus regionalen Touren wurden Fahrten durch ganz Europa“, sagt Kühner. Ansprüche der Gäste an Komfort, Organisation und Routen stiegen. Seine Mutter Renate war es, die mit der ersten „Tour de France“ 1979 den Grundstein für die Zusammenarbeit mit einem anderen Jubilar der Region legte: Es war der Auftakt für mehr als 200 Stimme-Leserreisen.  

„Später veränderten Internet und Digitalisierung die Branche. Plötzlich waren Informationen überall verfügbar und Reisen ließen sich mit wenigen Klicks buchen“, berichtet der Geschäftsführer. Doch der vermeintlichen Bedrohung für das Busreisecenter am Firmensitz und das Lufthansa City Center Gross setzte die Familie früh das entgegen, was heute im KI-Zeitalter umso mehr Gewicht hat: „Für uns wurde in dieser Zeit umso klarer, dass persönliche Beratung, Erfahrung und Vertrauen unser wichtigstes Kapital bleiben.“

In der größten Krise des Unternehmens, der Corona-Pandemie, als Reisen unmöglich wurde und die Busse auf dem Betriebshof in Talheim blieben, zahlte sich die Kundenbindung aus: „Diese Zeit hat uns viel abverlangt, wirtschaftlich und emotional. Gleichzeitig hat sie uns gezeigt, wie stark der Zusammenhalt im Unternehmen ist und wie treu viele unserer Kunden zu uns stehen“, sagt Kühner.

Sein Vater, der ehemalige Seniorchef Wolfgang Kühner, erlebte den 100. Geburtstag nicht; er starb im Dezember vergangenen Jahres. Dafür gab es erst vor wenigen Tagen „Nachwuchs“: „Friedrich“ und „Rosine“, die zwei neuesten Reisebusse, direkt ab Setra-Werk. Ihre Namen standen für den stolzen Eigentümer sofort fest: Kühner vergab sie zu Ehren seiner Urgroßeltern.

Lauda R. Wobser setzt seit 70 Jahren auf „permanente Innovation“

Ohne Innovationskraft und Durchhaltevermögen hätte es auch die Lauda Dr. R. Wobser GmbH & Co.KG nicht geschafft, in diesem Jahr 70-jähriges Bestehen zu feiern. Anders als in anderen Familienunternehmen legte der heutige Weltmarktführer aus Lauda-Königshofen noch vor Unternehmensgründung eine Sprunginnovation hin: Dr. Rudolf Wobser erfand 1949 den ersten Thermostaten der Welt.

Doch damit beließ es der Spezialist für Temperiergeräte nicht, „permanente Innovation prägt unsere Geschichte“, konstatiert der Gründer-Enkel und Geschäftführende Gesellschafter Dr. Gunther Wobser: „Vom weltweit ersten Mikroprozessor-Thermostaten 1982 über eine mobile Ultratiefkühltruhe bis zur KI-Plattform, die 2025 den Best-of-AI-Wettbewerb gewann“, – nach seinen Worten sind diese Meilensteine auch Ergebnis einer kontinuierlichen Innovationsförderung: „Wir investieren konsequent zehn Prozent des Umsatzes in Forschung und Entwicklung.“

Diese Zukunftsorientierung seit drei Generationen schuf dabei zweierlei: Einerseits tiefe regionale Verbundenheit und Mitarbeiterbindung, „Viele bleiben uns über 30, 40 oder sogar 50 Jahre treu“, sagt Wobser. Andererseits forciert das Unternehmen seit 2005 seine internationale Ausrichtung: Binnen zwei Jahrzehnten expandierte Lauda auf heute zwölf Auslandsgesellschaften.

„Wer bereit ist zu lernen, bleibt relevant“

Mit dem Kurs steuert das Unternehmen in die Zukunft. Im Jubiläumsjahr will Lauda Dr. R. Wobser nicht nur zum elften Mal in Folge Weltmarktführer werden, sondern strebt auch ein Umsatzwachstum von mehr als 15 Prozent auf 115 Millionen Euro an – dank zweier Großprojekte und dem Auslieferungsstart innovativer Medizintechnik der Tochtergesellschaft Lauda Medical. Klingt, als seien Krisen in sieben Jahrzehnten kein Thema im Taubertal gewesen.

Ganz so ist es nicht, gibt Wobser zu: „ Jedes Jahrzehnt brachte seine eigenen Herausforderungen“, erinnert sich der Geschäftsführer: „Besonders in Erinnerung bleibt die jüngste Vergangenheit mit den Corona-Jahren und die letzten drei wechselhaften Jahre mit wirtschaftlicher Stagnation.“ Doch weder hohe Energiekosten, noch bürokratische Hürden oder unberechenbare Handelsbeziehungen konnten bislang den langfristigen Erfolg ernsthaft gefährden, im Gegenteil, sagt Wobser: „Wir konnten unsere Wettbewerbsfähigkeit ausbauen.“

All diese Geburtstagsgeschichten spiegeln wider, warum Heilbronn-Frankens Unternehmen aktuell mit so viel Tempo Zukunftstechnologien adaptieren – und damit das Fundament für weitere Erfolgsgeschichten in den kommenden Jahrzehnten legen. Es ist das Motto von Bus-Reiseunternehmer Andreas Kühner: „Wer stehenbleibt, verschwindet. Wer bereit ist zu lernen, bleibt relevant.“

Natalie Kotowski  

Mehr zum Thema

Familienunternehmen und Private Equity

Familienunternehmen und Private Equity: Wie aus Misstrauen eine Wachstumschance wird

Familienunternehmen und Private Equity: was scheinbar nicht zusammenpasst, könnte das Wachstum der regionalen Traditionsunternehmen befeuern, ist Gastautor Daniel Fehling überzeugt …
Tomas Smetana

Der Innovations-Treiber: Tomas Smetana, Chief Technology Officer bei ebm-papst, im Interview

Unter seiner Führung hat ebm-papst 150 Entwicklungsprojekte auf 25 reduziert und die Innovationsstrategie neu ausgerichtet. Der fokussierte Kurs von CTO …
Familienunternehmen als Hoffnungsträger

Trotz Reformbedarf auf Bundesebene: Familienunternehmen behaupten sich als Hoffnungsträger

Deutschland fällt im OECD-Vergleich zurück: Der aktuelle Länderindex Familienunternehmen offenbart deutlichen Reformbedarf auf Bundesebene – doch Heilbronn-Franken zeigt, wie es …